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Juristen sind Angeber: Nichts als graue Theorie

von Prof. Dr. Roland Schimmel

22.06.2013

Juristen sind für vieles bekannt, aber nicht unbedingt für ihre Bescheidenheit. So kommt es, dass Gedanken, die andernorts bestenfalls als nette Einfälle gewertet würden, zu hunderten und tausenden in den Rang der "Theorie" erhoben werden. Roland Schimmel schimpft über den wissenschaftlichen Dünkel.

Schon recht früh im Studium bemerken angehende Juristen die enorme Produktivität ihres Fachs, was Theorien angeht: Saldo- und Zweikondiktionentheorie, Rechtswidrigkeits- und Zuweisungstheorie, Akzessorietäts- und Doppelverpflichtungstheorie, Wesentlichkeitstheorie, ja, zuletzt sogar die Hahn-auf-Hahn-zu-Theorie – die Reihe lässt sich mühelos fortsetzen. Die bescheideneren unter den akademischen Lehrern vermeiden den Begriff der Theorie, so gut es eben geht. Und es geht recht gut, zumal damit meist nur so etwas Schlichtes gemeint ist wie "Standpunkt", "Ansatz", "Kriterium", "Modell", "Hypothese" oder gelegentlich auch "Metapher".

Viele Studenten lieben aber die Rede von der Theorie und tragen sie begeistert weiter. Das führt übrigens zu einer gedanklichen Fixierung auf Streitstände ("…muss noch ein paar Theorienstreits auswendig lernen…!"), die in Prüfungen immer wieder den Erfolg verhindert. Ebenfalls führt es zu sozialer Isolation. Wer schon einmal mittags in der Mensa neben einer heftig diskutierenden Juristengruppe gesessen hat, ist mit dem Phänomen bestens vertraut.
Gänzlich unerträglich wird es dann, wenn in fortgeschrittenen Semestern die ersten Studentenkohorten vom Repetitor kurzzeitig in die Vorlesung zurückkehren und scheinbar souverän mit Schlagworten zur Problemlösung ("modifizierte Animus-Theorie!", "Makel-Stirn-Theorie!") um sich werfen.

Die Theorie der Theorie

Wer beim Begriff "Theorie" eher an Einsteins Arbeit zur allgemeinen Relativität denkt, mag sich fragen, ob ein großes Wort hier nicht leichtfertig für geistige Verdienste kleinen bis mittleren Ausmaßes verwendet wird.

Die diffuse Erinnerung an Popper und dessen Forderung nach Falsifizierbarkeit wissenschaftlicher Theorien nährt den Zweifel: So recht als falsch erweisen lässt sich die Saldotheorie nämlich nicht – eher noch erfindet man eine weitere Ausnahme. Grundsätzlicher gefragt: Wäre die Theorie falsifiziert, wenn der Bundesgerichtshof (BGH) ihr in drei aufeinanderfolgenden Entscheidungen eine Absage erteilen würde?

Auch ein Blick in die Wikipedia stärkt den Verdacht, dass in der Rechtswissenschaft ein gewisser Etikettenschwindel betrieben wird. Der Einleitungssatz des eher knappen Artikels beschreibt eine Theorie als "System von Aussagen, das dazu dient, Ausschnitte der Realität zu beschreiben beziehungsweise zu erklären und Prognosen über die Zukunft zu erstellen". Klingt gut, passt aber doch in erster Linie auf naturwissenschaftliche Theorien. Ist die Saldotheorie ein System von Aussagen? Kann man mit ihr den Ausgang eines zukünftigen Rechtsstreits vorhersagen?

Wissenschaftliche Komplexitätsbewältigung?

Für wirklich belastbare Einsichten müsste man die wissenschaftstheoretische Literatur zu Rate ziehen. Juristen befassen sich damit eher selten. Als sehr hilfreich erweist sich allerdings die Allgemeine Rechtslehre von Klaus und Hans Christian Röhl, die ein kleines Kapitel zur Frage der Theorie enthält. Dort findet sich der – ebenso zutreffende wie vernichtende – Befund, der Großteil juristischer "Theorien" erfülle noch nicht einmal die Minimalanforderungen an den Begriff. Sie enthielten nämlich nur singuläre Lösungsvorschläge für zweifelhafte Rechtsfragen. Der Rest sei überwiegend als Theorie von geringer Reichweite oder Kleintheorie anzusehen. Bezeichnenderweise besteht das Kapitel zur Hälfte aus der Erörterung von "Versatzstücken als Theorieersatz". Hier findet man 99 Prozent aller juristischen Theorien auf ein paar Stichwortpaare reduziert: objektiv/subjektiv, materiell/formell, einfach/qualifiziert usw. So sachgerecht die daraus zu entwickelnden Lösungsvorschläge sein mögen – Theorien sind dann doch ein bisschen, nun ja, größer, systematischer, erklärungsstärker.

