Stoizismus vor Gericht: "Gezü­gelte Affekte"

von Martin Rath

22.08.2021

Die Stoa hat heute angeblich wieder das Zeug zur philosophischen Mode. Obwohl der moderne Staat ihnen einiges zu verdanken hat, sind jedoch vermeintliche Stoiker im Justizbetrieb überwiegend nicht wohlgelitten.

Gefühle vor Gericht zu zeigen, kann heikel sein. Ein Beispiel dafür, dass es die Sache aber auch nicht besser machen muss, sie zu verstecken, dokumentiert ein Urteil des Landgerichts (LG) Freiburg vom 16. März 2005.

Der Angeklagte war in einer früheren Sache unter anderem wegen Körperverletzung zum Schaden seiner Ehegattin belangt, ein Haftbefehl des Amtsgerichts Emmendingen gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt worden.

Auf Beschwerde der Staatsanwaltschaft wurde dieser Beschluss wieder aufgehoben, weil dem Gericht Bedenken wegen seines Verhaltens kamen, das er zeigte, während ihm die Auflagen erörtert wurden: "Mit stoischem Gesichtsausdruck, der keinerlei Regungen erkennen ließ, nahm er die Belehrung zur Kenntnis. Auch eine weitere Belehrung seines Verteidigers, dass eine Ohrfeige zum Nachteil der R. sechs Monate mindestens bedeuten würden, nahm er regungslos zur Kenntnis" (LG Freiburg, Urt. v. 16.03.2005, Az. 7 Ns 300 Js 130/04 AK 71/04).

Sogar im Verhalten eines Polizeibeamten, dem eine ganze Serie von Pflichtverstößen vorgeworfen wurde – von der ungenehmigten Nebentätigkeit als Hundetrainer über ein leichtfertiges privates Schuldenmachen bis zum Verteilen von Personalausweis-Fotografien nach Verkehrskontrollen – glaubte das Verwaltungsgericht (VG) Trier ausgerechnet eine "stoische Beharrlichkeit" erkennen zu können, sich den Dienstpflichten zu entziehen (VG Trier, Urt. v. 03.02.2016, Az. 3 K 2619/15.TR).

Steigerungsformen des Stoizismus-Vorwurfs

Während es nachvollziehbar erscheint, wenn eine Mutter in einer Kindeswohlsache keine besonders sorgfältige Wortwahl an den Tag legt und der Amtsrichterin vorwirft, "geradezu stoisch" an einem Gutachten festzuhalten (OLG Schleswig, Beschl. v. 07.05.2020, Az. 13 UF 4/20), fällt es schon schwerer zu ergründen, welche intellektuelle Reife das beklagte Land Nordrhein-Westfalen zu dem Vorwurf veranlasste, ein Gericht beharre in einem Sachverhalt "stoisch" auf seiner Auffassung (OVG NRW, Beschl. v. 05.09.2013, Az. 6 A 2781/12).

Dem Kern des Stoizismus-Problems nähert man sich jedoch besonders schmerzhaft, wenn sich die Bundesrepublik Deutschland, ausgerechnet vertreten durch den Bundesminister der Verteidigung, vom LG Flensburg ihr "Nachtatverhalten" nach einem Verkehrsunfall mit den Worten vorhalten lassen musste, ihre "– nicht verständliche – stoische Ablehnungshaltung und mangelnde Bereitschaft, Verantwortung für den Unfall und die Folgen zu übernehmen" seien "unerträglich" gewesen (LG Flensburg, Urt. 05.01.2018, Az. 2 O 228/13).

Denn mit dem Vorwurf, die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland – wenn auch nur nach dem Fehler eines Muldenkippen-Fahrers der militärökologischen Landschaftspflege – hätten sich eines fehlgeleiteten Stoizismus schuldig gemacht, stößt man ins Herz der stoischen Philosophie. 

Neustoische Lehre: eine Wurzel des modernen Staatsdenkens

Als Begründer des antiken Stoizismus gilt der vorchristliche griechische Philosoph Zenon von Kition (ca. 333–261).

