Umbenennung des Palandt: Eher Bau­s­telle als Stol­per­stein

von Stefan Martini und Kilian Wegner

27.09.2017

Kürzlich ist die Initiative zur Umbenennung des Palandt nach einem LTO-Beitrag kontrovers diskutiert worden. Nun melden sich zwei Juristen und Mitglieder zu den Beweggründen zu Wort. Übertriebene Moral sei ganz sicher keiner davon.

Martin Rath bleibt in seiner Kritik an der "Initiative Palandt umbenennen" in der LTO "die Spucke weg". Der Grund für diese heftige Reaktion: Rath meint, seine Auffassung, der Palandt könne gerade wegen seines Namens als "Stolperstein der jüngeren deutschen Rechtsgeschichte" dienen, würde von Mitinitiator Janwillem van de Loo in der aktuellen JZ damit gleichgesetzt, "Adolf-Hitler-Plätze" zu rechtfertigen.

Hier liegt ein Missverständnis vor, das wir als Mitglieder der Initiative aufklären wollen. Nichts ist dagegen einzuwenden, wie Rath es vorschlägt, in den "Palandt" einen Text über seinen Namensgeber einzufügen. Gleichwohl setzt sich die Initiative für die wirksamere Alternative ein.

Im aktuellen Vorwort des Palandt wird über den Namensgeber kein Wort verloren. Im Kommentar ist lediglich vermerkt, dass Otto Palandt bis zur 10. Auflage am Kommentar mitgewirkt habe. Dass Palandt ausschließlich teils ideologiegetränkte Vorworte schrieb, erfährt man nicht. Unerwähnt bleibt auch, dass Palandt als Präsident des Reichsjustizprüfungsamtes maßgeblich dazu beitrug, Jurastudierende im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen und Frauen, Juden und Andersdenkende aus dem Justizbetrieb auszugrenzen. Und dass er nur durch Zufall zum Namensgeber avancierte. All das erfahren die Nutzer des Kommentars erst durch weitere Recherche.

Die begrenzte Wirkung von Stolpervorworten

Ein Vorwort oder Vorblatt, das die historische Einordnung im Kommentar selbst vornimmt, wäre daher ein Schritt in die richtige Richtung – vor allem, um zu vergegenwärtigen, dass "Palandt" eben keine neutrale und personenungebundene Marke ist. Und so verstehen wir auch Janwillem van de Loo in seinem JZ-Beitrag. Die De-Kontextualisierung des Kommentarnamens zu durchbrechen, ist ein wesentlicher Antrieb der Initiative. Wenn die Diskussion über sie also zu mehr historischer Reflexion gerade auch in der jungen Generation von Juristen beiträgt, ist das bereits ein großer Erfolg.

Die Kritik van de Loos (und der Initiative) richtet sich nicht gegen eine historisch-kritische Aufarbeitung in einem Vorwort, sondern gegen die leicht nachzuschiebende Argumentation, mit diesem sei dem Plädoyer für eine Umbenennung bereits der Wind aus den Segeln genommen. In der Sprache der juristischen Verhältnismäßigkeitsprüfung handelt es sich bei der Einfügung eines solchen "Stolperblatts" zwar um ein milderes Mittel. Aber eines, das nicht gleich geeignet ist. Denn es bliebe dabei, dass der Kommentar, der in allen Justizstuben steht und in allen Assessorexamensprüfungen hektisch durchblättert wird, weiterhin den Namen eines Nationalsozialisten trüge, der die menschenfeindliche Ideologie an einer wichtigen Schaltstelle der NS-Bürokratie gepflegt und durchgesetzt hat. Mit dem Namen ist aus Sicht der Initiative daher unvermeidlich eine (zu) affirmative Beziehung zur historischen Person Otto Palandt verbunden.

Rath empfiehlt hier "Ambiguitätstoleranz". Während die Umbenennung von "Adolf-Hitler-Plätzen" kaum einer Begründung bedürfe, sei es weniger selbstverständlich, öffentliche Straßen und Plätze umzubenennen, die nach historisch ambivalenteren Figuren wie Hindenburg benannt sind. Übertragen auf die juristische Kommentar-Welt bedeutete dies, dass ein Freisler-Kommentar unvorstellbar wäre, ein Palandt hingegen – historisch kontextualisiert – toleriert werden könnte.

