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Das Papst-Wahlrecht: Im Angesicht des Jüngsten Gerichts

von Thomas Traub

11.03.2013

Am Dienstag tritt das Konklave zusammen, um nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. dessen Nachfolger zu wählen. In den Medien werden einige Kardinäle als Favoriten gehandelt. Thomas Traub erläutert, wer wen zum Papst wählen kann und wie aus verbrannten Stimmzetteln schwarzer oder weißer Rauch wird.

Es war ein historischer Schritt, von dem viele nicht einmal wussten, dass er möglich ist. Mitte Februar erklärte Papst Benedikt XVI., zum 28. Februar 2013 auf sein Amt des Bischofs von Rom zu verzichten. Seitdem ist der Heilige Stuhl vakant. Das Konklave muss nun einen Nachfolger wählen. Maßgeblich für diese Wahl ist ein kirchliches Gesetz, die Apostolische Konstitution "Universi Dominici Gregis", das Benedikts Vorgänger Papst Johannes Paul II. 1996 erlassen hat. Im Kern reicht dieses Wahlrecht jedoch bis ins 13. Jahrhundert zurück.

Danach haben alle Kardinäle das aktive Wahlrecht, die das 80. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Stichtag ist nicht der Beginn des Konklaves, sondern der Tag vor der Vakanz des Heiligen Stuhls. Davon profitiert aktuell der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper, der am 5. März – also erst nach dem Rückzug Benedikts – seinen 80. Geburtstag feierte und daher weiterhin wahlberechtigt ist.

Aktives Wahlrecht für Kardinäle unter 80 Jahren

Von den 117 wahlberechtigten Kardinäle werden nur 115 am Konklave teilnehmen, da einer krank geworden ist und ein weiterer kürzlich als Bischof zurückgetreten ist. Die 28 italienischen Purpurträger stellen dabei die größte Gruppe. Man kann daher gespannt sein, ob die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende Tradition italienischer Päpste fortgesetzt wird, die der polnische Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. unterbrochen hatten.

Aus Deutschland werden neben Kardinal Kasper die (Erz-)Bischöfe Karl Lehmann (Mainz), Reinhard Marx (München/Freising), Joachim Meisner (Köln), Rainer Maria Woelki (Berlin) sowie der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes am Konklave teilnehmen.

Der Kreis der passiv Wahlberechtigten ist weit weniger exklusiv. Theoretisch kann jeder männliche Katholik Papst werden, so dass es ca. 600 Millionen potentielle Kandidaten gibt. Da das Amt die Weihe zum Bischof voraussetzt, muss der Kandidat zudem unverheiratet und mindestens 35 Jahre alt sein.

Tatsächlich ist die Zahl der aussichtsreichen Anwärter jedoch deutlich kleiner und stimmt praktisch mit dem Kreis der aktiv Wahlberechtigten überein: Seit dem 14. Jahrhundert wurden nur Kardinäle zum Papst gewählt. Alles andere wäre bei der anstehenden Papstwahl eine Sensation.

Abgeriegelt von der Außenwelt

Den Ablauf des Konklaves und den eigentlichen Wahlvorgang regelt das kirchliche Gesetz bis ins Detail. Während des Konklaves sind die Kardinäle und einige enge Mitarbeiter im Domus Sanctae Marthae, dem Gästehaus des Vatikans, untergebracht. Die Wahl selbst findet in der Sixtinischen Kapelle statt, vertraulich und streng geheim.

Die Kardinäle sind von der Außenwelt hermetisch abgeschirmt, um eine Beeinflussung auszuschließen und keine Informationen nach außen dringen zu lassen. Die Kardinäle schwören zu Beginn des Konklaves absolute Geheimhaltung. Mit einem päpstlichen Gesetz hat Benedikt XVI. noch unmittelbar vor seinem Amtsverzicht die Konsequenzen für eine Verletzung der Verschwiegenheitspflicht verschärft, die nun die Tatstrafe der Exkommunikation nach sich zieht.

Der Wahlvorgang beginnt damit, dass die Stimmzettel vorbereitet und ausgegeben und dann von jedem wahlberechtigten Kardinal geheim und möglichst mit verstellter Schrift ausgefüllt werden. Anschließend werden die Stimmzettel in die Urne geworfen, gemischt und schließlich ausgezählt sowie kontrolliert.

