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Karriere in der Großkanzlei: Jen­seits von Up-or-Out

von Désirée Balthasar

14.06.2016

Entweder Partner werden oder gehen – viele Großkanzleien funktionieren nach diesem Up-or-out-System. Doch es gibt auch Alternativen zum Karriere-Hamsterrad. Den Beruf des Knowledge Management Lawyers zum Beispiel.

Es ist offensichtlich, Dr. Alice Mareike Gruhn liebt ihren Beruf: "Ich bin gerne Dienstleisterin. Es ist schön, gebraucht zu werden und die Anwälte bei der Transaktionsarbeit zu unterstützen. Die Wertschätzung, die ich für meine Arbeit bekomme, ist mein Antreiber." Wenn die 40jährige von ihrem Job als "Managing Knowledge Management Lawyer" bei Linklaters in Frankfurt erzählt, schwärmt sie in den höchsten Tönen.

Gruhn schwärmt von den vielfältigen Aufgaben, dem Austausch mit Kollegen und dem selbstverantwortlichen Arbeiten. Von Recherchearbeit und Seminarkonzepten. Und davon, wie weit ihre Tätigkeit über die der normalen Rechtsberatung hinausgeht. "Als Knowledge Management Lawyer sollte man sich für Markttrends und Business Development interessieren", sagt sie.

"Denn es geht dabei vor allem um Fragen wie: Wo geht der Markt hin? Was wollen die Mandanten? Da stecke ich mittendrin in der strategischen Beratung und agiere sozusagen als interne Unternehmensberaterin." Gruhn arbeitet im Bankaufsichtsrecht, zwei weitere Knowledge Management Laywers gibt es im Banking, eine Handvoll im Gesellschaftsrecht und drei weitere im Energie-, Steuer- und Kartellrecht von Linklaters.

Hohe Anforderungen, viele Aufgaben

Knowledge Lawyer, Knowledge Management Lawyer, Professional Support Lawyer, Know-How-Lawyer – unterschiedliche Begriffe für diejenigen Anwälte, die sich um das Wissensmanagement ihrer Kanzlei kümmern. Ihre Aufgabe ist es, die Erfahrung, das juristische Wissen und die Marktkenntnis von Rechtsberatern allen in der Kanzlei verfügbar zu machen. Außerdem werden die Informationen für die interne Ausbildung genutzt, für Marketingzwecke und für die Produktentwicklung. Die Juristen arbeiten also an der Schnittstelle zwischen Marketing, Produktentwicklung und juristischer Beratung.

Bislang wurden derartige Positionen vor allem in Großkanzleien geschaffen. Voraussetzungen dafür sind eine umfassende IT-Infrastruktur mit Datenbanken und Dokumentenverwaltungssystemen sowie personelle Kapazitäten. Daher arbeiten nur etwa bei rund zehn Großkanzleien überhaupt anwaltliche Wissensmanager, und auch dort sind sie nicht besonders zahlreich: Mehr als ein Dutzend gibt es in keiner Kanzlei.

Die meisten Knowledge Lawyers sind Eigengewächse, sie haben in der Regel einige Jahre in ihrer Kanzlei als angestellte Anwälte beraten, bevor sie den Beruf wechselten. Denn die Voraussetzungen, sich für den Job als Wissensmanager zu qualifizieren, sind erstaunlich hoch. Die Anwälte sollen die Mandatspraxis kennen und darüber hinaus in ihrem Fachgebiet über eine hervorragende Ausbildung und eine breite Wissensbasis verfügen. Der ideale Knowledge Management Lawyer sieht das große Ganze und erkennt Zusammenhänge über die eigene Nische hinaus.

"Rechtsthemen aufbohren"

Anders als die Mehrheit ihrer Kollegen in der klassischen Rechtsberatung arbeiten die Wissensmanager in der Regel zu familienfreundlichen Zeiten. Ihre Deadlines sind selbstgesetzt, weil sie nicht direkt in Transaktionen mitarbeiten. Die Bezahlung ähnelt denen der rechtsberatenden Kollegen, wobei es für sie kein Up-Or-Out-System gibt. Für Linklaters-Anwältin Gruhn daher ein Traumjob.

