Digitalisierung verändert das Berufsleben: Agile Anwälte

von von Dr. Christian Lange-Hausstein und Dr. Kevin Weyand

28.11.2017

Juristen müssen Digitalisierungsprozesse der Mandanten begleiten können, meinen Christian Lange-Hausstein und Kevin Weyand. Das kratze nicht nur am anwaltlichen Selbstverständnis, sondern erfordere ein grundlegendes Umdenken.

Ökosystem, datenbasierte Geschäftsmodelle, autonomes Fahren und Transaktionsabwicklung via Blockchain - eines dieser Buzzwords findet sich vermutlich in jedem Digitalisierungsprojekt. Für Anwälte bringt das zahlreiche neue rechtliche Fragestellungen mit sich. Wenig Aufmerksamkeit wird daneben dem Umstand geschenkt, dass Digitalisierungsprojekte in der Regel mit sogenannten agilen Methoden organisiert werden und die rechtliche Beratung selten Teil dieser Organisation ist.

"Und am Ende lassen wir die Rechtsabteilung nochmal drüber schauen", heißt es oft. Die meisten Anwälte, egal ob nun inhouse oder extern, haben bereits die Erfahrung gemacht, zu spät in die Entwicklung von Projekten eingebunden zu werden. Bei größeren Projekten kann das zu gravierenden Verzögerungen und hohen Mehrkosten führen, etwa durch "Extra-Schleifen", durch die die Programmierer nach den Hinweisen der Juristen hindurchmüssen.

Digitale Projekte und agile Methoden

Digitalisierung in Unternehmen findet in der Schnittmenge von unklaren Zielen und unklaren Lösungswegen statt (sog. Stacey-Matrix). Um diesem Maximum an Unklarheit Herr zu werden, verwenden die meisten Entwicklungsteams agile Methoden. Die Grundprinzipien agiler Methoden stammen aus der Software-Entwicklung. Sie sind zusammengefasst im sogenannten Agile Manifesto und lauten wie folgt:


•    Individuen und Interaktion sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge
•    Lauffähige Software ist wichtiger als eine umfangreiche Dokumentation
•    Die Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlungen
•    Die Reaktion auf Änderungen ist wichtiger als das Befolgen eines Plans

Agiles Arbeiten auf Basis dieser Grundprinzipien bedeutet, dass adaptives Planen und dynamische Abstimmung im Projektteam an die Stelle von umfangreichen und starren Vorplanungen in Form von verschriftlichten Leistungsbeschreibungen und Projektplänen treten. Als besonders hilfreich für das Projektmanagement auf Basis agiler Methoden hat sich dabei das Vorgehen nach "Scrum" erwiesen.

Der Jurist gehört in das Entwicklungsteam

Projekte werden teilweise immer noch ohne die begleitende Beratung eines Juristen begonnen. Sie sind häufig nur "fachlich" und "vertrieblich" besetzt, also dem (meist technischen) Kern der Sache entsprechend. Bei einem Vorgehen nach Scrum ist das anders. Dort gibt es drei Rollen: Product Owner, Scrum Master und Mitglied des Entwicklungsteams. Der Produkt Owner legt die grundlegenden Anforderungen an das Produkt fest. Er steht für die "Stakeholder" des Projekts, insbesondere die Nutzer des zu entwickelnden Produkts. Der Scrum Master wird vor allem als Unterstützer und Moderator tätig. Und das Entwicklungsteam entwickelt das Produkt.

Die Mitglieder des interdisziplinär zusammengesetzten Entwicklungsteams müssen, so jedenfalls die Grundidee, gemeinsam über alle Kompetenzen verfügen, die erforderlich sind, um das Projekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Insbesondere in regulierten Industrien sollte zu diesem Entwicklungsteam deshalb auch ein Jurist gehören, der die rechtssichere Planung und Umsetzung des Projekts gewährleistet. Aber auch bei der Entwicklung nicht-regulierter Geschäftsmodelle sollte er nicht fehlen: Die allgegenwärtige Verwendung personenbezogener Daten und die Digitalisierung des Vertriebs sind nur zwei Einflüsse, die neue Ideen insbesondere in datenschutz- und wettbewerbsrechtliche Bahnen zwängen.

