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Groteske Auswüchse der Juristenflut: Biete: An­walts­tä­tig­keit, fordere: 22.000 AU$, zahle: nichts

Es klingt unglaublich, ist aber wahr: Eine australische Kanzlei fordert von Berufseinsteigern 22.000 $ für einen Job – ein garantiertes Gehalt gibt es nicht. Das Überangebot an Juristen sei so groß, dass sich schon viele gemeldet hätten.

Die frisch gegründete Kanzlei adlawgroup in der australischen Stadt Adelaide will ihre Tore offiziell im Juli öffnen. Doch auch, wenn die Mandanten zunächst ausbleiben sollten, dürfte die Finanzierung fürs Erste gesichert sein. Denn von ihren Associates verlangt sie die stolze Summe von 22.000 australischen Dollar (in etwa 15.000 Euro) ganz einfach dafür, dass sie bei der Kanzlei anheuern dürfen.

Damit nicht genug des Großmuts: Ein garantiertes Gehalt verspricht adlawgroup seinen <del>Leibeigenen</del> Anwälten vorsichtshalber nicht – Zahlungen sollen sie nur erhalten, wenn sie für Mandanten arbeiten. Wer bei ihnen keine direkt mandatsbezogenen Aufgaben zugeteilt bekäme, der werde sich vermutlich nach einem neuen Job umsehen wollen, erklärte Projektmanagerin Tina Hailstone gegenüber der australischen ABC News. "Vermutlich".

Dünn bemäntelte Ausbeutung

Das Angebot, das mehr wie eine Satire auf die Auswüchse des Arbeitsmarktes anmutet, ist durchaus ernst gemeint. "Zu Anfang gab es eine Reihe von Leuten die gesagt haben 'Ja, bitte, wo muss ich unterschreiben?'", so Hailstone. Es gebe nur sehr wenige Möglichkeiten für frisch zugelassene Anwälte, und im Angebot der Kanzlei spiegele sich eben der Aufwand wieder, den es bedeutet, frischen Absolventen eine Chance zu geben.

Auch auf ihrer Homepage macht die Kanzlei keinen Hehl aus ihren Methoden, sondern versucht diese im Duktus jugendlicher Vitalität und Anpassungsfähigkeit zu bewerben. Dort heißt es etwa "The adlawgroup mission is to become a thriving <del>sweatshop</del> hothouse for new legal talent in South Australia". Unter den "core values" sind Hohlphrasen wie "passion and motivation" oder "energy" aufgelistet – die Bereitschaft zur gnadenlosen Selbstausbeutung bedurfte wohl keiner ausdrücklichen Erwähnung.

"Weil wir's können"

Unter der Überschrift "why adlawgroup?" findet sich nicht etwa eine leere Seite, sondern längere Ausführungen über die Lage im australischen Jobmarkt für Anwälte, die letztlich auf eine traurige und im Original etwas selbstgefälliger formulierte Realität hinauslaufen: Man könne sich Methoden des übelsten Manchesterkapitalismus eben schlicht und ergreifend leisten, weil über 2.000 Juraabsolventen aktuell keinerlei greifbare Aussichten auf eine Anstellung hätten und ohne praktische Berufserfahrung auch keine finden würden.

Wenn nicht von wirtschaftlicher Seite, so droht der Kanzlei jedoch juristisches Ungemach. Wie ABC News berichtet, prüft der Ombudsmann für  faire Arbeitsbedingungen aktuell das Angebot der adlawgroup und hat bereits erste Verfahren eingeleitet; eine Sprecherin erklärte, es sei illegal, eine Zahlung für die Einstellung als Mitarbeiter zu fordern. Die Kanzlei will den Start ihres "junior lawyer" Programms nun verschieben, um auf die rechtlichen Bedenken einzugehen.

Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Groteske Auswüchse der Juristenflut: Biete: Anwaltstigkeit, fordere: 22.000 AU$, zahle: nichts . In: Legal Tribune Online, 25.06.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/15984/ (abgerufen am: 23.08.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 25.06.2015 12:30, Hannah Czerny

    Wenn man nun eine Ausbildung für einen bestimmten Beruf alleine deshalb absolviert hat, weil von Staatsseite progagiert wurde, daß dieser Beruf zum Zeitpunkt des Ausbildungsabschlusses unglaublich gesucht sein würde und man gar keine Probleme haben würde, einen Arbeitsplatz zu finden - und der Staat hat sich aber geirrt und es gibt letztenendes viel zu wenig Arbeitsplätze -, dann müßte man ihn doch deswegen verklagen können, oder?

    • 25.06.2015 13:01, Karl Kraus

      das ist doch totaler quatsch! Auf Prognosen muss keiner hören und wer sie ausspricht muss sicherlich nicht dafür haften.
      Wer überhaupt genau? Und wieso studiert jemand was, nur weil er bei Abschluss vielleicht leicht einen Job findet? Und was ist, wenn jemand länger als die prognostizierte Studiendauer braucht?
      Obiger Beitrag ist auf ziemlich vielen Ebenen komisch

    • 25.06.2015 18:25, Hannah Czerny

      Doch, ich sehe das schon so, daß, wenn der Staat (Regierung, Bildungsministerium, wasauchimmer in dem Fall), dessen Verantwortlichkeit es ist, die Dinge in der Gesellschaft so zu steuern, daß die Gesellschaft funktioniert, das nicht hinkriegen, z.B., weil sie die falsche Informationen verbreiten, dann sollte der Staat schon dafür haften.

