LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Zum Todestag von Paul Cézanne: "Weh mir, ich schlug des Rechts gewundene Pfade ein."

Als Paul Cézanne am 22. Oktober 1906 starb, nahm die Kunstwelt zunächst wenig Anteil daran. Bis in die späten 1890er Jahre waren es hauptsächlich Künstlerkollegen wie Monet und Renoir, die seine Gemälde kauften. Eigentlich hätte Cézanne als Jurist das Bankgeschäft des Vaters übernehmen sollen.

Er war besessen, schwierig, einsam, still – einer, der die Natur seiner Heimat Aix-en-Provence der brodelnden Großstadt Paris vorzog. Cézanne hatte schon in jungen Jahren eine klare und unverrückbare Vorstellung von der Malerei, die wenig mit der zeitgenössischen Tüfteltechnik der impressionistischen Kollegen zu tun hatte.

Cézanne malte Landschaften als pittoreskes Gefüge farbiger Flecken und schuf damit eine neue Ausdrucksform, die Künstler bis heute beeinflusst. Matisse nannte ihn "eine Art lieben Gott der Malerei" und von Picasso wurde er als "Vaterfigur" verehrt.

Wie der Vater Louis Auguste Cézanne diese späte Verehrung seines Sohnes als Künstler empfunden hätte, bleibt offen. Der Bankier hatte es in wenigen Jahren zum reichen Mann gebracht. Bei Pauls Geburt am 19. Januar 1839 war der ehemalige Hutmacher Inhaber der einzigen Bank in Stadt und Kreis Aix "Cézanne et Cabassol". Der Zugang zur Aixer Gesellschaft blieb dem sozialen Aufsteiger dennoch verwehrt. Umso mehr erhoffte er sich, dass sein Sohn die von ihm angestrebte bourgeoise Existenz würde leben können.

"Man stirbt mit Genie und man isst mit Geld."

Den Königsweg seines Sohnes zum gesellschaftlichen Establishment sah der Vater früh im Studium der Rechtswissenschaft. Nachdem Paul am 12. November 1858 die Reifeprüfung mit der Note "ziemlich gut" bestanden hatte, schien der weitere Weg geebnet. Versuchte er, sich dem väterlichen Studienwunsch zu widersetzen und den Vater von seinem eigenen künstlerischen Lebensentwurf von einer Zukunft als Maler zu überzeugen, begegnete dieser ihm stets mit der stereotypen Antwort "Mein Sohn, denk' an die Zukunft. Man stirbt mit Genie und man isst mit Geld."

Schließlich willigte Paul ein und begann Anfang 1859 an der juristischen Fakultät der Universität in Aix das Jurastudium. Er besuchte zunächst recht erfolgreich die Colleges. Noch im selben Jahr bestand er eine erste Zwischenprüfung. Doch eine wirkliche Leidenschaft konnte er für das Fach sich trotz dieser ersten Erfolge nicht entwickeln. Stattdessen empfand er das Studium als bedrückend und trocken, der heftige Wunsch blieb, Malerei zu studieren. Ebenso aber blieb das väterliche Veto, das dies verhinderte.

Der Vater kam dem Sohn insoweit entgegen, als er Paul gestattete, auf dem Familienlandsitz Jas de Bouffan ein Atelier einzurichten und damit wenigstens neben dem Jurastudium auch der Malerei nachgehen zu können. Gegenüber seinem besten Freund Emile Zola beklagte sich der Jurastudent wider Willen dennoch: "Weh mir, ich schlug des Rechts gewundene Pfade ein, ›schlug ein‹ ist nicht das Wort, man zwang mich, sie zu wählen; des Rechts, des grausen Rechts verknöchertes Gebein soll jetzt drei Jahre lang mein junges Leben quälen!"

Eine Abmachung zwischen Vater und Sohn

Allmählich ließen, was nicht weiter verwundert, die Studienleistungen immer mehr nach. Paul bestand zwar noch eine Zwischenprüfung, doch wurden die Collegebesuche immer seltener und auch die häuslichen juristischen Arbeiten fertige er kaum noch an.

Stattdessen schmückten immer mehr von Pauls Wandbildern voller allegorischer Szenen den Familienlandsitz der Cézannes. Als der Sohn sich immer renitenter gegen das ungeliebte Jurastudium stellte, beging Louis Auguste Cézanne einen aus seiner Sicht verhängnisvollen Fehler: Er gewährte seinem Sohn eine Auszeit vom Jurastudium und die Möglichkeit, sich zwischen April bis September 1861 als Schüler der Académie Suisse auf die Aufnahmeprüfung in der bedeutenden Hochschule École des Beaux Arts in Paris vorzubereiten. Es sollte so etwas wie der Test dafür werden, ob Paul Cézanne als Künstler tatsächlich etwas taugte oder nicht.

Damit zahlte es sich scheinbar aus, dass Paul so sehr auf der Malerei beharrt hatte: "Cézanne etwas beweisen zu wollen", so Emile Zola über seinen Freund, "wäre gleichbedeutend mit dem Versuch, die Türme von Notre-Dame dazu zu bewegen, eine Quadrille zu tanzen. [...] Er ist ganz aus einem Stück, starr und schwer zu behandeln. Nichts kann ihn geschmeidig machen, nichts vermag ihn zu Zugeständnissen zu bewegen."

Zu Lebzeiten oft verkannt

Und so verließ Paul Cézanne im Frühjahr 1861 Aix und damit auch die juristische Fakultät, um den Beweis anzutreten, dass er ein großer Maler werden könne. Das Pariser Abenteuer endete jedoch für Vater und Sohn gleichermaßen überraschend und enttäuschend: Gescheitert bei der Aufnahmeprüfung an der École des Beaux Arts und geplagt von Selbstzweifeln kehrte Paul nach Aix zurück; die Fortsetzung des Jurastudiums verweigerte er jetzt endgültig. Für kurze Zeit arbeitete Paul in der Bank seines Vaters – ein kleines Entgegenkommen von kurzer Dauer.

Im November 1862 ging Paul Cézanne dann nach Paris, um sich fortan ganz der Malerei zu widmen. Der Vater hatte inzwischen eingesehen, dass der Sohn als Jurist oder Bankier nicht zur Verfügung stand.

Zu seinen Lebzeiten wurde Paul Cézanne oft verkannt und von den großen Salons abgelehnt; alleine unter Kollegen und bei einigen wenigen Sammlern galt er als Genie. Das Geld des Vaters ließ ihn ein wirtschaftlich sorgenfreies Künstlerleben führen, den eigentlichen Ruhm aber erntete er erst nach seinem Tod.

Seine Gemälde zählen zu den wertvollsten der Welt. Beispielsweise das Bild "Stillleben mit Vorhang, Krug und Obstschale" von 1893/94 wurde bei Sothebys in New York 1999 für 60,5 Mio. $ versteigert. Heute gilt Paul Cézanne in der Kunstwelt als einer der Väter der Moderne.

Der Autor Jürgen Seul lebt als freier Publizist und Redakteur in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er verfasste zahlreiche Publikationen u. a. zum Architektenrecht, Arbeitsrecht sowie zu rechtshistorischen Themen.

 

Zitiervorschlag

Jürgen Seul, Zum Todestag von Paul Cézanne: "Weh mir, ich schlug des Rechts gewundene Pfade ein." . In: Legal Tribune Online, 22.10.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1778/ (abgerufen am: 14.08.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag