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Netflix-Serie "When they see us": Die fünf Jugend­li­chen aus dem Cen­tral Park

Gastbeitrag von Jochen Thielmann, FA für Strafrecht

29.06.2019

Vorverurteilung durch die Polizei und verbotene Ermittlungsmethoden: Den Fall der "Central Park Five" gibt es jetzt als Serie. Strafrechtler Jochen Thielmann zur Verfilmung eines Justizskandals erster Güte.

Die Geschehnisse sind genau dreißig Jahre her - und zum Jubiläum gibt es seit Ende Mai einen mitreißenden Vierteiler auf Netflix, dem Streamingdienst, der laut Spiegel Online derzeit "weltweit zum liberalen Sprachrohr" wird.

In einer Nacht im April 1989 zogen jugendliche Gruppen durch den New Yorker Central Park, randalierten, belästigten Fahrradfahrer und Fußgänger. Es kam auch zu Körperverletzungen. Außerdem wurde in dieser Nacht im Central Park eine 28-jährige Joggerin vergewaltigt, schwer misshandelt und zum Sterben im Gebüsch zurückgelassen. Nur zufällig wurde sie schnell gefunden und überlebte die brutale Attacke, mit erheblichen Spätfolgen und ohne Erinnerung an das Geschehen.

Noch in der Nacht waren etliche Jugendliche afro-amerikanischer und hispanischer Abstammung festgenommen worden und warteten im Polizeirevier auf ihr Verhör, als die Nachricht von der Vergewaltigung eintraf und sich der Verdacht kurzerhand in ihre Richtung bewegte. Was folgte, war ein unerhörter Vernehmungsmarathon, in dem die Polizisten mit allen Mitteln versuchten, von den Jugendlichen Näheres zum Fall der Joggerin zu erfahren.

Fragwürdige Verurteilungen, Haft bis zum Schluss

Stundenlange Vernehmungen, Zuckerbrot und Peitsche, Good Cop / Bad Cop, Drohungen, Versprechungen, Gewalt, Ausschluss beziehungsweise Ausnutzen der Angehörigen: All das führte am Ende zu fünf (sich teilweise widersprechenden) Geständnissen, an einer Massenvergewaltigung beteiligt gewesen zu sein. Mehrere dieser Geständnisse wurden im Anschluss an die polizeiliche Vernehmung von den Jugendlichen gegenüber der zuständigen Staatsanwältin wiederholt und videografiert – all das in der trügerischen Hoffnung, danach wieder nach Hause zu dürfen.

Trotz des Fehlens jeglicher DNA-Beweise der angeblichen Täter am Tatort oder des Opfers an der Kleidung der Täter wurden die fünf Beschuldigten in zwei separaten Prozessen jeweils zu langen Haftstrafen verurteilt. Während vier Verurteilte in Jugendstrafanstalten kamen, wurde der zur Tatzeit 16-jährige Korey Wise in den Erwachsenenvollzug gesteckt, wo er die Misshandlungen von Mithäftlingen und Wärtern nur knapp überlebte (der letzte Teil der Serie konzentriert sich fast ausschließlich auf diese Tortur).

Weil die Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung an seiner Weigerung scheiterte, sich nun endlich schuldig zu bekennen, war Wise auch als einziger der fünf jungen Männer noch in Haft, als schließlich die Wahrheit über die Vergewaltigung ans Licht kam.

Schnelles Erzähltempo, Verzicht auf Verästelungen

"When they see us" von der Filmemacherin Ava DuVernay erzählt die damaligen Ereignisse in knapp fünf Stunden und konzentriert sich dabei weniger auf die juristischen Knackpunkte und mehr auf die persönlichen Beziehungen zwischen den fünf Beschuldigten und ihren Familien.

Wer die beiden Staffeln der ebenfalls sehenswerten Netflix-Dokumentarserie "Making a murderer" angeschaut hat, dem wird auch der aktuelle Vierteiler wohl noch zu kurz sein; vor allem, wenn man sich mit dem Fall der "Central Park Five" ein bisschen besser auskennt. Denn auch andere Jugendliche wurden zu Geständnissen gedrängt, hielten dem Druck jedoch Stand.

Die fünf Jugendlichen aus dem Central Park, die einander teilweise überhaupt nicht kannten, bevor sie sich im Polizeirevier zum ersten Mal trafen, hatten gegenüber den sie mit Details fütternden Polizisten auch noch andere angebliche Beteiligte benannt, die aber deswegen nie vor Gericht gestellt wurden. Die Konstellation gerade dieser fünf Angeklagten war somit dem reinen Zufall geschuldet.

