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"Schuld" von Ferdinand von Schirach: Blicke hinter die Tat

Mit "Schuld" legt Ferdinand von Schirach nach "Verbrechen" weitere Kurzgeschichten aus der Kriminaljustiz vor. Darin erzählt ein Strafverteidiger namens Ferdinand von Schirach nicht nur von strafrechtlicher Schuld.

"Schuld ist Vorwerfbarkeit." Auf diese knappe Formel hat der Bundesgerichtshof die strafrechtliche Schuld gebracht. Das ist, als definiere man Wasser als Trinkbarkeit, wie Arthur Kaufmann einmal anmerkte.

In "Schuld" zeichnen sich die Stories, wie Ferdinand von Schirach seine Kurzgeschichten nennt, ebenfalls durch eine lapidare Sprache aus. Dem Wesen der Schuld vermögen sie sich oft besser anzunähern als jede höchstrichterliche Definition.

Die fünfzehn Stories in "Schuld" handeln aber von mehr als nur strafrechtlicher Schuld. So kommt es in der ersten Story zu einem Konflikt zwischen nemo tenetur und moralischer Schuld. Auch geht es darin nicht nur um die Schuld des Straftäters. Der Ich-Erzähler blickt zurück auf seine beruflichen Anfänge: Bei seinem ersten großen Fall verliert er seine Unschuld als Strafverteidiger, obwohl er mit der Verteidigung alles richtig gemacht hat.

Wie schon in seinem ersten Erzählband "Verbrechen" blickt Schirach hinter die Tat. Es sind weniger die Taten an sich, die ihn interessieren, sondern die dahinter liegenden Motive. Da nimmt es nicht wunder, dass neben allerlei Kapitalverbrechen einmal ein Diebstahl geringwertiger Sachen die Folie bildet, vor der die Stories ablaufen. "Verlangen" erzählt von einer Kleptomanin aus Überdruss. In "Der Andere" bezeugt eine Ehefrau eine Tat aus Eifersucht, um ihre sexuelle Freizügigkeit zu kaschieren.

Ceci n'est pas un Schirach

Auch in "Schuld" spielt Schirach wieder mit der Identität des Erzählers. Wie der reale Ferdinand von Schirach ist das literarische Ich in Berlin Strafverteidiger. Erst in der letzten Kurzgeschichte fällt der Name Ferdinands von Schirach, doch nicht zufällig handelt sie von verwechselten Identitäten.

Schon am Ende des ersten Erzählbandes stand das abgewandelte Magritte-Motiv aus "La trahison des images": "Ceci n’est pas une pomme." Auch für die Fälle, aus denen Schirach seine Stories in "Schuld" destilliert hat, gilt: Wie bei Magritte muss der Gegenstand von seiner Abbildung unterschieden werden. Die Geschichten sind in dem Sinne wahr, dass von Schirach die Tatmotive beibehalten hat, wie er der Süddeutschen Zeitung verriet.

"Schuld" hat Schirach "Die Dinge sind, wie sie sind" vorangestellt. Vollständig lautet das Wort Aristoteles' aus der Metaphysik (I, 2): "Der Beginn aller Wissenschaften ist das Erstaunen, dass die Dinge sind, wie sie sind." Aristoteles meint damit, dass unser Verständnis von den Dingen sich durch Neugier ändert. Als Beispiel gibt Aristoteles das Staunen der Leute über Automaten an, deren Mechanismus sie noch nicht durchschaut haben.

Für Schirach bedeutet dieser Satz, dass man nichts daran ändern kann, dass die Dinge sind, wie sie sind, wie er dem ZEITmagazin sagte. Das könnte man auch fatalistisch verstehen. Doch für Schirach und sein literarisches Alter Ego kann es nur bedeuten, dass sie als Strafverteidiger
die Dinge vorfinden und daraus eine Wahrheit erzählen müssen.

Die Wahrheiten des Ferdinand von Schirach

Mit "Schuld" zeigt Ferdinand von Schirach, dass ihm zu Recht der Kleist-Preis zuerkannt worden ist. Wer nach "Verbrechen" noch Zweifel hatte, wird nun eines Besseren belehrt. Die Stories sind noch besser als in "Verbrechen", der Stil noch raffinierter.

Allerdings war das Risiko für Schirach mit "Schuld" auch gering, bewegen sich die Geschichten doch auf der von "Verbrechen" vorgegebenen Erfolgsschiene. Die Meisterprüfung wartet auf ihn mit dem nächsten Buch, mit dem er sich von Kurzgeschichten und Verbrechen abwenden will. Die große Form kann man im Ansatz schon erkennen in "Der Schlüssel", der längsten Story in "Schuld" um zwei schlitzohrige Gangster.

"Jeder gute Roman sagt die Wahrheit, und jeder schlechte Roman lügt", schrieb Vargas Llosa einmal in seinem Essay "Die Wahrheit der Lügen". Wir sind gespannt auf die Wahrheiten des Ferdinand von Schirach.

Zitiervorschlag

Jean-Claude Alexandre Ho, "Schuld" von Ferdinand von Schirach: Blicke hinter die Tat . In: Legal Tribune Online, 02.08.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1119/ (abgerufen am: 12.08.2020 )

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