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Hoffenheims Derdiyok vor dem Arbeitsgericht: Zum Training in den B-Kader verbannt

von Andreas Gietl

27.08.2013

Stürmer Eren Derdiyok zieht vors Gericht. Der Grund: Sein Arbeitgeber, die TSG Hoffenheim, hat ihn der sogenannten "Trainingsgruppe 2" zugeteilt. Doch gibt es für Profifußballer wirklich einen Anspruch auf gemeinsames Training mit den besten unter den Mannschaftskollegen? Andreas Gietl und Sven Kaltenbach haben die Antwort.

Im Spiel die Ersatzbank wärmen zu müssen, ist ja schon bitter genug, aber selbst beim Training nicht gemeinsam mit der A-Mannschaft auf dem Platz stehen? Das geht in den Augen von Eren Derdiyok eindeutig zu weit. Am vergangenen Samstag wurde bekannt, dass der Fußballprofi beim Arbeitsgericht Mannheim den Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen seinen Arbeitgeber TSG Hoffenheim beantragt hat, nachdem dieser ihn, gemeinsam mit neun anderen, teilweise prominenten Profis wie Tim Wiese vom Trainingsbetrieb der eigentlichen Mannschaft ausgeschlossen und in die "Trainingsgruppe 2" verbannt hat. Dort trainieren zudem wohl vereinslose Profi- und Nachwuchsspieler.

Derdiyok sieht den ihm arbeitsvertraglich zugesicherten "ordnungsgemäßen Trainingsbetrieb" nicht gewährleistet, da das Trainingsniveau mangels ausreichender Bundesliga-Profis zu gering sei und zudem aufgrund der geringen Anzahl der Trainingsteilnehmer keine spezifischen Spielformen möglich seien. Auch an medizinischer und physiotherapeutischer Betreuung soll es mangeln. Er hat daher eine einstweilige Verfügung beantragt, die ihm bis auf weiteres eine Teilnahme am Training des Bundesliga-Kaders seines Arbeitgebers ermöglichen soll.

"Recht auf Training" als Teil des Arbeitsvertrags

Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts besteht bei einem Lizenzfußballer ein allgemeiner Beschäftigungsanspruch, der auf Trainingsteilnahme gerichtet ist (Urt. v. 17.01.1979, Az. 5 AZR 498/77; später konkretisiert durch Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urt. v. 17.11.2008, Az. 11 SaGA 23/08). Diesem komme besonders hohe Bedeutung zu, da fehlendes Training die Gefahr des Verlusts der berufsspezifischen Fähigkeiten mit sich bringe.

Ein Anspruch auf Teilnahme an den Pflichtspielen des Vereins besteht nach höchstrichterlicher Rechtsprechung jedoch nicht (BAG, Urt. v. 22.08.1984, Az. 5 AZR 539/81), denn dem Lizenzfußballer ist - unabhängig vom Bestehen einer vertraglichen Regelung - bewusst, dass ihm kein Einsatzrecht zusteht. Vielmehr entscheiden jeweils besondere Umstände wie das aktuelle Leistungsvermögen oder mannschaftstaktische Erwägungen über einen Einsatz. Eine derartige Konkurrenzsituation mit beschränkter Kapazität besteht für die Frage der Trainingsteilnahme indessen nicht.

Im Fall von Derdiyok wird es somit entscheidend darauf ankommen, was genau der Beschäftigungsanspruch eines Lizenzfußballers umfasst. Eine Präzisierung ist von der höchstrichterlichen Rechtsprechung bislang nicht vorgenommen worden. Betrachtet man die vom BAG betonte besondere Bedeutung des Anspruchs bei einem Lizenzfußballer, die in der Erhaltung der berufsspezifischen Fähigkeiten liegt, so wird man die Teilnahme an einem Trainingsbetrieb verlangen können, der den einzelnen Spieler fordert und fördert.

Bedingungen in der Trainingsgruppe 2 wohl ausreichend

Dazu dürften, neben einem gewissen Niveau der Mitspieler, wohl auch eine Trainingsleitung durch einen lizenzierten Fußballlehrer sowie eine Mannschaftsgröße zählen, die es ermöglicht, wettkampfspezifische Spielzüge etc. einzuüben. Ebenfalls unerlässlich ist eine professionelle sportmedizinische und physiotherapeutische Betreuung. Eine Pflicht des Vereins zur Gewährung etwaiger Spielpraxis durch die Vereinbarung von Freundschafts- und Testspielen hingegen ist zu verneinen, da es dem Trainer offen steht, in solchen Spielen (nur) die Spieler zu testen, die auch für die Pflichtspiele in Betracht kommen. Der Einsatz in Testspielen stellt, ebenso wie in Pflichtspielen, eine bloße Chance für den einzelnen Spieler dar.

Da die "Trainingsgruppe 2" nach Angaben des Vereins von einem Fußballehrer geleitet wird und sich dort auch diverse andere Spieler befinden, die ursprünglich im Bundesligakader der TSG Hoffenheim standen, scheint das Niveau den dargestellten Anforderungen gerecht zu werden. Die Tatsache, dass wohl auch Nachwuchsspieler in dieser Gruppe trainieren, steht dem nicht entgegen, da in sämtlichen Proficlubs Nachwuchsspieler am Trainingsbetrieb der Lizenzspielermannschaft teilnehmen.

