Strafverteidigung am Beispiel des Falls Veysel K.: "Verteidiger müssen mehr sein als nur Verurteilungsbegleiter"

Interview mit Jens Mader

30.05.2013

2/2: "Gefehlt haben zuerst ein professioneller Verteidiger und ein weiterer Sachverständiger"

LTO: Welche Fehler wurden aus Ihrer Sicht während des Verfahrens gemacht?

Mader: Das Beispiel meines Mandanten zeigt zuallererst, dass sich die Staatsanwaltschaft an öffentlichen Spekulationen in laufenden Ermittlungsverfahren nicht beteiligen darf. Sie erhöht damit den Druck auf alle Beteiligten, das Verfahren mit einem Schuldspruch enden zu lassen.

Veysel K. war zudem in der entscheidenden Frühphase des Verfahrens nicht durch einen Fachanwalt für Strafrecht vertreten. Bei so erheblichen Vorwürfen ist ein Beschuldigter den Ermittlern dann fast schutzlos ausgeliefert.

Rechtsanwälte, die nur sporadisch oder gar nie zuvor verteidigt haben, kennen das Recht oft nicht, zu den Vorwürfen schweigen zu dürfen. Das hat hier unter anderem dazu geführt, dass mein Mandant den Geschlechtsakt noch einmal nachstellen musste und dabei gefilmt wurde. Ein unglaublicher und erniedrigender Vorgang, bei dem die Verteidigung hätte einschreiten müssen.

Im konkreten Fall hat sich das LG Cottbus in der ersten Hauptverhandlung stoisch geweigert, einen zweiten notwendigen Verteidiger mit Fachanwaltsqualifikation beizuordnen. Dass das bitter nötig gewesen wäre, hat der BGH bestätigt, als er die Ermittlung der Todesursache als besonders schwierig bezeichnet hat. Aber das Landgericht wollte keine professionelle Kontrolle. Was hier fehlt, ist eine gesetzliche Regelung für Verfahren, in denen zur Gewährleistung der Waffengleichheit ein zweiter notwendiger Verteidiger beigeordnet werden muss.

Schließlich zeigt das Verfahren ein strukturelles Problem: Die Richter sind in entscheidendem Maße vom Sachverständigen abhängig. Auf dessen Gutachten und Einschätzungen basieren die Urteile letztlich. Das gilt besonders, wenn es um rechtsmedizinische Fragen geht. Deshalb brauchen wir klarere Regelungen, die der Verteidigung in Zweifelsfällen das Recht auf einen weiteren Sachverständigen eröffnen.

"Die Rechtsmedizin wird kontinuierlich kaputtgespart"

LTO: Wie ist es in Deutschland um die Rechtsmedizin insgesamt bestellt?

Mader: Leider wird die Rechtsmedizin durch die Politik in Deutschland kontinuierlich kaputtgespart. Das wird Ihnen ausnahmslos jeder Rechtsmediziner bestätigen. Trauriger Höhepunkt für uns in Brandenburg ist der von Politikern im Landtag ernsthaft geäußerte Gedanke, das Brandenburgische Landesinstitut für Rechtsmedizin zu schließen. Es wird dann noch weniger aufgeklärte Todesfälle geben als heute ohnehin schon. Das bezahlen nicht nur Menschen wie mein Mandant mit ihrer Freiheit, sondern auch die Allgemeinheit, die mit einer wachsenden Zahl unerkannter Täter leben muss.

Als rechtsmedizinscher Laie habe ich in diesem Verfahren gelernt, dass man keine Berührungsängste vor den großen Namen dieses Fachs haben muss und diese ihr Wissen auch Verteidigern bereitwillig zur Verfügung stellen, ohne dass die finanziellen Mittel des Mandanten eine Rolle spielen.

LTO: Was muss sich hier ändern? Welche Vorbilder gibt es dafür?

