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Kündigung wegen außerdienstlichen Verhaltens: Die Sch­merz­g­renze im Fall Großk­reutz

von Dr. Rouven Schwab, LL.M.

07.03.2017

Nach der Verwicklung in eine Schlägerei haben sich Kevin Großkreutz und der VfB Stuttgart einvernehmlich getrennt. Rouven Schwab zur dennoch aufgeworfenen Frage, wann außerdienstliches Verhalten eine außerordentliche Kündigung rechtfertigt.

Laut Pressemitteilung des Zweitligisten VfB Stuttgart hat sich der Verein von seinem Lizenzspieler Kevin Großkreutz einvernehmlich getrennt. Danach hat die Verwicklung des Profifußballers in eine Schlägerei während seiner privaten Freizeit zu der Entscheidung geführt. In der öffentlichen Berichterstattung heißt es zudem, Großkreutz habe zuvor zusammen mit Jugendspielern des VfB Stuttgart ein Bordell besucht.

Der Fall wirft erneut die Frage auf, ob ein Arbeitgeber das außerdienstliche Verhalten seines Mitarbeiters mit einer außerordentlichen Kündigung sanktionieren darf. Der mit dem VfB Stuttgart abgeschlossene Lizenzspielervertrag dürfte ein ordentliches Kündigungsrecht nicht beinhalten, da er auf Zeit abgeschlossen ist. Ausgehend von dieser Prämisse wäre nur eine außerordentliche, verhaltensbedingte Kündigung für den Verein in Betracht gekommen, um sich von Großkreutz einseitig zu trennen.

Grundsätzlich gilt, dass das außerdienstliche Verhalten des Arbeitnehmers die sich aus dem Arbeitsverhältnis ergebenden Rechte und Pflichten nicht berührt. Das führt dazu, dass der Arbeitnehmer nicht verpflichtet ist, ein "ordentliches und gesittetes" Leben zu führen. Obwohl der Arbeitgeber nicht Sittenwächter des Arbeitnehmers ist, erlaubt die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG) ausnahmsweise Kündigungen für außerdienstliches Verhalten, wenn dadurch das Arbeitsverhältnis beeinträchtigt wird.

Kündigung nach außerdienstlichem Verhalten

Zunächst dürfte man dabei an Tendenzbetriebe im Sinne des § 118 Betriebsverfassungsgesetz denken. Gerade im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses mit einem solchen Betrieb besteht für den Arbeitnehmer die arbeitsvertragliche Nebenpflicht, sich so zu verhalten, dass das unternehmerische Tun des Arbeitgebers nicht übermäßig beeinträchtigt wird. Allen voran haben die Kirchen von Verfassungs wegen einen erheblichen Freiraum darüber zu bestimmen, in welchem Maße ihre Arbeitnehmer sich an die kirchliche Glaubens- beziehungsweise Sittenlehre halten müssen.

Aber auch außerhalb von Tendenzbetrieben wird angenommen, dass außerdienstliches Verhalten dann kündigungsrelevant ist, wenn es sich innerbetrieblich auswirkt. Das ist beispielsweise bei Begehung von Straftaten (Alkoholkonsum eines Piloten vor Flug) oder Rufschädigungen des Arbeitgebers (unternehmensschädliche Äußerungen zu internen Vorgängen) der Fall. Bei leitenden Angestellten kommt eine verhaltensbedingte Kündigung schon dann in Betracht, wenn durch ihr außerdienstliches Verhalten das Ansehen des Arbeitgebers schwer beeinträchtigt wird.

Im Fall Großkreutz kann dahinstehen, ob er nun tatsächlich eine Straftat begangen hat, etwa durch den angeblichen Bordellbesuch mit minderjährigen Nachwuchsfußballspielern des VfB Stuttgart. Aus arbeitsrechtlicher Sicht ist allein entscheidend, ob der Verstoß gegen Haupt- oder Nebenpflichten aus dem Arbeitsverhältnis so schwerwiegend ist, dass dem Verein bei Berücksichtigung der Gesamtumstände ein Festhalten am Vertrag bis zum Ablauf der Kündigungsfrist nicht zugemutet werden kann.

Image des VfB Stuttgart leidet

Als ehemaliger Nationalspieler und Profi des Zweitligisten steht Großkreutz im Fokus der Öffentlichkeit. Er ist aufgrund des nebenvertraglichen Rücksichtnahmegebotes gegenüber seinem Arbeitgeber verpflichtet, sich auch außerdienstlich so zu verhalten, dass das Ansehen seines Vereins in der Öffentlichkeit nicht beeinträchtigt wird. Durch die Presseberichterstattung erscheint der VfB in der öffentlichen Wahrnehmung als Unternehmen, das sich in ihrer Freizeit prügelnde  (egal, ob verschuldet oder nicht) und noch dazu mit minderjährigen Nachwuchsspielern Bordell besuchende Fußballprofis beschäftigt.

