Innovation im Rechtsmarkt: Digi­tal­un­ter­nehmen als Vor­bild für Anwalts­kanz­leien

von Dr. Michael Zollner und Dr. Carl Renner und Philipp Rieber

13.12.2023

Der Rechtsmarkt steht unter Innovationsdruck. Bei der Frage, wie die Organisationsstruktur von Anwaltskanzleien zukunftsfähig gemacht werden kann, bieten sich erfolgreiche Digitalunternehmen und IT-Teams als Vorbilder an.

Getrieben von Budgetvorgaben und Effizienzversprechen, die durch digitale Hypes wie aktuell die Künstliche Intelligenz (KI) entstehen, sehen sich Rechtsanwaltskanzleien steigendem Innovationsdruck ausgesetzt. Mandanten fordern Effizienzsteigerungen durch Technologieeinsatz und innovative Angebote als Alternative zur Stundensatzberatung. 

In der Praxis tun sich Kanzleien derzeit noch schwer mit dem Thema Innovation und der Entwicklung technologiebasierter Produkte. Auch wenn viele Sozietäten mit der Gründung von Innovationsabteilungen und der Einstellung von Legal Tech-Experten und Projektmanagern werben, lassen wirklich innovative Services oder gar eine sich abzeichnende disruptive Erneuerung des Rechtsmarktes auf sich warten.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die Regulierung des Marktes, das Fremdbeteiligungsverbot an Anwaltsgesellschaften und eine einseitige Ausbildung spielen wohl ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass gerade große Kanzleien angesichts des stetig steigenden Beratungsbedarf auch mit klassischen Beratungsangeboten noch immer sehr erfolgreich sind.

Für Kanzleien stellt sich angesichts der beginnenden Transformation des Rechtsmarktes die Frage, wie die eigene Organisation zukunftsfähig gemacht werden kann. Vorbild und Ideengeber für den Rechtsbereich können dabei auch erfolgreiche Digitalunternehmen sein, bei denen agiles Arbeiten und fortlaufende Innovation die Unternehmenskultur bestimmen.

Conway´s Law: Der Output folgt der Kommunikationsstruktur des Unternehmens

Kanzleien und Rechtsabteilungen sind häufig noch sehr traditionell organisiert, in hierarchischen Teams mit vertikalen Entscheidungs- und Kommunikationsstrukturen. Diese Ausrichtung scheint an ihre Grenzen zu stoßen, wenn es darum geht, innovative technologiebasierte Produkte und Services zu entwickeln. Doch wie geht es besser?

Im IT-Umfeld wird in Zusammenhang mit Organisationsstrukturen gerne auf das Gesetz von Conway verwiesen. Der Informatiker Melvin Edward Conway hatte beobachtet, dass die Kommunikationsstrukturen von Organisationen maßgeblich für den Output sind, den sie liefern ("Any organization that designs a system (defined broadly) will produce a design whose structure is a copy of the organization's communication structure.").

Auch wenn sich Conways Gesetz auf den Bereich der Softwareentwicklung und technische Anwendungsbereiche bezieht, lassen sich daraus durchaus interessante Erkenntnisse für die Organisationsstruktur von Kanzleien ableiten. Sollen etwa innovative, technologie-basierte Produkte entwickelt oder größere Projekte umgesetzt werden, können die Interaktionsmuster und die Struktur der damit beauftragten Teams in Anlehnung an Team Topologien, die sich im IT-Umfeld bewährt haben, definiert werden.

Team Topologien für interdisziplinäre Legal Tech-Teams

Die IT-Organisationsberater Matthew Skelton und Manuel Pais beschreiben in ihrem Buch Team Topologies: Organizing Business and Technology Teams for Fast Flow im Geiste von Conways Gesetz ein Model für die Organisation von Software-Entwicklungsteams, das einen optimalen Arbeitsfluss ermöglicht.

Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie man eine effiziente Zusammenarbeit zwischen mehreren Teams und Teammitgliedern organisieren kann, ohne dass es zu blockierenden Abhängigkeiten kommt. Skelton/Pais haben hierfür verschiedene Archetypen von Teams und deren optimale Interaktionsmuster entwickelt.

