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Rechtsberatung der WP-Gesellschaften: Alle Zeiten ändern sich

von Désirée Balthasar

18.04.2016

Die Big 4 der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften rüsteten in den vergangenen Jahren juristisch auf und nahmen den Kanzleimarkt ins Visier. Inzwischen sind die Rechtsberatungsgesellschaften ein ernstzunehmender Player geworden.

Die Zeiten, als sich die Rechtsberatungszweige der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in erster Linie als dünne Äste einer großen Gesellschaft sahen und sich die Juristen ausschließlich mit Steuerfragen beschäftigten, sind vorbei. Einige von ihnen blasen selbstbewusst zum Frontalangriff auf klassische Rechtsanwaltskanzleien. Dementsprechend klingt beispielsweise das Selbstverständnis von KPMG Law: "Grundsätzlich sind wir in allen Bereichen des Wirtschaftsrechts für unsere Mandanten da und verstehen uns als Full Service Law Firm", sagt Dr. Manfred Kessler, Global Head des KPMG Legal Services Network.

Die dünnen Äste sind inzwischen zu ansehnlichen Stämmen herangewachsen. Das spiegelt sich beispielsweise in der Personalstärke, denn diese stieg in der jüngeren Vergangenheit rasant. KPMG Law beschäftigt derzeit rund 220 Anwälte, Deloitte etwas mehr als 100. Bei PwC Legal sind rund 190 und bei EY Law 130 Rechtsanwälte in Deutschland angestellt. Zusammengenommen würden die Rechtsanwälte der Big 4 hierzulande die größte Wirtschaftskanzlei in den Schatten stellen: Bei CMS Hasche Sigle, der nach Anwaltszahl größten Kanzlei in Deutschland, arbeiten rund 600 Juristen.

Die Rechtsberatungsgesellschaften zeigen zudem regional Präsenz: Neben den üblichen Standorten in deutschen Metropolen beraten die WP-Anwälte auch in Städten, die sonst selten auf der Landkarte der großen Law Firms stehen. Etwa in Mannheim, Essen, Bielefeld, Kassel oder Osnabrück.

Schillernde Namen

Vergangen sind die Zeiten, in denen sich ausschließlich ein bestimmter Anwaltstypus zu den WP-Gesellschaften hingezogen fühlte. Den Juristen der Rechtsberatungsarme haftete das Image von Hinterzimmer-Anwälten an, die nicht aus dem Schatten der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer heraustreten können. Wer Wert auf Renommee legte, der ging nicht zu einer WP-Gesellschaft – schon gar nicht als Partner. Doch das hat sich gewandelt. Die Namen, die in den letzten Jahren von Kanzleien zu WP-Gesellschaften wechselten, sind schillernd.

Insbesondere PwC Legal konnte mit namhaften Zugängen aufwarten. So schloss sich ein Team um das Vergaberecht-Urgestein Dr. Friedrich Ludwig Hausmann der WP-Anwaltsgesellschaft an und nach dem Aus der Energierechtskanzlei Scholtka & Partner kam ein Team um Namenspartner Dr. Boris Scholtka neu hinzu. Auch der Ex-Managing Partner von Mayer Brown Jörg Wulfken gehörte zu den prominenten Zugängen bei PwC Legal. Eines ist klar: Diese etablierten Anwaltspersönlichkeiten stellt keine Hinterkammer zufrieden.

Entsprechend hochkarätig sind auch die Mandate, die von den Anwälten der WP-Law-Firms bearbeitet werden. Sie begleiten Deals in einer Größenordnung, die vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen wären. KPMG Law wurde beispielsweise beim Verkauf der Großbäckerei Klemme an Aryzta neben Freshfields Bruckhaus Deringer tätig, PwC Legal beriet die NOZ Medien beim Kauf der mh:n-Gruppe und Deloitte Legal begleitete gemeinsam mit Milbank Tweed Hadley & McCloy die Fusion von Immowelt und Immonet.

Kostendruck und Internationalisierung

Ihre Chancen sehen die Rechtsberatungsarme der WP-Gesellschaften im Wandel des Kanzleimarktes. Insbesondere die Globalisierung - und damit einhergehend die Internationalisierung des Geschäfts - nennen die WP-Kanzleien als maßgebliche Treiber des Wachstums. Thomas Northoff, Managing Partner bei Deloitte Legal, beschreibt die Situation folgendermaßen: "Unsere Strategie basiert auf der Erkenntnis, dass immer mehr Unternehmen die Vorteile einer Rechtsanwaltskanzlei zu schätzen wissen, die in einen internationalen Beratungsverbund und ein globales Netzwerk integriert ist."

Außerdem sei die Nachfrage nach ihrer Art der Rechtsberatung deshalb gestiegen, weil Mandanten eine umfassende Lösung für unternehmerische Herausforderungen suchten, die stetig komplexer würden, so Northoff. Hinzu kommen die veränderten Preis- und Geschäftsmodelle aufgrund von stärkerem Kostendruck aufseiten der Unternehmen.

Auch KPMG Law-Chef Kessler sieht den strategischen Vorteil der WP-Rechtsberatung darin, dass sie ihre Kunden interdisziplinär, ganzheitlich und vernetzt betreuen. Ein weiterer wichtiger Punkt sei die Digitalisierung. Genau wie die reinen Anwaltskanzleien sehen sie hier großen Bedarf und legen diesen als Chance für sich aus. Northoff von Deloitte Legal sagt dazu: "Wir beschäftigen uns intensiv mit Markt- und Technologieentwicklungen sowie neuen Anbietern, die traditionelle Geschäftsmodelle verändern."

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Rechtsberatung der WP-Gesellschaften: Alle Zeiten ändern sich . In: Legal Tribune Online, 18.04.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19120/ (abgerufen am: 21.09.2019 )

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Kommentare
  • 18.04.2016 16:59, Anwalt

    Wer tut sich die Arbeit da wirklich an? Verlangt werden Qualifikationen und Einsatz ähnlich einer Großkanzlei, aber das Gehalt entspricht da eher einem Bruchteil (60% von ublichen GK-Gehalt).

  • 18.04.2016 18:51, Dr. Faustus

    Na diejenigen, die aufgrund schlechter Examina nicht in die richtigen Großkanzleien reinkommen. ;)

  • 18.04.2016 19:08, Dr. glovus

    Wer gute Examina hat, landet weder in einer WPG noch in einer GK

    • 20.04.2016 07:27, anwalt

      Ich weiß ja nicht, in welchen Großbuden du gearbeitet hast, aber ich habe bei meinen bisherigen Arbeitgebern (WissMit, Ref, Anwalt) fast ausschließlich Kollegen mit Prädikat, meist noch Dr. und LLM.
      In den öffentlichen Dienst will kaum noch jemand (verständlich), weshalb in vielen OLG Bezirken ab 7,75 eingestellt wird.
      Es verbleibt nur sinnvoller Weise der Notarberuf.