Dies muss ein Arbeitgeber sicher nicht hinnehmen. Die in der Pressemitteilung bemühte Vorbildfunktion für den Verein und dessen Nachwuchsspieler taugt aber nicht, um ernsthaft eine außerordentliche, verhaltensbedingte Kündigung in Betracht zu ziehen. Eine vertragliche (Neben-)Pflicht eines Profifußballspielers, sich vorbildlich zu verhalten, besteht nämlich gerade nicht.

Vertragsauflösung als Kompromiss

Man weiß nicht, ob sich Großkreutz wie zu seinen Dortmunder Zeiten weitere Eskapaden wie das Urinieren in eine Hotellobby oder den Wurf mit einem Döner auf eine andere Person auch beim VfB Stuttgart geleistet hat. Basierend auf den vorliegenden Informationen darf man aber schon daran zweifeln, ob eine außerordentliche Kündigung gerechtfertigt gewesen wäre.

Sicher war das Verhalten des Profifußballers indiskutabel, das Image des Vereins leidet zweifellos. Aber stellt sein Verhalten eine derart schwere Pflichtverletzung dar, der man als letztes Mittel nur mit einer außerordentlichen Kündigung begegnen kann? Dies ist sicher ein Grenzfall mit der Tendenz dahingehend, dass eine außerordentliche Kündigung einer gerichtlichen Prüfung wohl nicht standgehalten hätte.       

In Anbetracht dessen, dass der Lizenzspielervertrag wohl kein ordentliches Kündigungsrecht vorsah, wird der VfB Stuttgart Großkreutz eröffnet haben, dass er nicht mehr für den Verein Fußball spielen wird, und ihm eine Abfindung zur Vertragsauflösung angeboten haben. Mit der Vertragsauflösung hat sich Großkreutz – sicher anwaltlich gut beraten – am Ende geschickt aus der Affäre gezogen.  

Der Autor Dr. Rouven Schwab ist Rechtsanwalt und Partner bei Squire Patton Boggs in Frankfurt. Er berät nationale und internationale Mandanten vornehmlich im Wirtschafts- und Arbeitsrecht.

Zitiervorschlag

Dr. Rouven Schwab, LL.M., Kündigung wegen außerdienstlichen Verhaltens: Die Schmerzgrenze im Fall Großkreutz . In: Legal Tribune Online, 07.03.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/22290/ (abgerufen am: 27.05.2019 )

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Kommentare
  • 08.03.2017 23:31, Jorge

    Uups, wenn alle Verfehlungen so bestaft würden, wäre der VFB auch nicht mehr da. Warum nicht einmal verzeihen und Kevin die 2. Chance geben. Wäre doch mal was anderes in dieser komischen Zeit, wo es keine 2. Chance mehr gibt. Jungs, nun könnt Ihr mal Euer Image aufpolieren, oder wollt Ihr als Standard 0815 Saubermänner in die Analen eingehen. Think about it !

    • 09.03.2017 19:16, Georges

      Wenn man die Liste der Jugendsünden aus der schwarzgelben Phase bedenkt, hatte er die 2. Chance schon längst erhalten und diese letztlich auch in die Tonne getreten.

  • 09.03.2017 09:57, gerdth

    Dem stimme voll zu!!!! Jeder hat eine Zwiete Chance verdient nur der Großkreuz nicht.Was da bei Lanz gestern Abend alles gelabert wurde, war schon nicht zu ertragen. Da hieß es zum Beispiel das der BVB einige " Vorkonisse" unter den Tisch gekehrt hätte. Bullshit!!! als der Junge beim BVB spielte war er noch Nass hinter den Ohren!!! Die haben doch mit der Vertragsunterzeichnung kein Verzicht auf Leben unterzeichnet.Da gibt es aus der Vergangenheit größere Verfehlungen. Ich denke da an Herrn Effenberg, der während eines WM Spiels das Spielfeld mit gezeigtem Stinkefinger den Platz verlies. Das wäre ein Grund gewesen darüber nachzudenken dieses Verhalten zu hinterfragen. Oder Herr Kliensmann der den Trainer als Wichser beschimoft und und die Werbetonne zertritt. Scholl wird von Beckenbauer in Schutz genommen (ja mei ihr kennts doch den Scholli) ebenfalls den Trainer Wichser genannt, und zwar so das es im FS zu hören war. Nun war der Großkreuz während seiner Freizeit im Puff und hat was aufs Maul bekommen, gleich in den Ruhestand zu jagen. Pfui VFB, seht euch mal an wie der sich für euch den Arsch aufgerissen hat!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  • 09.03.2017 18:14, Oliver Ermert

