Zum zweiten Jahrestag des Anschlags in Hanau: Defi­zite im Umgang mit Ter­r­or­op­fern

18.02.2022

Nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt 2016 fühlten sich viele Verletzte und Hinterbliebene von Behördenvertretern schlecht behandelt. Die Regierung setzte einen Opferbeauftragten ein. Doch auch in Hanau gab es Probleme.

Die Erfahrungen nach dem rassistischen Anschlag in Hanau vor zwei Jahren haben aus Sicht des neuen Opferbeauftragten der Bundesregierung, Pascal Kober, gezeigt, dass der Umgang mit von Terror betroffenen Menschen in Deutschland besser werden muss. "Die Ermittler, die am Tatort sind und mit Betroffenen in Kontakt treten, müssen in ihrer Aus- und Fortbildung gelernt haben, dass im Umfeld eines Anschlags eine besondere Herangehensweise notwendig ist, damit Verletzte, Hinterbliebene und Augenzeugen nicht in ihrer schwierigen Situation noch weitere belastende Erlebnisse erfahren", sagte Kober im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

Es mache gerade in so einem Moment einen großen Unterschied, "ob Polizeibeamte einen vergessenen Ausweis rügen oder ob sie erklären, dass die verantwortungsvolle Feststellung von Identitäten eine sehr wichtige Frage - gerade für den Schutz von Persönlichkeitsrechten des Opfers - ist". Kober ist FDP-Bundestagsabgeordneter und evangelischer Pfarrer. An diesem Sonntag wolle er in Hanau Gespräche mit Betroffenen des Anschlags vom 19. Februar 2020 führen, soweit sie dies wünschten, sagte Kober. Er hatte das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für die Anliegen von Opfern und Hinterbliebenen von terroristischen Straftaten im Inland im Januar übernommen.

Am 19. Februar 2020 hatte ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen. Danach tötete der psychisch kranke Rechtsextremist seine Mutter und nahm sich selbst das Leben.

In einem Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags haben Angehörige der Opfer die Arbeit der Behörden teils heftig kritisiert. Die Polizei sei am Tatabend völlig überfordert gewesen - mit ihrem "genervten, ängstlichen und zum Teil sogar aggressiven Verhalten" hätten die Beamten die Situation für die Angehörigen noch schlimmer gemacht, sagte Cetin Gültekin, dessen Bruder erschossen worden war. Kritisiert wurde teilweise auch, dass Angehörige keine Gelegenheit für einen würdigen Abschied von den Verstorbenen erhalten hätten.

Auch Bundesjustizminister Marco Buschmann beurteilt das Verhalten staatlicher Stellen gegenüber Betroffenen im Fall Hanau als unangemessen. "Es ist unsere Pflicht, aus diesem Versagen zu lernen. Die Aufgabe endet nicht", betont Buschmann.

dpa/cp/LTO-Redaktion

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Zum zweiten Jahrestag des Anschlags in Hanau: Defizite im Umgang mit Terroropfern . In: Legal Tribune Online, 18.02.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/47587/ (abgerufen am: 09.08.2022 )

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