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Kanzleien und Lobbyismus: Wer sch­reibt die Gesetze?

Interview von Désirée Balthasar

02.08.2016

2/2 Ein toller Beruf – wenn man Small-Talk mag

LTO: Welchen Mehrwert bietet Ihre Funktion als Head of Public Affairs den Anwaltskollegen?

Issmer: Den größten Nutzen bringen ich ihnen, weil ich sie frühzeitig über bevorstehende Gesetzesänderungen informiere. Die Referentenentwürfe werden üblicherweise an einen größeren Verteilerkreis zur Anhörung verschickt. Wir informieren unsere Mandanten, indem wir beispielsweise regelmäßig Briefings verschicken. Außerdem beraten wir sie dabei, wie sie weiter vorgehen könnten. Damit die Kollegen meine Tätigkeit auch kennen, stelle ich mich momentan intern vor und kläre über meine Arbeit auf.

Netzwerker aus Leidenschaft

LTO: Das Netzwerken muss Ihnen im Blut liegen, wenn man die Kontakte Ihrer Online-Profile zählt. Und das sind nur die öffentlichen einsehbaren…

Issmer: Man muss das Netzwerken auf jeden Fall mögen und sollte dabei nicht wählerisch sein. Man weiß ja nie, mit welchem Kontakt man einmal zu tun haben wird. Daher besuche ich Abendveranstaltungen, frühstücke mit Politikern und nehme an Gremiensitzungen teil. Es ist ein toller Beruf, wenn man als Rechtsanwalt über den Tellerrand hinausblicken möchte. Vorausgesetzt, man führt gerne Small-Talk!

LTO: Sprechen Politiker und Juristen nicht völlig verschiedene Sprachen?

Issmer: Auf jeden Fall. Deshalb ist es so wichtig, dass ich sowohl Rechtsanwalt als auch politikerfahren bin. Insgesamt habe ich sieben Jahre in Bundestag, Bundesrat und dem Wirtschaftsministerium gearbeitet. Das bedeutet, ich kenne die verschiedenen Sprachwelten.

Beispielsweise hat der Bundesrat eine sehr traditionelle Sprache. Wer weiß, was eine 'Strichdrucksache' ist und wie man 'nach Ziffern koordiniert', ist klar im Vorteil. Und wer die Fristen kennt, noch viel mehr. Denn das richtige Timing ist äußerst wichtig, wenn ich möchte, dass die Interessen meines Mandanten rechtzeitig eingebracht werden. Wer am Vorabend einer Abstimmung den Finger hebt und schnell noch etwas vortragen möchte, der wird kaum Erfolg haben.

LTO: Welche Aufgaben erwarten Sie in den kommenden Monaten?

Issmer: Einen sehr großen Themenkomplex stellt die Energiewende dar. Hier herrscht nach wie vor Unsicherheit und es ist viel Bewegung im Markt, was die politischen Regularien betrifft. Außerdem steht uns im kommenden Jahr die Bundestagswahl bevor und bis dahin noch fünf Landtagswahlen. Es gilt also, die Parteiprogramme genau zu studieren, denn die könnten irgendwann Gesetz werden. Und auch der Brexit wird uns und unsere Mandanten sicherlich noch einige Zeit beschäftigen.

David Issmer (36) ist seit Juni 2016 Head of Public Affairs bei Freshfields Bruckhaus Deringer und gehört dort der Öffentlich-Rechtlichen Praxis um Dr. Wolf Friedrich Spieth an. Zuvor arbeitete Issmer in vergleichbarer Position bei der Berliner ALBA Group. Außerdem vertrat er als stellvertretender Referatsleiter Wirtschaft, Arbeit, Verkehr die Interessen des Freistaats Sachsen beim Bund und war als persönlicher Referent eines Bundestagsabgeordneten tätig.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Kanzleien und Lobbyismus: Wer schreibt die Gesetze? . In: Legal Tribune Online, 02.08.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20164/ (abgerufen am: 25.02.2020 )

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