Der Wahlakt mag sehr technisch erscheinen, wird nach kirchlichem Recht aber als geistliches Ereignis begriffen und ist entsprechend ausgestaltet. So spricht jeder Kardinal vor Abgabe der Stimme einen Eid mit den Worten: "Ich rufe Christus, der mein Richter sein wird, zum Zeugen an, dass ich den gewählt habe, von dem ich glaube, dass er nach Gottes Willen gewählt werden sollte." Die Bedeutung dieser Worte steht den Elektoren dabei anschaulich und deutlich vor Augen, erfolgt die Wahl doch im Angesicht von Michelangelos weltberühmtem Fresko "Das Jüngste Gericht".

Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich – auch in der Stichwahl

Nach einem ersten Wahlgang zu Beginn des Konklaves werden an den nächsten Tagen jeweils vier weitere durchgeführt, bis die für eine erfolgreiche Papstwahl erforderliche Mehrheit von wenigstens zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen erreicht ist. Wird eine solche Mehrheit auch nach 34 Wahlgängen nicht erreicht, so haben in den folgenden Wahlgängen nur noch die beiden Kandidaten das passive Wahlrecht, die zuvor die meisten Stimmen erhalten haben. Sie selbst verlieren für die dann folgenden Stichwahlen das aktive Wahlrecht.

Eine Vereinfachung der erforderlichen Mehrheit genügt in keinem Fall. Eine gültige Wahl setzt immer eine Zweidrittelmehrheit voraus. Eine Regelung von Papst Johannes Paul II., nach der nach dem 34. Wahlgang eine absolute Mehrheit ausreichen kann, hat Benedikt XVI. aufgehoben.

Weißer Rauch als Zeichen einer erfolgreichen Wahl

Nach der Wahl werden die Stimmzettel in einem Ofen verbrannt, dessen Rohr auf dem Petersplatz sichtbar ist. Einer alten Tradition gemäß wird den Stimmzetteln nach einem ergebnislosen Wahlgang nasses Stroh und Öl oder Pech beigemischt, so dass bei der Verbrennung schwarzer Rauch entsteht. Nach einer erfolgreichen Wahl sorgen trockenes Stroh und Chemikalien dafür, dass weißer Rauch aufsteigt – außerdem läuten die Glocken des Petersdoms.

Erreicht einer der Kandidaten die notwendige Zweidrittelmehrheit, so wird er gefragt, ob er die Wahl annimmt und wie er sich fortan nennen will. Mit der Annahme ist der Gewählte unmittelbar "Bischof der Kirche von Rom, wahrer Papst und Haupt des Bischofskollegiums". Er hat damit die höchste Gewalt in der römisch-katholischen Universalkirche und kann diese sofort ausüben. Die Kardinäle leisten dem neugewählten Papst ein Gehorsamsversprechen.

Anschließend wird das Ergebnis der Wahl der wartenden Menschenmenge verkündet und der neue Papst erteilt von der Loggia des Petersdoms den Apostolischen Segen "Urbi et Orbi". Die letzten neun Konklaven seit 1903 waren nach spätestens fünf Tagen erfolgreich beendet. Schon bald wird daher wohl der Ruf des ranghöchsten Kardinaldiakons über dem Petersplatz erschallen: "Annuntio vobis gaudium magnum: Habemus Papam!" – ("Ich verkünde euch eine große Freude, wir haben einen Papst!").

Der Autor Thomas Traub ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kirchenrecht der Universität zu Köln.

Zitiervorschlag

Thomas Traub, Das Papst-Wahlrecht: Im Angesicht des Jüngsten Gerichts . In: Legal Tribune Online, 11.03.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8301/ (abgerufen am: 21.09.2019 )

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Kommentare
  • 11.03.2013 20:46, Johann Neppo

    Circus Pontifex Maximus:

