Sprache und Stil: Juris­ten­deutsch als Volkss­port

von Alexander Rupflin

13.01.2018

Umständlich, unverständlich, ungelenk: Keine Fachsprache steht so im Verruf wie die deutsche Rechtssprache. Und die können Juristen nicht einmal für sich allein beanspruchen. Von Alexander Rupflin, mit einem Abstecher ins Lateinische.

Die Sprache dient dem Juristen als Handwerkszeug, nur umgehen könne er mit ihr leider nicht. Regelrecht hässlich sei das Juristendeutsch. So der altbekannte Vorwurf. Zehn Minütchen blättern durch ein beliebiges deutsches Gesetz scheinen auszureichen, um diese Behauptung erst einmal zu bestätigen. Kaum eine Norm ist da zu finden, die sich beim flüchtigen Durchlesen vollends erschließt – vor allem nicht dem juristischen Laien.

Aus welchem Ursprung heraus genau sich der eigenwillige Charakter der Juristensprache entwickelt hat, ist nicht ganz klar. Es lässt sich aber zumindest mutmaßen, dass im 18. und 19. Jahrhundert die Rechtsgelehrten bei ihren Formulierungen sich am klassischen Latein orientiert haben, das durchaus auch dazu in der Lage ist, lange, sogar sehr lange Sätze zu bilden. Cicero lässt grüßen.

Außerdem hatten die Lateiner keine Schwierigkeiten damit, Satzteile auseinanderzureißen, die eigentlich zusammengehören. Das führt dazu, dass der Leser am Ende des Satzes nicht mehr weiß, was an dessen Anfang stand. Der gebildete deutsche Jurist fand dies wohl schicklich, ahmte es nach, bis zur Perversion. Das könnte der Grund dafür sein, dass Gesetzessprache und Fachsprache der Juristen oftmals umständlicher sind, als sie sein müssten. Aber ist ihre Sprache deswegen hässlich?

Eine schöne Sprache – was ist das?

Tonio Walter, Professor für Strafrecht an der Uni Regensburg und Autor einer Stilkunde für Juristen, fragt sich deshalb, wann Sprache überhaupt als schön bezeichnet werden kann. Einen literarischen Maßstab an eine Fachsprache anzusetzen, wäre sicherlich verfehlt. So muss man sich fragen, welcher Nutzen denn einer solchen zugrunde liegt.

Gesetzestexte, juristische Aufsätze, Lehrbücher und Urteile sollen vor allem verständlich sein. Für jedermann? Nun ja, vorrangig für Juristen. Umständliche formulierte Schriftsätze kapiert aber auch der Fachmann nicht problemlos.

Nach Walter wäre die juristische Sprache also dann "schön, wenn sie verständlich ist". Das gelingt Anwälten und Richtern allerdings nur in den seltensten Fällen. Oft reihen sie elend lange Satzwürmer aneinander, gewürzt mit ordentlich Substantivierungen, Passivkonstruktionen und Streckverben. Dem Leser, Jurist oder nicht, kann das nicht schmecken.

Die Schweizer können es besser

Dabei wird zumindest bei der Gesetzgebung allerlei getan, um Normen und Verordnungen verständlich und frei von Stilblüten zu formulieren. Schon seit 1966 müht sich ein Redaktionsstab der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) beim Deutschen Bundestag ab. Die Mission: Die einfache und klare Formulierung von Rechtstexten, wobei die Eigenheiten der Rechtssprache als Fachsprache berücksichtigt werden sollen. Offenbar eine Sisyphusarbeit: "Ohne den Kollegen dort zu nahe treten zu wollen, aber von diesen Bemühungen merkt man oft nichts", findet Walter.

Deutlich besser funktioniert das seiner Auffassung nach in der Schweiz. Dort scheinen die Sprachexperten der verwaltungsinternen Redaktionskommission (VIRK) aktiver am Gesetzgebungsverfahren beteiligt zu sein. Zumindest gelten die Gesetze dort als um einiges verständlicher als hierzulande. In der deutschen Sprache ist es also durchaus möglich, Gesetze klarer zu formulieren.

Noch einfacher wäre es allerdings, wenn die Juristen allgemein die Dinge in ihrer Fachsprache so beschreiben würden, dass sie der Leser auch begreifen kann. Was hilft einem Jurastudenten das dickste Lehrbuch, wenn ihm schon die Satzkonstruktionen zu schwer wiegen – und nicht erst die juristischen Probleme?  Und was ist die schönste Argumentationskette wert, wenn der Leser sich darin schlicht verliert? Dass auch junge Juristen heute noch schreiben wie die vom Latein begeisterten Vorfahren aus dem 18. Jahrhundert, liegt Walters Einschätzung nach vor allem an einer Nachahmungsleidenschaft:

"Das liegt daran, dass die Jungen es so machen, wie sie es bei den Alten sehen. Die dienen als Vorbilder." Außerdem wolle man dadurch stolz seine Zunftzugehörigkeit zum Ausdruck bringen.

