LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Bleiben oder gehen?: Wann es Zeit wird, die Kanzlei zu wech­seln

von Dr. Anja Hall

13.09.2016

 

(c) alphaspirit - Fotolia.com

Ein möglichst hohes Gehalt und Aussichten auf eine Partnerschaft sind nach wie vor für viele Associates ausschlaggebend, wenn sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden. "Eines sollten sie sich dabei aber klar machen", sagt Carmen Schön: "Je höher das Gehalt, desto mehr hat man möglicherweise unter anderen Faktoren zu leiden, etwa unter einer sehr hohen Arbeitsbelastung oder einem Umfeld, das nicht zu einem passt." 

In vielen Großkanzleien gibt es die Vorgabe, dass angestellte Anwälte rund 1.800 abrechenbare Stunden pro Jahr leisten müssen - hinzu kommen nochmals viele weitere Arbeitsstunden, die dem Mandanten nicht in Rechnung gestellt werden. "Das Privatleben wird also zwangsläufig unter der Arbeit in einer Großkanzlei leiden", resümiert Schön. "Jeder sollte sich fragen, ob er der Typ dafür ist und das auf Dauer schaffen kann", rät sie. Eine Alternative wäre der Wechsel in eine kleinere Kanzlei, wo die Vorgaben womöglich niedriger sind. Auch der Wechsel in ein Unternehmen sei denkbar, wobei die Arbeitsbelastung jedoch stark von der Firma und der Position abhänge. 

Die Gehälter in kleinen Kanzleien und Unternehmen sind in der Regel deutlich niedriger als in den internationalen Law Firms, wo Berufseinsteiger schon mit sechsstelligen Einstiegsgehältern rechnen können. Ein Jobwechsel kann daher auch mit erheblichen Gehaltseinbußen verbunden sein. "Wer sich fragt, ob er auch mit weniger Geld auskommen könnte, sollte einmal durchrechnen, was das Minimum ist, das er zum Leben braucht", empfiehlt Schön. 

Ein weiterer Grund, warum Anwälte über den Kanzleiwechsel nachdenken, sind enttäuschte Hoffnungen auf eine Partnerschaft. Oft ist es gerade in kleineren Kanzleien absehbar, dass im eigenen Fachgebiet in den nächsten Jahren keine neuen Partner gemacht werden. Dann also sein Glück bei einer neuen Adresse versuchen? Carmen Schön meint, dass man nicht zu früh aufgeben solle. "Das ist ein Fehler, den viele Anwälte machen", hat sie beobachtet. "Es ist wichtig, seine Pläne und Ziele gegenüber den Verantwortlichen klar zu kommunizieren", sagt sie. "Wer erst im Kündigungsgespräch sagt, dass er geht, weil er keine Partnerchancen sieht, hat es definitiv falsch gemacht - denn dann ist es zu spät." 

Zitiervorschlag

Anja Hall, Bleiben oder gehen?: Wann es Zeit wird, die Kanzlei zu wechseln . In: Legal Tribune Online, 13.09.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20568/ (abgerufen am: 23.08.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 13.09.2016 16:18, Reibert

    "Ein angestellter Anwalt hat drei Gruppen von Kontaktpersonen, mit denen er möglichst gut zusammenarbeiten sollte: Erstens der Partner, dem er unterstellt ist. Zweitens die Kollegen, mit denen er auf Augenhöhe zusammenarbeitet. Und drittens das Sekretariat und andere Mitarbeiter, die ihm hierarchisch untergeordnet sind."

    Richtig. Mandanten sind schließlich keine Kontaktperson, sondern -bestenfalls- ein notwendiges Übel. Ohne wäre man besser dran...