Francesco Schettino zieht vor den EGMR: Ex-"Costa Con­cordia"-Kapitän sieht seine Men­schen­rechte ver­letzt

03.04.2018

Er rettete sich selbst, obwohl an Bord der havarierten Costa Concordia noch Tausende Menschen festsaßen. Nun klagt der inhaftierte Ex-Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffs vor dem EGMR. Er sieht sich als Sündenbock für ein Systemversagen. 

Francesco Schettino wehrt sich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gegen seine Verurteilung. Das entsprechende Beschwerdeformular sei bereits am 12. Januar bei dem Straßburger Gericht eingegangen, sagte eine Gerichtssprecherin der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Wogegen sich Schettinos Beschwerde genau richtet und welche Menschenrechtsverletzungen er geltend machen will, sagte sie zunächst nicht.  

Der Italiener verbüßt derzeit eine 16-jährige Haftstrafe, unter anderem wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, fahrlässigen Herbeiführens eines Schiffsbruchs und Zurücklassens minderjähriger oder hilfsbedürftiger Personen. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er die Verantwortung dafür trägt, dass das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia in der Nacht des 13. Januar 2012 auf einen Felsen auflief und vor der Insel Giglio kenterte. Schettino war durch mehrere Instanzen gezogen, aber das Berufungsgericht in Florenz wie auch das Kassationsgericht in Rom bestätigten das Urteil gegen ihn.

Der heute 57-Jährige hatte den Luxusliner "Costa Concordia" mit mehr als 4.000 Passagieren im Januar 2012 zu nah an eine Insel vor der toskanischen Mittelmeerküste gesteuert. Bei der Katastrophe starben 32 Menschen, darunter 12 Deutsche. Schettino hatte sich selbst gerettet, obwohl noch Tausende Menschen an Bord des verunglückten Schiffs festsaßen. In dem Strafverfahren verteidigte er sich damit, in das Rettungsboot hineingefallen zu sein.

Die Anwälte Schettinos kritisieren, dass eine Medienkampagne gegen ihren Mandanten die Prozesse in Italien beeinflusst habe. Zudem sei er als "Sündenbock" verurteilt worden, obwohl ein ganzes Rettungssystem auf dem Schiff nicht funktioniert habe. Tatsächlich hatten sich andere Crew-Mitglieder sowie der Koordinator der Reederei des Schiffes relativ schnell noch im Jahr 2013 auf eher kurze Haftstrafen geeinigt. 

Wann die Straßburger Richter eine Entscheidung treffen, ist nach Angaben der Sprecherin noch völlig unklar. Die Verfahren vor dem Gerichtshof dauern häufig mehrere Jahre. Weil Schettino in Haft sitze, könne sein Fall gemäß den Verfahrensregeln allerdings etwas eiliger behandelt werden.

dpa/pl/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Francesco Schettino zieht vor den EGMR: Ex-"Costa Concordia"-Kapitän sieht seine Menschenrechte verletzt . In: Legal Tribune Online, 03.04.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/27835/ (abgerufen am: 20.03.2019 )

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Kommentare
  • 03.04.2018 15:22, Keine Ehre

    Den Rechtsweg darf man erschöpfen, das zeichnet einen Rechtsstaat aus. Die Ehre eines Mannes sollte allerdings damit vehement kollidieren, wenn die eigene Schuld außer Frage steht. Hier hat jemand offensichtlich jegliche Ehre und Anstand verloren.

  • 03.04.2018 16:29, M.D.

    Klar darf ein Kapitän die Menschen an Bord im Stich lassen, um seine eigene Haut zu retten. Als nächstes klagt ein Polizist, dem die Verbrecherjagd zu gefährlich ist. Dann kommt der Feuerwehrmann und beruft sich auf seine Menschenrechte. Gehen Sie mal in ein brennendes Haus um irgendwelche Opfer zu retten, die sie noch nicht mal kennen. Das ist gefährlich! Dabei kann man ums Leben kommen! Zuletzt hätten wir noch die ganzen Soldaten. Kampfeinsatz ist Störung der Geschäftsgrundlage. Damit konnte kein Mensch rechnen!

    • 03.04.2018 16:36, M.D.

      Ok, ich kann es ja verstehen. Der sitzt im Knast und spielt halt Lotto beim EGMR. Seine Chance ist 1:10000000000000, aber wenn es klappt, ist er raus. Dass er gewinnt, glaubt er wahrscheinlich selbst nicht.

    • 03.04.2018 18:56, FH

      Da decken Sie aber zwei unterschiedliche Sachen (Hauptpflichten) übereinander, die wenig miteinander zu tun haben. Ein Polizist und ein Feuerwehrmann sind nur zum Zwecke der Gefahrenabwer eingestellt/verbeamtet. Die Verpflichtung des Kapitäns als letzter von Bord zu gehen ist, offensichtlich, nicht seine Hauptpflicht, sondern das Führen des Schiffes und das rechtzeitige Eintreffen im Hafen.
      Dann vergleichen Sie auch noch einen Schiffskapitän mit einem Soldaten. Wahnsinn.

      Das ändert natürlich nichts daran, dass dem Kapitän bekannt sein muss, das das vorzeitige Verlassen der Schiffsführung strafbar ist.

    • 04.04.2018 08:12, Captain

      "Das ändert natürlich nichts daran, dass dem Kapitän bekannt sein muss, das das vorzeitige Verlassen der Schiffsführung strafbar ist."

      Welcher gesetzlichen Regelung entnehmen Sie das?

    • 04.04.2018 10:59, Cassie

      @Captain
      In Deutschland bekanntermaßen nur im Rahmen von Garantenpflichten.

      In Italien dagegen explizit geregelt:
      Codice della Navigazione §1097
      http://www.fog.it/legislaz/cn-1088-1160.htm#1097

    • 04.04.2018 13:40, M.D.

      @FH
      Wenn ich einen Kapitän - der Uniform mit Rangabzeichen trägt und an Bord die Polizeigewalt hat - mit einem Soldaten vergleiche, dann vergleichen Sie ihn mit einem Busfahrer (der im Übrigen auch gewisse Garantenpflichten hat).

      Der Hinweis auf die italienische Rechtslage durch Cassie ist begrüßenswert.
      Die entsprechende Garantenpflicht für deutsche Schiffskapitäne steht in § 121 Abs. 2 SeeArbG:

      "(2) Der Kapitän hat für die Erhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung an Bord und im Zusammenhang mit dem Betrieb des Schiffes zu sorgen und ist im Rahmen der nachfolgenden Vorschriften und der anderen Rechtsvorschriften berechtigt, die dazu notwendigen Maßnahmen zu treffen. Er darf vom Reeder nicht daran gehindert werden, alle Entscheidungen zu treffen, die nach dem fachlichen Ermessen des Kapitäns für die Sicherheit des Schiffes und seine sichere Fahrt, seinen sicheren Betrieb oder die Sicherheit der Besatzungsmitglieder und der sonstigen an Bord befindlichen Personen erforderlich sind."

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