Zitiervorschlag

Stefan Martini und Kilian Wegner, Umbenennung des Palandt: Eher Baustelle als Stolperstein . In: Legal Tribune Online, 27.09.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/24729/ (abgerufen am: 16.12.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 27.09.2017 11:18, Ganz normaler+Anwalt12

    Ein starker Beitrag, der überzeugt. Vielen Dank an die Initiative!

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    • 27.09.2017 13:13, Ann

      Sehe ich genauso. Es wird Zeit für eine Umbenennung und dass der Verlag C.H. Beck eindeutiger als bisher Stellung bezieht.

  • 27.09.2017 11:32, xy

    Ich halte die Diskussion für maßlos übertrieben. "Palandt" ist ein Markenname und nichts anderes. Insbesondere ist er keine "Ehrung" für oder Erinnerung an den Namensgeber. Wenn die Umbenennungsinitiative nicht wäre, wüßten ohnehin nur ganz Eingeweihte, wer Palandt überhaupt war. Das gleiche gilt für andere Namensgeber wie Creifelds etc. Man kann nicht alle bekannte Marken, die in die Nazizeit verwickelt waren umbenennen oder löschen lassen, dann gäbe es kein "Thyssen", kein "Krupp", kein "Volkswagen" und keine "Deutsche Bank" und viele hunderte weitere. Man kann es wirklich auch übertreiben. Laßt dem Beck-Verlag seine Marke!

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    • 27.09.2017 13:08, Lore

      1. Palandt ist ein Eigenname, der mit einer konkreten Person und deren Wirken verbunden ist, und weder eine "Marke" noch mit Unternehmensnamen vergleichbar.
      2. Dass vielen Juristinnen und Juristen die historische Problematik nicht bewusst sein mag, spricht nicht gegen die Auseinandersetzung mit dem Thema und die Umbenennung des Kommentars, sondern vielmehr für mehr Rechtsgeschichte in der Ausbildung.

    • 27.09.2017 13:14, Pille

      @Lore: Vielleicht studieren Sie erst einmal die juristische Bedeutung von "Marke".

  • 27.09.2017 12:05, RA T.

    Ich gehe davon aus, dass sich Herr Kilian Wegner auch umbenennt, immerhin trägt er den Namen eines Herrn Ernst Wegner. Das will man ja auch nicht.

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    • 27.09.2017 12:56, Kilian Wegner

      Ich kann Ihnen mitteilen: Der Name wird vorerst beibehalten.

    • 27.09.2017 13:10, Pille

      Ja wie finde ich den das!

  • 27.09.2017 12:32, T.Bob

    Werden Vorschläge für die Neubenennung angenommen? Soll es 100% ohne jeden Bezug zum Dritten Reich sein? Dann wäre mein Vorschlag "Bud Spencer" statt Palandt.

    Studierter Jurist, dick und grau (jedenfalls die letzten Jahre seines Lebens), inoffizielles Weltkulturerbe, undeutscher (Künstler)Name vermeidet jede Assoziation zu echten Naziverbrechern und soweit erkennbar ohne deutsche Verwandte, die in der Nazizeit irgendwo irgendwas hätten machen können. Also der perfekte Namensgeber.

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  • 27.09.2017 12:41, M.D.

    Man kann Probleme nicht durch Umbenennen lösen. Otto Palandt ist Teil der deutschen Rechtsgeschichte, genau wie Opas NS-Vergangenheit bei vielen Teil der Familiengeschichte ist. Genau genommen, ist der Name Palandt ein Denkmal.

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    • 27.09.2017 12:55, Ein_Anregender

      Man darf nie vergessen, dass bei Leuten wie Palandt oftmals ein Verdrängen von (aus Perspektive des NS-Staates) "unerwünschten" stattgefunden hat. So könnte man ja an die drei Ur-autoren des später "Palandt" erinnern, Otto Loening, Ernst Straßmann und James Basch. Alle drei wurden verfolgt. James Basch wurde 1942 aus Berlin deportiert Richtung Riga und starb entweder schon im Deportationszug, oder wurde in Riga erschossen. Ein Mord. Warum kann dieser Name (und der Liebmanns, Loenings, Straßmanns) nicht im Buch erinnert und verzeichnet werden?

