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Berufsbegleitende Weiterbildung: Wie gelingt die Pro­mo­tion "nebenbei"?

Gastbeitrag von Ass. jur. Carmen Schön

11.02.2019

Ein Doktortitel ist für viele Juristen ein Traum – warum ihn also nicht verwirklichen und promovieren? Das lässt sich auch neben dem Job schaffen. Coach Carmen Schön sagt, was es dabei zu bedenken gilt. Und wann man es besser sein lässt.

Es gibt Juristen, die sich nach dem Examen begeistert in den Kanzlei-Job stürzen und froh sind, wenn die Zeit in den Hörsälen und Bibliotheken vorüber ist. Doch manche von ihnen kommen später ins Grübeln: Wäre eine Promotion nicht doch eine Alternative gewesen? Grundsätzlich können Juristen auch dann noch promovieren, wenn sie schon mitten im Berufsleben stehen. Sie benötigen lediglich die entsprechenden Examensnoten und einen Hochschullehrer, der sie betreut. Soweit die Theorie. In der Praxis jedoch sollte man ein solches Vorhaben, das gut und gerne drei bis vier Jahre dauern wird, gut planen. Doch wer sich die richtigen Fragen stellt und sie ehrlich beantwortet, hat gute Chancen, dass das Mammutprojekt gelingt und bald der Doktortitel die Visitenkarte schmückt.

Ist das Timing im Beruf gerade richtig?

In unserer Berufstätigkeit erleben wir unterschiedliche Wellen: Manchmal sind wir über viele Monate sehr stark in Projekte eingebunden, dann wieder kommen ruhigere Phasen. Deshalb sollten Sie in einem ersten Schritt mit Ihrem Vorgesetzten bzw. Partner in der Kanzlei sprechen und ihn fragen, ob Ihr Promotionsvorhaben in den Planungshorizont für Ihre Abteilung passt.

Wie der Wunsch nach einer berufsbegleitenden Promotion aufgenommen wird, hängt grundsätzlich auch von der Kanzlei ab: Muss ein Berufsanfänger gleich in die Vollen und ist für die nächsten ein bis zwei Jahre voll ausgelastet? Oder hat man ihm mit der Einstellung direkt in Aussicht gestellt, dass er berufsbegleitend promovieren oder ein LL.M.-Studium absolvieren kann? Und wird er dafür auch zumindest teilweise freigestellt?

Auch wenn Ihr Vorgesetzter nicht sofort Feuer und Flamme für Ihr Projekt ist: Lassen Sie sich nicht zu schnell abwimmeln. Bedenken Sie, dass Kanzleien unter dem Druck stehen, qualifizierte Mitarbeitende zu finden und zu halten – und verleihen Sie ihrer Forderung Nachdruck.

Ertrage ich so viel Stress?

Machen Sie sich bewusst: Die "Promotion nebenbei" wird ein zusätzlicher Stressfaktor sein, und zwar nicht nur im Job, sondern auch für Ihr Privatleben. Es ist ein Projekt, das Sie über mehrere Jahre beschäftigen wird. Passt das gerade in Ihre Lebensphase?

Wenn Sie beispielsweise kleine Kinder haben oder Angehörige pflegen, möglicherweise auch nur lange zur Arbeit pendeln müssen – fragen Sie sich: Habe ich wirklich die Kraft dafür, eine Dissertation zu schreiben? Halte ich einen solchen Langstreckenlauf durch? Dies sollten Sie auch mit Ihrem Lebensgefährten oder Ihrer Lebensgefährtin besprechen. Überlegen Sie außerdem, welche Strategien Sie sich zulegen können, trotz des erhöhten Stresses gesund zu bleiben, und wie Sie sich Ihre Motivation dauerhaft erhalten.

Das richtige Thema, der richtige Doktorvater

Sie werden viel Zeit in die Promotion investieren, deshalb sollten Sie sich das Thema strategisch sinnvoll auswählen. Idealerweise promovieren Sie zu Ihrem Spezialgebiet und in dem Bereich, in dem Sie tagsüber arbeiten. Denn dann können Sie die Promotion auch zum Selbstmarketing nutzen.

Bedenken sollten Sie außerdem, dass unterschiedliche Doktorväter auch unterschiedlich hohe Anforderungen an die Qualität der Arbeit stellen. Bevor Sie sich Ihren Betreuer suchen, seien Sie also ehrlich zu sich und überlegen Sie sich, wie viel Aufwand Sie realistisch für Ihre Dissertation betreiben können und wollen. Liegt Ihnen das Thema wirklich am Herzen? Oder wollen Sie nur den Doktortitel und möglichst wenig dafür tun?