    Auf Grundlage der bekannt gewordenen Vorwürfe hätte man Großkreutz nicht kündigen können. Die Schlägerei scheidet als Kündigungsgrund aus. Er hat sie ja nicht angefangen, so daß es am Verschulden für eine verhaltensbedingte Kündigung fehlt. Eine verhaltensbedingte Kündigung kann ja nicht darauf gestützt werden, daß der Arbeitnehmer Opfer einer Straftat wird. Der Bordellbesuch selbst taugt auch nicht als Kündigungsgrund. Der Besuch eines Bordells ist weder verboten noch verwerflich. Ob nun Minderjährige in seiner Begleitung waren, ist unerheblich. Großkreutz hatte weder das Sorgerecht für die Nachwuchsspieler noch eine Garantenpflicht. Ich vermag auch nicht zu erkennen, daß das Ansehen des VFB Stuttgart gelitten hätte. Der Ruf eines Spielers, der in eine Hotellobby uriniert und mit einem Döner um sich wirft, ist schon ramponiert. Der VFB hat Großkreutz in Kenntnis dieser Eskapaden verpflichtet. Die Tatsache, daß sich bislang über 30.000 Fans für eine Rückkehr von Großkreutz ausgesprochen haben, dokumentiert ebenfalls, daß das Ansehen des VFB nicht gelitten hat.

  • 09.03.2017 20:47, S. Weinert

    Die Jugendakademie des VfB Stuttgart hat international einen hervorragenden Ruf, nur Schalke hat mehr Jugendspieler in den bezahlten Fußball gebracht. Diese Marke dient sicherlich nicht nur dem Image, sie ist viel mehr bares Geld wert. Spieler wie Gomez, Kimmich, Gnabry etc. haben bares Geld in die klamme Kasse gebracht und auch für die Zukunft soll dieses Geschäftsfeld sicherlich für die Bilanz Früchte tragen. Wie aber soll man als Verein die Eltern potentieller (oder im fraglos bestehenden Wettbewerb um bereits erkannte) Talente von den Vorzügen einer (Internats-)Ausbildung an der Jugendakademie des VfB überzeugen, wenn dazu neuerdings auch Bordellbesuche und Schlägereien zählen? Abgesehen davon, dass hier auch der VfB seine (Aufsichts-)Pflichten gröblichst missachtet hat und einen Teil der Schuld auf seine eigene Kappe nehmen muss, kann man ein solches Verhalten eines Angestellten nicht dulden. Um den Ruf der Akademie und des Vereins zu wahren - oder wiederherzustellen, gab es gar keine andere Option.

  • 10.03.2017 07:12, jochen

    Was ist eigentlich so verwerflich daran, mit einem Döner zu werfen, daß man ein solches Theater darum macht? Daß man ein gottgeschenktes Lebensmittel mißachtet? Oder ein Symbol mit Migrationshintergrund (wobei die Frage nach dem Erfinder mal ungeprüft bleibt) mit Füßen tritt? Hätte Herr G. besser mit einer Bierflasche (so echt regional deutsch), mit einem Aschenbecher (den gemeingefährlichen Rauchern müssen wir es mal zeigen) oder vielleicht mit einem Stuhl (wofür könnte der stehen?) werfen sollen?
    Am besten hätte er selbstverständlich gar nichts werfen sollen. Aber wenn schon, dann doch lieber ein Dönerwurf mit der Möglichkeit, das Ziel zu verfehlen, als das allseits beliebte, gesellschaftlich anerkannte und ach so witzige Torte-ins-Gesicht-Drücken.

  • 10.03.2017 08:31, Nicht vergleichbar

    Ich glaube nicht, dass die allgemeinen Kündigungsschutzregeln ohne weiteres anwendbar sind. Jedenfalls nicht ohne Modifikation im Hinblick auf die herausgehobene Stellung des Fußballs im allgemeinen und der Spieler im speziellen.

    Ohne den Vertrag im Detail zu kennen (hat jemand den Originaltext zur Hand?) gehe ich doch davon aus, dass er entsprechende Klauseln enthält, wenn man durch sein ausserdienstliches Verhalten das Ansehen des Arbeitgegers und des Sports insgesamt schädigt.

    Und es ist immer noch ein Unterschied, was man auf dem Platz, in der Hitze des Spiels oder in Reaktion auf die Fans macht (Stichwort Effenberg, Klinsmann, Basler, Kahn, etc. Schon komisch, wie viele Bayern-Spieler in der Liste der auffallenden Deppen vorkommen... naja) oder ob man in seiner Freizeit mit Lebensmitteln (egal welcher Herkunft, @jochen) schmeißt.

