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AG München lehnt Schadensersatz ab: Hagen oder Frank­furt, Haupt­sache NRW!

21.08.2015

Ein Ehepaar buchte im Internet zwei Plätze im Fernreisebus von Hamburg nach Hagen. Es stieg in den falschen Bus, fuhr mit anderen Verkehrsmitteln teurer weiter - und bleibt nach Ansicht des AG München auf den Kosten dafür sitzen.

Wer in einen falschen Bus steigt, bleibt auf seinen Kosten sitzen. Das entschied das Amtsgericht (AG) München in einem am Freitag veröffentlichten Urteil (v. 15.06.2015, Az. 122 C 7088/15).

Ein Ehepaar aus Lüdenscheid buchte im Internet bei einem Münchner Fernbusunternehmen eine Busreise von Hamburg nach Hagen und zurück zum Preis von jeweils 15 Euro. Bei Fahrtantritt zeigten sie dem Busfahrer ihre Fahrkarten und bestiegen den Bus. Als der Bus in Hannover einen Zwischenhalt anlegte, fragte der Ehemann den Busfahrer, wann der Bus in Hagen ankomme. Da erfuhr das Ehepaar, dass es in den falschen Bus gestiegen war, nämlich den nach Frankfurt. Der Busfahrer weigerte sich, die beiden weiter zu befördern, und ließ das Ehepaar in Hannover zurück.

Von dort reiste das Paar dann stattdessen mit dem Zug für insgesamt 90 Euro zum Hauptbahnhof Hagen. Der Zug traf dort planmäßig ein, war aber immer noch zu spät, um die letzte Bahn nach Lüdenscheid zu erreichen. So nahm das Ehepaar für den Rest des Weges bis dorthin noch ein Taxi zum Preis von weiteren 45 Euro. Die Ehegatten verlangten vom Fernbusunternehmen die gesamten Reisekosten in Höhe von 165 Euro zurück und begehrten eine zusätzliche Entschädigung in Höhe der Hälfte des Fernbuspreises, also weitere 15 Euro. Als der Fernbusanbieter nicht zahlte, klagte das Ehepaar vor dem AG München auf Schadensersatz.

Kein Rechtspflicht, den falschen Einstieg zu verhindern

Die Richterin wies die Klage vollumfänglich ab, das Ehepaar muss die Kosten selber tragen. Die Eheleute hätten keinen Beförderungsvertrag für die von ihnen tatsächlich gewählte Fahrt nach Frankfurt abgeschlossen. Weiterhin habe die ursprünglich gebuchte Fahrt nach Hagen planmäßig stattgefunden. Anders als etwa bei einer Annullierung der Fahrt habe das Ehepaar daher keinen Ausgleichsanspruch wegen des bezahlten Beförderungsentgeltes.

Auch die übrigen Kosten müsse das Busunternehmen nicht ersetzen. Nach Auffassung des Gerichts besteht seitens des Busunternehmens "keine Rechtspflicht, die Kläger am Einsteigen in den falschen Fernbus nach Frankfurt zu hindern." Zudem sei ihnen ein beachtliches Mitverschulden beim Einsteigen in den falschen Bus anzulasten, auch wenn sie bei Fahrtantritt die Fahrkarten vorgezeigt hatten.

ms/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

AG München lehnt Schadensersatz ab: Hagen oder Frankfurt, Hauptsache NRW! . In: Legal Tribune Online, 21.08.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/16680/ (abgerufen am: 11.12.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 21.08.2015 15:35, GrafLukas

    Irgendwie naheliegend: Wenn ich in den falschen Bus einsteige, bin ich selber schuld. Da muss man auch erstmal drauf kommen, das anders zu sehen...

    • 21.08.2015 18:02, M. Köpp

      Wozu hat sich der Busfahrer denn den Fahrschein zeigen lassen?
      Bei einem Stadtbus oder sonstigen Verkehrsmitteln, bei denen es keine Eingangskontrollen gibt, kann ich es durchaus verstehen, dass man die etwaigen Folgekosten der Rundreise selbst trägt. Aber allein der Umstand, dass das Ehepaar bis Hannover ohne einen für diesen Bus gültigen Fahrschein unterwegs war, begründet nach meiner Auffassung eine Pflichtverletzung des Busfahrers. Dieser hätte schon bei Fahrtantritt die "Schwarzfahrer" des Busses verweisen müssen und nicht erst in Hannover, als das Ehepaar sich dem Fahrer "gestellt" hat. Auch wenn hier keine zivilrechtliche Pflicht verletzt wurde, die eine Schadensersatzforderung begründet, hat der Busfahrer seinen Job nicht richtig gemacht. Dafür, dass ein in meiner Vorstellung tattriges, altes Ehepaar zu ihm in den falschen Bus steigt, kann der Busfahrer nichts, aber wenigstens die Fahrkarten hätte er vernünftig kontrollieren können. Es ist wohl richtig, dass die Hauptschuld an der Odyssee das Ehepaar selbst trifft, aber der Busfahrer trägt nach meinem Empfinden zumindest eine moralische Mitschuld.

      M. Köpp

  • 27.08.2015 14:58, GrafLukas

    Allenfalls moralisch, und das auch nur, wenn man von einem tattrigen, alten Ehepaar und nicht von querulatorische, aber rüstigen Mittsechzigern ausgeht.

    Ich habe keine Ahnung, wie diese Fernbus-Fahrscheine aussehen, aber ich könnte mir vorstellen, dass der Fahrer nur darauf achtet, _dass_ ein Fahrschein vorgezeigt wird und sich den nicht so genau durchliest.

    Es dürfte rechtlich außerdem eher eine Pflicht des Fahrgastes sein, den Fahrschein auf Verlangen vorzuzeigen, als dass eine Pflicht des Transportunternehmens besteht, den Fahrschein zu kontrollieren und auf Vollständigkeit und Richtigkeit zu überprüfen. Wo keine Pflicht, da keine Pflichtverletzung.

  • 27.08.2015 17:19, McSchreck

    Selbst wenn die Busfahrer verpflichtet sind, die Fahrscheine zu kontrollieren, ist dies wohl eher eine Pflicht gegenüber ihrem Arbeitgeber, der nicht gerne "Schwarzfahrer" an Bord hat. Dass diese Pflicht "Drittschutz" gewährleistet, ist eher auszuschließen. Das Recht geht bei erwachsenen Bürgern grundsätzlich davon aus, dass sie auf sich selbst aufpassen können (mit einigen Ausnahmen im Verbraucherschutz). Der Busunternehmer ist kein "Beschützer", sondern ein "Beförderer".
    Es wäre sicher "nett" gewesen, die Leute an einen Ort mitzunehmen, von dem aus sie leichter an ihr Ziel kommen können. Aber vielleicht waren die Leute ja gegenüber dem Busfahrer auch nicht nett, darauf deutet die absurde Klage jedenfalls hin.

  • 27.08.2015 21:52, heppenbach

    Welche sog. Verbraucherschutzvereinigung hat dem Ehepaar denn zur Klage geraten?

  • 27.08.2015 21:57, heppenbach

    zur Überschrift: "Hagen oder Frankfurt, Hauptsache NRW!"
    Welches Frankfurt in NRW ist gemeint?

    • 28.08.2015 00:31, Michael Drescher

      zur Nachfrage "Welches Frankfurt in NRW ist gemeint?":
      "Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!" (Andreas Möller, 1992;-)*

      *) Zitat nicht autorisiert, inzwischen 2013 bei ARD und Sky bestritten.