    • 27.09.2017 13:13, M.D.

      Der Palandt ist ein Denkmal für die Vergänglichkeit der herrschenden Meinung.

  • 27.09.2017 13:00, RA Shlomo Goldberg

    Die Kommunisten vom lto mal wieder hart am Wind mit ihrer Ikonoklasmus Propaganda. Oy vey!

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  • 27.09.2017 13:06, Urs

    Wer blättert denn heute noch in Papierkommentaren? Einerseits die EDV in der Juristerei loben und fordern und dann aber ein Plädoyer - ja sogar eine Initiative -
    gegen einen Papierkommentar verfassen, der sich wegen der technischen Entwicklung in einigen Jahren sowieso erledigt hat.

    So kann man Zeit und Ressourcen auch binden.

    Die Verfasser der Initiative hätten die Ressourcen besser einsetzen können, indem sie die sinnvolle Nutzung von elektronischen Kommentaren in allen Bereichen promoten. Da ist der Name des Autors auch völlig irrelevant, es kommt auch Belastbarkeit und Aktualität an - gerade letzteres kann ein Papierkommentar nicht mehr liefern.

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    • 27.09.2017 13:09, Pille

      Naja, Sie müssen irgendwelchen Juristen ja noch Themen für eine Promotion lassen. So kann man über die Verwendung von Nazinamen auf Kommentaren promovieren und dann später als Parlamentarier Karriere machen. Als nunmehr völlig Praxisfremder kann man dann so auch Gesetze gegen den Berufsstand der freien Advokatur noch durchsetzen. Seine Themen holt man sich dann vom Handtrocknungsgebläse auf der Herrentoilette.

  • 27.09.2017 13:18, Spock

    Jetzt wissen wir auch, woher Pille sein Niveau hat... Handtrockengebläse etc.

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    • 27.09.2017 13:23, Pille

      Wieder mal typisch, dass man hier als Frau diskriminiert wird.

    • 27.09.2017 14:40, Spock

      Wieso als Frau? "Niveauloser Dummkopf" ist geschlechtsneutral.

    • 27.09.2017 15:40, Kirk

      In der Beleidigung groß, in dem Inhalt klein - so lieben wir unseren anonymen Sonderling Spock.

  • 27.09.2017 13:31, Walle

    Tipp:
    Palandt umbenennen in "Liebmann-Palandt"

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  • 27.09.2017 13:32, Walle

    Tipp:
    Palandt umbenennen in "Liebmann-Palandt".

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  • 27.09.2017 13:58, Dark Master

    Wenn man sonst keine Probleme hat, wieso auch nicht.

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  • 27.09.2017 14:50, Gast 48

    @ xy

    Die von Ihnen genannten Firmen bzw. Marken gab es schon vor A. H.
    Siehe zum Beispiel, Volkswagen von Josef Ganz: https://en.wikipedia.org/wiki/Standard_Superior#/media/File:Standard_Superior_brochure_1934.jpg

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    • 27.09.2017 15:45, Kirk

      @Gast 48:

      Wäre mir neu, dass es zwischen 1894 und vor 1995 Marken gab. Und Warenzeichen hatten teilweise gänzlich andere Voraussetzungen. Insbesondere das von Ihnen zitierte beschreibende Wort wurde von dem Hersteller nicht als Warenzeichen verwendet - aber das wissen Sie ja auch.

  • 27.09.2017 15:43, xy

    Das Unternehmen und die Marke "Volkswagen" gibt es seit 28.5.1937, also keineswegs "vor A. H.". Außerdem bezog sich meine Äußerung auf "Marken, die in die Nazizeit verwickelt waren", also nicht nur auf Marken, die aus der Nazizeit stammen. Auch Hugo Boss wurde damit groß, dass dort die schnieken SS-Uniformen geschneidert wurden. Wer denkt daran, wenn man sich heute einen Anzug kauft oder sich mit Duft umwölkt? Soll man 70 Jahre später jetzt wirklich die bekannte Marke "Hugo Boss" nach "Lieschen Müller" umbenennen?

