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Einlassung im NSU-Prozess: Zschäpe weist jede Betei­li­gung an NSU-Ver­b­re­chen zurück

09.12.2015

Mehr als zweieinhalb Jahre schwieg Beate Zschäpe beharrlich. Nun legt sie ihre Sicht auf die beispiellose Mordserie der Terrorgruppe NSU dar - und weist alle Schuld von sich. Zumindest juristisch.

Die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe bestreitet eine Beteiligung an den Morden und Sprengstoffanschlägen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Sie will nicht einmal Mitglied des NSU gewesen sein. Zschäpe brach am Mittwoch ihr mehr als zweieinhalbjähriges Schweigen im Münchner NSU-Prozess und ließ ihren Anwalt Mathias Grasel eine 53-seitige Aussage verlesen. Darin beteuerte sie, sie habe von den Morden ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt immer erst im Nachhinein erfahren und sei entsetzt gewesen. Sie habe Mundlos und Böhnhardt dennoch nicht verraten. "Die beiden waren meine Familie." Zschäpe bat die NSU-Opfer und deren Angehörigen um Entschuldigung.

Die 40-Jährige muss sich in dem Prozess als Mittäterin an allen Verbrechen verantworten, die dem NSU angelastet werden. Sie ist die einzige Überlebende des Trios. Der rechten Gruppe werden im Zeitraum  2000 und 2007 zehn Morde zur Last gelegt, an neun türkisch- und griechischstämmigen Männern und einer Polizistin. Hinzu kommen zwei Sprengstoffanschläge und mehrere Banküberfälle.

Schwere Kindheit, aber kein Mitglied des NSU

Zschäpe schilderte bei der Aussage ihre Zeit als Jugendliche in Jena, Probleme mit der Mutter, das Abdriften in die rechte Szene, die Liebesbeziehungen zu Böhnhardt und Mundlos und das gemeinsame Untertauchen 1998. Sie stellte sich dabei als passiven Part dar.

Den Vorwurf der Anklage, ein gleichgeordnetes Mitglied des NSU gewesen zu sein, wies sie zurück. Sie sieht sich im juristischen Sinne also als unschuldig an und räumte lediglich ein: "Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte." Angeklagt hat die Staatsanwaltschaft Zschäpe als Mittäterin.

Nach ihrem Untertauchen hätten die drei in ständiger Angst gelebt, entdeckt zu werden, berichtete Zschäpe. Das Geld sei ihnen ausgegangen. Deshalb hätten Mundlos und Böhnhardt mit Überfällen begonnen. Zschäpe bestreitet, daran beteiligt gewesen zu sein. Sie habe diese Überfälle akzeptiert und davon profitiert. Anders sei es mit den Morden gewesen.

Zschäpe wollte sich angeblich stellen

Vom ersten Mord an dem türkischen Blumenhändler Enver Simsek am 9. September 2000 habe sie erst drei Monate später erfahren. Sie sei fassungslos gewesen. Bis heute kenne sie das Motiv für den Mord nicht. Sie habe Böhnhardt und Mundlos erklärt, dass sie sich der Polizei stellen wolle. Daraufhin hätten die beiden mit Selbstmord gedroht. Auch von den weiteren Morden und Anschlägen will sie immer erst im Nachhinein gehört haben.

Als sie von dem zweiten und dritten Mord - im Juni 2001 in Nürnberg und Hamburg - erfahren habe, sei ihr klar geworden, "dass ich resigniert hatte". Zschäpe erklärte: "Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Menschen zusammenlebte, denen ein Menschenleben nichts wert war." Sie sei von den Taten abgestoßen gewesen, habe sich aber nach wie vor zu Böhnhardt hinzogen gefühlt. Sie habe sich dem Schicksal hingegeben, weiter mit den beiden Männern zu leben. "Nicht sie brauchten mich, ich brauchte sie."