Dem Juristen kommt dabei eine Eigenschaft des Scrum-Verfahrens zugute: Innerhalb des Entwicklungsteams gibt es keine Hierarchiestufen. Alle Mitglieder des Entwicklungsteams verfügen über dieselben Rechte und Pflichten. Der Jurist ist dann nicht mehr der "Spielverderber", dessen nachträgliche Hinweise für jede Menge zusätzlicher Arbeit sorgen, sondern von Anfang an dabei.

Ständig neu priorisieren

Während eines "Sprints", wie die einzelnen Projektphasen genannt werden, trifft sich das Entwicklungsteam in der Regel täglich (Daily Scrum), um den Projektfortschritt zu besprechen. Ist ein Sprint abgeschlossen, wird das jeweilige Zwischenergebnis in einem Sprint Review evaluiert.

Entscheidend ist, dass während der Arbeit nach dem Scrum-Verfahren die einzelnen Arbeitsschritte immer wieder neu priorisiert werden. Im Rahmen der Planung noch relevant erscheinende Projektschritte können sich dabei als wertlos erweisen. Aufkommende rechtliche Hürden können dazu zwingen, anders abzubiegen als geplant. Die Anwendung agiler Methoden auf die anwaltliche Arbeit ist unter diesen Bedingungen verschiedenen Herausforderungen ausgesetzt.

Zitiervorschlag

von Dr. Christian Lange-Hausstein und Dr. Kevin Weyand, Digitalisierung verändert das Berufsleben: Agile Anwälte . In: Legal Tribune Online, 28.11.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/25721/ (abgerufen am: 21.09.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 28.11.2017 13:30, M.D.

    Wenn ich den Artikel richtig verstanden habe, dann wird dafür geworben, dass Juristen auf Stundenlohnbasis Programmierern bei der Arbeit zuschauen. Brilliant!

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 28.11.2017 14:36, Alexander S.

    @M.D.

    Meines Erachtens legt der Artikel den Finger in die Wunde: Juristen werden 1) nicht rechtzeitig in Business 4.0 Projekte eingebunden und 2) sind oftmals nicht technisch interessiert. Die Lösung kann als Jurist nicht sein, Programmieren bei der Arbeit zuzuschauen. Das Ziel des Juristen muss sein, mit denjenigen, die Digitalisierung im Unternehmen umsetzen (technisch, kommerziell, organisatorisch) Hand in Hand (auch in der Sache auf Augenhöhe) zusammenzuarbeiten.

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  • 28.11.2017 17:04, M.H.

    Es stimmt nicht ganz, dass diese „Querschnittsmaterie“ nicht unterrichtet wird. Im Masterstudiengang Medienrecht der TH Köln lernen Juristen in diesem Bereich. Die im Artikel genannten Rechtsgebiete werden im Laufe des Studiums bearbeitet.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 28.11.2017 19:23, Klaus

    Anwälte wird es immer geben,
    weil Frauen wollen einen intelligenten Mann, der ihnen bei Problemen zu hört.
    Kein Computer der Welt kann das leisten.

    Umgekehrt natürlich auch: Hübsche Anwältinnen mit nackten Fußsohlen werden von Männern mit oder ohne Fußfetish gerne beauftragt als Computer, da die Fußfreundeseiten dort nur Bilder haben. Alte häßliche Schabracken haben, egal ob mit oder ohne Schuhe wie immer das nachsehen.

    Aber das ist ja nichts neues.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 28.11.2017 20:19, M.D.

    Vor meinem Jurastudium habe ich Informatik studiert. Mein gesamter Bekanntenkreis besteht aus Informatikern. Die kennen allesamt Dilbert und sie würden sich über nichts mehr freuen, als wenn ein Jurist am Arbeitsplatz auftaucht und permanent "interessante" Verbesserungsvorschläge macht. Da bin ich mir absolut sicher.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 07.12.2017 18:18, Dobke, Ullrich

      QUATSCH NICHT ! MACH DU ES!!!

  • 30.11.2017 23:27, Elisabeth Schwabe

    Der Vergleich gefällt mir: Die zentrale Herausforderung für Juristen bei der Arbeit nach dem Scrum-Verfahren betrifft das anwaltliche Selbstverständnis. Agile Methoden sehen vor, dass die an einem Entwicklungsteam beteiligten Akteure einander vorläufige Arbeitsergebnisse präsentieren, die sich häufig als unausgereifte Prototypen herausstellen und verworfen werden. Den Mandanten den Blick in den "Maschinenraum" zu überlassen, ist für Juristen allerdings untypisch.

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