Dass kleine Ideen oftmals im majestätischen Gewand der Theorie daherkommen, mag daran liegen, dass man sich nicht ganz sicher ist, ob die Rechtswissenschaft denn überhaupt eine Wissenschaft ist. Ob sie bejahendenfalls eher eine Geistes- oder eine Gesellschaftswissenschaft ist, kann hier offenbleiben. Da man die Beschäftigung mit dem Recht wissenschaftlich betreiben kann, nennen wir das Ganze mit vertretbaren Gründen eine Wissenschaft. Aber es bleibt ein Rest von Zweifel: Wenn andere von "Laberfächern" sprechen, fühlen sich Juristen von diesem Vorwurf schnell mitbetroffen. Statt aber den Zweifel zu pflegen, setzen wir uns lieber flugs darüber hinweg. Mit Angeberei.

Ein Hauch von Bescheidenheit

Es hat indessen auch sein Gutes, schicksalsergeben zu akzeptieren, dass, was andernorts ein guter Gedanke genannt wird oder ein tragfähiger Erklärungsansatz, vielleicht gar eine Hypothese, unter Juristen schon eine Theorie ist. So kann nämlich jeder zum Begründer einer Theorie werden, der einmal im Leben einen guten Gedanken entwickelt – die wissenschaftlichen Meriten bleiben auf Dauer erhalten. Eigentlich eine schöne Vorstellung.

Schade nur, dass es unter Juristen ganz unüblich ist, die Theorie nach ihrem Erfinder zu benennen. Die positive Forderungsverletzung kennt jeder, aber die Staub'sche Theorie der positiven Forderungsverletzung? Auch von der Vertrauenshaftung hat man schon gehört – aber verneigt man sich im Geiste vor Claus-Wilhelm Canaris als ihrem Erfinder, Entdecker, Theoretiker? Naja, eher nicht. Oder eben nur durch Belegangabe in der Fußnote.

Und so relativiert sich auch der Vorwurf der Angeberei. Wären Juristen wirklich solch schreckliche Angeber, würden sie nicht bescheiden hinter die von ihnen ersonnenen Theorien zurücktreten. Also alles nicht so schlimm. (Aber es nervt trotzdem – oder etwa nicht?)

Leseempfehlungen:

Das oben erwähnte Buch Klaus Röhl / Hans Christian Röhl, Allgemeine Rechtslehre, 3. Auflage 2008 (derzeit vergriffen) gehört sowieso in die Hand jedes juristischen Studienanfängers. § 19 des Buchs befasst sich gut verständlich mit juristischen "Theorien" (Die Verfasser plädieren übrigens erfreulich nachsichtig dafür, den juristisch-angeberischen Sprachgebrauch als falsch, aber allgemein verbreitet hinzunehmen).

Einen Sammelband über Zivilrechtliche Entdecker hat Thomas Hoeren herausgegeben, München 2001.

Zitiervorschlag

Roland Schimmel, Juristen sind Angeber: Nichts als graue Theorie . In: Legal Tribune Online, 22.06.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8984/ (abgerufen am: 08.07.2020 )

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Kommentare
  • 23.06.2013 16:00, LTO-Leser

    Wer sind denn die "Juristen", die angeblich jeden kleinen Lösungsansatz zur "Theorie" adeln? Das sind die Repetitoren, die meinen, alles und jedes zu leichtverdaulichen Merksätzchen komprimieren zu müssen (und zu können). Mit der "Rechts-Wissenschaft" hat das wenig bis nichts zu tun, und es ist schade, dass der Autor, immerhin Rechtslehrer an einer Fachhochschule, das nicht merkt.

    • 23.06.2013 20:16, Roland Schimmel

      gewohnt scharfsinnige analyse von "lto-leser". wäre bestimmt noch scharfsinniger ausgefallen, wenn er vorher den text gelesen hätte.

