ARD-Serie über Medienanwältin: Wie rea­lis­tisch ist "Legal Affairs"?

Gastbeitrag von Dr. Nina Lüssmann

25.12.2021

In der neuen ARD-Serie dreht sich alles um Leonie Roth – eine erfolgreiche und eiskalte Medienanwältin. Eine fiktive Person. Die erfahrene Medienanwältin Dr. Nina Lüssmann gibt es hingegen wirklich. Sie weiß, wie realistisch die Serie ist. 

Die schillernde Medienanwältin Leonie Roth ist in einem atemberaubenden Tempo unterwegs durch Berlin: Im Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich, auf Stippvisite in den Redaktionen oder zur Notfallbesprechung des gesamten Teams im vollbesetzten Konferenzraum der eigenen Kanzlei. Das Telefon klingelt permanent. Zu dem schnellen Tempo passt die wackelige Handkameraführung.  

Die sehr dichte Handlung entspinnt sich stets vor der coolen Kulisse Berlins. Die Bilder sind überaus ästhetisch. In den acht Folgen werden sowohl einzelne Fälle abgehandelt, die am Ende der jeweiligen Episode aufgelöst werden, als auch eine übergeordnete Story entwickelt, die sich durch die gesamte Staffel zieht. Die einzelnen Fälle beschäftigen sich mit aktuellen Phänomenen der Gegenwart wie Datenklau, Deepfakes und Cybermobbing. In der folgenübergreifenden Story wird Leo Roth in einen Sumpf von Korruption, Betrug und Mord verwickelt, der am Ende ihre gesamte Existenz bedroht.  

Ständige Verfügbarkeit ist realistisch

Die Darstellung des Alltags einer erfolgreichen Presserechtsanwältin entspricht in vielen Punkten der Realität. Das Presserecht erfordert eine ständige Verfügbarkeit. Leo Roth gibt daher wie selbstverständlich Visitenkarten mit ihrer Mobilnummer heraus. Die Fälle haben stets Bezug zu sehr persönlichen Themen der Mandanten und erfordern ein sehr hohes Engagement.  

Es kann auf der anderen Seite aber auch eine gewisse Abhängigkeit der Mandanten von den Medien bestehen. Daraus resultiert die Gefahr, dass die Mandanten ihre Privatsphäre (nachträglich) selbst gegenüber den Medien öffnen. Für den Presserechtsanwalt führt das nicht selten zu dem Ergebnis, das Mandat niederlegen zu müssen. Genauso passiert es Leo Roth in Folge 4.

Ein anderes typisches Spannungsverhältnis ist die Beziehung zwischen dem Partner, der als Zugpferd nach außen agiert, und den überaus engagierten angestellten Anwälten, die darauf drängen, selbst Partner zu werden. Der Konflikt nimmt auch in "Legal Affairs" einigen Raum ein und gipfelt in einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen Leo Roth und ihrer angestellten Top-Anwältin, Elena Caspari, in Folge 8.  

Vor Gericht geht es in der Serie hoch her. Die Parteien fallen einander ständig ins Wort. Doch wer dies als unrealistisch beschreibt hat keine empirische Erfahrung im Presserecht. Oft prallen hier Egos aufeinander, die sich nicht ausreden lassen. Der ein oder andere Presserechtler ist in der Branche als Schreihals bekannt, der nicht davor zurückschreckt Anwaltskollegen und Gericht zu beschimpfen. Insoweit ist Darstellung in der Serie durchaus mit der Realität in Einklang zu bringen.

Unrealistisch ist es indes, dass sich die Presseanwälte in der Serie ausschließlich vor Straf- statt vor Zivilgerichten treffen. Zivilrechtliche Unterlassungsverfahren werden zwar durchaus erwähnt und zutreffend dargestellt, doch das Strafrecht steht im Vordergrund.  Offenbar waren die Dramaturgen der Meinung, dass auch diese Serie nicht ohne Mord und Verbrechen auskommt. Schade eigentlich. Das Presserecht ist spannend genug.   