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    • 27.09.2017 16:17, Saul Alinsky

      Solche Aktion sind reiner Selbstzweck von Kulturmarxisten. Es wird nie genug sein, bis alles restlos gelöscht, vergessen und gleichgemacht wurde. Ein weiteres Stichwort wäre "virtue signalling".

  • 27.09.2017 16:13, Martin Rath

    Uwe Wesel verdanke ich den berufsdienlichen Hinweis, dass man Journalist keine Leserbriefe schreiben solle, denn das verderbe das Geschäft.
    Meine Auseinandersetzung mit der "Initiative Palandt Umbenennen" möchte ich trotzdem, soweit es mich betrifft, mit einem Leserkommentar beenden – denn jenseits von Duplik und Triplik droht das Publikum irgendwann gelangweilt oder überfordert zu werden.
    Darum also nur folgende vier Anmerkungen.
    1. Vor allem anderen, liebe Mitglieder der "Initiative Palandt Umbenennen", möchte ich Ihnen, und zwar ganz ohne sarkastischen Nebenton, mit Theodor Heuß zurufen: "Nun siegt mal schön!"
    2. Man kann nicht die anachronistische Gleichung aufmachen: Wer für den "Palandt" als eine Art peinliches Denkmal plädiert, würde auch "Adolf-Hitler-Plätze" oder nach Heinrich Himmler benannte Kraftfahrzeuge gutheißen, ohne sich dem Vorwurf des moralischen Rigorismus auszusetzen. Zwischentöne schalten Sie damit gerade aus. Aber gerne können Sie für mich "moralischen Rigorimus" auch einmal definieren. So oft, wie ich ihn selbst zu hören bekommen habe, bin ich vielleicht etwas betriebsblind.
    3. Mir ist egal, was im Vorwort des "Palandt" steht (wie immer er auch dermaleinst heißen mag).
    Ich habe vielmehr gefragt, warum der instruierende Aufsatz von Hans Wrobel (1982) nicht schon seit Jahren im "Palandt" abgedruckt ist.
    Sollte Ihnen als "Palandt"-Experten der Witz meiner Frage wirklich entgangen sein? Wirklich?
    Da publiziert C.H. Beck z.B. ein Werk unter dem Titel "Deutsche Gesetze" (eingebunden in den Reichsfarben schwarz, rot, weiß, angeblich nicht ganz zufällig, wie mir zugetragen wurde), gelegentlich auch einmal eine Biografie, verfasst von Hans Wrobel, zum Namensgeber, also Heinrich Schönfelder. Neu aufgelegt wird sie nie. Warum? Weil "Nazi"-Titel allgemein nicht gehen, der "Spiegel" keine "Hitler"-Titelbilder druckt und Hollywood keine NS-Filme honoriert?
    Mich erinnert das jedenfalls an Edgar Allan Poes "Der entwendete Brief".
    4. "Stolpersteine", also die vielerorts anzutreffenden Gedenkplaketten, sind in meinen Augen ein gutes Beispiel für Ambiguitätstoleranz. Charlotte Knobloch lehnt sie bekanntlich ab, weil Passanten gedankenlos über sie hinweggingen, sie beschmutzt, von Hunden für ihr Geschäft genutzt werden könnten.
    Ich finde: Charlotte Knobloch hat Recht. Charlotte Knobloch hat Unrecht. Beides. Zeitgleich.
    Die Existenz eines Objekts, das dem historischen Gedenken "gewidmet" ist oder diesem mehr unfreiwillig dienen kann, evoziert nicht zwangsläufig ein erwünschtes, moralisch billigenswertes oder überhaupt zwingend ein Gedenken.
    Darin, in der Verantwortung des Rezipienten, erschöpfen sich aber die Parallelen, z.B. zwischen dem "Stolperstein" für eine Hildegard Rubens (ihrer wird seit kurzem vor dem Haus gedacht, in dem meine Wohnung liegt) und dem von mir als "Stolperstein" bezeichneten "Palandt".
    Ich spreche von Herzensbildung, die "Initiative Palandt Umbenennen" von einem einmaligen, moralisch korrekten Akt (siehe mein Punkt 1 oben), der nach meiner Überzeugung statt in hochschuldidaktische Nachsorge nur ins beschleunige Vergessen führt.
    Bleiben wir uns doch einfach uneinig.