Mader: Die Obduktion in Fällen toter Kinder und in Todesfällen älterer Menschen sollte eher die Regel als die Ausnahme sein. Hier ist die Dunkelziffer nicht entdeckter Straftaten besonders hoch. In Brandenburg hat man 1991 durch Fusion der ehemaligen Bezirksinstitute für Gerichtliche Medizin Potsdam und Frankfurt/ Oder die Mitarbeiterschaft auf 40 Prozent des vormaligen Personalbestandes reduziert.

Dabei wäre das überlegene Leichenschau- und Sektionsrecht der DDR unbedingt erhaltenswert gewesen, weil es eine Sektionsquote von cirka 35 Prozent erreichte. Das war keine Erfindung eines Unrechtsstaats, sondern schlicht die Übernahme des österreichischen Modells.

"Wer mit den Fähigkeiten aus Studium und Referendariat verteidigen will, hat schon verloren"

LTO: Wird die Zusammenarbeit mit privaten Ermittlern deshalb wichtiger?

Mader: Juristen lernen im Studium, nicht am Sachverhalt "fummeln zu dürfen". Sie bewerten einen fertigen vorgegebenen Sachverhalt aus juristischer Sicht. Wer diesen abändert, fällt durch. Auch im Referendariat lernt man so gut wie nichts über die kriminalistischen Wissenschaften, sondern bewertet einen scheinbar ausermittelten Sachverhalt. Phantasiefördernd ist das nicht gerade, eher Erziehung nach dem preußischen Obrigkeitsstaatsmodell.

Wer mit diesen Fähigkeiten aus Studium und Referendariat verteidigen will, hat schon verloren und degradiert sich selbst zum Statisten und Verurteilungsbegleiter. Ich habe das Verteidigen bei erfahrenen Praktikern und im Fachanwaltskurs Strafrecht gelernt, nicht aber im Studium oder Referendariat. Die unkritischen Anwälte ohne Fachkenntnis sind bei der Pflichtverteidigerbeiordnung durch Gerichte sehr begehrt. Ist eine Anklage erst einmal erhoben, ist es das natürliche Ziel des Richters, diese von ihm zugelassene Anklage auch zum "Erfolg" einer Verurteilung zu führen.

Strafverteidigung ist etwas anderes. Sie hat die Aufgabe, schon den Sachverhalt, wie ihn die Ermittlungsakte suggeriert, hinsichtlich Vollständigkeit und Richtigkeit zu bezweifeln. Daher muss der Strafverteidiger möglichst frühzeitig aktiv am Ermittlungsverfahren mitwirken können. Er muss sehr oft auch selbst ermitteln, seien es Zeugen, Sachverständige oder eigene Besichtigungen des Ereignisortes. Dazu ist professionelle Hilfe notwendig, die ein privater Ermittler mit kriminalistischer Ausbildung und praktischer Erfahrung leisten kann.

Im Fall meines Mandanten hatten wir die professionelle Unterstützung des in Mordsachen sehr praxiserfahrenen privaten Ermittlers Mario Arndt. Ohne seinen Einsatz hätte ich wohl irgendwann kapituliert. Er war es, der über die eigentliche Aufgabe der Verteidigung hinaus akribisch nach der wirklichen Todesursache suchte. Die Professoren Bernd Brinkmann und Rüdiger Rauskolb haben später aus rechtsmedizinischer und gynäkologischer Sicht bestätigt, dass Todesursache nur die Luftembolie gewesen sein kann. Mario Arndt hatte das von Anfang an vermutet.

Jens Mader ist Fachanwalt für Strafrecht bei Barthel & Wolf Rechtsanwälte in Strausberg.

Das Interview führte Christopher Hauss.