  • 27.06.2013 20:07, W.J.

    Ich kann dem Artikel eigentlich nur beipflichten, aber sehe es zumindest in meinem Alltag als kein großes Thema.

    Ich bin ein (manchmal vllt auch zu) begeisterter Jurastudent kurz vor dem 1. Examen, kann aber im Kreis meiner befreundeten Kommilitonen/-innen niemanden festmachen, der über ein überlegenes Theorienwissen prahlt oder sich gar über neue (manchmal arg abwegige) Meinungsstreits (nein, keine Theorienstreits ;D) erfreut.

    Es stimmt aber, dass zu viele "Juristen" Lösungsansätze, bzw. eher -gegenansätze entwickelt haben, die manchmal so überflüssig sind, dass es einem den Spaß am Lernen wesentlich verderben kann.
    Einen Vorteil hat das Ganze aber trotzdem, denn für den Studierenden macht es das Lernen von umstrittenen Themen leichter wenn man z.B. 4 Theoriennamen kennt und mit ihnen die Gedanken dahinter verknüpfen kann, als nur zu wissen, dass es 4 Ansichten gibt, wovon eine früher h.M. war, eine Ansicht krasse M.M., die Dritte nur von Roxin vertreten wird und so weiter.

  • 29.08.2013 16:22, <a target="_blank" href="http://strafakte.de" >strafakte.de</a>

    strafakte.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext: <br /><a target="_blank" href="http://strafakte.de/?p=111">Juristen sind Angeber</a>

  • 10.12.2014 13:03, Justizfreund

    Rechtstheoretische Lösungsansätze.

    In der Praxis kommt gerne nur ein kausaler Lösungsansatz zur Anwendung:

    Nun knöpft sich Norbert Blüm die deutsche Justiz vor: In seinem neuen Buch prangert er Urteile an, die an Zynismus und Tragik kaum zu überbieten sind, Justiz als System von “Willkür” und “Arroganz”, 22.09.2014

    Wenn man vergleicht wie hochelitär in der Person hochwissenschaftlich gefeiert zB. ein Canaris unter Juristen fugiert, die sich seine Theorien durchgelesen haben und er die Wissenschaft überhaupt ist von der kein Bürger was wissen will, mit denjenigen Wissenschaftlern, die sich Newton, Bernulli oder sonstwie nennen mit dessen Grundsätzen der Bürger aber stetig (unbewusst) konfrontiert wird, dann stelle ich fest, dass letztere demgegenüber gar nicht hochelitär gefeiert werden.

    In der Justiz ist Ansehen der Person und die hochelitäre Feier am wichtigsten.

    Bei Stahlbetonbauern, die die Justiz mit siplen tatsächlichen Rechtsgegebenheiten im Ansehen ihrer Person beschmutzen kommen andere hochwissenschaftliche rechtlich notwendige Theorien in der Praxis zur Anwendung:

    http://blog.justizfreund.de/?p=291

    Guillotine der Nazijuristen aufgetaucht, die sich auch als Menschenfreunde rühmten, 2805 Hinrichtungen mit einer Maschine, 11.01.2014

    Die Menschen an sich und deren natürliche Rechte sind Feinde innerhalb von Rechtswissentschaftlichen Theorien und dandersrum ist das Leben der Menschen gerne nur eine rechtswissenschaftliche Theorie:

    Richard Schmid in „Letzter Unwille”, 1984, Seite 14:
    „Was an dem Urteil (des Bundesverfassungsgerichts) mich besonders enttäuschte und auch in späteren Entscheidungen auftaucht, ist das raisonnement (die Überlegung), wonach nicht jede Verfassungsverletzung, sondern nur solche von grundsätzlicher Bedeutung, zur Aufhebung einer verfassungswidrigen Entscheidung eines Gerichts führen könne.
    Was sich hier zeigt oder anbahnt, ist nichts anderes als die Abwendung von dem im Einzelfall betroffenen Menschen, der doch die Zentralfigur des Grundgesetzes ist, zugunsten eines allgemein staatlichen oder gar rechtswissenschaftlichen Interesses.”

    • 08.08.2018 22:07, Lilly

      Juztizfreund, Sie sind Hammer! War auf Ihrem Blog.