Zschäpe äußerte sich auch zu dem letzten NSU-Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn, der bis heute viele Fragen aufwirft. Böhnhardt und Mundlos hätten erklärt, es sei ihnen dabei nur um die Pistolen der beiden Polizisten gegangen, auf die sie geschossen hatten. Ein Polizist hatte den Angriff überlebt.

Zitiervorschlag

Einlassung im NSU-Prozess: Zschäpe weist jede Beteiligung an NSU-Verbrechen zurück . In: Legal Tribune Online, 09.12.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17798/ (abgerufen am: 21.09.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 09.12.2015 14:37, Bernd

    Und dafür der ganze Affentanz? Das hätten sich alle Beteiligten nun wirklich sparen können, da sich durch diese Nichtaussage ihre Position kaum verändert. Spannend könnte höchstens eine Konfrontation mit Zeugenaussagen werden, nach denen sie in der Nähe von Tatorten gesehen wurde, aber da wird sie wahrscheinlich ähnliche Märchen auftischen.

    • 09.12.2015 15:27, Max

      Nicht ganz. Da sich Zschäpe zu allen angeklagten Taten eingelassen hat (und man muss schon fragen, welcher Teufel ihre Anwälte da geritten hat), hat sie sich selbst die Möglichkeit eines Teilschweigens genommen.
      Schweigt sie nun (wieder) zu Taten, zu denen sie sich im Rahmen dieser Einlassung geäußert hat, so kann dieses Schweigen auch zu ihrem Nachteil gereichen.

      Die Verteidigungssituation hat sich damit, so zumindest der bisherige Eindruck, verschlechtert.

    • 10.12.2015 12:49, Bernd

      Naja, sie wird wahrscheinlich bei Rückfragen wieder irgendeine Story erzählen, die zufälligerweise genau auf das beschränkt bleibt, was ihr eh schon nachgewiesen wurde. Von daher sehe ich die Aussicht als relativ gering ein, dass das Gericht ihre Einlassungen in welche Richtung auch immer für einen Erkenntnisgewinn nutzen kann.

    • 10.12.2015 15:03, Christian

      Das ist aber ihr gutes Recht und genau dieses nutzen beschuldigte doch permanent. Wieso erwartet man jetzt, dass eine Frau plötzlich 10 Morde auf ihre Kappe nimmt...

      Es verschwinden Akten... Der Staat ist vermutlich mehr oder weniger involviert aber das eine Frau, die übrig bleibt ihre Rechte in Anspruch nimmt, ist jetzt ein Skandal???

      10 Morde 250 Verhandlungstage weit über vier Jahre ... Das man bei diesem Verfahrens überhaupt noch eine Aussage benötigt ist doch Wahnsinn.

  • 09.12.2015 19:36, Christian

    Man muss ihr die Taten nachweisen wie jedem anderen auch. Nun sind über 250 Verhandlungstage vergangen, sowie mehrerer Jahre. Es gab viele Morde nicht nur einen.

    Das sie sich nicht belastet ist etwas was wohl jedem zusteht. Genau das war ja auch schon die Taktik des Schweigens denke ich. Sie hat gewartet, dass Ihr beweisen wird, dass... . Das ist aber irgendwie seit Jahren nicht passiert.

    Wenn es nach dieser ganzen Zeit und diesem aufwenigen Verfahren unter diesem enormen öffentlichen Druck immer noch nicht gelungen ist wirklich zu beweisen, dass sie Mittäterin, Gehilfen oder auch sonst etwas war spricht das für sich.
    Es ist schon seltsam, dass man aus dem angeblich von ihr nach außen hin so "normalen" Leben etwas strafbares machen möchte, anstatt strafbares zu finden und darüber zu urteilen.
    Es wird doch auch keiner Frau eines Hooligans vorgeworfen, dass sie ihren gewalttätigen Mann deckt indem sie mit Nachbarn Kaffee trinkt.
    Mir kommt es so vor, dass Frau Zschäpe der Sündenbock ist. Das ist natürlich subjektiv.