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Wikipedia für Juristen: Die Affäre für jeder­mann

von Prof. Dr. Roland Schimmel

06.03.2017

2/2: Das eigentliche Problem mit Wikipedia

Diese beiden Begründungen erweisen sich als wenig überzeugend. Durch Angabe eines Permanentlinks kann man schon lange eindeutig und sekundengenau auf die Version eines Lemmas verweisen, die man selbst eingesehen hat - offenbar eine technische Möglichkeit, deren Kenntnis noch lange nicht bei allen Richtern vorhanden zu sein scheint, die die Wikipedia in ihren Urteilsgründen zitieren.

Und auch die Bedenken gegenüber namentlich nicht gekennzeichneten Lexikonbeiträgen sind an anderer Stelle weitaus weniger ausgeprägt: Sowohl allgemeine Wörterbücher und Enzyklopädien – wer erinnert sich noch an Brockhaus und Meyers Konversationslexikon? – als auch Fachwörterbücher wie der Pschyrembel werden ungeachtet der Anonymität der Beiträge sowohl in Gerichtsurteilen als auch in rechtswissenschaftlichen Texten traditionell häufig zitiert.

Fachlich ausgewiesene Autoren verlangt die Wikipedia nicht, obwohl sie natürlich willkommen sind. Und sie kann diese, zumindest unter Juristen, bislang auch nur in geringem Umfang gewinnen, denn die Mitarbeit an einem Wikipedia-Lemma lohnt sich praktisch nicht: Die Autorentätigkeit ist definitionsgemäß ehrenamtlich und ein wissenschaftlicher Reputationsgewinn ist einigermaßen illusionär bei Texten, die sich nach wenigen Sekunden der individuellen Kontrolle entziehen. Warum sollte es dann ausgerechnet bei dem geächteten Online-Lexikon auf Titel und bekannte Namen ankommen?

Nein: Der Grund, warum Wikipedia wie andere Enzyklopädien nur ausnahmsweise und subsidiär als Belegstelle heranzuziehen ist, dürfte vielmehr darin liegen, dass sie sich als Tertiärquelle versteht. Der Anspruch wissenschaftlichen Arbeitens muss hingegen im Zugriff auf die Primärquellen bestehen. Wo das nicht möglich ist, weil es etwa an Zeit oder Expertise mangelt, sind wenigstens Sekundärquellen heranzuziehen. Wer das aber beherzigt, kann in bestimmten Situationen kunstregelgerecht die Wikipedia nicht nur faktisch nutzen, sondern auch ehrlicherweise zitieren. Erforderlich wird ein Zugriff auf die Wikipedia kaum jemals für Rechtsinformationen werden (zumindest nicht im nationalen Recht), umso mehr aber dann, wenn es um Tatsachenwissen geht.

Veranstaltung: Rechtsquelle Wikipedia?

An der Fernuniversität in Hagen hat am vergangenen Wochenende das erste Symposium zum Thema "Rechtsquelle Wikipedia? Praxis – Fiktion – Standards" stattgefunden, das Wikipedianer und Juristen aus unterschiedlichen Berufen zusammenführte; die Schnittmenge zwischen den beiden Gruppen ist klein. Das thematisch vielfältige Programm reichte von einer Einführung in die Arbeitsprinzipien der Wikipedia über die Bestandsaufnahme ihrer Rolle und Funktion in der Rechtsprechung bis hin zu Fragen der Qualitätssicherung.

Ganz nebenbei bot die Veranstaltung auch dem technisch wenig beschlagenen Zuhörer einiges: Die terminverhinderten Referenten waren zuvor filmisch aufgezeichnet worden und Wikipedia-Anfänger konnten sich in Echtzeit ansehen, wie ein Wikipedia-Lemma editiert und gesichtet wird.
Verlässliche Antworten auf die vom Programm aufgeworfenen Fragen gab es aber nur vereinzelt. Dass die Wikipedia keine Rechtsquelle ist, dürfte allgemeinem Konsens der Teilnehmer entsprochen haben. Eine Enzyklopädie hat keine Rechtssetzungsbefugnis und normative Aussagen enthält sie jedenfalls nicht als eigene.

An welcher Stelle in juristischen Diskursen aber die durch ein Wiki akkumulierte "Expertise der Vielen" eine Rolle spielen kann und soll, muss vorläufig offenbleiben. Ob sich rechtliche Argumentationen durch die Wiki-Technologie verändern werden und ob dabei vielleicht Expertise und Autorität in Zukunft anders zu denken sein werden, ist im Augenblick noch nicht zu abzusehen. Man darf sich also Folgekonferenzen wünschen, die Ergebnisse der soeben abgeschlossenen sollen im Lauf des Jahres digital publiziert werden.