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  • 27.09.2017 19:17, M. P. Greitens

    Kaum jemand, dem Niveau, Bildung und Kultur wertvoll sind, und egal, ob er Konservativer ist oder Linker, wird Geschichtsvergessenheit gut- und das Erinnern und Gedenken an wesentliches Vergangenes schlechtheißen. Herzlich streiten lässt sich über das "Was" und "Wie". Dass (produktiver) Streit einen, heute leider in deutscher Politik- und Medienwelt häufig missachteten, aber eigentlich kaum überschätzbaren Wert an sich hat, sollte Grundannahme jedes Demokraten, Journalisten und Juristen sein. Alles drei gilt auch in Sachen Palandt.

    Um mit dem letzten Punkt zu beginnen: Egal, ob die "Initiative Palandt umbenennen" mit dem Anliegen, das sie im Namen trägt, durchdringen wird oder nicht. Wertvoll ist, dass sie die eben auch hier auf LTO geführte Auseinandersetzung hervorgerufen hat. Auch wenn in 100 Juristen-Generationen jedes Mal auf's Neue über Sinn und Unsinn von Namensgebungen wie derjenigen des Palandt (was nicht der Fall ist) debattiert werden würde, so hätte doch jede Generation ihren Gewinn daran - an Wissen, Erinnerung, Geschichtsbewusstsein, Selbstvergewisserung und ganz profan an Übung in Argumentation. Dass sich bei dem, der denselben Streit zum dritten Mal führt, Ermüdungserscheinungen zeigen, sei ihm vergönnt. Alle anderen aber gewinnen.

    Pauschalisierungen sind meist der leichte, aber falsche Weg. Ad-personam- ("Kommunisten", "Gutmenschen", "Nazis", "Karrieristen" usw.) und Slippery-Slope-Argumente ("Wo kommen wir denn da hin?", "Wo soll das enden?", "Dann könnte man ja auch....") und "Labeling" ("langweilig", "immer das gleiche", "moralischer Rigorismus",...) sind Scheinargumente, weil sie der Findung der bestmöglichen Lösung im konkreten Einzelfall nicht dienlich sind - und den produktiven Streit im Keim ersticken wollen.
    Gerade wir Juristen sollten jedoch stets Lust am besseren Argument und Respekt vor den besonderen Umständen des Einzelfalls haben. Einzelfallgerechtigkeit herzustellen ist der Auftrag, den Gesetzgeber, Berufsethos und gesellschaftliche Rollenverteilung gerade uns auferlegen. Und so wie Müller nicht Meier ist, ist Palandt auch nicht Volkswagen.

    Unser auf dem Grundgesetz beruhender Rechtsstaat, unser ganzes deutsches Nachkriegsstaatswesen sind als Antithese zum NS-Staat konzipiert. Die Gesetze in den drei Säulen Öffentliches Recht, Zivilrecht, Strafrecht sind die Konkretisierung des durch und durch antinationalsozialistischen Geistes unserer Verfassung. Rechtsprechung und Kommentarliteratur sichern diese ab. Jenseits aller Nichtargumente interessieren mich vor diesem Hintergrund und im konkreten Fall "Palandt" die Argumente, die dagegen sprechen, erstens, als Maximalforderung, dessen Umbenennung zu verlangen; zweitens wenigstens zu verlangen, dass der Verlag C.H. Beck im "Palandt" dessen fragwürdige Namens- und Gründungsgeschichte transparent macht. Ist Palandt nicht der wichtigste und bekannteste Kommentar im deutschen Rechtswesen? War Otto Palandt nicht Spitze in seinem Verantwortungsbereich des NS-Staats und der ideologischen Mittäterschaft längst überführt? Ist der "Palandt" mit seinem Gründungszweck als "arischer" BGB-Kommentar nicht auch als Werk, und eben nicht nur als Person, undenkbar ohne jenes Regime und ohne jene Ideologie, deren Gegenentwurf wir rechtlich und moralisch verpflichtet sind, welcher uns überdies in Fleisch und Blut übergegangen sein sollte?

