Megatrend Blockchain: Wirkt wie das Grund­buch - und wie ein Notar

von Dr. Micha-Manuel Bues, MJur. (Oxford)

29.10.2015

Macht die Blockchain Notare und Register überflüssig?

Wenn derzeitige Prognosen stimmen, wird sich durch das Blockchain-Prinzip auch die Art und Weise verändern, wie Rechtsdienstleistungen erbracht werden. Das Blockchain-Prinzip kann zum Beispiel genutzt werden, um bisherige Mittelmänner und zentrale Register zu ersetzen. Im derzeitigen System sind Mittelmänner bzw. Register erforderlich, um Vertrauen zu erzeugen. Wir brauchen Banken, Kreditkartenfirmen, Clearinghäuser und Buchhalter, um Geldschäfte vornehmen zu können.

Im juristischen Bereich sind Notariate und behördliche Register (Handelsregister, Grundbuch etc.) derzeit noch unentbehrlich. Diese Mittelmänner bzw. zentralen Register könnten durch das Blockchain-Prinzip ersetzt werden. Hausverkäufe ohne staatliche Zentralregister sind bereits Realität. Honduras hat sein Grundbuch unlängst auf die Blockchain-Technologie umgestellt. In Deutschland werden die Mühlen wohl langsamer mahlen. Es bleibt mit Spannung abzuwarten, wann und wie der Gesetzgeber auf diese technologischen Entwicklungen reagiert.

Smart Contracts - intelligente Verträge

Ein weiterer Bereich, der durch die Blockchain-Technologie möglich wird, sind intelligente digitale und automatische Verträge - sogenannte Smart Contracts. Hierunter kann man sich, vereinfacht gesagt, Programme vorstellen, welche  die Bedingungen eines Vertrages computerbasiert kontrollieren und einzelne Vertragsbestandteile automatisiert ausführen können. Für die Abwicklung von Smart Contracts sind keine Mittelsmänner oder Anwälte erforderlich. Die Kontrolle und Ausführung der Verträge beruht auf Datenbanken.

Um die Integrität und Verlässlichkeit der Daten zu gewährleisten, kann die Blockchain-Technologie eingesetzt werden. Das Prinzip von Smart Contracts mag folgendes, einfaches Beispiel verdeutlichen: Zwei Sportfans wetten 100 Euro, dass eine bestimmte Fußballmannschaft den DFB-Pokal gewinnt. Die Wette wird in einem Smart Contract festgehalten. Nach Abpfiff des Endspiels wird der Wetteinsatz automatisch ausgezahlt. Der Smart Contract holt sich die Informationen zum Spielergebnis aus einer vorab festgelegten Datenquelle.

Legal Tech wird zum Arbeitsmittel

Durch Smart Contracts wächst die digitale Welt mit dem Recht immer weiter zusammen. Code und Recht verschmelzen, wie es bereits Lawrence Lessig in seinem berühmten Aufsatz formulierte: "Code is Law". Hierdurch wird der Anwalt zwar nicht überflüssig, aber entbehrlicher.

Sein Aufgabenspektrum ändert sich allerdings dramatisch. Programmierkenntnisse werden so wichtig wie das BGB AT. Legal Tech wird vom bloßen Hilfs- zum integralen Arbeitsmittel. Das Recht wird internationaler. Nationale Rechtgrenzen lösen sich auf.

Es ist an der Anwaltschaft, diesen Megatrend nicht nur kritisch aus der Ferne zu betrachten, sondern aktiv mitzugestalten. Und vielleicht sogar ein bisschen Begeisterung für die neuen technologischen Möglichkeiten und Entwicklungen aufzubringen.

Der Autor Dr. Micha-Manuel Bues, MJur. (Oxford), Anwalt und Legal Tech Experte, betreibt den Blog www.legal-tech-blog.de

Zitiervorschlag

Dr. Micha-Manuel Bues, MJur. (Oxford), Megatrend Blockchain: Wirkt wie das Grundbuch - und wie ein Notar . In: Legal Tribune Online, 29.10.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17365/ (abgerufen am: 21.07.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 29.10.2015 17:58, Horst Bestelmeyer

    Ein Blick auf die Anwaltshomepage hat die Vermutung bestätigt, die mich bei der Lektüre des vorliegenden Artikels unwillkürlich beschlich. Der Autor scheint - geht man nach seinen Interessenschwerpunkten - dem deutschen Immobiliarrecht im Allgemeinen und dem deutschen Grundbuchsystem im Besonderen nicht allzu nahe zu stehen. Würde es sich anders verhalten, könnte er das deutsche Grundbuchsystem nicht ernsthaft zur Disposition stellen. An vorgeblich überflüssigen Formalien kann sich nur stören, wem die Rechtssicherheit nichts bedeutet.

