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Recht und Magie: Hexen­leiden? Bitte einmal ernst­nehmen

von Martin Rath

09.10.2016

2/2: Finstere Gegenwart der Hexenjagd

In Ghana sind es immerhin einige Hundert Menschen, die sich wegen Hexereivorwürfen aus ihrer dörflichen oder suburbanen Nachbarschaft ausgeschlossen sehen und Zuflucht an geschützten Orten suchen.

Westafrika steht nicht allein. Bis heute finden sich jedenfalls vorstaatliche (Lynch-) Justizpraktiken zum Nachteil von Hexereiverdächtigten in Teilen Südamerikas, Indiens, in Süd-, West- und Ostafrika sowie Papuas. Auch von Saudi-Arabien wird gelegentlich berichtet.

Ernüchternd ist, was Riedel zum Umgang seines Fachs mit dem Phänomen der neueren Hexenjagden notiert: "In 100 Jahren ethnologischer Forschung zu Hexereivorstellungen lässt sich keine nennenswerte organisierte wissenschaftliche Solidarität mit den Opfern von außereuropäischen Hexenjagden verzeichnen. Vorrang für das ethnologische Interesse genossen im Allgemeinen jene, die an Hexerei glauben und Hexen jagen."

Zu den medialen Inszenierungen des Hexen-Komplexes zählt Riedel auch die europäischen Vorgänge von der Art, wie sie der eingangs erwähnte Pfarrer Hegeler den Gemeindevertretungen Deutschlands zuträgt.

In Norwegen wurde beispielsweise 2011 ein Denkmal für die 91 Hexen und Hexer errichtet, die dort vor 400 Jahren den Juristen in die Hände gefallen waren. Das Denkmal kostete umgerechnet rund 13 Millionen Euro. Zugleich musste Riedel erfahren, dass es ihm unmöglich war, Spendengelder einzuwerben, um einigen hundert überlebenden Hexenjagd-Opfern in Ghana die Existenz etwas zu erleichtern. Mit dem norwegischen Geld wären aktuelle Hilfsprojekte für die nächsten 260 Jahre wirtschaftlich gesichert.

Hexerei in Zeiten von Clarkes 3. Gesetz

Allein in den vergangenen 50 Jahren sollen Hexenverfolgungen weltweit so viele Opfer gefordert haben wie die historischen Justizpraktiken während rund 300 Jahren in Europa. In absoluten Zahlen werden für den Zeitraum der historischen Hexenverfolgungen in Deutschland bis zu 30.000, für Europa bis zu 80.000 von Rechts wegen getötete Hexen und Hexer geschätzt.

Der französische Philosoph und Jurist, Michel de Montaigne (1533–1592), Parlamentsrichter zu Bordeaux, schrieb sarkastisch, dass die Hexen in seiner Umgebung jedes Mal in Lebensgefahr gerieten, wenn ein Gelehrter daherkomme, um die Richtigkeit ihrer Visionen zu bestätigen.
Das beschrieb die juristische Praxis seiner Zeit: Als Jurist intellektuell auf der Höhe zu sein, hieß, die gelehrten Kommentare zur Existenz von Schadenszauber und hochverräterischen Teufelspakten ernstzunehmen und diese modernen Lehren in der Strafprozess- und -vollzugspraxis umzusetzen.

Der Philosophie der Aufklärung verdanken wir, dass sich Thomas Fischer in seinem grauen Büchlein nicht mit Hexereischäden befassen muss. Doch der zivilisatorische Putz, hinter dem wir uns durch Nicht-Befassung verstecken, könnte dünner sein, als wir denken: In der fraglosen Tatsache, dass unsichtbare (Schadens-)Kräfte Wirkungen entfalten und – von Rechts wegen – beachtlich sind, unterscheidet man in weiten Teilen der Welt nicht sonderlich sorgfältig zwischen naturwissenschaftlicher und unabwägbarer Kausalität.

Mit seinem berühmten "dritten Gesetz" hat der große britische Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke (1917-2008) – er erfand übrigens 1945 die geostationäre Satelliten-Kommunikation – postuliert, dass jede hinreichend fortgeschrittene Technologie von Magie nicht mehr zu unterscheiden sei. Zu den ethnologischen Erkenntnissen zählt nun zwar, dass technologischer Fortschritt, z.B. die Einführung von elektrischem Licht, nur bedingt magisches Denken aus der Welt bringt, umgekehrt scheint es aber gänzlich offen zu sein, ob und wie sich die für die Masse aller Menschen zunehmend unverständliche Technologie auf ihre Alltagstheorien von Schuld und Kausalität, schließlich ihre Strafbedürfnisse auswirken wird.

Intellektuell anspruchsvolle Kost

Felix Riedel hat in einem geografischen Raum geforscht, in dem einerseits staatliche Zwangsgewalt und Bildungsangebote rar sind, während kulturindustrielle Produkte – u.a. Filme und Volkstheater – zur Hexerei auf hergebrachte Vorstellungen vom Magischen treffen und auch externe Magie-Experten hineinspielen.  Das reicht vom Ethnologen, der erklären muss, warum ihn etwas interessiert, woran er doch selbst gar nicht glaubt, über evangelikale Exorzisten US-amerikanischer Herkunft bis hin zur Liga ghanaischer Juristinnen.

Es könnte sich lohnen, das geisteswissenschaftliche Rüstzeug von der Aufklärung über Hegel und die Kulturkritik der Frankfurter Schule, mit der Riedel seine ethnologische Forschung einrahmt, in Beziehung zu setzen mit den vermeintlich handfesten und rationalen Vorstellungen, die im durchschnittlichen westlichen Juristenkopf umherspuken.

Und woher stammen sie, unsere Rationalitätsüberzeugungen?
Wie viel Metaphysik steckt beispielsweise im alles begründenden Souverän unserer Verfassungsjuristen? Wie zuverlässig kann etwa die strafrechtliche Kausalitätslehre ihre freiheitssichernde Wirkung entfalten, sollten die Verschwörungstheoretiker in unserer Gesellschaft noch weiter Fuß fassen, als es gegenwärtig schon den Anschein hat? Denn ist nicht – zumindest rechtspolitisch – schon befriedigt, wer eine Antwort auf die Frage bekommt: Wer ist schuld? Statt: Wer sollte, vernünftigerweise, haften?

Tipp: Felix Riedel: "Hexenjagd und Aufklärung in Ghana. Von den medialen Inszenierungen des Okkulten zur Realität der Ghettos für Hexenjagdflüchtlinge". Köln (Rüdiger Köppe Verlag) 2016, Diss. Universität Mainz 2014, 370 Seiten mit zahlreichen Abb. 39,80 Euro.

Der Autor Martin Rath arbeitet als freier Lektor und Journalist in Ohligs.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Recht und Magie: Hexenleiden? Bitte einmal ernstnehmen . In: Legal Tribune Online, 09.10.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20807/ (abgerufen am: 07.08.2020 )

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Kommentare
  • 09.10.2016 15:24, Jakob Sprenger

    Dass sich der große Thomas Fischer in seinem Kommentar nicht mit der juristischen Seite der Magie befasst, ist im Übrigen sachlich unrichtig. Mag der Autor einmal in die Kommentierung zu § 23 StGB schauen.

    Immerhin lernt jeder Jurist bereits in der Anfängerübung im Strafrecht, dass der Tatversuch mittels Anrufung magischer Kräfte nicht strafbar ist. Hätte der Autor eine solche besucht, wäre ihm dieses geläufig.