    Der arme Kevin (mit dem Namen ist er eigentlich genug gestraft, wenn man´s bedenkt...) wird in der Zwischenzeit nicht verhungern und spätestens zur neuen Saison findet er auch einen neuen Verein. RB Leipzig sucht doch bestimmt noch... oder in Japan oder in China ... da verdient man auch Geld ... und wenn man mit Reis wirft, ist das Verletzungsrisiko auch geringer.

    Statt uns mit solchem Pillepalle zu beschäftigen, könnten wir mal darüber nachdenken, was man mit den Milliarden, die im Fußball fließen anderes, SINNVOLLES, für die Gesellschaft anstellen könnte. Kindergärten bauen zum Beispiel. Aber hey, Hauptsache, wir haben Samstag Nachmittag einen guten Grund, das erste Bier schon um 15:30 Uhr aufzumachen...

    • 10.03.2017 11:23, Michael Santak

      ...und auf der Fahrt ins Stadion trocken bleiben???

  • 10.03.2017 11:20, Michael Santak

    Wie im Fernsehen zu sehen war, hat Kevin Großkreutz eine Augenwunde von der Schlägerei davongetragen. Daher war er nicht voll einsatzfähig und hat seine vertragliche Pflicht verletzt, seine Arbeitskraft nicht zu beschädigen bzw. gesundheitsschädliche Aktivitäten zu betreiben. Ein Imageschaden ist schwierig nachzuweisen, zumal es gerade anders herum sein könnte: Das Raubein-Image von Kevin Großkreutz mag den VfB Stuttgart mitbewogen haben, ihn zu verpflichten - als kämpferisches Vorbild für die eigenen Spieler und als Identifikationsfigur für die Fans.

  • 10.03.2017 13:01, Julia Ponten

    Ich finde diese Entscheidung einfach viel zu übertrieben, das kann es doch nicht sein. Dieser arme Kerl wird verprügelt ( von einem unter 21 jährigen Türken ) der schon mehrmals wegen aggressiven Verhaltens auffällig geworden ist , und jetzt steht ihm sein Verein noch nicht mal zur Seite sondern schmeißt ihn raus???
    In was für einer Welt leben wir denn hier bitte..? Da kann man doch nur noch mit dem Kopf schütteln

    • 10.03.2017 20:58, Hä?

      Wäre es dir lieber wenn er von einem "anständigen Deutschen" verprügelt worden wäre? Lass dich diesen widerlichen rechten Subtext einfach weg. Zum kotzen.

  • 10.03.2017 21:12, Julia Ponten

    Pass mal auf Liebelein... es ist ja wohl Fakt das sich hier viele Ausländer daneben benehmen und sich unserem Land und unserer Kultur "null" anpassen! Und die, die das nicht tun müssten sofort rausgeschmissen werden aus Deutschland, ganz einfach.. und ob ich jetzt hier irgendwelche Rechtsradikalen Kommentare ablasse oder nicht hat dich mal gerade nen Scheissdreck zu interessieren.. ich denke das ich meine Meinung hier frei äußern darf.. wenn es dir nicht passt ist das nicht mein Problem

    • 12.03.2017 16:22, Ach so

      Da hast du Recht, Mäuschen. Du darfst natürlich mit Deiner freien Meinung Nazi sein so viel du willst. Wenn das auch zufällig Bezug zum Thema des Artikels hätte wäre das natürlich besser. Aber Hey. Kein Ding. Ich mach das einfach auch so, finde Dich und Deinen rechten Unfug mit meinem er eigene freien Meinung einfach Scheisse und die Welt ist im Gleichgewicht. Schön.

      Seit wann ist es eigentlich bei Frauen hipp geworden, braunen Unfug zu schreiben? Bisher fielen überwiegend haar- und hirnlose Männer damit auf. Hast du nicht noch Bügelwäsche oder Abwasch zu machen, Julchen?

  • 11.03.2017 08:01, Regenbogen

    Ich muss mal nachfragen: Sind Bundesligaspieler angestellte AN?
    Ich nahm an, dass sie Freiberufler / Selbständige oder Werkvertragler sind?

    • 12.03.2017 16:25, Kommt drauf an

      Ich denke, das hängt davon ab, wie und für wen man spielt und was im Vertrag steht. Bei Erst- und Zweitliga-Profis spricht fiel für AN-Stellung. Singulärer Arbeitgeber, enges Weisungsrecht, Konkurrenzverbot, wirtschaftliche Abhängigkeit. "Springer" zwischen verschiedenen Vereinen waren eher Freelancer.

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