Die Erfindung des modernen Atlantis-Mythos: Igna­tius Don­nelly, ein ver­ges­sener Dich­ter­ju­rist

von Martin Rath

20.02.2022

Heinrich Heine oder Goethe, Louis Begley oder Julie Zeh: Sie wurden mit der Schriftstellerei berühmter als mit ihrer Juristerei. Zweifelhafteren Ruhm erwarb sich ein Standeskollege aus den USA als "Fürst der amerikanischen Spinner".

Es ist bemerkenswert, dass dieser jedenfalls in Esoterik und Populärkultur bis heute nachwirkende und für seine intellektuellen Abwege mustergültige Anwalt und Schriftsteller nur noch wenigen Fachleuten weit jenseits der Rechtswissenschaft bekannt ist: Der "Fürst der amerikanischen Spinner".  

Bis zu seinem 27. Lebensjahr fiel die Karriere des amerikanischen Juristen Ignatius Donnelly kaum aus dem Rahmen. Er wurde 1831 in eine kinderreiche Familie irischer Herkunft geboren. Seine Schwester Eleanor C. Donnelly (1838–1917) wurde als Dichterin recht bekannt. Um das Klischee der irischen Einwandererfamilie vollständig zu machen: Der Vater starb jung am Typhus, die Mutter sorgte dafür, dass der begabte Sohn gleichwohl die sehr renommierte Central High School von Philadelphia besuchen konnte.

Auf den Highschool-Abschluss mit 19 Jahren folgte ein Studium der Jurisprudenz. Ignatius Donnelly arbeitete als "Clerk" für einen Juristen aus einer einflussreichen Mayflower-Patrizierfamilie. Mit 21 Jahren wurde Donnelly 1852 in die Anwaltskammer von Philadelphia aufgenommen, seit 1855 war er als eine Art politischer Unternehmer im Bereich der Projektentwicklung tätig – eine Karriere also, wie sie in den USA und bisweilen in Deutschland noch heute anzutreffen ist, wenn auch vielleicht mit einem Alterszuschlag von fünf bis 15 Jahren.

Die Bankenkrise trifft auch Donnelly

Nur fünf Jahre nach diesem ehrgeizigen Beginn erlitt Donnelly jedoch mit einem Siedlungsprojekt schweren finanziellen Schiffbruch. 1857 hatte er mit Gesinnungsgenossen im soeben erst zum US-Bundesstaat erhobenen Minnesota eine Kooperative gegründet, die sich durch land- und gartenwirtschaftliche Produktion der Siedler am Leben erhalten sollte.

Das Projekt fiel jedoch in ein wirtschaftshistorisch dramatisches Jahr: Erstmals hatte sich – dank der neu etablierten Telegraphie des Samuel Morse (1791–1872) – der Bankrott regionaler Institute zu einer landesweiten Bankenkrise ausgeweitet. Eine Ursache war, Geschichte wiederholt sich, die aus dem Ruder gelaufene Bodenspekulation. Die Krise ruinierte auch Donnellys anspruchsvolles, ja utopisches Projekt.

Das hatte für ihn private Schulden zur Folge, die ihn die nächsten 25 Jahre einschränken sollten – bis er als Dichterjurist erfolgreich wurde, sich aber auch den wenig charmanten Ruf als "Fürst der amerikanischen Spinner" einhandelte.

Politiker verbringt zu viel Zeit in Parlamentsbibliothek

Dass Ignatius Donnelly die beachtlichen Schulden aus seinem protosozialistischen Siedlungsprojekt recht lange belasteten, hatte nicht zuletzt mit seiner fortgesetzten politischen Karriere zu tun, die ihn über die junge Republikanische Partei, die Demokraten bis zu einer Kandidatur zum Amt des Vizepräsidenten der USA im Jahr 1900 führen sollte, nominiert von der Populist Party.

Als begabter Redner – seine Biografen beschreiben ihn als Naturtalent – betätigte sich Donnelly zunächst erfolgreich. 1860 wurde der 29-jährige Jurist zum Vizegouverneur von Minnesota gewählt, zwischen 1863 und 1869 saß er im US-Repräsentantenhaus. Mit entschiedenen Ansichten zur Sklavenfrage und als früher Freund des Frauenstimmrechts zählte er zu den radikaleren Mitgliedern der neuen Republikanischen Partei Abraham Lincolns (1809–1865).

Soweit überliefert zahlte sich seine Tätigkeit in der US-Hauptstadt der Bürgerkriegsjahre aber für Donnelly nicht aus. Denn statt im Abstimmungs- und Lobbybetrieb verbrachte er wohl zu viel Zeit in der Library of Congress, die damals schon auf dem Weg war, zu einer der wichtigsten öffentlichen Bibliotheken der Welt zu werden.

Damit wiederum machte er sich im noch beschaulichen Minnesota durchaus einen Namen. Als gelte es wieder das Klischee vom poetisch geprägten Iren zu erfüllen, sind neben patriotischer Lyrik auch Werke überliefert, die sich ein US-Politiker 60 Jahre später, nach Einführung des Frauenwahlrechts, wohl nicht mehr erlaubt hätte – etwa zur Qualität weiblicher Stimmen: "Some women's tempers are soprano, dear– / High, shrill and shrieking / Some are contralto, sinking low and clear– / All gentlest kindness speaking / But in thy temper mingles both these voices / And perfect in their harmony rejoices"

Seine seit 1857 stets angespannte Kassenlage verbesserte sich erst, als er im Frühjahr 1882 im bekannten New Yorker Verlag Harper & Brothers ein sehr erfolgreiches Buch veröffentlichte: "Atlantis: The Antediluvian World" ("Atlantis: Die vorsintflutliche Welt").

Erfindung des modernen Atlantis-Neomythos

Mit diesem Werk gelang Ignatius Donnelly etwas ganz Neues: die Erfindung eines modernen "Neomythos".

Ohne Vorbild, gerade auch unter Dichterjuristen, war das Spiel mit der geheimnisvollen Insel Atlantis zwar nicht. Seit sie der antike Philosoph Platon (428–348 v. Chr.) in zwei Dialogen erwähnt hatte, regte sie immer wieder die Fantasie der Gelehrten an. So hatte etwa der englische Philosoph und Jurist Francis Bacon (1561–1626) seine theoretischen Vorstellungen in der utopischen Schrift "Nova Atlantis" zu Papier gebracht. Ein Vorbild gab sein Landsmann und Zunftgenosse Thomas Morus (1478–1525), der das Genre des utopischen Romans mit dem Werk "Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia" begründet hatte.

Fremd ist das ja auch der deutschen Juristerei nicht: Ihr Schattenmann Carl Schmitt (1888–1985) wäre vielleicht weniger einflussreich geblieben, hätte er nicht oft staatstheoretische Ideen mit erzählerischen Spökenkiekereien verwoben.

Der zweifelhafte Ruhm des amerikanischen Dichterjuristen Ignatius Donnelly kam durch seine neue Herangehensweise an den "Atlantis"-Stoff zustande – er vertrat in seinem Buch den Anspruch, das Rätsel um die Insel gelöst zu haben. Er könne sie als historisch realen Ort nachweisen.

Dazu bediente er sich großzügig an den Methoden und Kenntnissen, die im optimistischen Wissenschaftsverständnis seiner Epoche bereitlagen. Für Donnellys Behauptung, Atlantis sei der Ort gewesen, an dem sich der Mensch erstmals von der Barbarei zur Zivilisation entwickelt habe, hielt beispielsweise die Existenz von Pyramiden im antiken Ägypten und im alten Mexiko her – die Vorstellung, dass solche Gebäude unabhängig voneinander entstanden sein könnten, schloss er ganz aus.

Vielmehr seien frühe historische Zentren der Zivilisation – in Mexiko, in Südamerika, am Mittelmeer und am Schwarzen Meer – durch Auswanderung aus Atlantis entstanden. Alle Götter, von denen etwa die griechischen und nordischen Mythologien erzählten, seien den Helden aus Atlantis abgeschaut.