Da bleibt unbeantwortet, warum im Studium, wenn das Handwerkszeug des Juristen doch die Sprache ist, zu dessen korrektem und elegantem Einsatz kaum Lehrveranstaltung angeboten werden. Immerhin: Walter meint, man sei bereits auf einem Weg der Besserung. So gibt es inzwischen mehrere Bücher und Aufsätze, die den Juristen auf den Weg hin zu mehr Verständlichkeit führen sollen. Das Problembewusstsein ist also da.

Nicht-Juristen wollen mitreden

Eine Hoffnung muss dem Juristen, der ab jetzt gelobt, den Bandwurmsatz vierzuteilen, allerdings wohl gleich genommen werden: Auch beim nächsten Partygespräch wird er sich vermutlich vom Mediziner, Philosophen oder Informatiker anhören müssen, er würde als Jurist die deutsche Sprache verschandeln. Denn was diesen selbstverständlich zugestanden wird, scheint der Jurist nicht haben zu dürfen: seine eigene Fachsprache.

Dabei geben sich auch die meisten Ärzte nicht gerade Mühe, dem Patienten deutlich zu vermitteln, ob er sich jetzt die Grippe oder nur eine einfache Erkältung eingefangen hat. Und wer am Philosophen Martin Heidegger verzweifelt, gesteht sich lieber mangelnden Intellekt ein, als über dessen knorrigen Stil zu schimpfen.

Der Rechtsgelehrte aber muss sich die Schelte gefallen lassen. Denn der Nicht-Jurist glaubt dem Anwalt nicht, seine Fachsprache sei ebenso wenig zu ersetzen wie die anderer Wissenschaften. Viele meinen, bei Rechtsfragen mitreden zu können – wie beim Fußball auch – und sind beleidigt, wenn das doch nicht funktioniert. Als seien die Rechtswissenschaften Volkssport.

Diesem Irrglauben zu Grunde liegt die Nähe der juristischen Sprache zur Alltagssprache. Weil jeder schon mal Begriffe wie Eigentum, Wegnahme oder Grundstück gehört hat, glaubt er fälschlicherweise, auch deren fachsprachliche Bedeutung zumindest so ungefähr zu kennen. Der Laie wundert sich dann über den abstrakten Gebrauch der Begriffe im juristischen (Kon-)Text.

Entmutigen sollte das aber nicht. Der schön schreibende, also verständlich formulierende Jurist gewinnt immerhin dreierlei: Zum einen klarer gefasste eigene Gedanken. Zum anderen  einen individuellen Ausdruck. Und nicht zuletzt den Leser, für den er schreibt.

Lektüretipps:

Tonio Walter: "Kleine Stilkunde für Juristen", C.H. Beck, 296 Seiten

Michael Schmuck: "Deutsch für Juristen: Vom Schwulst zur klaren Formulierung", Verlag Dr. Otto Schmidt, 120 Seiten

Monika Hoffmann: "Deutsch fürs Jurastudium: In 10 Lektionen zum Erfolg", UTB GmbH, 173 Seiten

Der Autor Alexander Rupflin ist Jurist, Autor und freier Journalist.

Zitiervorschlag

Alexander Rupflin, Sprache und Stil: Juristendeutsch als Volkssport . In: Legal Tribune Online, 13.01.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/26461/ (abgerufen am: 25.04.2018 )

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Kommentare
  • 13.01.2018 14:25, Leser

    Ein Autor, dem in wenigen Absätzen ein rundes Dutzend sprachlicher Fehler unterläuft, ist vielleicht doch nicht der richtige Gewährsmann für Fragen von "Sprache und Stil".

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    • 13.01.2018 15:12, Gaius

      1. Wo sollten diese „Fehler“ sein?
      Und 2. Heißt es nicht richtigerweise „Einem Autor, dem...“ (Dativ!) statt „Ein Autor, dem...“?

    • 14.01.2018 05:52, Be Legal

      Beim kursorischen Korrekturlesen habe ich diese Fehler gefunden:

      Zehn Minütchen blättern (...) scheinen auszureichen -> Blättern

      Der gebildete deutsche Jurist fand dies wohl schicklich -> schick

      uneinheitlich einmal "zugrunde", einmal "zu Grunde"

      Umständliche formulierte -> Umständlich

      wenn ihm schon die Satzkonstruktionen zu schwer wiegen -> wenn er die Satzkonstruktionen zu schwierig findet

      kaum Lehrveranstaltung angeboten werden -> Lehrveranstaltungen

    • 14.01.2018 09:57, Gewersmann

      @Leser und @BeLegal: Glauben Sie nun dem Autor oder glauben Sie ihm nicht? Hat er Recht oder hat er nicht recht?

    • 14.01.2018 10:43, Be Legal

      @Gewersmann,

      es geht hier doch nicht um Glauben - sondern um die Eingangsbemerkung von "Leser"? Dieser jedenfalls stimme ich durchaus zu.

      Wenn Sie eine Diskussion des Artikelinhalts anstoßen möchten, schlage ich vor, dass Sie zunächst die These(n) benennen, die Sie für strittig halten. Und Ihre Ansicht begründen.

