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Alternative Arbeitsmodelle: Das Ende der Kanz­lei­welt, wie wir sie kennen?

von Dr. Anja Hall

07.09.2017

Bewerber wollen mehr Freizeit statt ein Spitzengehalt. Das scheint nicht in die Welt der Wirtschaftsanwälte zu passen. Aber einige Kanzleien wollen Vorreiter einer neuen Arbeitswelt sein. Sie müssten Karriere neu definieren.

Wer mit Personalverantwortlichen in großen Wirtschaftskanzleien spricht, kann es mit der Angst zu tun bekommen. Vom "immer härteren Kampf" um die Bewerber ist die Rede. Vom "Aufrüsten" der Gehälter und natürlich nicht zuletzt von der "Bewerberfront". Zu derart martialischen Ausdrücken lässt die Arbeitgeber die Sorge greifen, nicht genügend hochqualifizierte Berufsanfänger für eine Karriere in der Law Firm begeistern zu können.

Wirtschaftskanzleien wünschen sich Absolventen mit Prädikatsexamen – und konkurrieren dabei mit Unternehmen und dem öffentlichen Dienst um eine sehr kleine Gruppe von Bewerbern: Von den 12.744 Studenten, die 2015 die erste juristische Staatsprüfung abgelegt haben, erreichten 2.114 ein Prädikatsexamen, das sind knapp 17 Prozent. In der zweiten Staatsprüfung erreichten im selben Jahr exakt 1.575 Prüflinge das Prädikat, rund 18 Prozent des Jahrgangs.

Top-Bewerber sind selten…

Der hochqualifizierte Berufsanfänger ist also rar. Und droht noch rarer zu werden. Legten Mitte der 90-er Jahre noch mehr als 10.000 Referendare pro Jahr das zweite Staatsexamen ab, sinkt diese Zahl seit der Jahrtausendwende. 2015 haben nur 7.462 Jura-Absolventen die zweite Staatsprüfung bestanden, angetreten waren 8.658.

Doch nicht nur die Demografie macht den Law Firms Sorgen. Auch die Einstellung der jungen Juristen zu Arbeit, Beruf und Freizeit hat sich massiv gewandelt. Frühere Bewerbergenerationen ließen sich von einem hohen Gehalt, Statussymbolen und der Aussicht darauf, eines Tages Partner zu werden, dazu animieren, enorm viel zu arbeiten. Dass sie darüber ihr Privatleben vernachlässigten, fiel den meisten erst dann auf, wenn sie keines mehr hatten.

Heutige Berufsanfänger sind anders. Natürlich wollen sie gut verdienen und interessante Mandate bearbeiten. Aber sie möchten auch pünktlich Feierabend machen, um Zeit für Freunde, Hobbies und Familie zu haben.

…und wollen nicht in die Tretmühle

Auch im Jahr 2017 sagt mehr als die Hälfte der knapp 3.800 Umfrageteilnehmer der "Young Professional Survey" von LTO, dass ihnen die Work-Life-Balance bei der Arbeitgeberwahl sehr wichtig ist. 45 Prozent halten einen wertschätzenden Führungsstil für sehr relevant. Ein möglichst hohes Gehalt stufen dagegen nur 16 Prozent als "sehr wichtig“ ein, "wichtig" finden es aber immerhin noch 52 Prozent. Von den Umfrageteilnehmern, die in beiden Examen mindestens ein vollbefriedigend erreicht haben, halten sogar 57 Prozent die Work-Life-Balance für "sehr wichtig" und immerhin noch 26 Prozent für "wichtig". Ein hohes Gehalt erachten dagegen nur 18 Prozent der Zwei-VB-Juristen für "sehr wichtig".

Den Widerspruch zur Großkanzlei-Kultur auflösen

Viele Law Firms versuchen inzwischen, die Wünsche ihrer potenziellen Mitarbeiter zu erfüllen. Mit mehr oder weniger großem Erfolg. Mayer Brown führte vor sechs Jahren ein Modell ein, das damals für viel Aufsehen sorgte. Es gewährt den Associates statt der üblichen 28 Tage Jahresurlaub bis zu 50 Tage – wenn auch mit entsprechendem Gehaltsabschlag.

Das klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein. Und ist es wohl auch, denn Stand Mitte 2017 haben erst zwei Anwälte das Angebot in Anspruch genommen. "Die Resonanz intern war geringer als gedacht", räumt Recruiting-Partner Dr. Ulrich Worm ein. "Wir hatten eine erhebliche Nachfrage erwartet, das ist aber so nicht eingetreten." Dennoch werde er von Bewerbern und anderen Marktteilnehmern bis heute darauf angesprochen, sagt Worm.

Wollen Associates überhaupt mehr Freizeit?

Vielleicht passen Freizeit und Großkanzlei wirklich nicht zusammen? "Unsere Berufseinsteiger entscheiden sich bewusst für eine Großkanzlei, es ist eine Lebensplanentscheidung", sagt Worm. Die Associates würden die ersten Berufsjahre als Lernphase betrachten, in der sie so schnell wie möglich so viel wie möglich mitnehmen wollten. Später seien viele Anwälte auf dem Karriere-Track und wollten sich entsprechend engagieren. Es bleibe also wenig Zeit für Freizeit.

Das Modell mangels Nachfrage zu streichen ist aber nicht geplant. "Ich finde es wichtig, an dem Angebot festzuhalten, denn Lebensplanungen ändern sich", sagt Worm. Er hat dabei vor allem langjährige Mitarbeiter im Blick, denen die Kanzlei die Möglichkeit bieten will, etwas kürzer zu treten.

Zitiervorschlag

Anja Hall, Alternative Arbeitsmodelle: Das Ende der Kanzleiwelt, wie wir sie kennen? . In: Legal Tribune Online, 07.09.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/24363/ (abgerufen am: 16.09.2019 )

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Kommentare
  • 07.09.2017 13:01, xy

    Man sollte vorsichtig mit dem unklaren Begriff "Prädikatsexamen" umgehen. In Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen beginnt ein Prädikatsexamen schon bei "befriedigend", in den anderen Bundesländern wohl überwiegend bei "vollbefriedigend". Warum also einen mißverständlichen Begriff verwenden, wenn auch einfach die gesetztlich definierten Noten "befriedigend" oder "vollbefriedigend" (§ 1 JurPrNotSkV) verwendet werden können? Warum unklar reden, wenn es auch klar geht?