Klären Sie mit dem Doktorvater ab, wie intensiv er Ihre Arbeit betreuen wird. Ist er in den nächsten Jahren gut erreichbar oder wird er womöglich bald emeritiert? Falls ja, wird er Ihre Arbeit weiter betreuen können?

Muss es wirklich der Doktortitel sein?

Ein Doktortitel ist natürlich der Klassiker für ambitionierte Juristen und gerade in Großkanzleien und für Führungspositionen fast ein "Must-have". In anderen Bereichen, beispielsweise in Unternehmensrechtsabteilungen, könnte es dagegen Vorbehalte gegenüber einem "Dr. jur." geben: Wer promoviert hat, gilt schnell als zu akademisch und verkopft.

Gibt es womöglich für Sie bessere Alternative? Gerade für Juristen, die in internationalen Großkanzleien häufig grenzüberschreitend arbeiten, kann der "Master of Laws" (LL.M.) interessant sein, insbesondere wenn er im englischsprachigen Ausland erworben wurde. Der "Master of Business Administration" (MBA) ist bislang zwar noch eher selten bei Juristen, könnte aber je nach Tätigkeitsbereich inzwischen eine durchaus gefragte Zusatzqualifikation sein.

Generell gilt, dass jeder Titel einen Gehaltsaufschlag mit sich bringt: 5.000 bis 10.000 Euro mehr an Jahresgehalt sind wohl in den meisten großen Wirtschaftskanzleien drin, eine abgeschlossene Promotion dürfte den Arbeitgebern noch mehr Wert sein.

Wenn Sie sich statt für ein Promotions- doch lieber für ein LL.M.- oder womöglich auch ein MBA-Studium entscheiden, sollten Sie den Studienort sorgfältig wählen. Da er im Titel angegeben wird, wissen Insider über das Renommee der Hochschule Bescheid. Überlegen Sie, was Ihnen wichtig ist: Kommt es Ihnen vor allem auf den Titel einer möglichst anerkannten Hochschule an oder eher auf den Inhalt des Studiums und das Netzwerk, das Sie gewinnen werden?

Entscheidend: Eine Anti-Frust-Strategie

Egal ob Promotionsvorhaben oder LL.M-Studium: Entscheidend für das Gelingen eines solchen Großprojekts ist das richtige Zeitmanagement und sehr viel Disziplin. Schaffen Sie sich störungsfreie Zonen, etwa indem Sie sich einen freien Tag pro Woche nehmen. Wenn das nicht möglich ist, sollten Sie sich zumindest halbe Tage freischaufeln. Bedenken Sie dabei auch, dass Sie etwas Zeit brauchen werden, um zwischen dem Job und der Dissertation gedanklich umzuschalten. Deswegen könnte ein Sabbatical auch eine günstige Variante sein. Oder Sie schreiben Ihre Doktorarbeit neben dem Beruf und steigen am Ende für ein Vierteljahr komplett aus, um die Promotion zu Ende zu bringen.

Bevor Sie starten, legen Sie sich unbedingt Anti-Frust-Strategien zurecht. Denn Phasen, in denen Sie keine Lust mehr haben, völlig demotiviert sind und darüber nachdenken, die Dissertation sein zu lassen, werden unweigerlich kommen. Was baut Ihre Motivation dann wieder auf? Möglicherweise hilft es schon, wenn Sie sich eine Pause gönnen, einen Spaziergang machen und genüsslich ein Eis essen.

Mit etwas Abstand gelingt es dann wieder leichter, sich auf das eigentliche Ziel zu besinnen. Vor allem das Interesse am Thema und am wissenschaftlichen Arbeiten wird Ihnen helfen, die Motivation dauerhaft aufrechtzuerhalten. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Diejenigen, die nur wegen des Doktortitels auf der Visitenkarte promovieren, werden es schwer haben.

Die Volljuristin und ehemalige Rechtsabteilungsleiterin Carmen Schön berät und coacht Juristen, Führungskräfte und Anwaltskanzleien zu Themen wie Geschäftsaufbau, Führung, Auftritt und Wirkung.

Zitiervorschlag

Berufsbegleitende Weiterbildung: Wie gelingt die Promotion "nebenbei"? . In: Legal Tribune Online, 11.02.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/33777/ (abgerufen am: 15.09.2019 )

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