    Eigentum verpflichtet. Nach Art. 14 GG ist Eigentum ein Kontinuum zwischen Privatnützigkeit und Sozialnützigkeit, wobei letztere desto mehr überwiegen darf, je stärker der Sozialbezug ist. Dieser verfassungsrechtliche Grundgedanke lässt sich, finde ich, gut auf die Palandt-Debatte übertragen, ja eigentlich sogar auf den gesamten juraliterarischen Geschäftsbereich des Verlags C. H. Beck. Als beinahe unangefochtenem Monopolisten bei sämtlicher Literatur mit Jura-Bezug (in Deutschland) und Hoflieferanten von Staat und Rechtspflege (man denke in der Tat nur an die staatliche de-facto-Pflicht für Rechtsreferendare, den Palandt auf dem Weg zur Berufsqualifikation mindestens einmal zu kaufen oder zu mieten!), muss sich der Verlag auch übergriffige Forderungen seiner Konsumenten und anderer Privater gefallen lassen. Seine soziale Verantwortung, die Sozialbindung seines Eigentums gehen weit über das gewöhnliche Maß hinaus.

    Schließlich: Was spricht eigentlich dafür, so weiterzumachen wie bisher? Was spricht gegen Transparenz (Stichwort "Stolperblatt")? Was spricht gegen einen neuen Namen, der an der wirtschaftlichen Monopolstellung nichts ändern wird, ergo am Profit? Wo sind die Argumente, die die Gewichte der Waage der Abwägung zwischen Pro und Contra zu letzteren Gunsten verschieben?

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    • 30.09.2017 12:17, Ambivalenz lernen

      Ja, was bringt es, den Palandt nicht umzubenennen?

      Man ermöglicht späteren Gegerationen, darüber zu diskutieren, wie Ideologie die Juristerei beeinflusst, was die Nazis getan haben und wie man später damit umgegangen ist. Warum viele Personen, die eindeutig Nazi-Propaganda verbreitet haben, trotzdem noch Spuren in der heutigen Justiz hinterlassen, weil man diejenigen Dinge, mit denen sie die Rechtswissenschaft weiter gebracht haben (z.B. Larenz) übernommen und die verqueren Inhatlte gestrichen hat, oder weil man sie für zu unwichtig hielt, einen Kommentar umzubenennen, oder auch, weil sich einfach schon viele an den Namen gewöhnt hatten, oder sei es auch nur, weil es damals wichtigere Baustellen gab (z.B. den Inhalt der Werke).

      Hätte man den Palandt damals umbenannt, würde heute niemand mehr darüber reden. Das wäre traurig. Wenn wir ihn jetzt umbenennen, geht ein Anlass zur Diskussion verloren. Gerade in Zukunft, wenn keine lebenden Zeitzeugen mehr existieren und keiner mehr weiß, wie sich Krieg anfühlt (abgesehen von ein paar Einwanderern), brauchen wir Dinge, die als Mahnung fungieren. Es ist eben nicht alles schwarz und weiß. Wer denkt, es könne nur jemand ein Nazi sein, der als Privatperson durch und durch böse ist oder aber andererseits von der Meinung eines Menschen zu einem bestimmten Thema auf dessen allgemeine Verachtenswertigkeit schließt, wird keinen Sinn mehr für wirkliche Gefahren entwickeln und nicht mehr versuchen, andere mit vernünftigen Agrumenten zu überzeugen. Das darf einfach nicht passieren!