Ebenso tut die Teilnahme von vereinslosen Profisportlern dem zu fordernden Spielniveau keinen Abbruch, da es sich hierbei um Spieler wie Christian Eichner und Andreas Ibertsberger handelt, die noch in der vergangenen Saison in Profiligen auflaufen durften. Auch die Größe der Trainingsgruppe, in der sich alleine zehn verbannte Lizenzspieler befinden, dürfte aufgrund der zusätzlich am Trainingsbetrieb teilnehmenden vereinslosen und  etwaigen Nachwuchsspieler so bemessen sein, dass Spielzüge etc. sinnvoll eingeübt werden können.

Darüber, ob – was jedenfalls zu fordern ist – die gebotene medizinische Betreuung derjenigen in der Trainingsgruppe 1 entspricht, wird das Arbeitsgericht Mannheim noch befinden müssen.

Zitiervorschlag

Andreas Gietl, Hoffenheims Derdiyok vor dem Arbeitsgericht: Zum Training in den B-Kader verbannt . In: Legal Tribune Online, 27.08.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9443/ (abgerufen am: 20.09.2019 )

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Kommentare
  • 27.08.2013 17:24, User7

    " Ein sachliches Kriterium, nach dem die Spieler verteilt wurden, ist aber nicht ersichtlich."

    Können Sie das näher erläutern? Ich sehe ohne Weiteres ein sachliches Kriterium, nämlich die Chance auf einem Platz in der Startelf oder auf der Bank. Die Spieler in der "2. Trainingsgruppe" haben diese nicht, entweder weil sie nicht genug Leistung bringen oder weil sie nicht in das Konzept des Trainers passen.

    • 27.08.2013 19:26, Andreas Gietl

      Wir sind davon ausgegangen, dass aufgrund der Volatiltät der Leistung und der subjektivität der Trainibgseindrücke das keinen sachlichen Grund darstellt, die Spieler permanent in eine andere Gruppe abzuschieben. Zeitweise darf danach natürlich im Training differenziert werden.
      In jedem Fall problematisch bleibt aber der Entzug des Kraftraums etc.

  • 27.08.2013 23:47, julian

    1) "Eine Befugnis zur Ungleichbehandlung ergibt sich schließlich auch nicht aus der Natur der Sache, denn es ist denkbar, die Trainingsgruppen täglich neu zusammenzustellen oder jedenfalls Aufstiegs- und Abstiegsmöglichkeiten zwischen den Gruppen vorzusehen."

    Diese denkbare Aufstiegsmöglichkeit ist gegeben, sie wurde von den Verantwortlichen wiederholt betont. Darüber hinaus wurde in der letzten Woche ein Spieler (Alexander Stolz) aus der Trainingsgruppe 2 in die Trainingsgruppe 1 übernommen und saß bereits am Samstag im Bundesligaspiel auf der Bank.

    2) "Im Hinblick auf die Gleichbehandlung bedenklich ist zudem der in den Medien behauptete Ausschluss der Spieler vom Kraftraum und Parkplatz des Vereins, sowie das Verbot, das Trainingsgelände überhaupt zu betreten."

    Der Artikel macht ein wenig den Eindruck, von den gewissermaßen hetzerischen Artikeln des Axel-Springer-Verlags beeindruckt zu sein. Nicht zuletzt wurde dort angedeutet, Spieler derhttps://twitter.com/bimbeshausen/status/362924764098068480 TG2 müssten befürchten, von bewaffneten Schlägertrupps heimgesucht zu werden (https://twitter.com/bimbeshausen/status/362924764098068480). Die Abtrennung von Parkplatz und Krafraum sowie der Verpflegung ergeben sich zunächst schlichtweg aus der räumlichen Trennung: Die Trainingsgruppen sind an verschiedenen Plätzen an verschiedenen Standorten des Vereins, mehrere km voneinander entfernt. Es ist zu hinterfragen, ob eine Stigmatisierung in erster Linie durch die Einteilung in eine bestimmte Trainingsgruppe oder durch die mediale Herabwertung dieser Trainingsgruppe entsteht.

  • 28.08.2013 00:34, Fussball-Fan

    Richtig ist, dass mit Alexander Stolz ein Spieler in die Trainingsgruppe 1 übernommen wurde. Jedoch war Julian Stolz kein, aus dem Kader in die Trainingsgruppe 2 verbannter Profi. Vielmehr war Stolz vereinslos und hat sich - ohne jeden Arbeitsvertrag mit der TSG Hoffenheim- bei dem Verein (Trainingsruppe 2 oder Kader U 23) fit gehalten. Vgl. die offizielle Homepage der TSG: http://www.achtzehn99.de/torhueter-alexander-stolz-erhaelt-einjahresvertrag/ Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurde also kein abgeschobener Profi wieder in die Trainingsgruppe 1 integriert. Daher wird in dem Beitrag zu Recht von einer Stigmatisierung gesprochen.

  • 28.08.2013 18:20, marco

    dieser artikel erfasst rechtliche aspekte (gleichbehandlungsanspruch, allgemeines persönlichkeitsrecht, die ein arbeitsgericht zu berücksichtigen hat, aber mit sicherheit nicht brücksichtigen wird, da die besonderheiten des einzelfalls in der gerichtlichen praxis oft nicht hinreichend beachtet werden. daher ein schöner beitrag, den man den entscheidenden richter mal vorlegen sollte.....