Die Medienberichterstattung sorgte schließlich für ein derart feindseliges Klima für die Angeklagten, dass ein Freispruch auch bei kompetenterer Verteidigung durch fünf auf Strafverteidigung spezialisierte Anwälte nur äußerst schwer zu erreichen gewesen wäre.

Emotional packend und bedrückend zugleich

Der emotional packende Vierteiler macht anhand der beiden ambitionierten Strafverfolgerinnen deutlich, dass ein Strafverfahren einem Zug gleicht, der – einmal in Bewegung gesetzt – ab einem bestimmten Punkt nicht mehr aufgehalten werden kann. Oder besser: Nur noch aufgehalten werden kann, wenn die verantwortlichen Personen bereit sind, negative Konsequenzen für ihre Karrieren in Kauf zu nehmen, selbst wenn sie das Richtige tun.

Die Alternative dazu ist "Augen zu und durch", für die sich die Anklägerinnen vor 30 Jahren auch entschieden. In einer Szene der Mini-Serie erklärt die Staatsanwältin einem der Verteidiger am Rande der Hauptverhandlung sinngemäß, es gehe nicht mehr um die Angeklagten, sondern um Politik, und bietet einen Deal an, der den Jugendlichen eine geringe Strafe in Aussicht stellt, wenn sie sich schuldig bekennen. Während ihre Anwälte dem Angebot aufgeschlossen gegenüberstehen, lehnen die Angeklagten unisono ab.

Verfilmung holt die damaligen Staatsanwältinnen ein

Das Hadern der Strafjustiz, Fehler einzugestehen, wird auch im Fall der Central Park Five beispielhaft deutlich. Als der wahre Täter ein Geständnis ablegt und die DNA-Proben zweifelsfrei die Wahrheit ans Licht bringen, war die (nicht nur) erste Reaktion der New Yorker Polizeibehörde der Hinweis darauf, dass es dann halt sechs Täter gewesen seien.

Dieser Reflex erinnert deutsche Juristen an die Erklärung "Tot ist tot" im deutschen Justizskandal im Fall Rudolf Rupp, mit der ein Landgericht den Antrag auf Wiederaufnahme abgelehnt hatte, obwohl das angeblich im eigenen Haus zerstückelte Opfer acht Jahre nach der "Tat" ohne erkennbare Verletzungen am Steuer seines Autos in der Donau gefunden worden war. Dass der Fall in Übersee spielt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ähnliche Fehlerquellen auch hierzulande gibt.

Die beiden hauptverantwortlichen Staatsanwältinnen Linda Fairstein und Elizabeth Lederer, lange Zeit als Heldinnen gefeiert, stehen seit der Premiere der Serie übrigens unter starkem Druck: Von der mittlerweile als Krimiautorin erfolgreichen Fairstein haben sich inzwischen ihr Agent und ihr Verleger abgewandt, während Lederer seit dem 12. Juni dieses Jahres nicht mehr an der Columbia Law School unterrichtet.

Serienmacher gegen Trump

Wäre die Serie nicht zum 30. Jahrestag, sondern zum 25. Jahrestag erschienen, wäre der Name Donald Trump wahrscheinlich entweder gar nicht gefallen oder hätte nur als Fußnote Erwähnung gefunden. Der damalige Immobilienunternehmer hatte kurz nach der Tat in vier ganzseitigen Inseraten u.a. in der New York Times plakativ die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert, was er in der Folgezeit in Fernsehauftritte auch bekräftigte.

Es ist ein gefundenes Fressen für die liberalen Filmemacher, unter denen sich als Produzent auch der lautstarke Trump-Kritiker Robert De Niro befindet, dem jetzigen Präsidenten auch diese Sünde aus seiner Vergangenheit wiederholt aufs Butterbrot zu schmieren. Entschuldigen wollte sich der US-Präsident auf Nachfrage nicht, die Verurteilten hätten schließlich damals ihre Schuld gestanden, heißt es im Stern.

All denjenigen, die sich noch näher mit dem Fall der Central Park Five beschäftigen möchten, sei neben den die Serie bei Netflix begleitenden Interviews von Oprah Winfrey mit den Filmemachern und den fünf Justizopfern das Buch "The Central Park Five" von Sarah Burns sowie die darauf basierende Dokumentation mit dem gleichen Namen von Sarah und Ken Burns sowie David McMahon empfohlen.

Der Autor Jochen Thielmann ist Fachanwalt für Strafrecht im "Strafverteidigerbüro Wuppertal".

 

Zitiervorschlag

Netflix-Serie "When they see us": Die fünf Jugendlichen aus dem Central Park . In: Legal Tribune Online, 29.06.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/36159/ (abgerufen am: 19.08.2019 )

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