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"Mordkommission" von Richard Thiess : Am Tatort mit realen Ermittlern

von Dr. Dr. Frank Ebert

22.03.2010

Kapitaldelikte einmal anders: Nicht fiktiv, beschönigt und in bunten Farben, sondern geschildert von einem Ermittler. Richard Thiess, Leiter einer Mordkommission gewährt Einblicke in spektakuläre Fälle. Ein Sachbuch über die Faszination des Schreckens.

Mord und Totschlag als Unterhaltung? Die Attraktivität von Kriminalromanen und -filmen fußt auf der Bejahung dieser Frage. Und dann gibt es noch die Realität.

Richard Thiess greift diese Lebenswirklichkeit in seinem Buch "Mordkommission" auf. Als Leiter einer Mordkommission beim Polizeipräsidium München erläutert er von Berufs wegen deren ebenso abwechslungsreiche wie anspruchsvolle Arbeit. Aus ihm sprechen, wie nicht anders zu erwarten und durch seine bemerkenswerte Vita unterstrichen, ein hohes Maß an Fachkunde und langjähriger Berufs- und Lebenserfahrung.

In 32 Kapiteln gewährt der Autor dem Leser eindrucksvoll Einblick in inzwischen abgeschlossene spektakuläre Fälle. Fernab jeder Fiktion führt er den Leser durch geronnene Kriminalgeschichte, wie sie das Leben schreibt – plastisch, mitreißend, atemberaubend und doch wirklichkeitsnah, bisweilen sogar kurios.

Der plaudernde Erzählton, der bisweilen humorvolle Züge trägt, vermag nicht über die ungeschönte Schilderung der Konfrontation mit dem Tod hinwegzutäuschen. An den passenden Stellen erscheint der Umgang mit den Tätern nüchtern und konsequent, mit den Opfern und ihren Angehörigen einfühlsam, gelegentlich nachvollziehbar rührselig.

Der Leser wird zum Augenzeugen

Der Leser schaut dem Autoren gleichsam über die Schulter. Er ist dabei, wenn die Polizei einen Tatort in Augenschein nimmt und wenn sie Spuren sichert, er nimmt an den weiteren Ermittlungen hautnah teil, erfährt, wie Zeugen befragt und Verdächtige überführt werden. Er erlebt, innerhalb welcher rechtsstaatlichen Grenzen sich die Polizei zu bewegen hat und welche Rolle Rechtsmedizin und Justiz bei der Aufklärung von Kapitalverbrechen spielen. Er empfindet die persönlichen Belastungen der Kriminalbeamten, was es heißt, Tag und Nacht einsatzbereit und hellwach zu sein, Todesnachrichten überbringen und auf Tuchfühlung mit dem Endgültigen leben zu müssen.

Der Autor macht den Leser mit Örtlichkeiten, Personen und Umständen vertraut, als sei dieser Augenzeuge der jeweiligen Situation. Thiess ist die hohe Kunst gelungen, bei aller Sachlichkeit einen Spannungsbogen zu schlagen, der den Leser nicht mehr los lässt.

Beeindruckend ist das psychologische Feingefühl, das jede einzelne Fallschilderung durchzieht. Wie im stets wiederkehrenden Wettlauf von Räuber und Gendarm zeigt der Autor plumpe Tötungsmotive schlicht gestrickter Täter ebenso auf wie raffinierte Vorgehensweisen solcher, die sich clever wähnten. Stets finden die Schicksale der Opfer und ihrer Angehörigen gebührend Beachtung.

"Faszination des Schreckens"

Die Schonungslosigkeit der Situation tritt besonders zutage, wenn Kinder betroffen sind. Dann kämpfen auch hartgesottene Kriminaler mit den Tränen. Doch jeder Fall ist anders, hat seine eigenen Windungen und Wendungen.

Dass heutzutage subtile kriminaltechnische Methoden eine bedeutende Rolle bei der Aufklärung von Verbrechen spielen können, die teilweise jahrzehntelang zurückliegen und als unaufklärbar galten, darf den Autor mit berechtigtem Stolz erfüllen und die Allgemeinheit mit Zuversicht. Gelegentlich, wenn "Kommissar Zufall" bei der Aufklärung mithilft, hat sogar auch einmal die Polizei Glück – und der Täter sein verdientes Pech.

Nach der Lektüre bleibt ein Gefühl, dass Kapitaldelikte bei nüchterner Betrachtung grausame Bestandteile des menschlichen Zusammenlebens sind. Vermutlich sind sie gerade deshalb als Roman- und Filmsujet so interessant. Thiess selbst spricht von der "Faszination des Schreckens". Dass dieser Stoff mit 237 Seiten Spannung in „Mordkommission“ nun das Sachbuchgenre erobert, steigert bei einer so gelungenen Dokumentation nur seine Attraktivität.

Richard Thiess, Mordkommission. Wenn das Grauen zum Alltag wird. Der Leiter einer Mordkommission berichtet über wahre Fälle, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2010, 240 Seiten, broschiert, DIN A 5, Preis: 14,90 Euro.

Der Rezensent Dr. Dr. Frank Ebert ist Ministerialrat und Vertreter des öffentlichen Interesses beim Thüringer Innenministerium. Er ist Lehrbeauftragter für Kriminologie an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung und ehemaliger Leiter der Polizeiabteilung im Thüringer Innenministerium.

Zitiervorschlag

Frank Ebert, "Mordkommission" von Richard Thiess : Am Tatort mit realen Ermittlern . In: Legal Tribune Online, 22.03.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/273/ (abgerufen am: 21.10.2019 )

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