LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Franz Kafka: Zweifelndes Genie hinter der Fassade des "vorbildlichen Juristen"

Zu seinen Lebzeiten fand Kafkas literarisches Werk nur wenig Beachtung. Er selber hegte große Selbstzweifel und verfügte in seinem Testament, dass nach seinem Tod alle noch vorhandenen Manuskripte vernichtet werden sollten. Seinem Freund Max Brod ist es zu verdanken, dass die Manuskripte des Dichterjuristen vor der Vernichtung bewahrt wurden. Am 3. Juli 1883 wurde Franz Kafka in Prag geboren.

"Franz Kafka beehrt sich anzuzeigen, daß er am Montag, den 18. Juni d. J. an der k. k. Deutschen Karl Ferdinands-Universität in Prag zum Doktor der Rechte promoviert wurde." So lautete die Annonce des stolzen Juristen im Anschluss an die Feier am 18. Juni 1906.

Die Promotion stellte den Höhepunkt im bisherigen Leben des Kaufmannsohnes dar. Er gehörte zu den zehn Prozent der Prager Bevölkerung, deren Muttersprache Deutsch war. Außerdem war er Jude – ein weiteres Minderheitenkriterium, das den gesellschaftlichen Alltag nicht immer erleichterte. Die Eltern führten ein Galanteriewarengeschäft, während sich vor allem das weibliche Hauspersonal um den einzigen Sohn der Familie und seine drei Schwestern kümmerte.

Kafkas Maturazeugnis zeigt einen leicht überdurchschnittlichen Schüler ohne nennenswerte Stärken oder Schwächen. Als Studienwunsch hatte er vor Ende der Schulzeit Philosophie angegeben. Tatsächlich schrieb er sich im November 1901 an der Prager Universität für Chemie ein – eine Entscheidung, die schon zwei Wochen später wieder korrigiert wurde. Kafka wechselte an die juristische Fakultät.

Franz Kafka als Jurastudent

Mehr als die Hälfte der jüdischen Studenten in Prag studierte Rechtswissenschaften, weil sie nach dem Abschluss freiberuflich als Rechtsanwälte und Notare tätig werden konnten. Der Staatsdienst war für Juden mit wenigen Ausnahmen unzugänglich. Vom Schriftstellerberuf war bei Kafka zu diesem Zeitpunktpunkt – jedenfalls den Eltern gegenüber – nichts zu hören.

Neben seinem Jurastudium belegte er im Frühjahr 1902 noch Vorlesungen aus Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Gerade in diesen Fächern lagen seine wirklichen Neigungen.

"Ich studierte also Jus", so Kafka. "Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von tausend Mäulern vorgekaut war."

Kafka absolvierte sein Jurastudium zügig in nur sieben Semestern. Dabei bestand er am 18. Juli 1903 die erste Staatsprüfung aus den rechtshistorischen Fächern mit "gutem Erfolg". Am 23. November 1905 legte er die "judicielle Staatsprüfung" und am 22. März 1906 die "Staatswissenschaftliche Staatsprüfung" jeweils mit der Note "genügend" ab.

Obwohl Kafka das Vernunftstudium erfolgreich durchlief, plagten ihn erhebliche  Prüfungsängste. Aus diesem Grunde hatte er sich Ende Juli 1905 in das nordmährische Zuckmantel begeben, wo er sich vier Wochen lang in einem Sanatorium behandeln ließ. Auf dem Behandlungsplan hatte unter anderem eine so genannte Hydrokur mit elektrisch erhitzten Bädern gegen nervöse Spannungszustände gestanden.

Ein vorbildlicher Jurist

Erste praktische Erfahrungen als Jurist sammelte Kafka ab 1. April 1906 bei der Advokatur seines Onkels Dr. Richard Löwy. Er half hier für ein halbes Jahr als Concipient aus.

Nach einem Jahr Gerichtspraxis und einer Anstellung als Hilfskraft bei der Versicherungsgesellschaft "Assicurazioni Generali" bat er am 30. Juni 1908 schließlich "den löblichen Vorstand der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen um gütige Aufnahme als Hilfsbeamter". Dem Antrag wurde gnädig entsprochen. Kafkas "Dienst-Tabelle" weist für die nächsten Jahre folgende Beförderungen aus: 1909 Anstaltspraktikant; 1910 Anstaltsconcipist; 1913 Vizesekretär; 1920 Anstaltssekretär; 1922 Obersekretär, Pensionierung. Über seine tägliche Dienstzeit ist vermerkt: "einfache Frequenz", was von 8 bis 14 Uhr bedeutete.

Das Urteil der Kollegen und Vorgesetzten über Kafka fiel überaus positiv aus. Er war "[…] nicht nur wegen seiner außerordentlich schönen Stilistik und seinen juristischen Fähigkeiten, mit denen er schwierige sozialpolitische Probleme meisterte und Rekurse erledigte, sondern gerade wegen seines gewinnenden Wesens allseitig beliebt. […] Seine Erledigungen waren in juristischer Hinsicht ein Vorbild für andere."

Niemand der Kollegen und Vorgesetzen schien zu ahnen, was tatsächlich in Kafka vorging, der nur wenigen Vertrauten mitteilte: "Mein Posten ist mir unerträglich, weil er meinem einzigen Verlangen und meinem einzigen Beruf, das ist die Literatur, widerspricht."

Ein Autodafé als letzter Wille

Während sich dieser innerlich zerrissene, aber vorbildliche Anstaltsmitarbeiter in der ersten Tageshälfte mit statistischen Arbeiten und Beschwerden der Unternehmer gegen die Einreihung ihrer Betriebe in bestimmte "Gefahrenklassen" zu beschäftigen hatte, verwandelte er in der zweiten Tageshälfte, vornehmlich nachts, den Tuchwarenhändler Gregor Samsa in einen hässlichen Käfer (Die Verwandlung, 1915) und ließ Josef K. eines Morgens ohne erkennbaren Grund verhaften und später hinrichten (Der Prozeß, 1925).

Und obwohl Kafka in der Literatur seine wahre Berufung sah, trug er auch hier einen inneren Kampf aus, der Werke wie "Das Schloss" beginnen, aber nicht vollenden ließ, der 1923 zur Vernichtung großer Manuskriptteile führt und ihn seinen Freund und Förderer Max Brod das Versprechen abringen ließ, den literarischen Nachlass eines Tages ebenfalls zu vernichten. Zum Glück erfüllte Brod nicht den letzten Willen seines Freundes.

1917 erkrankte Kafka an Lungentuberkulose, die schließlich zu seiner frühen Pensionierung und letztlich, am 3. Juni 1924, zu seinem Tod führte.

Der Autor Jürgen Seul lebt als freier Publizist und Redakteur in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er verfasste zahlreiche Publikationen u. a. zum Architektenrecht, Arbeitsrecht sowie zu rechtshistorischen Themen.

 

Mehr auf LTO.de:

Zum Todestag Theodor Storms: Todesurteile eines Feingeistes

Max Brod: Kafkas Mentor aus der Postdirektion

Zum Geburtstag von George Grosz: Das Skandalbild "Christus am Kreuz mit Gasmaske"

Zitiervorschlag

Jürgen Seul, Franz Kafka: Zweifelndes Genie hinter der Fassade des "vorbildlichen Juristen" . In: Legal Tribune Online, 03.07.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/3650/ (abgerufen am: 19.09.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag