LG Nürnberg-Fürth zum Reithallenbesuch: Auf scheue Pferde ist hin­zu­weisen

14.05.2018

Die Geräusche zweier Kleinkinder ließen ein Pferd scheuen. Für die Verletzung der Reiterin haftet die Großmutter der zwei Tierfans aber nicht, so das LG. Man müsse schon darauf hinweisen, dass die Rösser bei alltäglichem Lärm erschrecken.

Erschrecken und scheuen Pferde bereits bei alltäglichen Geräuschen, sind Reithallenbesucher darauf explizit hinzuweisen. Ein aus Lärm resultierender Schaden könne ihnen sonst nicht zugerechnet werden, so das Landgericht (LG) Nürnberg-Fürth in einem am Montag veröffentlichten Hinweisbeschluss (Beschl. v. 16.10.2017, Az. 16 S 5049/17).

Mit ihren drei und fünf Jahre alten Enkelkindern hatte die beklagte Großmutter eine Reithalle in Nürnberg besucht. Damit das dreijährige Kind besser sehen konnte, setzte die Frau ihren Enkel auf die Holzbande. Dabei baumelten seine Beine so hinunter, dass er mit seinen Turnschuhe gegen die Bande trat.

Durch das Poltergeräusch erschreckte und scheute ein Pferd. Die Reiterin erlitt eine Schulterverletzung, weil ihre Hand in den Zügel rutschte und nach hinten gerissen wurde. Neben einem Schmerzensgeld von 3.000 Euro verlangte sie von der Großmutter auch den Ersatz des Haushaltsführungsschadens in Höhe von fast 2.000 Euro.

LG: Scheu vor alltäglichen Geräuschen nicht vorhersehbar

Das Amtsgericht (AG) Nürnberg hatte die Klage der Reiterin erstinstanzlich abgewiesen, weil der Großmutter der Schaden nicht zurechenbar sei. Sie habe sich sozialadäquat verhalten, so das Gericht in Nürnberg. Es sei nachvollziehbar, ihr Enkelkind auf den Rand der Bande zu setzen, um den Pferden und Reitern zusehen zu können. Ihr sei höchstens geringfügig vorzuwerfen, dass die Füße des Kindes in das Reitfeld hineinragten.

Ansonsten sei das Verhalten des Pferdes für die Verletzung maßgeblich, welches hingegen der Reiterin zuzurechnen sei. Für die Besucherin sei es weder vorhersehbar noch vermeidbar gewesen, dass das Pferd auf Poltergeräusche so schreckhaft reagieren werde, so das AG.

Gegen das Urteil hat die verletzte Reiterin Berufung beim LG Nürnberg-Fürth eingelegt, diese aber nach dem Hinweisbeschluss vom Montag wieder zurückgenommen. Die zweite Instanz folgte nicht nur der Auffassung des AG: Vielmehr seien die Besucher gerade nicht vor dem Betreten der Reithalle darauf hingewiesen worden, dass man sich geräuscharm verhalten müsse. Gerade bei alltäglichen Geräuschen – wie das Treten eines Kleinkindes gegen die Innenseite einer Absperrung – hätte es eines expliziten Hinweises bedurft, so das LG.

mgö/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

LG Nürnberg-Fürth zum Reithallenbesuch: Auf scheue Pferde ist hinzuweisen . In: Legal Tribune Online, 14.05.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/28587/ (abgerufen am: 20.05.2018 )

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Kommentare
  • 14.05.2018 15:35, Bernd

    Welch traurige und innerlich völlig einsame Gestalt zieht vor Gericht, weil sich Kinder wie Kinder verhalten.

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    • 14.05.2018 16:16, 123

      kaum geht's um Geld ist jeglicher Anstand vergessen :)

      Probieren kann man es ja mal. Peinlich.

    • 15.05.2018 07:15, Marc E.

      Ich verstehe Ihr Kommentar nicht?? Die Frau klagte nicht, weil sich Kinder wie Kinder verhalten haben, sondern weil nach ihrer Ansicht die Großmutter ihre Aufsichtspflichten verletzt hat. Das sind zwei paar Schuhe. Sie sind sicherlich auch so jemand, der meint, das "ungewollte Kind" kann kein Schaden sein, weil ein Kind ja niemals ein Schaden ist. Und dabei verkennt, dass es nicht darum geht, ob ein Kind selbst der Schaden ist, sondern darum, ob die damit verbundenen Unterhaltsverpflichtungen einen Schaden darstellen. So ist es auch hier. Es geht nicht darum, ob ein Kind sich wie ein Kind verhält, sondern ob die Großmutter ihre Aufsichtspflichten verletzt hat. Eine Verletzung der Aufsichtspflichten führt nunmal zur Schadensersatzpflicht (hier lag halt keine Verletzung vor, weswegen es auch keinen Schadensersatz gab).

    • 15.05.2018 13:14, S. Mitsch

      *832 BGB

    • 15.05.2018 14:20, 123

      @S.Mitsch

      Es gibt einen nicht unbedingt feinen Unterschied zwischen Kindern, die etwas zerstören und Kindern, die von Oma auf eine Holzbande gesetzt in einer Reithalle die Zuschauer einlädt, oder?

  • 14.05.2018 23:20, Nicole

    Leider sehe ich die Entscheidung als falsch an. Pferde sind Fluchttiere- das bedeutet sie flüchten bei lauten Geräuschen. In einer Reithalle ist es - wie in einem Stall generell- eher leise und ruhig, aus dem oben genannten Grund. Viele Pferde scheuen und haben Angst, wenn ungewohnte Geräusche auftreten, wenn Kinder an die Bande treten ist dies ein solch ungewohntes Geräusch. Weiterhin sind Reithallen grundsätzlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt- und wenn man in einen Stall kommen möchte um den Kindern so etwas zu zeigen, hat man sich vorher zu informieren, welche Verhaltensregeln dort gelten, man ist schließlich „Gast“ und hat sich anzupassen. Ich rede hier (leider) aus Erfahrung, da ich eine ähnliche Situation schon erlebte. Alles in allem wäre eine Entschädigung als angemessen zu betrachten.
    Dem oben genannten Kommentar „welch einsame (...) weil sich Kinder wie Kinder verhalten“ Widerspreche ich in der Hinsicht, dass sich Kinder unter Aufsicht dort wie Kinder verhalten können, wo andere Menschen und Tiere keinen Schaden davon tragen- Spielplatz etc- aber nicht in einem Stall. Dort hat man sich als aufsichtsperson zu informieren wie sich Kinder verhalten sollen.

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    • 15.05.2018 00:55, Tom

      Ihre Einschätzung kann ich nicht teilen. Erstens gibt es in Reithallen sehr oft spielende Kinder und z.B. auch behinderte Menschen (Therapiereiten), denen es oft schwer fällt ganz ruhig zu bleiben, zweitens haben wir in mehreren Veranstaltungen in Reithallen Pferdemusicals produziert, in deren Rahmen Orchestermusik, Nebel, Lichteffekte und mehr über 1.5 Stundeb eingesetzt wurden. In keinem Fall hat ein Pferd - bei rund 30 Tieren - gescheut oder einen Reiter abgeworfen. Ja, Pferde sind Fluchttiere, aber man kann sie an Geräusche gewöhnen und beruhigen. Wenn der Reiter versagt, sind sicherlich nicht die Anderen dafür verantwortlich.

    • 15.05.2018 14:23, 123

      au contraire - in einer Reithalle in der Besucher zu erwarten sind, sollten Pferde eingesetzt werden die nicht beim kleinsten Geräusch scheuen.

      Dasselbe wird auch erfolgreich von Polizeipferden verlangt. Und die sind auch Fluchttiere.

  • 15.05.2018 08:25, A.J.

    Also erstmal ist das alles irgendwie sehr einseitig. Ich stimme zu, wenn ich als Gast irgendwo hinkomme, in diesem Fall in die Reithalle, dann habe ich mich an Regeln zu halten, um die Anwesenden nicht zu stören. Das gehört einfach zum Anstand. Und es spricht ja auch einfach nix dagegen, einem Kind zu erklären, dass es jetzt gerade mal nicht spielen/quängeln kann, wenn es gucken möchte, oder dass wir andernfalls gehen müssen. Sowas nennt sich Erziehung. Auch Kinder lernen, wann sie gerade mal vorsichtig sein müssen.
    Zudem hinkt der Vergleich mit den Behinderten. Die können wahnsinnig sensibel die Launen eines Tieres erfassen. Zudem sind Therapiepferde jetzt ja eher die ruhigere Art eines Pferdes. Als Privatperson kann ich nicht alles sofort trainieren und mit ein bisschen gegenseitigem Respekt ist das auch gar nicht nötig eigentlich. Pferde sind Fluchttiere und dementsprechend sollte man sie auch behandeln. Der Mensch ist ein selbstständig denkenden Wesen (im Gegensatz zum instinktgesteuerten Pferd) und kann diese Fähigkeit in seinen Möglichkeiten ruhig mal anwenden!
    Für mich ist die Konsequenz daraus, dass Besuche der Reithalle im offenen Betrieb verboten werden und nur noch zu Veranstaltungen geöffnet werden. Schade für alle, die sich richtig verhalten über Jahre hinweg!

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  • 15.05.2018 10:27, heizungauf4

    @A.J.

    "Vielmehr seien die Besucher gerade nicht vor dem Betreten der Reithalle darauf hingewiesen worden, dass man sich geräuscharm verhalten müsse. Gerade bei alltäglichen Geräuschen – wie das Treten eines Kleinkindes gegen die Innenseite einer Absperrung – hätte es eines expliziten Hinweises bedurft, so das LG."

    Ein Hinweis genügt. So muss auch niemand den Besuch in der Reithalle verbieten.

