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Vom Wirtschaftsanwalt zum Philosophen: "Justiz hat mit Gerech­tig­keit nichts zu tun"

von Désirée Balthasar

26.10.2016

2/2 Urteile, die sich ungerecht anfühlen

Diese Zweifel kamen offen zutage, als er sich als junger Strafverteidiger immer öfter fragte, ob Richter denn tatsächlich immer gerecht urteilen. Verließ er das Gerichtsgebäude nach einem gewonnenen Prozess, versteckte sich das Triumphgefühl oftmals weit hinter dem unguten Bauchgefühl. Schollmeyer: "Ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Mögen die Urteile rechtlich korrekt gewesen sein, manche fühlten sich für mich einfach nicht gerecht an."

Doch während andere nur mit den Schultern zucken und weitermachen, hat Schollmeyer angefangen zu graben. In Büchern, in Gesprächen, in anderen Ländern. In den USA stieß er auf die dort übliche Gerechtigkeitsforschung, deren Ziel es ist, die Geschworenen in einem Gerichtsprozess mit den eigenen Argumenten zu beeinflussen. Zurück in Deutschland fand er einen BWL-Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, der ihn ermunterte, die Forschung zu vertiefen, es folgten zudem Ausflüge in die Psychologie.

Die Flucht aus der Kanzlei

Schollmeyer wurde von Kollegen immer häufiger als Philosoph belächelt. Sich selbst nannte er Gerechtigkeitsforscher und gründete mit "Aequalitas" ein eigenes Institut, um als Coach Unternehmen darin zu beraten, mehr Gerechtigkeit in den Arbeitsalltag einzubringen. 

Währenddessen verließ ihn zunehmend die Motivation, als Anwalt in der damaligen Kanzlei zu verbleiben. "Der berufliche Ehrgeiz war zu Beginn meiner Karriere noch voll ausgeprägt. Wie so viele Juraabsolventen wollte ich Partner in einer Großkanzlei werden", erzählt Schollmeyer. "Diese Ambition ist jedoch im Laufe der Zeit völlig verschwunden. Stattdessen herrschten Routine und Trott." Die Diskrepanz zwischen dem subjektiven Gefühl und dem vorgegebenen Schein von Gerechtigkeit wurde für Schollmeyer zu stark.

Der Moment, als er seine Kanzleiordner in Kisten verpackt und einfach losfährt, entsteht spontan. Er wollte weg. Ohne Ziel, ohne Plan, Hauptsache weg. "Damals arbeitete ich im Kontext eines Kronzeugenfalls des Terroranschlags vom 11. September in New York City", erinnert sich der Münchener. "Und plötzlich wurde mir bewusst: Menschenleben sind nichts wert, es geht nur um Geld." Er befand sich auf der für ihn 'falschen' Seite. An dem Tag, als er sein Büro räumte, fasste er den Entschluss, dass er das nicht mehr wollte. Und ging.

Gerechtigkeit –ein Lebensthema

Nach dieser Flucht rollte Schollmeyer sein berufliches Leben neu auf. Er trat in die Münchener Kanzlei FASP Finck Sigl & Partner ein, in der er nun seit eineinhalb Jahren als Partner arbeitet. Das anwaltliche Engagement fuhr er in dem Zuge drastisch zurück. Heute sieht seine Zeitverteilung ganz anders aus: "Einen Tag pro Woche widme ich der Mandatsarbeit, einen Tag der Gerechtigkeit und an drei Tagen arbeite ich als Social Entrepreneur."

Denn als Resümee aus seinen bisherigen beruflichen Erfahrungen zog Schollmeyer den Schluss, dass er sich für Chancengerechtigkeit in der Berufswelt einsetzen möchte. Und warum gerade als Sozialunternehmer? "Ich möchte Menschen unterstützen, die Gutes tun wollen. Junge Macher, die mit unternehmerischen Ideen gesellschaftliche Probleme lösen möchten."

In der christlichen Religion schenkt Gott den Menschen die Gerechtigkeit. Manche Menschen betrachten sie als Tugend, andere als moralischen Maßstab. Politische Aktivisten beschwören sie hinauf, Finanzkrisen zerstören sie. Für Schollmeyer ist es das Thema seines Lebens.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Vom Wirtschaftsanwalt zum Philosophen: "Justiz hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun" . In: Legal Tribune Online, 26.10.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20981/ (abgerufen am: 16.06.2021 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 26.10.2016 15:00, Steffi

    Ein sehr guter Beitrag!! Was noch zu ergänzen wäre: Gerechtigkeitsgefühl und Gewissen sollten Einstellungsvoraussetzungen bei Richtern sein. Aber die nächste 100 Jahre wohl eher nicht. Denn erst wenn die CSU Machthaber das bay. Oberste LG abschaffen, weil Machthaber Stoiber, Söder oder Seehofer ein Urteil nicht paßt, merken diese Onkel und Tanten von der Justiz plötzlich, daß sie ein Gewissen haben. Spät, aber immerhin. Besser wäre es natürlich, gar nicht erst CSU zu wählen. Aber bei der nächsten Wahl wird abgerechnet.

