Frauenanteil in Kanzleien: Zehn Pro­zent Part­ne­rinnen, mehr nicht

von Dr. Anja Hall

25.01.2016

Fast jede Großkanzlei behauptet von sich, Frauen aktiv zu fördern. Doch die Realität sieht anders aus, wie ein Blick auf die Partnerernennungen im Jahr 2015 zeigt. Nicola Byok über den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

LTO: Frau Byok, Sie haben untersucht, wie viele Partnerinnen die großen Kanzleien in Deutschland im letzten Jahr aufgenommen haben. Was sind Ihre Ergebnisse?

Dr. Nicola Byok: Seit Jahren liegt die durchschnittliche Quote von Partnerinnen in diesen Kanzleien unter zehn Prozent, und es sieht nicht danach aus, dass die Kanzleien daran etwas ändern wollen.

(c) Dr. Nicola Byok

Von den Kanzleien, die laut Juve-Kanzleihandbuch die Top-50-Kanzleien in Deutschland sind, haben 24, also knapp die Hälfte, im Jahr 2015 in Deutschland zwar Partner, aber keine einzige Partnerin in ihre Reihen aufgenommen. In diesen Kanzleien hat sich der Partnerinnenanteil damit im Vergleich zu den Vorjahren verringert.

Dazu kommen acht Kanzleien, die in Deutschland im Jahr 2015 weder Partner noch Partnerinnen aufgenommen haben. In diesen Kanzleien herrscht hinsichtlich der Partnerinnenentwicklung Stillstand.

Nur Linklaters erfüllt eine 50-Prozent-Quote

LTO: Und bei den restlichen der Top-50-Kanzleien?

Byok: Fünf Kanzleien – es handelt sich um CMS Hasche Sigle, Friedrich Graf von Westphalen, Gleiss Lutz, Heuking Kühn und Noerr - haben zumindest einen Partnerinnen-Anteil von bis zu 25 Prozent in ihren Neuernennungen und Zugängen. Baker & McKenzie, Hogan Lovells, Oppenhoff & Partner, SZA Schilling Zutt Anschütz haben einen weiblichen Anteil von immerhin bis zu 50 Prozent. In diesen neun Kanzleien gibt es also eine gewisse Bewegung.

Eine einzige Kanzlei, nämlich Linklaters, hat 2015 in den Partner-Ernennungen einen Frauenanteil von über 50 Prozent erreicht. Spitzenreiter im letzten Jahr war Hengeler Mueller mit einer Quote von tatsächlich 100 Prozent. Hier waren beide Neuzugänge in die Partnerschaft Frauen.
Insgesamt haben es 2015 also nur zwei Kanzleien geschafft, mehr Partnerinnen als Partner in ihre Reihen aufzunehmen. Das wäre aber nötig, um den Anteil der Partnerinnen langsam an den Anteil der Partner anzunähern.

"Drei Viertel der Anwältinnen verlassen die Kanzlei"

LTO: Wie entwickelt sich das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Anwälten und Anwältinnen im Laufe der Berufstätigkeit in Kanzleien?

Byok: Die Berufsanfänger in deutschen Kanzleien sind zu 60 Prozent Männer und zu 40 Prozent Frauen. Ein paar Jahre später hat sich das Bild aber drastisch verschoben. Die Partnerschaften der großen Kanzleien bestehen zu 90 Prozent aus Männern und nur zu zehn Prozent aus Frauen. 75 Prozent der Rechtsanwältinnen verlassen also die Kanzleien vor Erreichen der Partnerschaft.

Wie die Partnerernennungen 2015 zeigen, sind Deutschlands Kanzleien weit entfernt von einer dynamischen Entwicklung. Während die Büros im Ausland, was die Anzahl der Partnerinnen angeht, deutlich voran gehen, bewegt sich in Deutschland überwiegend nichts, es ist sogar eine rückläufige Tendenz festzustellen.

"Mandanten wollen keine männliche Monokultur"

LTO: Warum ist der geringe Frauenanteil für die Kanzleien überhaupt ein Problem?

Byok: Kanzleien koppeln sich mit ihrer männlichen Monokultur zunehmend von den Wünschen und Anforderungen ihrer Mandanten ab. Wie eine Studie meiner Agentur für Genderkonzepte gezeigt hat, ist es 81 Prozent der befragten Unternehmensjuristinnen und 56 Prozent der Unternehmensjuristen wichtig, dass die von ihnen mandatierten Kanzleien eine Geschlechterdurchmischung in der Partnerschaft aufweist.