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  • 15.05.2018 11:30, DieAndy

    Als Ex-Reiterin kann ich mir diese Situation sehr gut vorstellen. Allerdings bin ich früher selber auf diese "Omis und Opis mit Enkeln" zugegangen und habe ihnen erklärt, was geht und was nicht und habe sie darauf hingewiesen, sollten sie dem nicht folgen, sie das Gelände bzw. die Halle verlassen zu hätten. Im Allgemeinen hat das gut funktioniert.
    Und ja, man kann die meisten Pferde gut an Alltagsgeräusche gewöhnen, aber irgendwann fängt man damit an, aber kontrolliert und dann ist so eine Situation sehr kontaproduktiv!
    Ich hatte mal Spaziergang mit Pferd, um eine Baustelle rum, mein Pferd war vorsichtig..da kam ein Autofahrer und brüllte: wenn das Tier sich im Strassenverkehr nicht benehmen kann, hat es da nix verloren. Auf meine Gegenfrage, wo ich denn seiner Meinung nach "Strassenverkehr mit Pferd" üben solle, verstummte er... und brauste davon.

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  • 15.05.2018 13:42, kirsten

    Ein Kind hat auf der reithallenbande nicht zu sitzen. Das ist bereits der erste Fehler in dieser Thematik. Wenn ein Pferd vorbeilaeuft und austreten würde wäre es bei einem Treffer nicht gut für das Kind. Und es obliegt auch den Reitern in der Halle Besucher auf solche gefahren hinzuweisen. Umgekehrt ist ein e ruecksichtnahme zu erwarten. Das hat nichts mit geldgier der Reiterin zu tun. Man ist normalerweise auf das reiten konzentriert und nicht auf das Umfeld.

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    • 15.05.2018 14:26, 123

      Genau - runter mit den Kindern von der Bande. Da sehen die nix und das war doch Zweck des Besuchs - den Reitern zuschauen.

    • 15.05.2018 15:58, DieAndy

      An 123, eine Reithalle privat oder Verein ist kein öffentlicher Raum, wo jeder mal grad reinspazieren kann, wie er möchte.
      Widersprechen möchte ich dem Satz, man sei nur auf das Reiten konzentriert...gerade beim Reiten sollte man auch sein Umfeld im Auge haben.

    • 15.05.2018 18:49, 123

      "Mit ihren drei und fünf Jahre alten Enkelkindern hatte die beklagte Großmutter eine Reithalle in Nürnberg besucht"

      Offensichtlich waren die Besucher hier aber doch erwünscht.?

    • 16.05.2018 11:51, A.J.

      @123: "Offensichtlich waren die Besucher hier aber doch erwünscht.?"
      Das kann ich aus dem Satz nicht herauslesen. Es ist allerdings vielerorts Usus, dass Leute meinen, sie gehen in Reithallen und gucken dort den Reitern zu oder betreten Höfe und streicheln die Pferde (oder füttern lustig drauf los). Normalerweise wird das auch toleriert, solange die Leute sich angemessen verhalten. Natürlich hätte die Reiterin etwas sagen müssen, andererseits verhalte ich mich auf einem fremden Privatgrund ja auch nicht wie in meinem eigenen Wohnzimmer. Zudem könnte sie auch erst von dem auf der Bande sitzenden, trampelnden Kind mitbekommen haben, als sie schon in der Gefahrensituation war. Darauf geht der Artikel gar nicht ein. Und sobald es sich um eins Sicherheitsfrage handelt, ist es mir um ehrlich zu sein auch herzlich egal, ob das Kind sieht oder nicht. Die Relation ist nicht mehr gegeben, nur weil das kleine Kind nicht sieht, muss sich ein anderer Mensch oder ein Tier nicht verletzen! Dann ist das eben kein Ort, an den man mit kleinen Kindern geht, dann muss man einen Reitplatz draußen suchen, um Pferde anzugucken!

      @heizungauf4:
      "Ein Hinweis genügt. So muss auch niemand den Besuch in der Reithalle verbieten."
      Doch, würde ich, wenn auf meinem privaten Grund meine Reiter verletzt werden, weil Besucher sich nicht so verhalten können. Wenn ich mit einem unsicheren Pferd unterwegs bin, gehe ich extra in die Halle, um Gefahrensituationen zu vermeiden oder Dinge zu üben etc. Wenn ich selbst da nicht ungestört trainieren und meine Konzentration auf mein Pferd und mich lenken kann, weil ich damit rechnen muss, dass fremde Menschen das Gelände betreten und mich damit in Gefahr bringen, dann schließe ich das lieber von vornherein aus. Als freundlicher, fremder Besucher hätte sie auch fragen können, ob es erlaubt ist, das Kind auf die Bande zu setzen, damit es besser sieht etc. Natürlich hätte die Reiterin auch was sagen können, wenn sie es bemerkt hätte etc. Zweiseitiges Schwert, aber zu diesen Sachverhalten sagt der Artikel nichts. Für mich ist das Fazit daraus, dass ich mir und meinen Reitern auf meinem Grundstück diesen Schaden nicht zumuten möchte!

    • 17.05.2018 15:43, 123

      @ A.J.

      "Die Beklagte besuchte im Oktober 2016 zusammen mit ihren damals drei und fünf Jahre alten Enkelkindern eine Reithalle in Nürnberg. Sie hielt sich dort im Zuschauerbereich auf. "

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