  • 27.09.2017 19:45, xy

    Ich kann dem ganzen langen Text keine Begründung entnehmen, warum man bei "Palandt" anders zu verfahren haben soll als bei "Volkswagen" und "Hugo Boss" und warum man nicht überhaupt auch "Deutschland" (wg. der 1. Strophe des Deutschlandliedes) umbenennen will. Auch "Autobahn" könnte man umbenennen, bzw. auch gleich abschaffen, weil dabei jeder sofort an Hitler denkt.

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    • 28.09.2017 14:24, Gast 48

      @ xy

      Wieso Autobahn umbenennen?

      Was hat Robert Otzen (der Begriff „Autobahn“ wurde erstmals von ihm verwendet) bzw. der Verein HaFraBa mit A. H. zu tun?

      Nie Nazis hielten während ihrer Oppositionszeit wenig von mehrspurigen und kreuzungsfreien "Nur-Autostraßen", wie es damals hieß. Nach der Machtübernahme 1933 wurde die HaFraBa allerdings vom NS-Regime übernommen.

      Otzen starb 1934, zwei Jahre nach dem Tod seiner jüdischen Frau, an einer Lungenembolie.

  • 28.09.2017 17:07, Andraimon

    In München hat man mit großem Trara die Meiser-Straße umbenannt, sie heißt jetzt Katharina von Bora-Straße - aber die Kardinal Faulhaber-Straße gibt es noch immer, ohne Umbenennungsinitiative.
    Auch Larenz hat lange in München gelehrt, völlig unangefochten.
    Es gibt für die Aufmerksamen, Feinfühligen, Geschichtsbesorgten noch viel zu tun, da muß man garnicht auf Goethe (und seine Mitwirkung an einem Todesurteil) oder Bismarck (und seine Kriege) zurückgreifen . . .

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    • 06.10.2017 11:47, TopF

      Bald gibt es in München die Prof. Dr. Claus Wilhelm Canaris Straße

  • 28.09.2017 19:35, Wagner

    Da hat es nichts gebracht, dass LTO massiv gegen die AfD Wahlkampf machte, Minister Maas auf seine letzten Tage hier erfolglos dampfplaudern ließ, gequirlten Genderismus verbreitete, den nahezu alle ablehnen, und immer noch haben Redaktion und Verlag nicht verstanden, dass wir keine linke Juraseite wollen. Jetzt kommen sie wieder mit Adolf und wollen auch noch Bücher umbenennen.

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    • 01.10.2017 22:23, Für Ausgewogenheit

      "Wir" wollen hier keine linke Seite?
      Also ich schon. Es tut uns Juristen gut.
      Schönen Abend!

  • 28.09.2017 20:23, Rainer Thesen

    Klar. Die Evangelisch-Lutherische Kirche kann nicht länger so heißen. Mindestens ein belehrendes Vorblatt in jedem Gebetbuch und eine Tafel mit politisch korrekter Aufklärung neben jeder Kirchentür. Dieser Luther! Dieser Antisemit! Dieser Anstifter zum Bauernmord!

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  • 28.09.2017 22:33, Oliver Ermert

    Gähn! Jetzt rackern sich Gutmenschen und Moralapostel an dem guten alten Palandt ab. Neulich hat einer in Frankfurt seine Kündigung bekommen, weil er in der Kantine Negerküsse bestellt hat. War Rassismus.Hätte Schokoküsse verlangen müssen. Morgen wird die Farbe braun verboten. Tausende Lehrer müssen sich neue Cordhosen kaufen, Millionen Rentner müssen ihre Möbel streichen, das Schnitzel in der Kantine wird eingefärbt oder nur noch in roter Soße verkauft (früher: Zigeunersoße). Sorry, Jungs, aber Ihr macht Euch lächerlich.

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  • 29.09.2017 10:41, Andraimon

    Und den Führerschein gibt es noch immer . . .

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  • 01.10.2017 16:42, xy

    Man soll den Begriff "Gutmensch" ja nicht als Kritik benutzen. Aber manchmal geht es eben nicht anders. Ich lasse gutmenschliche Argumente erst dann zu, wenn sich gezeigt hat, dass diese auch in suis maßgeblich sind. Sein Gutmenschentum an anderen auszulassen, ist nämlich einfach. Die Nagelprobe kommt immer dann, wenn man gezwungen ist, sich selbst an diesen gutmenschlichen Maßstäben zu messen.