      Schließlich investieren Menschen Lebenszeit, Aufwand und auch Geld, um sich für eine bestimmte Aufgabe in der Gesellschaft auszubilden, sprich, bspw. einen bestimmten Beruf zu erlernen.
      Und wenn dieser Aufwand dann aber für nichts ist, weil sich der Staat mit seinen Prognosen geirrt hat - oder, um das mal anders auszudrücken: Der Staat am Ende nicht in der Lage ist, einem einen Arbeitsplatz anzubieten, für den man den ganzen Aufwand betrieben hat, im Vertrauen auf staatliche Informationen -, dann sehe ich da absolut Raum für Schadensersatz.

      Gesellschaft beruht nunmal auf Gegenseitigkeit, von daher:
      "Auf Prognosen muss keiner hören und wer sie ausspricht muss sicherlich nicht dafür haften."
      Das sehe ich analog zu irreführenden Anlageberatungen. Klar ist da Raum für Haftung.
      "Wer überhaupt genau?"
      Der Staat, in Amtshaftung wegen Verstoß gegen 826 BGB.


      "Und wieso studiert jemand was, nur weil er bei Abschluss vielleicht leicht einen Job findet?"
      Weil es keinen Sinn macht, etwas zu studieren, bei dem man keinen Job findet (siehe Anwaltsschwemme)?

      "Und was ist, wenn jemand länger als die prognostizierte Studiendauer braucht?"
      Jein. Kommt darauf an, wieviel länger.

      Warum sollte der Beitrag komisch sein? Begründung?

  • 25.06.2015 13:16, timotimotimo

    Nun, man weiß ja nicht wie es um die Ausbildung dieser Nachwuchskräfte bestellt ist. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass diese Leute erstmal 3 weitere Jahre angeleitet werden müssen, bis sie auf Mandanten losgelassen werden können. Dass das Geld kostet, ist doch klar. Wenn diese Aufgabe von einer Kanzlei anstelle von der Uni/ dem Staat übernommen wird - warum sollten die sich das nicht bezahlen lassen? Wären sie stattdessen weitere Jahre an die Uni gegangen, hätten sie ja auch massive Studiengebühren bezahlt. Ich verstehe die Aufregung also nur bedingt.

  • 25.06.2015 16:46, AndW

    änliche Angebote gibt es wohl nicht nur in Australien, nein auch die deutsche Anwaltskultur fabriziert zuweilen doch recht famose Vertragsbedingungen.
    Ist der frische Junganwalt suchend unterwegs nach einer Anstellung wird ihm beispielsweise eine Partnerschaft mit der Übernahmeverpflichtung des entsprechenden Anteils der Kanzleikosten offeriert. Als Beginner ohne Mandantenstamm und Übernahme von Überhängen der beteiligten Kollege nahezu unmöglich.
    Oder eine überörtliche Partnerschaft wird seitens eines etablierten Anwaltes angestrebt, aber gern doch eine gut situirte und etablierte mittelständische nimmt Sie gern unter Ihre Fittiche. Für die Arbeit unter dem Namen der Kanzlei bekommen Sie immer noch keine von deren Mandanten sollen aber 50% der selbst erzielten Einkünfte mit eigener Kanzlei an die Partnerschaft abgeben, schließlich treten Sie ja nun ausschließlich unter dem ggf. zwar guten, aber recht unbekannten Namen der Partnerschaft auf, allein dadurch bekommen Sie selbstverständlich mehr und auch bessere, heißt höher dotierte, Mandate.
    Etwas ähnliches zu einem monatlichen Festpreis bieten dann auch die R... Partner an. Das großen Online Netzwerken. Wie das vonstatten geht? Welche Vorteile dies dem Einzelanwalt bringt, außer hochtrabende leere Innovation, soll mal dahin gestellt bleiben.
    Aber das sind die Folgen eines übersättigten und teils völlig überdrehten Marktes. Wer damit glücklich ist, bitte gern...

  • 26.06.2015 00:10, Anwältin

    [...] und im Angebot der Kanzlei spiegele sich eben der Aufwand wieder, den es bedeutet, frischen Absolventen eine Chance zu geben. [...]

    Also ich weiß ja nicht, wie die Juristenausbildung in Australien aussieht. Ich für meinen Teil kann aber sagen, dass ich meinen Chef hier in Deutschland (Einzelanwalt) nicht erstmal 15.000 € gekostet habe, bevor sich meine Einstellung gelohnt hat. Zwei Wochen hatte ich Welpenschutz und ab dann habe ich alle Fälle komplett von Anfang bis Ende allein bearbeitet und hole seitdem die Kosten für mein Gehalt (und darüber hinaus) natürlich wieder rein.

    Klar den super Verdienst habe ich nicht, trotzdem käme ich nie auf die Idee, nochmal 15.000 € reinzubuttern, nur um dann auf dem Papier eine Anstellung zu haben. Es ist schon traurig, wie extrem manche sich ausbeuten lassen