Wichtigster Team-Typus ist das sogenannte "Stream-Aligned Team". Ein solches Team ist auf die optimale Umsetzung eines bestimmten Arbeitsprozesses ausgerichtet, z. B. die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen. Die Idee dahinter ist, dass Organisationen, die hierarchisch bzw. in Silos organisiert sind, für die agile Produktentwicklung nachteilige Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen aufweisen. Jede erforderliche Rückfrage oder Freigabe blockiert potenziell schnelles Agieren und Verantwortungsübernahme. 

Stream-Aligned Teams als Modell für die Entwicklung technologie-basierter Rechtsdienstleistungen

In Stream-Aligned Teams werden die jeweiligen Team-Mitglieder für die Zwecke der Umsetzung des Arbeitsprozesses aus ihren Fachabteilungen abgestellt und mit entsprechenden Entscheidungsbefugnissen ausgestattet. Die Kommunikationsstruktur innerhalb des Teams und mit anderen Teams wird so aufgebaut, dass unnötige Abstimmungswege vermieden werden. Das Motto lautet: Handovers can kill flow, so let´s kill handovers instead.

Traditionell organisierte Kanzleien können dieses Modell zum Beispiel heranziehen, wenn es darum geht, eine für die Entwicklung innovativer Produkte und Services oder die Umsetzung komplexer Rechtsprojekte passende Organisationsstruktur zu definieren. Wichtig ist dabei, die jeweiligen Teammitglieder mit ausreichend Entscheidungsbefugnissen auszustatten und etwa von vermeidbaren Freigabeerfordernissen abzusehen.

Stream-Aligned Teams sind nur ein Beispiel für Modelle und Anregungen, die Kanzleien im Hinblick auf eine zukunftsfähige Organisationsstruktur von erfolgreichen Digitalunternehmen und IT-Teams übernehmen können. Eine weitere Variante ist das Thema Kundenzentrierung bzw. Client Experience. Die Rechtsbranche ist bislang nicht bekannt für außergewöhnliche Kundenerlebnisse. In Zukunft werden Mandanten mehr verlangen als nur gute Beratung. 

Analog zur Customer Journey im Online-Handel kann es sich für Kanzleien daher empfehlenswert sein, die Client Journey nachzeichnen und zu überlegen, inwiefern das Mandantenerlebnis optimiert werden kann, etwa durch den Einsatz von Mandantenportalen. 

Der interdisziplinäre Austausch mit der Digitalbranche verspricht für Kanzleien in vielerlei Hinsicht großen Mehrwert - das gilt nicht nur in Bezug auf die Möglichkeiten zur Nutzung von Tools und Künstlicher Intelligenz.

 

Michael ZollnerDr. Michael Zollner ist Partner der Rechtsanwaltskanzlei Pinsent Masons und leitet als Co-Head die Praxisgruppe Vario, die auf die Erbringung von innovativen Rechtsdienstleistungen wie Managed Legal Services und Flexible Legal Services spezialisiert ist.

Carl RennerDr. Carl Renner ist Partner der Rechtsanwaltskanzlei Pinsent Masons und leitet als Co-Head die Praxisgruppe Vario, die auf die Erbringung von innovativen Rechtsdienstleistungen wie Managed Legal Services und Flexible Legal Services spezialisiert ist.

Philipp RieberPhilipp Rieber ist Softwareentwickler und Buchautor. Er entwickelt seit über 20 Jahren Internet-Anwendungen und begeistert gerne andere Menschen dafür. Als Software-Architekt gestaltet er seit ihrer Gründung die erste digitale Krankenversicherung Deutschlands.

Zitiervorschlag

Innovation im Rechtsmarkt: Digitalunternehmen als Vorbild für Anwaltskanzleien . In: Legal Tribune Online, 13.12.2023 , https://www.lto.de/persistent/a_id/53402/ (abgerufen am: 15.04.2024 )

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