Seine philosophische Schule mühte sich um alle Zugänge zur Welterkenntnis, von der Kosmologie bis zur Ethik. Besonders stark wirkten jedoch bis in die jüngere Vergangenheit die Vertreter des späten Stoizismus nach – neben dem römischen Kaiser Marcus Aurelius (121–180 n. Chr.) vor allem Lucius Annaeus Seneca (1–65 n. Chr.).

Senecas Philosophie schränkte, so der Historiker Gerhard Oestreich (1910–1978) in einer Skizze, "die Liebe zum Irdischen ein und wendet den Sinn des Menschen auf das Himmlische. Die Affekte müssen gezügelt werden. Der Weise bleibt immer ihr Herr. Es ist das große Lied der Mäßigung und der Selbstbeherrschung, der Selbstzucht. Der Weise hat auch keine Furcht vor dem Tode. Er weiß, daß er entweder ein Ende oder ein Übergang ist, auf jeden Fall eine Befreiung von allem Leiden."

Einem anderen vor Gericht vorzuwerfen, in stoischer Weise regungslos oder beharrlich zu sein, wirkt also bereits sehr seltsam, doch geht Stoizismus – wie Oestreich die Lehre nachzeichnet – noch deutlich weiter: 

"Seneca lehrt die Todesverachtung, die uns wirklich erst frei macht im Leben und im Sterben. Denn über uns steht ständig das Schicksal. Ihm sind wir unterworfen; und das Leben ist ein einziger Kriegsdienst. Vivere militare est. Herr über das Schicksal kann man nur sein, wenn man sich ihm willig hingibt und bereit ist, es auf sich zu nehmen und es gewissermaßen selbst zu gestalten. Entscheidend ist, wie man sein Schicksal trägt. Echte Seelengröße zeigt sich hier in dem Bestehen des Kriegsdienstes, zu dem uns gleichsam ein Fahneneid verbindet." 

Die anthropologischen und ethischen, die kosmologischen, weniger wohl die theologischen Erkenntnisse des antiken Stoizismus wurden von christlichen Theologen und Philosophen des Mittelalters mehr oder minder gründlich, teils bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet – bis dann im 16. Jahrhundert mit dem Neustoizismus eine erneuerte Lehre aufkam. 

"Um 1600 fungierte der politische Neustoizismus vor allem in Frankreich und in der Republik der Vereinigten Niederlande als die Ideologie – fast die Religion – der gebildeten Kreise", erklärt die niederländische Historikerin Nicolette Mout (1945–) in ihrer Einleitung zu Gerhard Oestreichs Werk "Antiker Geist und moderner Staat bei Justus Lipsius (1547–1606), der Neustoizismus als politische Bewegung" (1954/1989)

Dieser Neustoizismus mit seinem Hauptvertreter Justus Lipsius trug zur Entwicklung des modernen Staatsdenkens zwischen ungleich bekannteren Juristen und Philosophen wie Jean Bodin (1530–1596) und Thomas Hobbes (1588–1679) wesentlich bei. 

Nach Oestreich stand im Zentrum dieses Denkens "der machtvolle, autoritäre Staat, der sich auf ein sittlich gebundenes Beamtentum, auf ein innerlich und äußerlich diszipliniertes Heerwesen und auf den gehorsamen Untertan stützen kann. […] Philosophische Weite und ethische Kraft sind mit einem für die staatlichen und militärischen Notwendigkeiten geschulten Blick verbunden. Der Ausgleich, die Mäßigung, der Kompromiß sind kennzeichnend für das Denken des niederländischen Staatsphilosophen, das ohne Kenntnis der stoischen Morallehre unverständlich ist. Liebe und Furcht, Gerechtigkeit und Gnade, Tugend und Klugheit sind keine Antithesen für den Stoiker, sondern ergänzen sich, sind notwendiges Miteinander." 

Staatsphilosophie, Staatspraxis und Staatsästhetik

Das Ganze bliebe eine vielleicht etwas langweilige Fußnote, wäre diese Spielart des Stoizismus nicht in Staatspraxis übersetzt worden. Auf der Lehre des Justus Lipsius, die die Einführung stehender Heere gefordert hatte, beruhte jedoch zu guten Teilen die sogenannte Oranische Heeresreform (PDF), die ein modernes, hochgradig diszipliniertes Militär schuf. 