    Natürlich kann man das aktuelle Grundbuchsystem durch ein anderes System ersetzen. Wenn ein solches System nicht mehr die Verlässlichkeit des bisherigen Systems garantieren kann, muss man allerdings die Möglichkeit des gutgläubigen Erwerbs suspendieren. Nur: Wer macht mit einem im "Schein-Grundbuch" Eingetragenen dann noch Geschäfte?

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  • 02.11.2015 18:03, MM

    Beim Lesen Ihres Kommentars beschlich mich das Gefühl, dass Sie den Inhalt des Artikels nicht gänzlich erfasst haben. Der Autor hat sich alle Mühe gegeben, eine komplexe Technik und deren zukünftig möglichen Auswirkungen auf den Rechtsbereich in einfachsten Worten zu beschreiben.

    Die Blockchain könnte ohne Weiteres für ein (weltweites) dezentrales elektronisches Grundbuch verwendet werden. Bei entsprechender Umsetzung könnten Eintragungen binnen Minuten sicher zwischen den Parteien abgewickelt werden.

    Notar? - Nicht nötig. Rechtspfleger? - Nicht nötig. Warum? Weil es technisch geht, auch wenn die Adaption in der Realität noch Zukunftsmusik ist. Genau das wollte der Autor m.E. sagen, genau das hat er m.E. gesagt und genau das haben Sie nicht verstanden.

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    • 24.02.2017 10:36, Michael Gehlert

      Vollste Zustimmung! Und eben dieses Verständnisproblem, gepaart mit dem festhalten an, aus vergangenen Jahrhundert(en) geprägten, prozedualen Abläufen ist es, was sinnvolle und nützliche Paradigmenwechsel (evolutionärer Fortschritt?) behindert. Und, (pardon für meine folgende, plakative Ausdrucksweise) damit meine ich nicht, "jeder Sau zu hinterher zu rennen, die gerade durch das Dorf getrieben wird" (Crowd Hyping)
      Diese Thematik erinnert mich an meine Erfahrungen, gewonnen aus rund 500 IT-und Kanzlei-Onlinemarketing Workshops zur Mandantengewinnung für Kanzleientscheider-/Inhaber: Rechtsanwälte/innen sind in der überwältigen Mehrheit sehr arm an IT- und Internet Affinität was an sich nichts Verwerfliches ist und von mir auch nicht bemängelt wird, ist ja schließlich u.a. mein Job, dies zu ändern. Jedoch im Zusammenspiel mit der ebenfalls bei vielen Angehörigen dieses Standes anzutreffenden, aus der Historie heraus offenbar tief verwurzelten "Beratungsresistenz" und der nur schwach ausgeprägten Bereitschaft, Paradigmenwechsel-begleitende, erforderliche Änderungen von Sicht- und Handlungsweisen von anderen Fachkompetenzen anzunehmen, bedeutet dies Festhalten in nicht wenigen Fällen: gehemmte Weiterentwicklung, Mißerfolg. Eines ist allerding unstrittig: (Noch) ist das Berufsbild des Notars/ der Notarin nahezu restistent vor diesen Entwicklungen. Bei praktizierenden Anwälten/innen sieht die jedoch gänzlich anders aus. Die KI-Systeme IBM Watson und ROSS lassen grüßen - Übrigens, ROSS als letztgenannte, fortschrittlichere Künstliche Intelligenz ist bereits in ca. einem Dutzend International agierenden Anwaltskanzleien sehr erfolgreich im Einsatz - und spart eine achtstelligen Betrag jährlich an Personalkosten ein Tendenz steigend.

