Rechtsgeschichten: Ver­räter und Natio­nal­held

von Martin Rath

02.10.2016

Erst im Jahr 1998 schaffte das Vereinigte Königreich die Todesstrafe für Hochverrat ab. Im Jahr 1916 wurde mit dem außergewöhnlichen Diplomaten Roger Casement einer der interessantesten Verräter des 20. Jahrhunderts hingerichtet. Von Martin Rath.

 

Das britische Strafrecht in Sachen Hochverrat als delikat zu bezeichnen, wäre, durch die rechtshistorische Brille betrachtet, eine etwas geschmacklose Untertreibung. Generell darf die Todesstrafe als eine Hauptquelle für die Schwärze des britischen Humors gelten. Als im Juli 1965 die Todesstrafe für Mord ausgesetzt wurde, sehr zum Unwillen der Parteibasis der Konservativen, spottete der „Spiegel“ 1969:

"Sie kommen insbesondere aus ländlichen Grafschaften, wo man sich noch immer die Zeit mit Forellenfang, Fuchsjagd und Kricket vertreibt und wo man noch immer nicht begreifen will, daß man das Gesinde heutzutage nicht mehr prügeln darf."

Für das Jahr 1970 stand das Wiederaufleben der ausgesetzten Todesstrafe an. "Hängen ist unser Volkssport. Dafür verzichten wir auf den Stierkampf", zitierten die Hamburger seinerzeit das Wochenblatt "The Spectator". Starke Mehrheiten in Ober- und Unterhaus entschieden sich 1969 gegen die Wiederaufnahme – und überstimmten damit die demoskopisch ermittelte Bevölkerungsmehrheit von über 80 Prozent der Briten, die gerne gesehen hätten, dass die Galgen des Königreichs wieder in Betrieb genommen werden.

Gänzlich eingemottet werden konnte der Galgen aber erst 1998, als mit dem Hochverrat die Todesstrafe auch für das letzte Delikt aufgehoben wurde.

Hängen, Ausweiden und Vierteilen

Der Straftatbestand ging auf ein ehrwürdiges Gesetz aus dem Jahr 1351 zurück, das als Vollstreckungsform vorgab, den verurteilten Hochverräter zu hängen, ihn noch vor dem Tod wieder vom Galgen zu nehmen, ihm die Eingeweide herauszureißen und den Leichnam in Teile zu zerlegen.

Zuletzt vollstreckt wurde das Urteil auf diese Weise im Jahr 1783, was vermutlich bis heute den Negativmaßstab für „grausame und ungewöhnliche Strafen“ im angelsächsischen Rechtskreis vorgibt. Darauf, den abgetrennten Kopf eines Verräters dem Volk zur Schau zu stellen, wollte man noch Anfang des 19. Jahrhunderts nicht verzichten, wenngleich die Tötung – Hängen in der Öffentlichkeit –, sich schon etwas freundlicher gestaltete. Während die grausigsten Umstände der Todesstrafe im frommen Zeitalter Queen Victorias dann in Gestalt diskreter Vollstreckung am Galgen, hinter Gefängnismauern, ein Ende fanden, spielte die mittelalterliche Herkunft des Hochverratsgesetzes im Prozess gegen Roger Casement 1916 doch noch eine Rolle.

Ein Verräter wie aus dem Bilderbuch

Das Leben und der Fall Roger Casements enthalten so viel Dramatik, dass es für mehr als eine Serienstaffel bei Netflix & Co. reichen müsste.

Casement wurde 1864 in eine protestantische Familie in Irland geboren und der Mutter wegen katholisch getauft. Gemischt-konfessionelle Ehen waren im britisch beherrschten Irland seinerzeit ungewöhnlich. Ungewöhnlich war in der Familie jedoch so manches: So hatte Rogers Vater, Hugh Casement, nicht nur am britischen Afghanistan-Feldzug von 1842 teilgenommen, sondern hatte sich auch noch 1848 dem Aufstand der Ungarn gegen die Habsburger anschließen wollen. Dafür kam er zwar zu spät, diente den ungarischen Rebellen, die sich in die Türkei gerettet hatten, aber erfolgreich als Fürsprecher bei der britischen Regierung.