LTO: Ist diese "Gender Diversity" aber auch ein handfestes Kriterium bei der Mandatsvergabe?

Byok: Noch nicht. Laut der Umfrage spielt Gender Diversity in Kanzleien beim Mandatierungsprozess in nur 30 Prozent der Fälle eine Rolle. In 70 Prozent der Fälle wird Gender Diversity nicht berücksichtigt.

Gender Diversity wird bei Mandatsvergabe wichtiger

Das wird sich aber ändern und zwar aus folgenden Gründen: Anwältinnen, die die Kanzleien verlassen, gehen unter anderem in die Unternehmen. Dort wächst ihr Einfluss auf die Mandatsvergabe und mithin der Wert, den sie dem Aspekt Gender Diversity in Kanzleien zumessen. Außerdem haben sich viele Unternehmen selbst Diversity-Vorgaben gegeben. Es ist ein natürlicher Prozess, dass dieser gelebte Wert zunehmend auch bei Geschäftspartnern, und dazu zählen auch Kanzleien, gesucht wird.

Und schließlich macht es das Ausland vor. Bei Mandaten aus den USA und dem europäischen Ausland müssen Kanzleien in Deutschland schon heute Angaben zu Gender Diversity in ihren Reihen machen. Angesichts der Tatsache, dass sich Kanzleien auf einem globalen Markt bewegen, wird Deutschland sich hier nicht auf Dauer abkoppeln können.

LTO: Was empfehlen Sie den Kanzleien?

Byok: Kanzleien sollten neue und innovative Wege finden, ihre Rechtsanwältinnen zu halten und mehr von ihnen in die Partnerschaft zu bringen. Diejenigen Kanzleien, die es schaffen, die Anzahl ihrer Partnerinnen deutlich zu erhöhen, werden ihren Mitbewerbern gegenüber einen deutlichen Wettbewerbsvorteil haben.

"Gemischte Teams sind erfolgreicher"

Eine bessere Geschlechterdurchmischung birgt nämlich erhebliches wirtschaftliches Potential. Studien zeigen immer wieder, dass gemischte Teams innovativer und wirtschaftlich erfolgreicher sind. Kanzleien, die sich auf diesem Gebiet hin zu Gender Diversity bewegen, ergreifen eine großartige Chance für ihr Business Development.

Sobald es auch in Deutschland Usus sein wird, bei der Mandatierung die Gender Diversity in den Kanzleien abzufragen, wird dieser Wettbewerbsvorteil zu einem Vorsprung vor der Konkurrenz werden – und zwar für lange Zeit. Denn Personalentwicklung geht nicht von heute auf morgen, sie braucht Zeit. Um hier aufzuholen, werden Jahre vergehen. Die Kanzleien sollten also keine Zeit verlieren.

Dr. Nicola Byok ist Juristin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Gender Diversity. Unter anderem war sie die erste Gleichstellungsbeauftragte der Bucerius Law School und etablierte dort den Bereich "Gender in Law". Mit ihrer Agentur für Genderkonzepte  berät sie unter anderem Kanzleien und Unternehmen zu Fragen der Gender Diversity.

Zitiervorschlag

Anja Hall, Frauenanteil in Kanzleien: Zehn Prozent Partnerinnen, mehr nicht . In: Legal Tribune Online, 25.01.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18249/ (abgerufen am: 23.10.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 25.01.2016 12:45, Felix

    @Redaktion: Die Zwischenüberschrift "Nur Linklaters erfüllt eine 50-Prozent-Quote" ist fehlleitend, wenn Hengeler mit zwei Frauen sogar einen Anteil von 100 % erfüllen konnte.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 25.01.2016 15:46, 123

    Zitat Byok: "Die Berufsanfänger in deutschen Kanzleien sind zu 60 Prozent Männer und zu 40 Prozent Frauen. Ein paar Jahre später hat sich das Bild aber drastisch verschoben. Die Partnerschaften der großen Kanzleien bestehen zu 90 Prozent aus Männern und nur zu zehn Prozent aus Frauen. 75 Prozent der Rechtsanwältinnen verlassen also die Kanzleien vor Erreichen der Partnerschaft."