  • 03.11.2015 17:48, Horst Bestelmeyer

    Nach allem, was man im Internet dazu findet, kann derzeit wohl noch keine Rede davon sein, dass Honduras sein Grundbuchsystem auf die besagte Technologie umgestellt hat, sondern es wird lediglich erwogen, Elemente dieser Technologie zu nutzen, um die bereits vielfach aufgetretene Manipulation von Grundbuchdaten zu verhindern. Es geht also in erster Linie nicht darum, wie die Dinge ins Grundbuch kommen (Stichworte: rechtliche Belehrung durch den Notar nebst Formzwang sowie rechtliche Prüfung der Eintragungsunterlagen durch die bei den Grundbuchämtern tätigen Rechtspfleger), sondern darum, dass die betreffenden Grundbuchdaten dann auch sicher sind und nicht durch korrupte Beamte oder von außen manipuliert werden können.

    Unter diesen Prämissen ist die im Artikel getroffene Aussage, dass Honduras "sein Grundbuch unlängst auf die Blockchain-Technologie umgestellt hat", in der Sache unzutreffend und schlichtweg irreführend, weil der Eindruck erweckt wird, als ob dies alles schon geschehen sei.

    Der größte Feind der Rechtssicherheit war noch nie eine bestimmte Technologie an sich, sondern der Umstand, dass blauäugige Technologiegläubigkeit oft mit barer Rechtsunkenntnis einhergeht. Wie man diesbezüglich zum Schaden der Bürger ein Fiasko anrichtet, wird in Baden-Württemberg mit der "fortschrittlichen" Digitalisierung und Zentralisierung des Grundbuchsystems derzeit exemplarisch vorgeführt.

    Ich nehme zur Kenntnis, dass Sie zu wissen glauben, was ich trotz "einfachster Worte" des Autors (angeblich) nicht verstanden habe. Für den Fall, dass ich wirklich etwas nicht verstehen sollte, stehe ich aber jedenfalls mit meinem Klarnamen zu meinen Aussagen.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 10.11.2015 09:34, MM

    Wayne interessiert Honduras und Ihr Klarname?

    Sie sehen durch eine Lupe auf das Ihnen bekannte und vertraute Bild des Mikrokosmos "Grundbuch", dabei ist der Tellerrand, über den Sie sehen könnten, direkt vor Ihrer Nase. Der Artikel zeichnet eine Bild von dem, was technisch möglich wäre und das ist Lichtjahre von allen derzeitigen Bemühungen - und als mehr möchte ich dieses Elend auch nicht bezeichnen - des elektronischen Rechtsverkehrs entfernt.

    Ich gebe Ihnen recht, dass nicht alles was technisch machbar ist, unkontrolliert umgesetzt werden sollte. Dennoch sollte man sich die Freiheit bewahren, über neue Möglichkeiten unvoreingenommen nachzudenken. Dazu braucht es jedoch ein unverkrampftes und umfassendes Verstehen dessen, was eigentlich möglich ist. In diesem Punkt sehe ich bei den Juristen allerdings deutlichen Nachholbedarf.

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  • 28.10.2016 18:01, Mr. Block

    Blockchain als Grundbuch ist vollkommener Quatsch. Das kann nur jemand behaupten, der entweder Eigeninteressen im Bereich Legaltechs hat oder die Funktion des Grundbuchs und der vorsorgenden Rechtspflege insgesamt nicht im Ansatz verstanden hat. Im Gegenteil wird Sachverhaltsaufklärung, Beratung und Gestaltung (also eine Inputkontrolle der in die Blockchain eingegebenen Daten) bei einem automatisierten Grundbuch sogar noch wichtiger.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 08.03.2018 15:51, Christian Schebitz

      Warum sollte das der Fall sein? Die Daten werden doch jeweils bei der Eingabe "kontrolliert". Dann bleiben Sie unverändert und vertrauenswürdig.

  • 09.05.2017 14:31, Sebastian Förste

    Vielen Dank für den informativen und ausgewogenen Artikel.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 09.05.2017 17:10, Horst Bestelmeyer

    Ob etwas informativ und ausgewogen erscheint, liegt in erster Linie im Auge - und vor allem an den einschlägigen Rechtskenntnissen - des Betrachters. Also entweder fundierte rechtliche Analyse oder der übliche Banalverkehr in den asozialen Netzwerken. Einen Mittelweg zwischen beidem scheint es nicht mehr zu geben.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 08.05.2018 06:42, Dennis

    Spannend, wie die Blockchain auch das Rechtswesen einnehmen kann..
    Einen passenden Artikel habe ich verfasst: https://www.blockchain-infos.de/blockchain-logistik/

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