Der junge Casement war seit 1884 zunächst für die sogenannte African International Association im Kongo unterwegs. Der belgische König Leopold arbeitete seinerzeit sehr erfolgreich daran, sich das Gebiet des heutigen Kongo-Kinshasa unter dem Deckmantel eines 'humanitären' Kolonialprojekts als faktisches Privateigentum anzueignen.

Die britische Regierung nahm den Afrika-erfahrenen Casement 1895 in den konsularischen Dienst auf, wobei ihm das sonst übliche Examen erspart blieb. Meriten erwarb er sich unter anderem in der Bestechung portugiesischer Kolonialbeamter in den Machtspielen der Burenkriege.

Kongo-Gräuel in amtlicher Darstellung

Im Jahr 1903 diente Casement als Konsul in Boma, damals der Knotenpunkt des sogenannten Kongo Freistaats auf der Strecke zum Atlantik. 

Im Auftrag seiner Regierung ging Casement den Berichten über die später als Kongo-Gräuel bekannten Verbrechen nach. Bei der Berliner Kongo-Konferenz von 1884 hatten die europäischen Großmächte dem belgischen König das riesige Gebiet der heutigen Republik als eine Art philanthropisches Projekt zugewiesen, selbstredend unter Einräumung wirtschaftlichen Zugangs auch für sie.

An der Staatspraxis dieses königlich-belgischen Privatstaats verärgerte zunächst, dass belgische Unternehmen deutlich bevorzugt wurden. Dem späteren britischen Journalisten und Politiker Edmund Dene Morel, (1873–1924), um die Jahrhundertwende Angestellter der belgischen Monopol-Schifffahrtsgesellschaft für den Kongo, fiel das Missverhältnis im Frachtgut auf: Den kostbaren Exportgütern aus dem Kongo, Gummi und Elfenbein, stand kaum werthaltige Fracht gegenüber. 

Morel schloss zutreffend auf die andere unerfreuliche Praxis, die von seinem Freund Casement dann amtlich dokumentiert wurde: Um die Menschen im Kongo zur Gewinnung von Gummi – nach Erfindung der Vulkanisation ein Schlüsselprodukt dieser Zeit – zu zwingen, gingen die Privattruppen von Leopold II. in der Regel so vor: Kinder und Frauen eines Dorfes wurden gefangen genommen, den Männern eine Menge zu liefernden Rohgummis auferlegt. Wer Widerstand leistete, wurde sofort getötet.

Blieb die Gummi-Menge aus oder galt es, andere erzieherische Zwecke zu vollstrecken, wurde einer Anzahl von Menschen die Hand abgeschlagen. Casements Bericht, der nicht ohne Unbehagen seiner Vorgesetzten zustande kam, illustrierte die ökonomische Effizienz der belgischen Kongo-Philanthropen in Beispielen wie diesem: Hatte die Verwaltung des Freistaats vorgegeben, dass die Strafaktion an einem unbotmäßigen Dorf die Frauen verschonen sollte, brachten die Vollstrecker zum Nachweis eben die vorgesehene Anzahl abgetrennter Penisse zur

Zitiervorschlag

Martin Rath, Rechtsgeschichten: Verräter und Nationalheld . In: Legal Tribune Online, 02.10.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20749/ (abgerufen am: 20.11.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 02.10.2016 17:03, Lektüre

    Mario Vargas Llosa, Der Traum des Kelten, Berlin 2011.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 02.10.2016 19:05, Das waren

    noch Zeiten.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 17.10.2016 14:50, Tristan H.

    1998: war das nicht das Jahr, in dem GB erst recht spät die Europäische Menschenrechtskonvention ratifiziert hatte (was man heutzutage gerne wieder rückgängig machen würde - oder zumindest die Gültigkeit von Gerichtsurteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg für GB ausschliessen)?

    Die Todestrafe für Hochverrat wurde damit indirekt durch die Ratifikation der EMRK abgeschafft. Mal schauen, ob es dabei bleibt, wenn der Brexit vollzogen wurde.

    Auf diesen Kommentar antworten
Neuer Kommentar