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Der Verteidiger in Schirachs "Verbrechen" im ZDF: Zu nah am Täter und seiner Tat

von Dr. Markus Sehl

08.04.2013

Gedemütigt, erdrosselt und zerstückelt. In Nahaufnahme zeigt das ZDF ein neues Krimiformat nach den Stories von Bestsellerautor von Schirach. Der Anwalt Leonhardt verteidigt ein abgründiges Deutschlandpanorama zwischen gescheiterten Kleinstadtehen und Berliner Straßenkampf. Dabei will er nah an den Tätern und ihren Taten sein, läuft ihnen aber über weite Strecken hinterher, meint Markus Sehl.

Friedhelm Fähner wischt sich im Keller das Blut von den Händen. Seine Hand zittert nicht als er sich den Ehering wieder an den Finger steckt. Er zieht ein frisches Hemd an, bindet sich eine Krawatte um und wählt den Polizeinotruf. Mit ruhiger Stimme sagt er seinen Namen in den Hörer, seine Adresse und bevor er auflegt: "Ich habe Ingrid klein gemacht."

Das ist der lautlose Auftakt zu der neuen sechsteiligen Serie "Verbrechen" am Sonntagabend im ZDF. Als Vorlage dienen die Short Stories aus dem gleichnamigen Bestseller von Ferdinand von Schirach.

Die Rolle des Strafverteidigers übernimmt im Film Friedrich Leonhardt (Josef Bierbichler), den man gleich zu Beginn auf dem Weg durch die Sicherheitskontrollen der JVA kennen lernt. Regungslos liegt sein Gesicht im Schatten unter dem tief sitzenden Hut, sein langer dunkler Mantel über dem leicht buckligen Gang, die ruhige Stimme mit dem bayerischen* Akzent. So stellt sich der Zuschauer einen Strafverteidiger vor. Leonhardt ist auf dem Weg zu seinem Mandanten Fähner, der wegen heimtückischen Mordes an seiner Ehefrau angeklagt ist.

Die Handlung bis zum Mord im Gerätekeller wird dabei in Rückblenden erzählt. Die erste Begegnung am Geburtstag des Vaters, die Hochzeitsreise nach Italien, die gemeinsame Wohnung, das eigene Haus. Hinter den Vorhängen dieses Kleinstadtlebens werden die Demütigungen für den sanften Praxisarzt Fähner zu einem surrealen Wahnsinn. Seine Frau entsorgt die geliebte Plattensammlung, beleidigt und tyrannisiert ihn nach Leibeskräften. Was ihm bleibt, ist ein fahles Erinnerungsfoto, auf dem seine junge Frau am Adriastrand braungebrannt und verführerisch in die Kamera lächelt.

Juristische Wirklichkeit bleibt manchmal auf der Strecke

Die Details und Motive der neuen Serie werden dem Zuschauer im entscheidenden Moment als comic-haft stilisierte Einblendungen aufgedrängt. So kreisen bald Bratpfannen, Totschläger und blutverschmierte Äpfel über den Bildschirm, bis es auch wirklich jeder bemerkt haben dürfte, was sich da anbahnt.

Genauso schnell wird klar, dass mit "Verbrechen" ein neues Konzept von öffentlich-rechtlichem Krimi gezeigt werden soll. Durch die Einzelfolgen trägt nicht mehr die Frage, wer war nun am Ende der Täter, sondern warum hat er das getan. Oder vielleicht müsste es im unaufgeregten Ton der Reihe sogar heißen, warum ist das passiert.

Die Serie will dabei nah am Täter und seiner Tat sein. Für den Bremer Strafverteidiger Helmut Pollähne bleibt dabei aber die juristische Wirklichkeit manchmal auf der Strecke. Unklar blieben zum Beispiel der Ablauf des Verfahrens, unglaubwürdig das von Anfang an tief vertraute Mandantengespräch. Was sich für andere Krimis leicht als juristische Spitzfindigkeit wegwischen lässt, kann aber nicht für eine Serie gelten, die gerade mit dem Anspruch daherkommt, authentische und wahre Fälle zu erzählen.