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    • 02.10.2017 21:08, McMac

      Was für Schlechtmenschen ebenso gilt ;) Und da bin ich doch lieber ein Gutmensch, der auch manchmal an den eigene Ansprüchen scheitert und draus lernt.

  • 05.10.2017 07:34, Mo

    Sehr gut. Vielen Dank für diese Initiative.
    Es stört mich, dass ich für meine Arbeit in Bücher schauen muss, die Namen großer Nationalsozialisten tragen.

    Es gibt genug Menschen die ihr Leben lang danach streben unvergessen zu bleiben. Palandt wird dieser Luxus zuteil. Die ansonsten zwar recht unbekannte Person Palandt wird mit der Schaffung dieses Kommentars verbunden. Palandt ist der Name einer Person und nicht nur eine Marke, soweit kennt wohl jeder die Praxis der Benennung solcher Kommentare.

    Darüber hinaus fehlt die Kritik. Die Geschichte hinter dieser Person kennen nur manche und ein Vorwort würde daran wenig ändern, da es wohl selten gelesen werden würde.

    Abgesehen davon halte ich die bloße Einfügung eines Vorwortes auch deswegen für unzureichend, weil dieses Mahnmal ("Stolperstein") in erster Linie große Leistungen der Täter suggerieren würde. Würde sich der Leser mit Kenntnis von Palandts Geschichte zuerst denken, dass man auch als Jurist stets wachsam und gerecht sein sollte oder würde vielmehr der Gedanke naheliegen, dass da nicht alles schlecht war im dritten Reich und die Nationalsozialisten auch ihre Leistungen hatten? Um mich hier ganz nahe am Kampf der Analogien zu beteiligen: ebenso unangebracht wäre ein Mahnmal Hitlers vor jeder Autobahnauffahrt. Und diese Ansicht vertrete ich grundsätzlich für Mahnmale und Täter, ganz egal ob Palandt nur Täter zweiter oder dritter Stufe war und ganz unabhängig von meinem plakativen Vergleich.

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  • 07.10.2017 07:38, Streiterich Vergissmeinnicht

    Was soll man von den Beiträgen halten ?
    Es fehlt der Ansatz beim Beck-Verlag, der als Monopolist bei juristischer Fachliteratur nicht immer ein weises und kluges Händchen führt. Ob wirklich die
    Besten dort eine Veröffentlichkeitschance haben ?
    Bei allen Kommentaren sollte man nur auf die wissenschaftliche Kompetenz der
    Mitautoren achten und nicht darauf, wie das Gesamtwerk für einen Namen trägt.
    Die heutigen Inhalte des "Palandt" stammen nicht mehr von " Palandt". ´"Palandt " ist schon lange verstorben. Soweit der Beckverlag mit diesem Namen
    noch Geschäfte macht, ist doch der Adressat einer Namensveränderung des "Palandt", der als Verstorbener nicht mehr Herausgeber des Kommentars ist,
    der Beck- Verlag. Dieser Verlag sollte doch in der Lage sein, einen hervorragenden Juristen, der nichts mit der Nazi-Vergangenheit zu tun hat, als
    neuen Herausgeber des "Palandt" zu kreieren, oder ? Hat der Beckverlag moderne Lektoren , Chefredakteure oder Geschäftsführer , oder leben diese eher
    in der Vergangenheit ? Aus eigener Erfahrung: der Beck-Verlag ist total veraltet und bekommt den Wissenschaftswandel nicht mehr mit, weil dort nur ganz bestimmte Klüngel-Kreise, die sich die Geschäfte zuschieben, als Autoren für juristische Fachliteratur ausgewählt werden. Das ist der Ausfluss des Monopols.
    Wann bläst dem Beckverlag mal ein starker Gegenwind des Wettbewerbs ?

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  • 07.10.2017 10:59, Rudi

    Warum nennen wir ihn nicht „Ignaz Goldberg“? Aber es wäre auch schockierend, wenn ein deutscher Jurist im Goldberg nachschlägt. Alles sehr problematisch

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