    Und Gott als
    Model für ein Event

    Trauer und Abschied herrscht in Katholikenland. Dramatische Gesten flimmern über den Bildschirm, beherrschen die Bilder im Youtube-Takt. Hier wird mit langsamen Schritten das große Tor zu Castell Gandolfo zugemacht, dort fliegt der Noch-Papst über dem Petersplatz eine Ehrenrunde; der der-zeit höchste Repräsentant der röm.-kath. Kirche, Kardinal Bertone, läßt nun feierlich den Fischerring Benedikts zerbrechen. Die Schweizer Garde, jene Volksbelustigungstruppe in grellen Kostümen, hat ihren „Wachdienst“ gegenüber dem scheidenden Papst beendet. Der Heilige Stuhl (der heilige!) ist leer! Das Apertemento Papale wird frei! Der polnische Erzbischof wirft sich in göttliche Richterpose gegenüber Benedikt: „Vom Kreuz steigt man nicht herab!“ und der australische Kardinal meckert: „Benedikts Bruch mit der Tradition wirkt destabilisierend!“ Woelki in Berlin hält fest, der Rücktritt habe das Amt entzaubert! Es sei entmystifiziert worden! Die Sixtinische Kapelle braucht einen neuen Ofen (wahrscheinlich um die Papierschnipsel nach dem jeweiligen Wahlgang zu verbrennen). Bei der letzten Generalaudienz sitzen die Rotkäppchen wieder mal gesondert vom Volk in der ersten Reihe. Folklore bis zum Abwinken. Rund 100 Kardinäle weilen bereits in Rom; es wird kaum eine Pizzeria rund um den gottgeweihten Vatikanhügel geben, in der sich nicht die rot-schwarz-Berockten und die vielen Interessenvertreter aus dem Klerus treffen und Namen tarocken, ganz so, wie die Promis der Kurie gerne ihr eigenes Spiel spielen, wenn sie die Karten mischen. Denn sie werden neu gemischt. Und zwischendurch schluchzt und jubelt das Volk, tränenüberströmte Männer und Frau-en vor der Kamera, junge Mädchen sprechen ohne Scheu ins Mikrofon von tiefer Liebe und der großen Bedeutung, den gerade aus seinem Beruf ausgestiegenen Hl. Vater noch mal auf 300 Meter entfernt im Original gesehen zu haben - statt nur im Fern-Sehen. Denn: emeritus Papa-Ratzi wird von nun an der Welt verborgen bleiben, auch wenn er „Heiliger Vater“ bleibt.

    Heiliger Strohsack, was geht denn hier ab!? Das grenzt schon ans Transzentendale. Wird man bald seine persönlichen Dinge erwer-ben, kaufen, ersteigern können? Sein alter VW-Golf ging schon für mehr als 200.000 Eu-ro weg - sicher, keine richtige Reliquie. Aber das kann ja noch kommen. Anfangen könnte man mit den Schuhen von Prada. Aufhören müsste man, wenn alle Teile des Emeritus unters abergläubische Volk ge-bracht sind. Da entwickelt sich ein Markt, der die Materialien in geistes- und marktwirtschaftliche Bereiche werbewirksam teilt. Während in den ca. ersten drei Jahrhunderten die christliche Lehre sich vor allem durch „schmucklose Evangelien“ auszeichnete, wuchsen nach und nach – in einer sonst sehr ritualsüchtigen Gesellschaft wie im Römischen Reich – die Märtyrer, grausam genug, zu Helden heran, deren Einzelteile man dringend habhaft werden wollte. Knochen sollten Gebete befördern, Reliquien bei Gott für Wort und Tat einstehen. Der Handel, zum Beispiel mit Polycarps materiellen Restbeständen (um ca. 150 n. Chr.), sei wertvoller als kostbare Steine und besser als Gold. Das alles dem <denn> „da steht‘s geschrieben!“ eines Immanuel Kant gegenüber. Dass das heilige Buch selbst zum Zankapfel wurde und immer wieder werden kann, bedeutet nicht, es auch noch mit Unverträglichkeiten, die nur ablenken, garnieren zu müssen.
    8.933 Reliquienteile hatte der Bischof von Mainz (zur Zeit Martin Luthers) gesammelt; „mehr noch“, heißt es bei Heinz Zarnt („Martin Luther, Reformator wider Willen“): „der schier unüberbietbare Schatz bedeutete nach damaliger Auffassung 39.245.120 Jahre und 220 Tage Ablaß“.

    Seufzend könnte man meinen: nun lass sie doch! Es ist eben nur ein Gefühl. Stimmung im Circus Pontifex Maximus. Nur: mit dem einfachen und klaren Leben des Wanderpredigers Jesus hat dies alles nichts (mehr) zu tun.

    Man kommt aber auch, wenn man das ganze monarchische Endzeitgeklüngel auch nur einigermaßen ernst nehmen soll, nicht daran vorbei, darauf hinzuweisen, dass die große röm.-kath. Amtskirche nach solchen Bildern und medialer Aufmerksamkeit geradezu giert: denn es lenkt ab. Lenkt ab von den eigentlichen, wirklichen Fragen, die uns in unserer Kirche auf den Nägel brennen, und die zu beantworten sich die gutbetuchten und schick herausgeputzen Kameraden des Kardinalskollegiums wie auch das der Bischofskonferenzen nicht hergeben:

    wie haltet ihr es mit der von Christus und Paulus gemeinten Gleichstellung von Frau und Mann? Wie kommt ihr auf die Idee, außer in radebrechenden Übersetzungsanstrengungen das Priesteramt aller als eines auf die „weiheba-sierten“ (so heißt das wirklich!) männlichen Erdbewohner spezifizierte zu in-terpretieren?