Zitiervorschlag

Jens Mader, Strafverteidigung am Beispiel des Falls Veysel K.: "Verteidiger müssen mehr sein als nur Verurteilungsbegleiter" . In: Legal Tribune Online, 30.05.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8830/ (abgerufen am: 11.12.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 30.05.2013 14:04, Patric UrbaneckVistenkarte

    "Ist eine Anklage erst einmal erhoben, ist es das natürliche Ziel des Richters[sic!], diese von ihm zugelassene Anklage auch zum 'Erfolg' einer Verurteilung zu führen."

    Steile These!!

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 30.05.2013 15:50, Xaerdys

    Wieso muss man Fachanwalt für Strafrecht sein, um zu wissen, dass der Mandant zu den Vorwürfen schweigen darf und dann erstrecht nichts vorführen muss? Das sollte jeder Verwaltungsjurist wissen.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 30.05.2013 15:59, Bob Andrews

      Fand ich auch eine etwas unglückliche Formulierung-die Unkenntnis davon wäre ein Armutszeugnis für jeden Juristen. Ich vermute aber, dass damit weniger das "Recht zu Schweigen" gemeint ist. Es dürfte wohl eher die Erfahrung und das Gespür , wann es besser ist zu schweigen oder sich auf etwas nicht einzulassen oder wann der Angeklagte besser mitwirken sollte, um sich zu Entlasten, gemeint sein.

  • 30.05.2013 15:59, Tino

    Der Pflichtverteidiger Thomas Dolmany war im Fall Mollath so ein typischer Verurteilungsgehilfe.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 30.05.2013 16:39, Karl Werner

    Was soll das sein, wenn LTO in einem nicht rechtskräftig abgeschlossenen Verfahren den Verteidiger (und nur diesen) interviewt? Litigation-PR? Journalismus jedenfalls nicht.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 06.06.2013 17:34, VRL aD

      Herr Werner hat völlig recht! Unabhängig davon, ob die Kritik Herrn Maders bei gründlicher Überprüfung berechtigt ist - sie stellt den Fall jedenfalls einseitig aus der Sicht des Interessenvertreters "Verteidiger" dar und unterschlägt wesentliche Tatsachen, die der unbeteiligte Leser wissen müßte, um sich eine Meinung bilden zu können (vgl. die in Herrn Werners 2. Mail genannten Punkte).

  • 30.05.2013 16:53, Karl Werner

    "Mader: Den ersten öffentlichen Schuldspruch lieferten nicht die Gerichte, sondern Bild-Zeitung und Lausitzer Rundschau. Unmittelbar nachdem die Leiche der Geliebten meines Mandanten gefunden wurde, gaben sie die Parole der "Fahndung nach dem Mörder" aus. Auch die Staatsanwaltschaft Cottbus hat sich an den Vorverurteilungen beteiligt, statt ihre ohnehin äußerst knappen Ressourcen in die Ermittlung der Todesursache zu investieren."

    Der Angeklagte hatte die Leiche der (im Bett verstorbenen!) Frau heimlich beseitigt und in deren Auto auf einem weit entfernten Parkplatz abgelegt; die Leiche wies Verletzungen am ganzen Körper auf (Verletzung im Scheidenbereich, Hämatome am Rücken und hinter dem linken Ohr). Da muss man natürlich allen Beteiligten schwere Vorwürfe machen, nicht vom ersten Moment an eine bei normalem Geschlechtsverkehr entstandende Luftembolie in Betracht gezogen zu haben.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 31.05.2013 18:19, OG

    "Steile These!!"

    Sie können näheres über diese praxisnahe These in der Literatur unter "Inertia- oder Perseveranz-Effekt" nachlesen.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 31.05.2013 18:23, OG

    Ich glaube, diese Formulierung ist erst richtig verständlich, wenn man die ausführliche Reportage zum Fall in der aktuellen ZEIT kennt. Sie wird vielleicht in den nächsten Tagen online zugänglich.

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  • 29.08.2013 16:50, strafakte.de

    strafakte.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
    Verurteilungsbegleitung am Beispiel des Falls Veysel K.

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