    Wenn das typisch ist für das Seriositätsniveau dieser Studie, dann gute Nacht. Zwischen beiden Zahlen (Neueinstellungsquote ./. Gesamtpartnerquote) besteht kein unmittelbarer Zusammenhang, und erst recht kann man daraus nicht die "Neupartnerquote" für Frauen ableiten (sie muss auch wesentlich niedriger liegen: nach allgemeiner Erfahrung verlassen von den Associates beiderlei (!) Geschlechts wesentlich mehr als 75% die Großkanzlei, ohne Partner geworden zu sein).

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 26.01.2016 20:47, Nicola Byok

      Sie haben den Text nicht richtig verstanden. Ich habe zwischen Neueinstellungsquote und Gesamtpartnerquote keinen Zusammenhang hergestellt, sondern lediglich die Zahlen genannt. Die Neupartnerinnenquote wiederum ist Teil einer völlig anderen Untersuchung, nämlich des Partnerinnen-Barometers 2015. Sie hat mit meiner ersten Studie zu Gender Diversity als Mandatierungskriterium nichts zu tun. Sprechen Sie mich gern direkt an, dann erkläre ich Ihnen die Inhalte dieser beiden Untersuchungen.

  • 30.01.2016 18:57, eono

    Der 1. Satz sagt doch schon alles: "Fast jede Großkanzlei behauptet von sich
    Frauen zu fördern"! Wir sind doch nicht behindert! So das wir nach dem Studium
    mit dem 2. Staatsexamen extra Förder-Arbeitgeber benötigten.
    Aber irgend so ein Denken scheint vorzuherrschen ...
    Die Frau kann ja wenn es unbedingt sein muss lesen und schreiben lernen
    auch studieren - auch Examen machen dann aber bitte sofort KKK Ki Kü Kirche.
    Es scheint tatsächlich Männer zu geben - Viele - Alle? die sich einbilden,
    Frauen hätten ohne sie kein Leben - könnten ohne sie nicht denken.
    Das merkt man spätestens falls man als Frau sich mal an ein Gericht gewandt hat. Wir leben seitdem seit Anfang der 90er seit "seit der Wende ist alles anders!"in D in den 50er/60er - 30er Jahren > 19. J. und weiter zurück
    passend zu den damaligen Gesetzen/Willkür - und dem Männerbild der Frau
    der Gesellschaft in D
    Zumindest die kath. Pfarrer leben u.U. von Frauen sehr zurück gezogen. -
    In einer westdt. Univ. GHS arbeiteten im FB Philosophie 1977 keine Frauen bis
    auf Sekretärinnen. Nur im Ausnahmefall student. Hilfskräfte: "Wir Philosophen
    fürchten uns vor Frauen"!
    Das ist soweit ich das erkennen kann unter Juristen in Gerichten nicht anders:
    Sie wollen - nach Möglichkeit mit Frauen nichts zu tun haben.
    Und wenn: Dann sind diese sofort vorverurteilt persönlich überflüssig "Name genügt"! - (Nicht das man das einfach so wieder weg bekäme. - Rechtsstaat)
    Wie viele Jahre/Jahrzehnte "Gleichberechtigung"!?
    Kurse für die Y-bevorzugten Männer damit sie lernen mit den
    X-bevorzugten Frauen umzugehen und umgekehrt.
    Die X-bevorzugten Frauen müssen den
    sich vor ihnen fürchtenden X-benachteiligten Männern die Angst nehmen
    und trotzdem sich sein können - leben - arbeiten ... dürfen.
    Ich hatte schon immer den Verdacht, das Mütter irgend etwas falsch machen.
    Sie verändern sich sofort wenn sie hören: Es ist ein Junge. Und schon ist alles gelaufen. Das arme Kind kriegt sofort allen Ärger der Welt
    und alle Frustrationen der Frau ab - so oder so.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 14.02.2016 21:25, Non Partner

    Jegliche Angaben zu Partnerernennungen sind irreführend, solange die betreffende Kanzlei nicht offenlegt, ob es sich um gleichberechtigte Equity Partner oder Angestellte mit einem Partnertitel (Salary Partner, Local Partner oder was immer) handelt. In vielen Kanzleien ist es völlig unklar, was die Bezeichnung Partner im Innenverhaeltnis bedeutet.

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