    Wie kommt die Amtskirche dazu, ihre – nun wirklich – Trippelschritte in Richtung Aufklärung der tausenden von Mißbrauchsfälle hier und da bereits als „Charity gala“ zu feiern, so wie zuletzt der Würzburger Bischof Hofmann, als er großzügig und sich dessen selbstlobend 42.000 Euro an zehn ausgewählte Mißbrauchte auszahlte?

    Und ein amerikanischer Kardinal meint, es gäbe Opfergruppen, die könnten nie genug bekommen?

    Was ist – zumindest Deutschland betreffend – mit dem verfassungswidrigen „Dritten Weg“ des kirchlichen Arbeitsrechts (es ist eben nicht durch § 140 GG gerechtfertigt), ob dessen Gültigkeit sogar der Bonner Kanoniker Prof. Norbert Lüdecke die Gläubigen warnt, sie sollten das Wort Frauenordination nicht in den Mund nehmen, wenn sie kirchlich abhängig beschäftigt seien. Welchen inneren ernsthaften Grund soll es haben, dass Priester vom Leben als Mann und Frau in Familie und Partnerschaft ausgeschlossen sein sollen?

    Wie kann man ernsthaft vertreten, das „Arbeitsrecht“ ein bisschen lockern zu wollen, den in neuer Partnerschaft lebenden Exverheirateten aber die Tröstungen Jesu zu verweigern? Klaus Lüdicke, auch Professor, aber in Münster, fasste das im letzten Jahr in einem Beitrag der „HerderKorrespondenz“ zusammen in der aufmüpfigen Überschrift „Wieso eigentlich Barmherzigkeit?“. Er entlarvte das aufdringliche bis unerträgliche Herumschnüffeln der Amtskirche in den Lebensverhältnissen der Geschiedenen, Wiederverheirateten und vor allem in denen der neuen Partnerschaften von Gläubigen, die den sexuellen Vollzug ihres ein-Paar-sein leben – und zwar unter theologischem Mißbrauch in der Auslegung der Canonicis – als das, was es ist: unvertretbarer Machtanspruch, gepaart mit einer unbegreiflichen Sexualfeindlichkeit, die das schönste Geschenk, das Gott Mann und Frau gemacht hat mit der Öffnung hin zu einer neuen Familie, der Liebe, die eben auch Erotik und Sex umfaßt?

    Und die anderen Themen, die uns so sehr bedrängen, dass wir dringend Fürsprecher aus der Kirchenführung bräuchten?
    Hunger - Nahrungsmittelspekulation der Banken. Wer tritt ihnen endlich mal auf die Füße?
    Arbeitslosigkeit, Leiharbeit, Werkverträge – wer nimmt sich den galoppierenden Verfall einer Sozialethik zur Brust?
    Raubbau an Rente und Altersversorgung – wo bleibt eine Kirche, die den Maschmeyers, Riesters und Rürups ihre verlogene und betrügerische, sich vor allem selbst bereichernde Ausbeutungspolitik vorhält?
    Oberlehrer Kardinal Marx aus München hält es lieber mit der Marktwirtschaft als mit der Auseinandersetzung mit Mindestlöhnen, denn in der freien Marktwirtschaft, wohl eher marktkonformen Demokratie, ist er geistig zu Hause. Ein Mann, der sich gerne mit „Marx aus Trier“ schmückt, und dem doch jede Ernsthaftigkeit seines Namenskollegen fehlt. Während der „ältere“ Wege zur demokratischen Volksherrschaft aufzeigte, propagiert der „jüngere“ lieber – ganz neoliberal - eine „Kultur des Scheiterns“

    Nein, man kommt auch nicht an der Medi-enverzückung vorbei, wenn man den ganzen Trouble der Kirchengeschichte – und da nur die der letzten Jahrzehnte – ernsthaft betrachtet. Die Medien sind die „Teufel“, die den sich in ihrer Wohl-gefälligkeit suhlenden Rotröcken vormachen, dass der Laden schon läuft. Weltjugendtag-Spektakel, Betnachmittage auf dem Petersplatz, peinliche Aus-landsreisen (wie nach Kuba), und mißglückte Themensetzungen – was bedeutet dagegen dann noch ein zurückgeholter Würdenträger, der den umfassendsten und schlimmsten Völkermord der Geschichte an sechs Millionen Juden leugnet? Sex mit einem/r neuen Partner/in ist dagegen Todsünde und zieht, wenn es bekannt wird, Exkommunikation nach sich!

    Warum nur, Joseph Ratzinger, hast Du nicht auf den Mut des Volkes vertraut?

    Was einem so hilflos macht, ist die gewaltige Verschiebung der klaren und kaum misszuverstehenden Inhalte der Frohen Botschaft in einen Hokuspokus, den die Oberhirten aus eigentlich ganz einfachen Abläufen des Wandels und Wechsels heraus veranstalten. Da feiern in Berlin und anderen Städten Tausende von Gläubigen und Politikern – eine besonders ehrenwürdige Formation neoliberaler Philosophie (man könnte auch sagen: Merkel und Konsorten) sah man in der Hed-wigs-Kathedrale versammelt – den Ab-schied von Benedikt, als sei gerade Jesus Christus zu Grabe getragen worden. Hat nicht gerade Ratzinger gefordert, von Spielarten abzurücken, die den Gottesdienst zum Event und die Eucharistie zum Kuschelveranstaltung machen? Entweltlichung?

    Benedikt ist, wenn ich ihn nicht mißverstan-den habe, radikal mißverstanden worden. So, wie sich die Skandale und Konflikte der letzten Jahre ausnehmen, hat er die Narrenkappe aufgehabt. Ein tiefgründiger Theologe, den Menschen zugewandt trotz aller Schüchternheit; im eignen Haus dagegen offensichtlich Spielball der widerstreitenden Machteliten. Man könnte aber auch sagen, dass ihn jener Widerstand gebrochen hat, mit dem sich die Oberhirten vorgenommen haben, sich nicht aus den Pfründen vertreiben zu lassen, die vor allem die katholische Kirche in Europa, und hier vor allem in Deutschland, sich gesichert hat. Dabei würde uns die Auseinandersetzung, wie wir Christi Stiftung unserer Zeit gemäß verstehen (lernen) können, genug Zündstoff liefern.

    Einfach haben es sich Katholiken, die diese Zustände anprangern und Neues wagen, nicht gemacht. Wer wirklich glaubt und in der Kirche aufgewachsen ist, weiß , wie schwer es ist, sich aus diesem Amtskirchen-dschungel herauszuarbeiten, dieses katholi-sche Triumvirat aus geistiger Armut, blin-dem Gehorsam und antichristlicher Keusch-heit zu verlassen, um sich in Richtung eines Menschen, der Glaube und Vernunft zusammenbringen kann, zu entwickeln. Und der Hilfeschrei unter Gläubigen heißt dann oft nur noch: Holt mich hier raus!

    Das aber wird wohl nichts: nicht nur, dass selbst Organisationen wie „Wir sind Kirche“ wohl selbst nicht mehr an die Reformfähigkeit der Amtskirche glauben, sondern dass die Männerkumpanei in der Sixtinischen Kapelle ab kommenden Mittwoch mit dem ganzen Spektakel des „Circus Vaticani“ von vorn beginnt. Der vorstehende Artikel ist gespickt mit den gleichen Bildern, den gleichen Banalitäten und zugleich voll von medialem Banausentum – Hauptsache, dabei sein.
    Wer es mit der Kirche und dem, was ihre Vertreter treiben, wirklich ernst meint, der sollte sich den Beitrag von Alexander Kissler (Die Welt) mit heutigem Datum zu Gemüte führen. Dort wird auf geradezu tragische Weise vermittelt, dass genau der „Feingeist“ (Benedikt), der als Philosoph und Theologe das Auseinanderbrechen von Vernunft und Glaube in unserem kapitalistischen System begriffen hat, ohne die langläufigen Begrifflichkeiten zu verwenden, vor genau dieser Aufgabe kapituliert hat: Glaube und Vernunft, das Wesen des Wahrhaftigen in Christentum und das Wesen des Wirklichen in der Philosophie zusammen zu bringen, damit die Erkenntnisse aus beidem, zusammenfließend in Glaube und Vernunft, die Welt in Menschlichkeit retten, statt sie in Gier, Haß und Überdruß untergehen zu las-sen.
    Warum, lieber Benedikt, hast Du das so kompliziert ausgedrückt? Wir alle – bis auf wenige, vor allem die 1.435 Superreichen der Welt und deren speichelleckender An-hang in allen Ländern (die haben schon ihre eigenen Lösungen der Probleme skizziert) – haben so sehr darauf gehofft, dass Du den Begriff der „Entweltlichung“ uns nahe bringst, damit er für uns zu einer überzeugenden Argumentation gegen Not, Elend, Hunger, Krieg und Brutalität in der Welt wird.

    Johann Neppo