Wirkungsmacht des neuen Atlantis-Bildes

In verlegerischer Hinsicht wurde "Atlantis: The Antediluvian World" ein sensationeller Erfolg. Auf die erste Auflage, im Februar 1882, folgten allein in den USA bis 1890 nicht weniger als 23 weitere Auflagen, 26 Auflagen im Vereinigten Königreich, ungezählte Übersetzungen, natürlich auch ins Deutsche.

Derartige Geschäfte sind zwar bis heute gut zu machen – der Schweizer Hotelier Erich von Däniken (1935–) konnte beispielsweise über 60 Millionen Bücher mit ganz ähnlichen Ursprungsmythen verkaufen. Bemerkenswert war jedoch die eigenartige Wirkungsmacht von Donnellys Werk, die mit seiner Vergangenheit als junger Jurist und Politiker zu tun hatte – dem Wechsel vom bürgerlich wohlgeordneten Karriereplan in die sozialutopische Projekte-Macherei.

Neben dem Bildungshunger seiner populärwissenschaftlich neugierigen Zeitgenossen bediente Donnelly auch emotionale Bedürfnisse. Sein Atlantis beschrieb er als ein vorsintflutliches Paradies, das später zum Vorbild für die anderen großen Menschheitserzählungen von wunderbaren Gärten geworden sei – der biblische Garten Eden, die elysischen Felder, das nordische Asgard seien nichts weiter als mythologische Überreste der atlantischen Zivilisation.

Koinzidenz oder Kausalität: Atlantis sei in jenem Moment im Meer untergegangen, als es die zivilisatorische Stufe der wunderbaren Gartenwirtschaft und des ehrbaren Handwerks zugunsten einer kaltherzigen Urbanisierung verlassen habe.

In der Schreckenswelt, die der sogenannte Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts bereithielt, war diese eskapistische Fantasie vom Gartenidyll als Ursprung der Zivilisation für ein großes Publikum zweifellos attraktiv.

Ernsthafte Briefpartner, virulentes Nachleben

Der Popularität nicht abträglich waren die rassentheoretischen Überzeugungen Donnellys. Obwohl er als Vertreter der Partei Abraham Lincolns über die Rechtsgleichheit hinaus auch Hilfe zur Selbsthilfe für die befreiten Sklaven forderte, war er doch von der Überlegenheit der "weißen Rasse" überzeugt, deren beste Fraktion natürlich aus Atlantis kam – und sich in ihrer vielleicht reinsten "arischen" Form als rothaarige und blauäugige Iren erhalten habe.

In Nachfolgewerken teufelte Donnelly, teils wieder mit mythologisierter Verpackung, gegen Geld- und Bankenwirtschaft, gegen den Verfall Amerikas hin zur moralischen und machtpolitischen Korruption europäischer Machart.  

Von bedeutenden Zeitgenossen wurde Donnelly aber durchaus ernst genommen. Charles Darwin (1809–1882) schrieb ihm kurz vor seinem Tod einen freundlichen, wenn auch skeptischen Brief. William Gladstone (1809–1898), ein Schwergewicht der britischen Politik, legte ihm in höflicher Ironie dar, dass sich leider keine Expedition der Royal Navy zur Erkundung des Meeresgrunds rund um die Azoren organisieren lasse.

Als "Dichterjurist" oder als Vorbild späterer populistischer Politiker geriet Ignatius Donnelly zwar bald nach seinem Tod im Jahr 1901 gründlich in Vergessenheit. Als Erfinder einer der großen vernunftwidrigen "Neomythen" des 20. Jahrhunderts ist er aber bis heute virulent – sei es in der SF-Fantasy oder in der staatstragenden Anthroposophie.

Tipp zum Einstieg: Hans Frey: Aufbruch in den Abgrund. Deutsche Science Fiction zwischen Demokratie und Diktatur. Berlin (Memoranda) 2020.

 

Zitiervorschlag

Die Erfindung des modernen Atlantis-Mythos: Ignatius Donnelly, ein vergessener Dichterjurist . In: Legal Tribune Online, 20.02.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/47593/ (abgerufen am: 30.06.2022 )

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