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Freedom of Speech in den USA: Der letzte Fall des Come­dians Lenny Bruce

von Martin Rath

30.06.2019

Wenige Verfassungen schützen die Redefreiheit so radikal wie jene der USA, heißt es. Dass dies seinerzeit nur für sittlich saubere Kommunikation gelten sollte, musste einer der ersten modernen Stand-up-Comedians 1964 bitter erfahren.

Er ist eine wichtige Nebenfigur der amerikanischen Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" und war im echten Leben einer Strafverfolgung ausgesetzt, deren Ausmaß heute nicht mehr nachzuvollziehen ist.

Im Mittelpunkt der Serie steht Miriam "Mitch" Maisel, eine junge Mutter aus dem gehobenen jüdischen Bürgertum von New York. Doch von Beginn an erzählt sie auch die Geschichte des in den USA weltberühmten Comedians Lenny Bruce.

Der Auftakt der amüsanten Amazon-Produktion gibt etwas von dem Zeitkolorit wieder, in dem in den USA seit den 1950er Jahren um Meinungsfreiheit gekämpft wurde: Am Vorabend des jüdischen Versöhnungsfests Jom Kippur 1958 erklärt ihr Gatte, dass er sie wegen der Affäre mit seiner Sekretärin verlasse. Im Lauf des Abends findet sich Mitch Maisel angetrunken in einem Kellertheater wieder, wo sie eine spontane Performance auf die Bühne bringt. In einer wunderbar neurotischen Entgleisung spricht sie über ihr frisches Eheunglück, scherzt über die sexuelle Selbstoptimierung der Frau in diesem letzten Jahr der 1950er, lästert über ihre hässlichen Kinder – und wird am Ende schließlich von zwei Polizisten verhaftet, weil sie ihre Brüste entblößt.

Als Klebstoffschnüffler die Grenze des Humors waren

Im Polizeiwagen sitzt bereits der Comedian Lenny Bruce, der seit einem Fernseh-Auftritt im April 1959 ein Held der frechen jungen Szene ist, was die Behörden keinesfalls hindert, ihm wegen obszöner Sprache auf der Bühne das Leben schwer zu machen.

Ein Beispiel dafür, was von der US-Gesellschaft der späten 1950er Jahre als anstößiger, aber gerade noch fernsehtauglicher Humor wahrgenommen wird, gibt etwa die Bruce-Nummer von Kindern, die beim Bau von Modellflugzeugen die psychotropen Eigenschaften von Klebstoff entdeckten – und damit ein schlechtes Vorbild für echte Junkies seien. Auch wenn es unschön ist, einen Witz zu erklären:

Der Comedian spielte hier mit dem Gegensatz zwischen dem spießigen Hobby, Modellflugzeuge, seinerzeit gern nach militärischem Vorbild, zusammenzukleben, und dabei den Genuss von Suchtstoffen zu entdecken – eine Provokation, bedenkt man, dass Sucht damals noch nicht als Krankheit, sondern als moralische Verfehlung verstanden wurde.

Im weiteren Verlauf von "The Marvelous Mrs. Maisel" wird Lenny Bruce immer wieder als Unterstützer des komödiantischen Naturtalents Mitch Maisel in Erscheinung treten, als ein gewitzter, stets aber auch schwermütiger, von Polizei und Gerichten kujonierter Comedian.

USA der 1950er Jahre: Comedy war noch echte Gesellschaftskritik

Im Juni 1964 wurde Bruce in New York der letzte Prozess gemacht. Zur Vorgeschichte muss man wohl ein wenig ausholen.

Lenny Bruce, 1925 unter dem Namen Leonard Alfred Schneider als Sohn eines jüdischen Schuhverkäufers in einer Kleinstadt bei New York geboren, begann seine Karriere als Comedian nach der Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg, den er als Teilnehmer am Feldzug in Italien 1944/45 überlebt hatte.

Auf den Bühnen der amerikanischen Kellertheater, Nacht- und Stripclubs brachte es Bruce im Lauf der 1950er Jahre zu einiger Berühmtheit. Zu seinen Themen zählten die Tabus der Nachkriegsgesellschaft: Rassismus, Sexualität, Religion. Während konventionelle amerikanische Unterhalter sich vielfach auf das Erzählen von Witzen beschränkten, bot Bruce eine freiere, assoziative Erzählung mit wechselnden Stimmen und Perspektiven sowie einer oft radikalen Selbstentblößung von traurig-komischem Schmerz an den Verhältnissen.

Seit Bruce über die limitierte Öffentlichkeit der Nachtclub-Unterhaltung einem weiteren Publikum bekannt wurde, wurde er immer häufiger wegen der obszönen Sprache seiner Auftritte inhaftiert und angeklagt, unter anderem in Los Angeles, wo sich eine Jury nicht auf ein Urteil verständigen konnte. In Chicago wurde ihm zur Last gelegt, den Papst und die christliche Religion verspottet zu haben, indem er das Bild nackter weiblicher Brüste mit den Worten kommentiert hatte, sie seien Gottes Werk.

Jacqueline Kennedy muss eine Heilige bleiben

Selbst wenn es mitunter zum Freispruch kam, für die Betreiber der Lokale, in denen Bruce auftrat, brachten die Eingriffe der Polizei vielerorts Kosten mit sich, die sie nicht tragen konnten. Dies lief, selbst dort, wo es nicht von Rechts wegen explizit ausgesprochen worden war, auf ein nahezu landesweites Auftrittsverbot für den Comedian hinaus.