Auch das geringe Strafmaß irritiert Pollähne. Am Ende wird Fähner, der seine Ehefrau kaltblütig in den Gerätekeller lockte, um sie dort mit einer Axt zu zerstückeln, zu drei Jahren im offenen Vollzug verurteilt.

Konsequent findet der Bremer Anwalt es dagegen, dass in der neuen Serie vor allem Kapitalverbrecher verteidigt werden. "Bei solchen Verbrechen geht es selten um die Frage, hat er oder sie das wirklich getan, sondern man verteidigt auf eine mildere Strafe." Dabei liege der Schwerpunkt der Verteidigerarbeit aber auf der Darstellung der Vorgeschichte zur Tat.

Was muss ein Anwalt wissen

"Ein Anwalt muss nicht immer wissen, was eigentlich passiert ist. Seine Aufgabe ist es, den Mandanten zu verteidigen. Nicht mehr und nicht weniger." So heißt es im Epilog zu den Folgen. Die neue ZDF-Reihe will aber mehr und ihr gelingt weniger.

In dem ambitionierten Vorhaben, einen Krimi aus der Perspektive des Anwalts zu erzählen, verbirgt sich ein Dilemma. Der Verteidiger kommt in der Regel erst ins Spiel, wenn die Sache schon gelaufen ist. Er ist damit gegenüber dem Tatort-Kommissar im dramatischen Nachteil. Um dennoch Spannung zu erzeugen, muss ständig so getan werden, als sei er hautnah dabei, wenn geplant, gemordet und geflüchtet wird.

Für Anwalt Pollähne ist er damit zu dicht an den Figuren für den hohen Anspruch, mit dem der Verteidiger Leonhardt im Fernsehen auftritt, und von dem sich nach Angaben des Senders im Schnitt knapp über drei Millionen Zuschauer am Sonntagabend überzeugen konnten.

Der Schauspieler Josef Bierbichler, den man aus der zu Recht gefeierten Krimiverfilmung "Der Knochenmann" von Wolf Haas kennt, findet sich hier in einem umgekehrten Format wieder. Während bei der Verfilmung von Literatur in der Regel auf Fernsehlänge verdichtet und kondensiert werden muss, können die Regisseure Hannu Salonen und Jobst Christian Oetzmann die gerade mal zwanzig Seiten langen Kurzgeschichten Schirachs auf komfortable 45 Minuten Fernsehzeit auswalzen.

Der wahre Fall und die anwaltliche Verschwiegenheit

Wenn es nach dem in München geborenen Strafverteidiger und Autor Schirach gegangen wäre, dann wären seine begehrten Stories in Schwarz-Weiß und weitgehend ohne Dialoge produziert worden. Dann allerdings, so Schirach am Sonntagabend im Live-Chat auf zdf.de, hätten sich nur 300 Zuschauer die Filme nachts auf arte anschauen können.

Während es für Pollähne mit Blick auf das anwaltliche Verschwiegenheitsgebot nicht ganz unproblematisch ist, dass Schirach "wahre" Fälle für sein Publikum nacherzählt, die aufgrund ihres Detailreichtums unschwer zu deanonymisieren seien, hat dieser dagegen keine Bedenken. Die Episoden seien zusammengesetzt und verfremdet antwortet er im ZDF-Chat.

Besonders deutlich wird das Collagenhafte in der zweiten Folge "Tanatas Teeschale", die das ZDF gleich im Anschluss zeigte. Nachdem sich ein Einbruch in eine Berliner Villa als immer unglücklicher herausstellt, entwickelt sich eine kuriose Gangsterkomödie mit einer Aneinanderreihung brutaler Morde zwischen einer japanischen Familie und Neuköllner Kleinkriminellen, bei der Verteidiger Leonhardt nur noch Zuschauer ist.

Mehr noch als für den schreibenden Anwalt Schirach, interessieren sich die Gäste im Chat, für den Berliner Rapper Alpa Gun, der einen der Gangster spielt. Eko5814 schreibt "Alper du bist der realste Rapper." Ein anderer Gast bekennt, "Alpa wegen dir verpenn zwar morgen die schule, aber das war es wert."

