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Digitale Transformation der Rechtsberatung: Kennen Sie Hat­sune Miku?

von Dr. Jochen Brandhoff

03.01.2017

Der Rechtsmarkt steht unter wachsendem Innovationsdruck. Der digitale Wandel schafft für Juristen nicht nur neue Beratungsbereiche, sondern ganz neue Berufe. Wenn sie bereit sind, den Weg der Innovation mitzugehen, meint Jochen Brandhoff.

Kennen Sie Hatsune Miku? Miku ist ein Popstar aus Japan. Bei ihren Live-Auftritten jubeln ihr zehntausende Fans zu. Auf ihrer Bühne sieht es allerdings anders aus, als wir das von Konzerten kennen: Wo sonst der Star singt, steht nur ein riesiger Bildschirm. Hatsune Miku ist eine rein digitale Figur. 

Die digitale Transformation, die grundlegende Veränderung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse durch digitale Technologien, dringt in immer mehr Lebensbereiche vor. Beispiele dafür sind der 3D-Druck, autonomes Fahren, vernetzte Produktionsmaschinen, Intelligente Datenanalytik und Automatisierungstechnik wie Roboter.

Während die übrige Wirtschaft sich bereits mitten im Wandel befindet, durchläuft der Rechtsmarkt noch eine frühe Phase der Digitalisierung: Digitale Technik wird vor allem zur Information und Kommunikation genutzt. Grund dafür ist, dass Rechtsdienstleistungen stärker reguliert sind als andere Leistungen und dem Wettbewerb daher etwas weniger ausgesetzt sind. Darüber hinaus ist der internationale Wettbewerb geringer, da die Anwaltschaft trotz der vielen internationalen Bezüge ihrer Arbeit noch durch den nationalen Markt geprägt ist: Ein US-Anwalt kann den deutschen Anwaltsmarkt nicht so einfach "disrupten". Das führt dazu, dass der Rechtsmarkt weniger effizient ist, als er sein könnte. 

Hoher Druck in einem langsamen Markt

Eine Arbeitsteilung durch Spezialisierung der Marktteilnehmer und Diversifizierung der Tätigkeiten ist im Rechtsdienstleistungsmarkt noch vergleichsweise gering ausgeprägt. Nichtanwaltliche Tätigkeiten wie das Projektmanagement bei Mergers and Acquisitions werden oft noch von Anwälten statt von dafür ausgebildeten Fachkräften, zum Beispiel Projektmanagern, ausgeführt. 

Der Anwaltsmarkt ist außerdem wenig transparent. Der Mandant weiß in der Regel nicht, welcher Anwalt seinen Beratungsbedarf am besten erfüllt, wer also auf seine ganz spezielle Rechtsfrage spezialisiert ist. Das führt zu starken Preisunterschieden zwischen vergleichbaren Anwälten und tendenziell zu hohen Marktpreisen. Es hat auch zur Folge, dass oft nicht der optimale Anwalt das Mandat erhält – und, noch schlimmer, dass viele Rechtsfragen erst gar nicht bei einem Rechtsberater ankommen. 

Die Rechtsbranche steht daher unter besonderem Innovationsdruck. Für die wirtschaftsberatende Praxis kommt als Innovationstreiber dazu, dass Unternehmen den Kostendruck, dem sie durch den Wettbewerb unterworfen sind, stärker als früher an ihre Wirtschaftsanwälte weitergeben. Sie erwarten von ihrem Anwalt ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis. 

Legal Tech und ihre Ziele

Als Legal Technology (kurz: Legal Tech) werden digitale Technologien bezeichnet, die das Rechtswesen verbessern. Die Arbeit des Anwalts soll mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologie effizienter werden – oder durch den Computer ersetzt werden. Neben der IT-gestützten Verbesserung der Kanzleiorganisation verfolgt sie derzeit drei Ziele:

  • Nichtanwaltliche Tätigkeiten wie das Projektmanagement sollen computergestützt von Spezialisten, etwa ausgebildeten Projektmanagern, übernommen werden.
  • Sehr häufig vorkommende anwaltliche Tätigkeiten, etwa die Prüfung von Bußgeldbescheiden, sollen (teil)automatisiert von Programmen übernommen werden. 
  • Nicht häufig vorkommende sowie komplexe Tätigkeiten, etwa bankaufsichtsrechtliche Prüfungen, sollen durch einen genau auf die Frage spezialisierten Anwalt erbracht werden, wobei juristische Internetplattformen den Zugang zu spezialisierten Rechtsanwälten vereinfachen und die Arbeit des Anwalts effizienter machen sollen.

Der Legal-Tech-Markt kann in drei Segmente unterteilt werden, wobei die Übergänge fließend sind. In allen Bereichen aber werden sich juristische Berufsbilder verändern, der Bedarf an einfachen anwaltlichen Tätigkeiten wird voraussichtlich bereits in den kommenden vier bis sechs Jahren spürbar zurückgehen.

Zitiervorschlag

Dr. Jochen Brandhoff , Digitale Transformation der Rechtsberatung: Kennen Sie Hatsune Miku? . In: Legal Tribune Online, 03.01.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21654/ (abgerufen am: 19.09.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 03.01.2017 21:11, really

    Wenn er dann noch zitieren lernt, gönne ich ihm fast seinen Doktortitel.

  • 05.01.2017 12:01, Jurastudent

    Schade, dass wir sowas im Studium nicht vermittelt bekommen. Habe Artikel an meine Fachschaft weitergeleitet. Sollte jeder Student lesen.

  • 05.01.2017 18:24, Peter

    Sehe ich zwar nicht genauso wie Jochen Brandhoff, wenn es aber doch so käme, wären die Folgen für alle Anwälte gravierend.

    • 06.01.2017 11:11, Jurastudent

      #Peter: Was genau meinen Sie?
      Gibt es denn in logischer Konsequenz der jetzigen Entwicklung alternative Modelle?

  • 09.01.2017 10:00, Peter

    Ich gebe zu, in 100 Jahren könnte es so aussehen, wie im Artikel beschrieben. Aber in absehbarer Zeit? So, dass ich schon etwas unternehmen muss?

  • 13.01.2017 16:35, Tobias

    war gerade auf www.advocado.de und finde den legaltech-Bereich wirklich spannend!

  • 16.10.2018 23:03, Anwalt ist gut

    Der Markt wird sich so schnell transformieren; da wird Einigen "Hören und Sehen" vergehen. Reifen kaufen oder Lebensmittel kaufen oder was auch immer im Internet kaufen ging ja auch nicht... Jetzt geht sogar die Beendigung der Ehe in 5 Minuten über ein Formular + obligatorischer Gerichtstermin in D - www.scheidung.de - als ob man die Verbraucher aufhalten könnte.