"Neben einem fundierten Fachwissen und Kommunikationsfreude sollte man großes Interesse daran haben, Rechtsthemen aufzubohren", sagt Gruhn, die seit 2004 als Wissensmanagerin tätig ist und eine der wenigen Ausnahmen, die keine Praxiserfahrung als Rechtsberaterin hat. "Neben den nationalen Rechtsentwicklungen und Themen sollte man beispielsweise die EU‎-Gesetzgebungsprozesse kennen und entsprechende Gesetzesmaterialien nach Praxisrelevanz und fachlichen Themen auswerten können."

Die Tätigkeiten ähneln oft dem wissenschaftlichen Arbeiten. Wohl auch deshalb tragen die meisten Wissensmanager einen Doktortitel, denn das rechercheintensive Sammeln und Verarbeiten von Wissen liegt ihnen im Blut.

Verträge ausarbeiten, Dokumente beschaffen

Wissensmanagerin Gruhn unterscheidet sich von ihren Kollegen darin, dass sie stark in das Veranstaltungsmanagement des Finance-Departments von Linklaters eingebunden ist. Sie bildet junge Associates weiter und organisiert themenorientierte Fachgespräche für Mandanten. "Andere Knowledge Management Lawyer sind mehr im Bereich Vertrags- und Dokumenten-Management tätig", erzählt sie.

"Im Steuerrecht etwa gibt es fortlaufend neue Rechtssprechung und Rechtsänderungen, über die die Anwälte informiert werden müssen." Außerdem müssen die Rechtsentwicklungen in den Verträgen, die Gruhn und ihre Kollegen bearbeiten, stets reflektiert werden.

Insbesondere transaktionslastige Rechtsbereiche wie das Gesellschaftsrecht benötigen Spezialisten, die die Verträge ausarbeiten und die notwendigen Dokumente beschaffen. In Zeiten, in denen immer mehr Transaktionsmandate möglichst zügig abgewickelt werden sollen, weil der Wettbewerb unter den Kanzleien sich intensiviert, ist diese Art der Unterstützung Gold wert.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Karriere in der Großkanzlei: Jenseits von Up-or-Out . In: Legal Tribune Online, 14.06.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19656/ (abgerufen am: 24.10.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 15.06.2016 01:29, Global Managing Partner

    Also bei Linklaters gibt es einerseits Leute, die sich in der "klassischen Rechtsberatung" zu "familienunfreundlichen Zeiten" für die Kanzlei aufreiben, und andererseits "Wissensmanagerinnen", für die das nicht gilt. Aber "die Bezahlung ähnelt denen der rechtsberatenden Kollegen". Na toll. Da wundert einen ja nicht, dass "die Fluktuation unter den Anwälten in der klassischen Rechtsberatung" so groß ist - so einen Laden würde ich auch so schnell wie möglich wieder verlassen.

  • 15.06.2016 10:35, AS

    Zwar bin ich nicht bei Linklaters und habe auch sonst keinen Grund, diese Kanzlei zu verteidigen. Aber die etwas spitze Bemerkung von "Global Managing Partner" kann ich nicht recht nachvollziehen. Es ist doch nichts Neues und keine Linklaters-Eigenheit, dass das Transaktionsgeschäft nicht unbedingt mit den Öffnungszeiten der städtischen Kita kompatibel ist. Dies sollte jedem klar sein, der dort anheuert. Dann gibt es auch keinen Grund, den "Laden" so schnell wie möglich wieder zu verlassen.

    Wer in seinem Leben noch andere Interessen außer Büroarbeit hat und vielleicht auch mal vor Gericht auftreten will, bewirbt sich ohnehin besser z.B. in einer mittelständischen Kanzlei. Auch wenn er dort keine "Knowledge Lawyer" treffen wird ...

  • 16.06.2016 08:30, ...

    "Managing Knowledge Management Lawyer"

    Gute Güte, darfs ein bißchen Titelgehudel mehr sein?