*Anm. der Red. v. 09.04.2013: Hier stand zunächst irrtümlich "österreichischer".

Zitiervorschlag

Markus Sehl, Der Verteidiger in Schirachs "Verbrechen" im ZDF: Zu nah am Täter und seiner Tat . In: Legal Tribune Online, 08.04.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8482/ (abgerufen am: 20.04.2021 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 08.04.2013 16:50, Martin Overath

    Erstaunlich ist auch, das das milde Urteil für Herrn Fähner ohne Schöffen verkündet wird.
    Da hätte man doch mal richtige Statisten/Komparsen hinsetzen können.

  • 08.04.2013 20:01, RoMän

    "(...) bleibt dabei aber die juristische Wirklichkeit manchmal auf der Strecke. Unklar blieben zum Beispiel der Ablauf des Verfahrens, unglaubwürdig das von Anfang an tief vertraute Mandantengespräch. Was sich für andere Krimis (...), kann aber nicht für eine Serie gelten, die gerade mit dem Anspruch daherkommt, authentische und wahre Fälle zu erzählen."

    Ist das so richtig? War das etwa erklärtes Ziel der Macher?
    Die Geschichten haben sich auch im gedruckten Format nicht wie ein Sitzungsprotokoll gelesen, was, soweit ich das verstanden habe, auch vom Autor garnicht gewollt war.

    Der Idee einer ArtHouse Auskoppelung "in Schwarz-Weiß und weitgehend ohne Dialoge fänd ich aber sensationell!

  • 09.04.2013 10:31, PM

    Meiner Meinung nach kommt die Serie nicht annähernd an das Buch ran. Als ich die Geschichte um Dr. Fähner im Buch las, dachte ich am Ende: Mensch, der arme Mann. Nach 45 Minuten Serie dachte ich nur: wie langweilig und fragte mich, mit welcher Begründung der Richter hier von der lebenslanger Freiheitsstrafe abgesehen hatte. 211 war erfüllt, trotzdem 3 Jahre im offenen Vollzug. Da bedarf es ein wenig Erklärung. Die Serie schaffte es auch kaum den emotionalen Stress überzeugend herüberzubringen, dem der Fähner über 42 ausgesetzt gewesen sein muss. Schade, ich hatte mich auf die Serie gefreut. Mein Tipp: Abschalten und das Buch lesen!

  • 09.04.2013 16:06, ER

    Bierbichler und österreichischer Akzent ist ein schlechter Witz

    • 09.04.2013 17:38, MS

      Lieber ER,

      vielen Dank für den Hinweis. Da ist vor lauter Begeisterung für die Wolf Haas Verfilmungen mit Hader und Bierbichler wohl etwas durcheinander gekommen. Bierbichler hat natürlich keinen österreichischen Akzent.

  • 14.04.2013 08:45, Gudrun Stuth

    Wer ein Buch mit Begeisterung gelesen hat und erwartet, es im Film wiederzufinden, wird immer enttäuscht sein. Das liegt in der Natur der Sache.
    Ich habe die Schirach-Stories mehrfach gelesen und war fest entschlossen, die Filme als misslungenen Umsetzversuch zu bewerten. Dann (deshalb?) war ich angenehm überrascht, wie sehr es gelungen ist, Schirach-Flair einzubringen. Auch die wohltuend vom 08-15-Krimi abweichende Machart hat mir gefallen.
    Was Schirach schreibt ist aber Literatur - er hat nie gesagt, dass er aus seinen Handakten erzählt - mögen auch Szenen eingeflossen sein. Und die Verfilmungen adaptieren das Ganze noch ein Stück weiter in die Sphäre der Kunst. Es erscheint mir verfehlt, daran die Messlatte der strafrechtlichen oder strafprozessualen Wirklichkeit allzu eng anzulegen.

  • 15.04.2013 21:14, Constanzia

    Ich bin ebenfalls von der Umsetzung begeistert!
    Sonst eher skeptisch bei Verfilmumgen meiner liebsten Bücher, kann ich hier kaum Kritik üben...