    • 14.01.2018 13:32, Gewersmann

      @Beleg-Al: Nach meinem Eindruck sagt Kommentator "Leser": Man sollte niemandem glauben, der selbst Fehler in Rechtschreibung oder Grammatik macht, wenn er von gutem Stil spricht. Dem stimme ich nicht zu. Schöner ist es ohne Fehler. Aber Recht hat der Verfasser des Ausgangsartikels ungeachtet der Fehler.

    • 14.01.2018 18:15, Be Legal

      @Gewersmann,

      meiner Ansicht nach sagt "Leser", dass jemand, der sprachliche Grundregeln nicht anwendet, sich in Fragen von Sprache und Stil nicht grade als kompetent präsentiert. Dem stimme ich zu.

      Dessenungeachtet kann ein solcher Schreiber natürlich trotzdem inhaltlich richtig liegen. Welche Aussagen des Artikels sind es denn, denen Sie zustimmen? Falls Sie sich auf den letzten Absatz beziehen: Dem stimme ich ebenfalls zu. Vollumfänglich.

  • 13.01.2018 17:29, Niklas

    Gaius: "Einem Autor ist nicht der richtige Gewährsmann"?

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  • 13.01.2018 17:43, FH

    Wahnsinn, wie sich "Leser" mit seinem Kommentar selbst ein Loch gegraben hat. Es ist sogar doppelt so groß, da er genau das tut, was er an anderen kritisiert. Peinlich.

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    • 14.01.2018 05:50, Be Legal

      Warum?

  • 14.01.2018 15:58, Sylvia KaufholdVistenkarte

    Die Diskussion über die unschöne oder komplizierte Juristensprache verdeckt nur tiefere Qualitätsmängel: Mangelnde Abstraktion und Systematik werden weder durch Quantität und Komplexität, noch durch schlichten Sprachstil wettgemacht.

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  • 14.01.2018 21:12, AS

    „Der schön schreibende, also verständlich formulierende Jurist gewinnt immerhin dreierlei: Zum einen klarer gefasste eigene Gedanken...“
    Die klaren Gedanken sind allerdings Voraussetzung für eine klare Sprache. Hieran mag es zuweilen fehlen.
    Ich denke da an unstrukturierte Schriftsätze ohne erkennbare Gliederung, jeder Satz ein eigener Absatz und mit nicht nummerierten Anlagen. Fürchterlich zu lesen und schon aufgrund der äußeren Form nicht überzeugend. Gerne auch getoppt durch einen drei Tage später nachgeschobenen Schriftsatz, mit dem dann ein Teil der Fehler korrigiert wird...

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  • 15.01.2018 06:09, M.D.

    Meine Eindringtiefe war vollbefriedigend.

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  • 15.01.2018 12:26, @topic

    Die immernoch weit verbreitete Meinung, Richter und Anwälte verwenden zu Hauf Schachtelsätze, Substantivierungen, Fremdwörter und dergleichen, ist längst überholt.
    Nach meiner Erfahrung sind die allermeisten Richter bemüht, verständliche Formulierungen zu verwenden. Allenfalls höchstrichterliche Urteile lesen sich mitunter noch etwas geschwollen.
    Gleiches gilt - erst recht - für die Anwaltschaft. Jeder gute Rechtsanwalt weiß, dass es ihm und seinem Mandanten eher nützt, wenn sein Vortrag so strukturiert und verständlich formuliert ist, dass der Richter den Schriftsatz nicht genervt erst noch ein zweites Mal lesen muss, um ihn zu verstehen. Die Kunst besteht inzwischen darin, das Wesentliche auf den Punkt bringen zu können.
    Das ist im Übrigen -und nicht umsonst- auch die Qualität, die im Zweiten Staatsexamen gefragt ist.

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  • 18.01.2018 09:46, Scarlett Tezzini

    Was für ein unnützer Artikel. Endlose Wiederholungen und maßlos übertrieben. Angeblich ist der Autor selbst Jurist, anscheinend kein sonderlich fähiger.
    Das einzige, was an Perversion grenzt, um die Worte des Autors zu benutzen, ist, dass dieser Text veröffentlicht wurde und mir 5 min meiner Lebenszeit genommen hat.

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    • 18.01.2018 11:42, Dumm gelaufen

      § 254 BGB.

  • 19.01.2018 12:32, JvKirchmann

    Als Student wurde ich ein oder zweimal gerügt: "Befleißigen Sie sich eines juristischen Stils". Ich habe die Rügen nie akzeptiert und bin mit einem offenen Sprech- und Schreibstil sehr gut gefahren. Mein erstes juristisches Großmandat habe ich als junger Anwalt erhalten, weil der Partner einer internationalen Law Firm zufällig einen Artikel von mir gelesen hatte, der mit dem eigentlichen Thema des Mandats nichts zu tun hatte: die Gutachten sollten in englischer und deutscher Sprache "gefällig" für die Mandantschaft formuliert sein. Neben meiner im betreffenden Gebiet vorhandenen juristischen Kompetenz war gerade auch die Sprachkompetenz in der eigenen Sprachhe gefragt.

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