Nachdem der Palandt Palandt bleibt: Wer war eigent­lich Otto Lieb­mann?

von Jonas Höltig

18.12.2017

"Den" Palandt kennt jeder Jurist. Er wird nach der jüngsten Entscheidung des herausgebenden Verlags auch weiter so heißen – und damit nicht dem Andenken desjenigen gerecht, dessen Idee er eigentlich war, meint Jonas Höltig.

Der Palandt wird weiter Palandt heißen, verkündete der herausgebende Beck-Verlag kürzlich. Die Debatte um die Umbenennung des Beck'schen Kurzkommentars ist damit aber nicht zu Ende. Die bisherigen Diskussionsbeiträge befassen sich dabei vor allem mit Otto Palandt, dessen Lebensgeschichte und nationalsozialistische Vergangenheit gut dokumentiert sind. Auch die Argumentation des Beck-Verlags, den BGB-Kommentar nicht umzubenennen, fokussiert sich auf diese Person: Die Beibehaltung des etablierten Namens und die Einfügung erklärender Hinweise gäben einen Anlass für die Beschäftigung mit der Person Palandt. Ein wichtiger Aspekt gerät dabei aber aus dem Blickfeld. Kaum jemand fragt sich: Wer war eigentlich Otto Liebmann, den die Palandt-umbenennen-Initiative als neuen Namensgeber vorschlägt?

Man stelle sich vor, in 75 Jahren würde man den Namen "Axel Springer" in eine Suchmaschine eingeben und es gäbe keinen Wikipedia-Eintrag und auch sonst nicht viel mehr als einen zehn Jahre alten Zeitungsartikel – ein undenkbares Szenario. Genau das aber ist Liebmanns Schicksal, dessen Verlag seinerzeit in der juristischen Fachöffentlichkeit bekannt und geschätzt war. Sein Name wurde aus dem öffentlichen Bewusstsein praktisch getilgt – ein erschütternder Beleg für die brutale Effektivität, mit der jüdische Menschen wie Liebmann ab 1933 exkludiert und entrechtet wurden. Schließlich war es der von Liebmann 1890 gegründete gleichnamige Verlag, der vor allem mit seinen Kurzkommentaren und der Deutschen Juristenzeitung (DJZ) Werke auf den Markt brachte, die die juristische Fachwelt seinerzeit entscheidend mitprägten.

Junger Unternehmer, der an das "Erwachen des Volkes" glaubte

Liebmann wurde 1865 in Mainz geboren. Bereits im Alter von 25 Jahren gründete er seinen Verlag, dessen rechtswissenschaftliche Sparte 1896 die DJZ schuf. Sein Unternehmen lief gut. Im Laufe der Jahre wuchs das Angebot an juristischer Fachliteratur beständig und Liebmann wurde 1908 die Ehrendoktorwürde von der Universität Heidelberg verliehen. Der inzwischen wohlhabende Verleger hatte zwei Töchter und einen Sohn, Karl Wilhelm, der eines Tages den Verlag des Vaters übernehmen sollte.

Über die Allianz von Hindenburg und Hitler vom 21. März 1933 hatte sich Liebmann als jüdisch-deutscher Nationalist noch gefreut – er sah darin ein "Erwachen […] des deutschen Volkes". Auch die DJZ veränderte sich bereits unter Liebmann und unterstützte die Abschaffung der Demokratie. Doch Liebmanns nationalistische Einstellung nützte ihm nichts: Noch 1933 wurde ihm wegen der zunehmenden antisemitischen Diskriminierungen klar, dass jüdische Unternehmer in der neuen Gesellschaftsordnung keine Zukunft hatten. Er sah sich gezwungen, sein Lebenswerk zu verkaufen.

Der Münchener Verleger Heinrich Beck witterte die Chance, nicht nur die umsatzstarken Kurzkommentare Liebmanns in das eigene Geschäft aufzunehmen, sondern auch in der damaligen Hauptstadt Fuß zu fassen. Beck wickelte den Unternehmenskauf juristisch korrekt ab - doch er nutzte die Zwangslage Liebmanns aus und erwarb den Verlag des jüdischen Verlegers deutlich unter Wert.

Zitiervorschlag

Jonas Höltig, Nachdem der Palandt Palandt bleibt: Wer war eigentlich Otto Liebmann? . In: Legal Tribune Online, 18.12.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/26073/ (abgerufen am: 16.12.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 18.12.2017 12:31, @Topic

    Kann man die Entscheidung des Beck-Verlages, den Palandt nicht umzubenennen, nicht einfach akzeptieren? Wenn die Nutzer das blöd finden, dann werden sie den Palandt einfach nicht mehr kaufen und womöglich denkt der Beck-Verlag dann doch noch mal über eine Umbenennung nach. Oder ist man hier wieder schlauer als der Rest und weiß, was für diesen gut ist?

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    • 18.12.2017 13:37, Referendar

      "Nicht mehr kaufen" ist nur eingeschränkt umsetzbar, da dieses Werk der einzige im zweiten Staatsexamen zugelassene Kommentar zum BGB ist (vgl. http://www.beck-shop.de/Hilfsmittelverordnungen/productview.aspx?product=10060).

    • 18.12.2017 13:49, @Topic

      Ok, aber wenn nur noch Referendare den Palandt kauften, dann wäre er für den Verlag wohl kaum noch rentabel.

    • 18.12.2017 15:14, Peter

      Wieso? Das ganze Thema bietet doch noch jahrzehntelang Stoff für jeden HiWi am Lehrstuhl mal was zu schreiben. Ich warte ja noch drauf, dass die ganzen HiWis soviel Rückgrat haben und sagen: Nein, bei einem Unternehmen der Beck-Verlagsgruppe veröffentliche ich nicht meine Diss oder beteilige mich auch nicht an Kommentaren oder Lehrbücher.

  • 18.12.2017 12:48, Forever young

    Schöner Beitrag. Trotzdem eine Verständnisfrage zur Überschrift "Junger Unternehmer, der an das "Erwachen des Volkes" glaubte": War Liebmann ein junger Unternehmer, als er 1933 an das Erwachen des deutschen Volks glaubte? Und wie alt war er, als er 1934 arbeitslos wurde (bzw. was machen die meisten Leute in diesem Alter)?

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    • 18.12.2017 13:03, B.

      Die Tücken der neuen Medien. Ich schätze, die Zwischenüberschrift hat das System geholfen zusammenzubauen, wie das oft der Fall ist und ziemlichen Müll ergeben kann. Irgendwo steht, dass er jung als Unternehmer gestartet ist und erfolgreich war und später folgt das anderes Stück Text, das nicht ganz dazu passt, weil er es erst als älterer Herr äußerte.

      Mit 69 war er wirklich nicht mehr jung, als er "in Rente" musste. Nun weiß ich a) nicht ob das 1934 die Regelaltersrente war oder b) so ein Unternehmer auch gut und gerne mal bis zum Umfallen geschuftet hat.

    • 18.12.2017 13:04, B.

      Das schreckliche daran ist, wie extrem Redaktion und Lektorat von Texten in den letzten 10 Jahren durch die Wege der Online-Veröffentlichung gelitten haben. Auch im Druck.

    • 18.12.2017 13:05, B.

      Das Schreckliche daran ist, wie extrem Redaktion und Lektorat von Texten in den letzten 10 Jahren durch die Wege der Online-Veröffentlichung gelitten haben. Auch im Druck.

  • 18.12.2017 13:15, Henner Suerbrodt

    Zitat aus dem Beitrag: ""Der" Palandt wird Liebmann solange aus dem Bewusstsein drängen, wie er Palandt heißt."

    Bei aller Kritik am Namen "Palandt" leuchtet mir diese Schlussfolgerung nicht ein. Wenn der Palandt anders hieße, würde der Name Liebmann auch nicht stärker ins Bewusstsein gerückt. Das wäre nur der Fall, wenn das Werk in "Liebmann" umbenannt würde. Da Liebmann mit dem Kommentar aber inhaltlich nichts zu tun hatte, wird man ihn auch nicht nach ihm benennen können. Seinen Verlag mit der von ihm entwickelten Kurz-Kommentar-Reihe hatte Liebmann 1933 verkaufen müssen, der neue BGB-Kommentar erschien hingegen erst 1938. Dafür, dass der Palandt in Wahrheit Liebmanns Idee war, wie Höltig oben schreibt, hätte ich vor diesem Hintergrund gern mal einen Beleg.

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    • 19.12.2017 09:51, AB

      Ja, mein Eindruck von dem Artikel ist, dass es als etwas zu selbstverständlich betrachtet wird, dass der Kommentar Liebmann heißen sollte.