Der Autor Prof. Dr. Roland Schimmel ist Professor für Wirtschaftsprivatrecht an der FH Frank-furt am Main.

Zitiervorschlag

Roland Schimmel, Wikipedia für Juristen: Die Affäre für jedermann . In: Legal Tribune Online, 06.03.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/22280/ (abgerufen am: 24.11.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 06.03.2017 14:19, FinalJustice

    Ich teile die Ansicht des Autors, dass Wikipedia zu Unrecht als wissenschaftlichen Standards genügende Quellensammlung kategorisch abgestempelt wird, gerade unter Juristen - wohlgemerkt: Unter dem Lehrpersonal der Universitäten. Studenten und, wie zutreffend herausgestellt wird, auch Gerichte, haben da weniger Berührungsängste. Solange man Wikipedia als das nimmt, was es ist, nämlich eine mehr oder minder kurze Zusammenfassung eines Themas, dann ist es ein wunderbarer Aufhänger für weitere Recherchen und auch für Zitate, die Bereiche berühren, die nicht weiter von vertiefender Relevanz sind oder einfach eine abstrakte Definition liefern sollen.

    Allerdings: Die Qualität der Artikel, die das deutsche Recht betreffen, sind in der Regel unterdurchschnittlich bis vollkommen unbrauchbar. Man merkt ihnen an, dass sie von juristischen Laien verfasst worden sind, die den korrekten Sprachgebrauch der Rechtswissenschaft nicht beherrschen und auch kein systematisches Rechtsverständnis haben. Ich maße mir da durchaus ein umfassenderes Urteil an, weil ich mehrere Artikel editiert habe (und deren Veränderung wurde auch übernommen), die wirklich grobe Fehler enthielten. Es ist jedoch auch einzuräumen, dass sich das offenbar langsam rumspricht und die Qualität sich stetig zu verbessern scheint. Von daher begrüße ich es, wenn sich Professoren in Artikeln und Veranstaltungen positiv gegenüber Wikipedia posizionieren, weil die größere Aufmerksamkeit auch zu einer erhöhten Exposition der Artikel führt - und je mehr geschulte Augen einen Artikel lesen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er inhaltlich korrigiert wird.

  • 06.03.2017 16:47, LTO-Leser

    Allerdings ist das Bundespatentgericht, wie der Autor u.a. in der Wikipedia hätte nachlesen können, kein "oberstes", sondern ein erstinstanzliches (Bundes-)Gericht, womit zugleich die Nützlichkeit dieses Hilfsmittels für den Juristen mit defizitärer Allgemeinbildung bestens nachgewiesen wäre.

    Von ganz einfachen Fragen wie der vorgenannten abgesehen, wird man in der Wikipedia zu Rechtsthemen aber leider nicht ganz selten mit unzutreffenden, unvollständigen oder überholten Informationen bedient. Für den Laien mag der Zugriff auf Wikipedia zwar trotzdem häufig schon etwas weiterhelfen. Dass man aber dem in der Ausbildung befindlichen Juristen mit Nachdruck zurät, sich besser der ihm ohne weiteres zugänglichen etablierten Rechtsliteratur zu bedienen, ist evident richtig und wird dies vermutlich noch lange bleiben.

    • 06.03.2017 17:58, Arpakasso

      Das BPatG wird nicht unbedingt "Allgemeinbildung" kompensieren, sondern kommt wahrscheinlich wegen dem "vorbekannten Stand der Technik" u.ä. immer wieder auf der Wikipedia raus, da alles, was da zu einem bestimmten Zeitpunkt stand, definitiv den betroffenenn Kreisen bekannt sein musste. Das ist in Patentverfahren regelmäßig Tatsachen-Streitfrage, da es ja um technische Erfindungen und deren Neuheit oder Nicht-Neuheit geht. (Zudem: Teilweise Amtsermittlungsgrundsatz!) Da geht es auch wenig um "Allgemein"-Bildung, sondern oft um hochspezielle technische Verfahren und Standards, die auf der Wikipedia für Nicht-Techniker noch am verständlichsten aufbereitet sind. Und irgendwo im BPatG sitzen eben auch noch nicht-technische Richter (aka Juristen). Die brauchen das in Techniker-Laientauglich. *badumm-tsch!*

    • 15.03.2017 21:34, lost its bite

      LTO-Leser ist auch nicht mehr, was er mal war. Altersmilde kann es noch nicht sein. Ein beruflicher Rückschlag vielleicht? Seien Sie nicht traurig - Rückschläge sind nur verkleidete Neuanfänge.