An Schriftsätzen arbeitet hier keiner

Das Verfassen von Schriftsätzen spielt in der Serie keinerlei Rolle. Stattdessen werden ständig Mandanten und Gegner besucht oder im großen Konferenzraum mit den Anwaltskollegen an der Taktik gefeilt. Richtig ist, dass im Presserecht die Entwicklung dahin geht, durch Krisenberatung negative Berichterstattung schon im Vorfeld zu verhindern. Doch ein Großteil der Arbeit von Presserechtlern besteht nach wie vor im Verfassen von oft langen Schriftsätzen – und das passiert allein und hinterm Schreibtisch.

Auffällig ist hingegen, dass nicht nur gängige rechtliche Begriffe wie "Schmerzensgeld" und "Richtigstellung" in der Serie verwendet werden, sondern darüber hinaus viele dem Presserecht spezifische Begriffe akkurat benutzt und erklärt werden. Ein Beispiel hierfür ist die "präventive einstweilige Verfügung", die nur dann durchsetzbar ist, wenn der genaue Wortlaut der zu unterlassenden Äußerung bereits bekannt ist.  

Diese wirklichkeitsgetreue Umsetzung ist sicherlich der Beratung eines Presserechtsprofis geschuldet, denn Executive Producer der Serie ist Prof. Christian Schertz. Es ist dementsprechend auch kein Zufall, dass zahlreiche Personen aus seinem Umfeld bzw. Mandanten von ihm einen Gastauftritt in der Serie haben (z.B. Katharina Witt, Inka Bause und Günther Jauch). In Folge 4 gibt sich der Meister dann auch selbst die (kurze) Ehre. Inwieweit die Serie aber wirklich an ihn als Figur angelehnt ist, bleibt offen.   

Eiskalte Presserechtsanwältin 

Die Arbeitsweise von Leo Roth jedenfalls überschreitet sowohl juristische als auch moralische Grenzen. Sie ist zwar unschuldig in weiß gekleidet, doch Mitarbeitern kündigt sie eiskalt. Wer ihre Mandanten gefährdet, wird beleidigt und bedroht. Praktischerweise schafft sie es auch über ihren Ex, an Insiderinformationen aus der Staatsanwaltschaft zu kommen. Ihr Versuch, eine Story zu verhindern, indem sie der Presse eine bessere – weil härtere - Story zufüttert, verlässt dann schon sehr die juristischen Pfade. In letzter Konsequenz schreckt Leo Roth aber auch nicht vor Erpressung und illegaler Ausspähung zurück. Während der kurze Draht in die Redaktionen für einen Medienanwalt zum Standardrepertoire gehört und zuweilen für den Mandanten auch selbst PR betrieben wird, ist es auch eher ungewöhnlich, dass Leo Roth eine feste private Ermittlerin in ihrem Team beschäftigt. 

Insgesamt ist "Legal Affairs" eine packende Serie, die mit viel Tempo und ästhetischen Bildern das rechtliche Wirken einer erfolgreichen Presserechtsanwältin überraschend realistisch darstellt. Die illegalen Methoden, die Leo Roth gelegentlich anwendet, überspannen den Bogen zwar, doch insgesamt vermittelt die Serie durchaus realistische Eindrücke aus dem Leben einer Medienanwältin.

Die Autorin Dr. Nina Lüssmann ist seit 12 Jahren Presserechtsanwältin. Gestartet hat sie ihrer Karriere bei Matthias Prinz. Nach 10 Jahren wechselte sie zu BUSE, wo sie heute tätig ist. Zu ihren Mandanten zählen Wirtschaftsunternehmen und international bekannte Persönlichkeiten wie z.B. Sandra Bullock.

Die Serie "Legal Affairs" läuft seit dem 19.12.2021 auf der ARD. Sämtliche Folgen sind online in der ARD-Mediathek abrufbar.

Zitiervorschlag

ARD-Serie über Medienanwältin: Wie realistisch ist "Legal Affairs"? . In: Legal Tribune Online, 25.12.2021 , https://www.lto.de/persistent/a_id/47040/ (abgerufen am: 25.06.2022 )

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