      Angenommen die NSDAP wäre nicht an die Macht gekommen und Liebmann hätte seinen Verlag nicht verkaufen müssen, dann würde der Kommentar aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem nicht nach ihm benannt sein, schließlich war es ganz gang und gäbe Kommentare nach dem Herausgeber, nicht dem Verleger zu benennen.

      Wie genau haben wir uns das vorzustellen, dass der Kommentar Liebmanns Idee war? Was war diese Idee, was ist der Grund, sie konkret mit diesem Kommentar zu identifizieren?

  • 18.12.2017 13:18, Ozelot

    Hier wartet eine große Chance auf Seiten des Beck Verlags, geschehenes Unrecht wenigstens anzuerkennen und den eigenen Anteil an der Misere der Familie Liebmann einzugestehen. Ob Liebmann Hitler zunächst auf den Leim gegangen ist, so wie es vielen Menschen damals erging, ist für mich überhaupt kein Ausschlusskriterium.

    Im Übrigen sollte man sich in Erinnerung rufen, dass Vermögenswerte, die unter Einfluss- oder Zuhilfenahme des NS-Regimes erlangt wurden, schon mal einer Regressforderung unterfallen können.

    Ich werde jedenfalls von jetzt an nur noch im "Liebmann" nachschlagen.

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    • 18.12.2017 13:29, Henner Suerbrodt

      Dann lesen Sie mal nach, wie der Verkauf des Liebmann-Verlags ablief, was Otto Liebmann über Heinrich Beck sagte und was nach dem Krieg geschah, z.B. bei Uwe Wesel, 250 Jahre rechtswissenschaftlicher Verlag C.H.Beck.

    • 18.12.2017 14:26, Ozelot

      Da lese ich lieber die Ausarbeitung von Stefan Rebenich, der die Einverleibung des Lebenswerks der Familie Liebmann in den Beck Verlag nicht als einen eher normalen Geschäftsgang bezeichnet. Ich glaube ohnehin, dass an jedem geschäftlichen Kontakt, an dem Hans Frank mitgewirkt haben soll, berechtigte Zweifel bestehen dürfen.

    • 21.12.2017 21:30, Justitiar

      Na ja, offenbar gehörte er zu den rechtskonservativen Feinden der Republik, ohne deren Zutun die Macht nie an Hitler übergeben worden wäre. Vielleicht hätte es eine andere rechtsgerichtete Regierung gegebebn, vielleicht auch Schleichers Querfront oder eine Militäridktatur. Aber zwei Dinge mit Sichergeit nicht: Den Genozid an den europäischen Juden und den Rasse- und Vernichtungskrieg gegen die UdSSR. Das sollte man schon berücksichtigen wenn man über Leute dieser politischen Richtung redet,. Frei von Schuld sind die nicht.

  • 18.12.2017 16:29, Leon

    Wie hieß denn der Herr Palandt mit Vornamen? Wann wurde er denn geboren?

    Wer zum Palandt greift, tut dies doch nicht, um den namensstiftenden Herrn zu ehren oder näheres über ihn zu erfahren. "Der Palandt" ist längst ein eigenständiger Begriff geworden, der von seinem Namensgeber komplett abstrahiert ist.

    Die moralisierende Betrachtung des Autors in allen Ehren, aber sie ist hier fehl am Platze. Eine Umbenennung würde Herrn Liebmann nichts nützen, aber völlig unnötige Verwirrung bei den Verwendern stiften.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 19.12.2017 09:08, header

      Sogesehen könnte man den Kommentar auch einfach "Otto" nennen. Fände ich auch gar nicht so schlecht. Allerdings ist es mir auch egal, da ich eh nicht mehr zum Papierkommentar greife, sondern nur noch zu beck-online. Und wie der Kommentar da heißt, ist mir wurscht.

    • 19.12.2017 18:19, Lionel Hutz

      Vielleicht ist Ihnen deswegen noch nicht aufgefallen, dass es in Beck-Online den "Palandt" nicht gibt, da Herr Beck seine Umsatzgaranten nicht kannibalisieren will! Inzwischen schaue ich deswegen so oft in den MüKo wie nie zuvor ... Und "Beck'scher Online-Großkommentar" ist politisch völlig konfliktfrei.

  • 20.02.2018 22:55, Horst

    Verstößt es nicht gegen die Gewissensfreiheit, wenn man im Examen gezwungen wird, den "Palandt" zu verwenden???????

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