    • 26.10.2016 16:49, So so

      Schön. CSU Bashing macht sich immer gut, oder? Das Bayerische Oberste ist übrigens seit über zehn Jahren aufgelöst. Auf was wollen Sie also hinaus?

    • 26.10.2016 23:00, Reibert

      Piraten sind Mörder!

  • 26.10.2016 15:34, xy

    Der Mann hat trotz seines Alters nichts verstanden. Gerechtigkeit ist nichts anderes als der Nutzen des Stärkeren. (Thrasymachos). Der Rechtsstaat ist kein Gerechtigkeitsstaat. Und jeder hat eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit. Chaos!

  • 27.10.2016 09:21, Chantalle

    Die Suche nach Gerechtigkeit (im Singular!) wird vergeblich bleiben. Der erste Schritt besteht in der Erkenntnis, dass es Gerechtigkeit(en) nur im Plural geben kann. Und damit hat sich dann die Problematik des Verhältnisses von (positivem) Recht und Gerechtigkeit weitgehend erledigt.

  • 27.10.2016 13:29, Justizia

    Sorry, aber da ist es mit deutlich lieber, wenn eine gewählte Volksvertretung über lange Debatten herausfindet, was für unsere Gesellschaft gerecht ist, als nur auf Herrn Schollmeyers Bauchgefühl zu vertrauen.
    "Platon, Aristoteles, Kant oder Habermas" - Herrn Schollmeyer in eine weniger illustre Runde zu stellen, war wohl nicht drin?
    Vielleicht hätte man in dem Porträt etwas genauer ausführen können, warum sich bestimmte Urteile für Herrn Schollmeyer "nicht gerecht" angefühlt haben, anstatt auf seine (bedeutungslose) Fußballbegeisterung hinzuweisen?
    Der Artikel enttäuscht.

  • 27.10.2016 18:38, Buerger

    Gesetze werden von Staatsvertretern zur Aufrechterhaltung einer Macht der Mächtigen gemacht. Frage ist wer sind die Mächtigen?
    Unsere Staatsvertreter werden sehr stark von Lobbyisten beeinflusst und weniger vom allgemeinen Volk das Diese behaupten zu vertreten. Die vor Wahlen abgegebenen Versprechen können später oft aus leider misslichen Gründen nicht eingelöst werden.
    Machen diese Staatsvertreter also Gesetze, die dem Gerechtigkeitsgefühl der Masse entsprechen? Ja Gerechtigkeit ist ein Gefühl! Aber des einen Recht ist des Anderen Pflicht und da liegt die Schwierigkeit.
    Es heißt auf See und vor Gericht sind wir alle in Gottes Hand. Wer an Gott glaubt soll darauf vertrauen. Aber die See ist eine Naturgewalt und behandelt alle gleich.
    Ist hier vielleicht der Ansatz für Gerechtigkeit, wie er ja auch im Grundgesetz formuliert wird, aber dann durch verschiedene Sondervorschriften wieder ausgehebelt wird. (Alle Bürger sind gleich aber die Staatsvertreter und Gerichte sind gleicher). Wie heißt es so schön: ohne Staatsvolk keine Staatsvertreter.

    • 29.10.2016 22:34, Justizia

      Oh, da haben wir wieder einen, der schon erkannt hat, was die Welt im Innersten zusammen hält! Die (diffusen) Mächtigen und ihr Helfershelfer, die bösen Lobbyisten. Gut, dass es Leute wie ihn/sie gibt, die klar sehen!
      Das arme Grundgesetz, das auch noch seinen Kopf hinhalten musste!
      Bei Ihrer fundierten Rechtskenntnis, die sogar Geheimwissen umfasst (Sondervorschriften!), warum sind Sie kein Starjurist geworden?

  • 27.10.2016 19:30, Klugschnacker

    M.E. gibt es keine absolute Gerechtigkeit, man kann sie deshalb auch nicht finden.
    Gerechtigkeit ist immer relativ, weil abhängig vom Wertesystem. Ein Zustand ist daher dann gerecht, wenn er sich im Einklang mit dem geltenden Wertesystem befindet. In einem demokratischen Rechtsstaat wird das Wertesystem durch das Rechtssystem definiert, so dass im Idealfall die Befolgung der Regeln des Rechtsstaates Gerechtigkeit garantiert. Wer im Rechtsstaat eine Ungerechtigkeit reklamiert, muss zunächst überprüfen, ob er die Situation am Wertesystem des Rechtsstaates gemessen hat oder anhand seines eigenen Wertesystems, das nicht mit dem des Rechtstaates übereinstimmen muss.
    Leider erleben wir seit einiger Zeit eine „Kultur der radikalen Subjektivität […], die das eigene Empfinden zum Dreh- und Angelpunkt der Erkenntnis macht“, wie Jan Fleischhauer in seiner jüngsten Kolumne auf Spiegel online (http://newsletter1.spiegel.de/l/17245203/c/1-3euk-5n7ebd-q2i) zutreffend feststellt. Diese führt letztlich zu einer verstärkten Ablehnung des geltenden Wertesystems und damit zu einem höchst subjektiven Ungerechtigkeitsgefühl.

  • 29.10.2016 12:59, Schlaumeier

    Auf der Suche nach der objektiven Gerechtigkeit? - Weg ohne Ankunft. Gerechtigkeit wird stets subjektiv sein.

  • 05.12.2016 03:27, Gast

    Sie tun so, als ob der Mann eine Art Rechtsphilosoph wäre. Offensichtlich haben Sie seine beiden Büchlein - eine Art Rechtsratgeber für Laien und einen Roman - nicht mal zur Hand genommen. Von Ergebnissen tieferen Nachdenkens ist da nichts zu merken, ebensowenig wie bei den Fernsehauftritten, die man auf seiner Mediathek bewundern kann. Ein Großsprecher, mehr nicht.

    • 26.12.2017 16:18, Auch ein Gast

      Wenn man sich die Kommentare so durchliest, fällt eine Menge Neid auf den Mut und den Erfolg von Schollmeyer auf. Ich finde gut was er macht und viele andere Menschen wohl auch. Eigentlich bräuchten wir mehr wie ihn in der Politik.

  • 15.09.2018 04:08, S.G. aus D-südwest

    lobenswerter Bericht!
    ___________________________
    die (richtige) Gerechtigkeit, ist in der Naturwissenschaft zu finden
    sie kann die Fragen dazu beantworten. Ich bin Wissenschaftler, ich würde mich freuen Ihnen behilflich sein zu können.

  • 15.09.2018 04:26, S.G. aus+D-südwest

    (man sollte allerdings keine Angst vor der Wahrheit haben)

    Ich habe Rechtswissenschaft studiert
    bin aber kein Jurist, sondern: Wissenschaftler
    genauer gesagt habe ich das Fach: Lebenskunde
    studiert (mit den Hauptschwerpunkten: Gesellschaftswissenschaft, Religions- und Rechtswissenschaft)
    Ein sehr interessanter Bereich.

  • 16.09.2018 17:04, S.G.

    ______________________________________________
    Zitat:
    "Justiz hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun"
    ______________________________________________
    Der Begriff "Justiz" wird hier auch falsch verwendet!
    es müßte eher heißen: Selbstjustiz
    (wenn man SELBST seine Gesetze prozuziert)

    Justiz, heißt: Gerechtigkeit
    was der Staat aber macht ist: Selbstgerechtigkeit

    Ja, und Selbstgerechtigkeit ist eben keine Gerechtigkeit.
    man kann auch sagen, was der Staat macht ist die: Legalität
    ja, und Legalität hat oft mit Recht nichts zu tun.

  • 16.09.2018 18:15, S.G.

    ________________________________________________
    Zitat:
    Vom Wirtschaftsanwalt zum Philosophen
    ________________________________________________
    ich drücke es jetzt mal so aus:
    Vom Jurist zum Philosophen
    (ich denke dass Sie Jura studiert hatten)

    Nun, Jura (die Rechte) was hier auch wieder falsch benannt wird
    Jura (der tatsächliche Inhalt des Jurastudiums) = ein Staatskonstrukt

    Jura = ein Staatskonstrukt, es ist keine Wissenschaft
    es beschreibt die: Legalität

    Philosophie = auch keine Wissenschaft,
    es ist nichts richtiges ....
    _________________________________________
    Ich persönlich würde Jedem von der Jura und auch von der Philosophie abraten.

    Das einzige richtige, ist hier die: Rechtswissenschaft

    Jura, beschreibt die: Legalität
    Philosophie = nichts Richtiges, sie kann eigentlich garnichts richtig

    Rechtswissenschaft, beschreibt das: Recht
    (Recht ist konform mit Gerechtigkeit und richtig)
    es ist eine: Naturwissenschaft
    _________________________________
    Philosophie, Jura, Religion, ist unnötig
    dafür gibts das Bildungsfach: Lebenskunde
    und die gesamte Naturwissenschaft

    In der Wissenschaft wird mit Begriffs-Definitionen gearbeitet, jeder wichtige Begriff kann definiert werden.
    (Die Jura arbeitet nicht mit Begriffs-Definitionen (sie wissen nicht einmal was eine Definition ist!)
    sondern mit: (juristischen) Festlegungen
    - eine Festlegung, kann auch falsch sein)

  • 18.09.2018 01:31, S.G.

    http://www.tnmultimedia.de/het-forum/viewtopic.php?f=81&t=675&p=116044#p116044
    http://beschwerdeliste.xobor.de