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Theodor Lessing: Ver­fol­gung und Ermor­dung eines deut­schen Pro­fes­sors

von Martin Rath

26.08.2018

Als Berichterstatter aus dem Verfahren gegen den Serienmörder Fritz Haarmann genießt der Philosoph Theodor Lessing einen oft bloß sekundären Nachruhm. Dabei befasste er sich mehr als einmal mit Licht und Schatten der Justiz.

Wenige Tage vor seinem Tod soll Theodor Lessing (1872–1933) noch erklärt haben, er wolle auch aus Deutschland ausgebürgert werden. Mit der ersten Ausbürgerungsliste, die am 25. August 1933 im Reichsanzeiger veröffentlicht wurde, verloren 33 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit. Doch der 1872 in Hannover als Kind von assimilierten – im heutigen Sprachgebrauch: über jedes Maß gut 'integrierten' – jüdischen Eltern geborene Theodor Lessing fehlte auf der Ausbürgerungsliste vom 25. August.

In der Nacht vom 30. auf den 31. August 1933 verübten indes sudetendeutsche Anhänger des deutschen NS-Regimes im Grenzort Marienbad einen sorgfältig vorbereiteten Mordanschlag auf Lessing. Die "Villa Edelweiß", in der die Eheleute Lessing noch 1933 ein Landschulheim für Kinder aus Deutschland geflohener Familien eröffnen wollten, war vom Netzwerk der Attentäter zuvor ausspioniert und aus dem Nachbarort eine Feuerwehrleiter gestohlen worden, um Lessings Arbeitszimmer im zweiten Stockwerk erreichen zu können. Nach 21 Uhr fand sich Lessing im Arbeitszimmer ein. Auf ihn wurden zwei Schüsse abgegeben, er starb gegen 1 Uhr an den Kopfverletzungen.

Obwohl die tschechoslowakische Polizei zahlreiche Tatverdächtige festnahm, entkamen die Täter nach Deutschland, erhielten Tarnidentitäten und wurden belobigt. Max Rudolf Eckert, einer der Täter, kehrte im Gefolge der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei nach 1938 zurück und wurde dort 1946 wegen Beihilfe zum Mord zu 18 Jahren Haft verurteilt, doch bereits 1959 in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Rudolf Zischka, einer der anderen bekannten Tatbeteiligten, starb 1978 in der DDR, ohne dass ihm je der Prozess gemacht wurde.

Wer war Theodor Lessing?

In Deutschland weithin bekannt geworden war Lessing im April 1925, nachdem die völkische und deutschnationale Propaganda einen Artikel des Philosophie-Dozenten an der Technischen Hochschule Hannover aufgriff.

Lessing hatte dem in Hannover lebenden Paul von Hindenburg (1847–1934), der im gleichen Monat als Kandidat der republikfeindlichen Kräfte gegen den aussichtsreichen christdemokratischen Politiker Wilhelm Marx (1863–1946) zum Reichspräsidenten gewählt wurde – übrigens mit Rückenwind aus dem christlichen Parteienspektrum Bayerns – ein Porträt gewidmet, das sich dem betagten Feldmarschall auf eigenartige Weise zugleich garstig und in einem Bemühen nährte, Hindenburg gerecht zu werden (in Zeiten von Böhmermann-"Gedichten" lohnt sich die Lektüre).

In Hannover betrieben ein selbst ernannter "Kampfausschuss gegen Lessing" sowie nicht wenige seiner Hochschulkollegen die Beseitigung des Unbequemen aus seiner Professur. Aus der ganz überwiegend deutschnational, wenn nicht völkisch orientierten Studentenschaft wurden Vorlesungsblockaden organisiert, Lessing und seine wenigen verbleibenden Hörer körperlich bedroht und durch die Nachbarschaft der Hochschule getrieben.

War einigen Studenten, die unmittelbar an diesen Übergriffen beteiligt gewesen waren, der Studentenausweis entzogen worden, solidarisierten sich ihre Kommilitonen in großer Zahl und drohten zu Hunderten, an die Braunschweiger Hochschule abzuwandern – was die lokalen Honoratioren als Prestige- und  Verlust einer Einnahmequelle sahen.

Von Seiten des Wissenschaftsministeriums in Berlin erhielt Lessing nur bedingt Unterstützung. Man legte ihm, letztlich mit Erfolg, eine Beurlaubung nahe, damit sich der völkische Protest gegen den – selbstverständlich auch massiv antisemitisch – angegriffenen Gelehrten beruhigen könne.
Vorgeschichte der Vorgeschichte: der Fall Haarmann

Mit Polizeischutz konnte Lessing derweil kaum rechnen, hatte er es sich 1924/25 als Berichterstatter zum Fall des Serienmörders Fritz Haarmann (1879–1925) mit den Sicherheitskräften in Hannover gründlich verdorben.

Der psychisch schwer gestörte Haarmann hatte nach einer Laufbahn als sogenannter Kleinkrimineller und Sittlichkeitsstraftäter vermutlich im Jahr 1918 einen ersten Mord begangen. Zwischen 1923 und 1924 tötete er über 20 meist junge Männer. Die Umstände luden zur Sensationspresse ein. So wiesen die Knochen der Getöteten Spuren auf, die darauf schließen ließen, dass Haarmann ihr Fleisch zum menschlichen Verzehr verarbeitet hatte. Von der Tötung wurde behauptet, Haarmann habe seinen Opfern – nachdem er die in Zeiten der Massenarmut oft vaganten jungen Schüler, Lehrlinge und Arbeiter im Bahnhofsmilieu aufgetan hatte – beim homosexuellen Geschlechtsverkehr die Kehle durchgebissen.

Dass Haarmann lange unentdeckt blieb, hatte wohl vor allem mit seinem Status als Polizeispitzel – insbesondere im Dienst der Bahnhofspolizei – zu tun. Seine Beute, Kleidungsstücke der Getöteten, soll er mit Beamten geteilt haben. In diesen schweren Notzeiten kein unwahrscheinlicher Vorgang. Zahllosen Vermisstenanzeigen, die ohnehin mit einem ruchlosen homosexuellen, halb geduldeten, halb verfolgten Milieu zusammengebracht wurden, ging die Polizei nicht nach. Inmitten der Mordserie glaubhaft angezeigt, wurde Haarmanns Wohnung nachlässig durchsucht – der Kopf eines Opfers lag unter Zeitungen –, der zuständige Gerichtsmediziner erklärte der Anzeigeerstatterin, einer Prostituierten, mutmaßliche Leichenteile seien offenkundig Schweineschwarten.

Für das deutschsprachige Prager Tageblatt berichtete Theodor Lessing aus dem Prozess gegen Haarmann, wobei er auf einen in dieser Form kaum mehr vorstellbaren Widerstand des Vorsitzenden Richters stieß. Lessing zweifelte, nach Stand der Zeit selbst durchaus fachkundig, die gerichtsmedizinische Begutachtung Haarmanns an – ohne Schuldfähigkeit war das offenbar gewünschte Todesurteil nicht zu haben. Er machte, soweit bekannt, auf die Verstrickung der Polizei aufmerksam – welches Wissen der Angeklagte Haarmann mit der Gerichtsöffentlichkeit teilen sollte, war ihm unter Misshandlungen durch seine früheren Ansprechpartner auf Seiten der Polizei beigebracht worden.

Lessings Studie "Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs" verband Fall- und soziale Zeitkritik. Indem er sich der verwaisten Eltern der Ermordeten annahm und eine Mitverantwortung der Stadtgesellschaft Hannovers benannte, machte sich Lessing derart gründlich Feinde, dass er – in der Hindenburg-Affäre mit antisemitischen Todesdrohungen angegriffen – kaum sicher auf den Schutz der Polizei setzen konnte.

Lessing zum Vergnügen lesen

Eine Stadt, die Kritik an ihren Institutionen nicht aushält. Eine Hochschule, deren Lehrer zwischen Naserümpfen und Feindschaft reagieren, weil ein ungeliebter Kollege als gesellschaftskritischer Kopf aus der Reihe tanzt. Eine zu wohl neun Zehnteln völkische Studentenschaft, die dem "Juden Lessing" eine Meinungsfreiheit nicht zubilligen mag, die sie für sich selbst – bis in Vernichtungsfantasien – nur zu gern reklamiert: Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930–) hat die Schutzlosigkeit, der sich die Staatsbürger jüdischen Glaubens nach 1933 ausgesetzt sahen, einmal als Resultat eines "Verrats" des deutschen Bürgertums an seinen Mitbürgern bezeichnet.

Im Fall Lessing zeichnet sich die Vorgeschichte zu diesem Verrat bereits 1925 im Detail ab. Nachzulesen, wie die bürgerliche Gesellschaft sich selbst vergaß und die Beamten ihres Staates das Dienstethos fadenscheinig bis verlogen werden ließen, ist zwar lehrreich, doch kein unbeschwertes Vergnügen. Das kann man mit Theodor Lessing aber durchaus haben, auch und gerade in Fragen des Rechts. So war Lessing Mitgründer eines Umweltschutzvereins, der sich der zunehmenden Lärmbelastung der modernen Welt annahm.

Unter dem Titel "Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens" beschwerte sich Lessing 1908 nicht nur in wunderbar hellsichtigen wie herrlich schrulligen Formulierungen etwa darüber, dass man dank des "Phonographen" demnächst hören dürfe, wie der New Yorker "Herr Caruso" die Stille inmitten der Schweizer Bergwelt besinge: "In manchen Gegenden Deutschlands, wo neuerdings starke Hotelindustrie erblüht, z.B. in Oberbayern, in Tirol, in der sächsischen Schweiz ist die Lärmverseuchung so furchtbar, dass ein ganzes Tal, hügelauf, hügelab vollgestopft ist mit Marterinstrumenten, wie Schlagzithern, Gitarren, Mandolinen und schlechten Klavieren." Den neueren industriellen wie zwischenmenschlichen Lärmquellen in den Städten nahm sich Lessing an, auch der Verantwortungslosigkeit, mit der die Automobilisten begannen, Stadt und Land zu erobern.

Während beispielsweise ein Oberlandesgerichtsrat Riehl aus Düsseldorf 1907 in der juristischen Fachpresse kaum verhüllt äußerte, dass die Kläger in "Immissionsprozessen" eine querulatorische Belästigung der Justiz seien, untersuchte Lessing, warum das Reichsstrafgesetzbuch und das soeben in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch die von Lärm gestörten Menschen so schlecht unter Schutz stellten. Ihm schien es ungeheuerlich, dass sich die Justiz – bis hinauf zum Reichsgericht – über Menschen erhob, die ihr Interesse verteidigten, nachts bei geöffnetem Fenster schlafen zu können.

Somit lässt sich der frühe Lessing als witziger Justizkritiker lesen – in Fragen, in denen es noch nicht um Leib und Leben oder das Schicksal der "res publica" ging.

Der Autor Martin Rath arbeitet als freier Lektor und Journalist in Ohligs.

Zitiervorschlag

Theodor Lessing: Verfolgung und Ermordung eines deutschen Professors . In: Legal Tribune Online, 26.08.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/30555/ (abgerufen am: 17.07.2019 )

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