Zu den Meisterschülern dieser Heeresreform zählten die in Berlin und Potsdam ansässigen Fürsten. Friedrich II. von Preußen (1712–1786, im Amt seit 1740) wird mitunter in die Ahnenreihe neustoischer Staatsdenker gestellt. Rund 200 Jahre gehörte der Neustoizismus niederländischer Herkunft dann zum Quellcode des deutschen Verhaltensrepertoires. 

Über die heikle Seite des Stoizismus ist schon gut und produktiv gespottet worden. Vom großen Harry Rowohlt (1945–2015) stammt beispielsweise eine Lästerei über Seneca: Dessen pädagogische Kompetenz als Prinzenerzieher habe sich ja in seinem Meisterschüler bewiesen, dem römischen Kaiser Nero (37–68 n. Chr.). Der Schriftsteller und Übersetzer Gisbert Haefs (1950–) erfand für seine Science-Fiction-Geschichten sogar eine schräge Staatsphilosophie der "Noastoa", wegen ihrer bizarren Lehrsätze auch "Windbeutel-Stoa" genannt.  

Aus dem Werk des Historikers Günter Barudio (1942–), beispielsweise "Das Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung. 1648–1779" (1981), können ideengeschichtlich interessierte Jurist:innen erfahren, wie die Axt an eine überkommene, weithin geschätzte (Staats-) Rechtsordnung gelegt wurde – von stoisch inspirierten Modernisierern, bevor sie die konservativen Rechtsgelehrten der Gegenwart wurden. 

Bei aller gebotenen Distanz merkwürdig ist es aber, dass stoisches Auftreten im Staatsbetrieb heute eher selten positiv gewürdigt wird. Weniger überraschend ist es dann wiederum nur, wenn ein Offizier dem anderen – jedenfalls philosophiehistorisch zutreffend – attestiert, sich mit "teilweise 'stoischer' Ruhe … den ihm gestellten Aufgaben und Aufträgen gewidmet [zu haben], auch wenn Störgründe sein Tun von außen behinderten" (VG Minden, Beschl. v. 17.07.2015, Az. 10 L 426/15). 

Im Zivilleben findet sich jedoch nur ein einsamer bayerischer Steuerfahnder, über den das Landgericht München I erklärte, er habe seine Aussagen "konstant mit geradezu stoischer Ruhe" selbst dann erläutert, wenn die Strafverteidigung glaubte, Widersprüche entdeckt zu haben (LG München I, Urt. v. 13.11.2007, Az. 4 KLs 313 Js 3807/05). 

Strafverteidiger müssen allein wegen derartiger gerichtlicher Seitenhiebe vermutlich nicht selbst zu Stoikern werden. Im unternehmerfreundlichen Freistaat dürfte ausgesuchte Nervenstärke auch ohne philosophische Anleihen zum Berufsbild der Steuerfahnder zählen, kein Grund also zum Gemütsruhewettbewerb. 

Sollte sich die Stoa trotz oder wegen ihrer augenscheinlich beschränkten Verwertbarkeit im öffentlichen Dienst – dem erschreckend populären Berufsziel deutscher Schüler jeglichen Geschlechts – wieder als Modephilosophie etablieren, empfiehlt es sich aber, in Justizschreibstuben und Anwaltskanzleien darauf Acht zu geben, dass im Schriftverkehr niemand als "stoisch" beschimpft wird, wenn im Diktat vielleicht noch ein "störrisch" reichte. Denn moderne Stoikerinnen und Stoiker könnten in ihrer Ruhebereitschaft noch wählerischer sein als ihre Vorgänger.

Der Autor Martin Rath arbeitet als freier Lektor in Ohligs.

Zitiervorschlag

Stoizismus vor Gericht: "Gezügelte Affekte" . In: Legal Tribune Online, 22.08.2021 , https://www.lto.de/persistent/a_id/45786/ (abgerufen am: 17.10.2021 )

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