Auftritte im freisinnigen New York, in einem Club im Greenwich Village, mit rund 350 gut zahlenden Kunden pro Nacht sollten dem darbenden Künstler ab März 1964 nicht zuletzt die schlichte ökonomische Existenz sichern.

Zum Publikum zählte indes auch der städtische Beamte Herbert Ruhe, zuständig für die Lizenzvergabe an Bühnenbetriebe. Er dokumentierte die zahllosen Obszönitäten des Künstlers. Zum Programm zählte unter anderem eine Nummer, in der Bruce sich über den amerikanischen Mann einer Zeit lustig machte, der aus sexuellem Dauerappetit über alles herzufallen bereit ist, was nicht bei drei auf dem Baum ist: Mann vergehe sich sogar noch am Kühlschrank-Hühnchen. Moderne neue Kühltechnik und Männer, die sich noch im besten "Mad Men"-Machotum bewegten – der Witz muss getroffen haben.

Eine andere Nummer machte sich dergestalt über Eleanor Roosevelt, die erste Präsidentengattin, die sich systematisch und mit PR-Hilfe als solche in Szene setzte, lustig, dass die von Bruce inszenierte Bühnenfigur vor Bewunderung vor dem baren Busen Roosevelts erstarrte.

Jacqueline Kennedy, die frisch verwitwete und von den führenden Medien stark vergötterte Präsidentengattin, stutzte Bruce auf ein menschliches Maß zurück: Wurde ihr Verhalten im Fahrzeug, in dem John F. Kennedy am 22. November 1963 erschossen worden war, gemeinhin als tapfer interpretiert, sah Bruce darin die menschliche Regung, dass die Frau ihren eigenen "Arsch retten wollte". Unter anderem weil er das obszöne A-Wort fürs Hinterteil von Frau Kennedy wählte, wurde Lenny Bruce nunmehr auch in New York der Prozess gemacht.

Erregt ein Comedian sein Publikum durch zotige Begriffe?

Am 16. Juni 1964 begann vor einem New Yorker Strafgericht ein aufwendiger Prozess, der am 30. Juni für mehr als drei Monate ausgesetzt werden sollte.

Angeklagt war neben Lenny Bruce auch der Inhaber des Nachtclubs, Howard Solomon, wegen Verstoß gegen § 1140-A (a.F.) des New Yorker Strafgesetzbuchs, der "obszöne, unanständige oder unreine Schauspiele, Darbietungen, Ausstellungen oder Unterhaltungsformen, die zur Verderbnis der Moral Jugendlicher und anderer führen können" mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren pönalisierte.

Zu den strittigen Rechtsfragen zählte unter anderem, ob der Gebrauch von Wörtern wie "motherfucker", "cocksucker", "fuck", "shit" oder "ass" dazu angetan sei, das Publikum sexuell zu erregen beziehungsweise unzüchtige Gedanken zu wecken – was eine Beurteilung der Darbietungen im Sinne der noch eindeutig verbotenen Pornographie erlaubte.

Um dies zu bestreiten, bot die Verteidigung unter anderem die Expertise von Literaturkritikern auf, die Anklage ließ sich vom niederländisch-amerikanischen Soziologieprofessor Ernst van den Haag (1914–2002) bestätigen, Stand-up-Comedy könne nicht als Kunst und das von Bruce verwendete Vokabular keinesfalls als in weiten Kreisen der Bevölkerung gepflegter Wortschatz angesehen werden. Van Haag musste indes einräumen, seit 20 Jahren keinen Nachtclub mehr betreten zu haben.

Strittig war zudem das Zeugnis eines zufällig in die Show geratenen Geistlichen, der Bruce bei einer "masturbatorischen Geste" beobachtet haben wollte.

Das Verhalten des Angeklagten Bruce erschwerte die Verteidigung. Der Künstler wollte selbst in den Zeugenstand, was angesichts seines absehbaren Interesses, das Gericht und den Prozess als solche in Frage zu stellen, von den Anwälten mit dramatischen Mitteln verhindert wurde – sie drohten, auf der Stelle den Raum zu verlassen. Nachdem das Gericht sich vertagt hatte, entließ Bruce die Anwälte seinerseits.

Am 4. November 1964 wurden Lenny Bruce und Howard Sterne für schuldig befunden. Bruce habe an die "lüsternen Bedürfnisse" seines Publikums appelliert. Die Wortwahl sei für eine durchschnittliche Person der menschlichen Gesellschaft beleidigend und nicht gerechtfertigt durch künstlerische oder soziale Zwecke.

Lenny Bruce wurde zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten Arbeitshaus verurteilt, blieb aber bis zur Entscheidung über seine Berufung gegen Kaution auf freiem Fuß. Zu einer Entscheidung kam es, anders als für Sterne, der 1970 einen Freispruch erwirkte, für Bruce nicht. Er starb im Alter von 42 Jahren am 3. August 1966, mutmaßlich an einer Überdosis Heroin.

Rechtliches Nachspiel im Allgemeinen wie im Besonderen

Die Wahrscheinlichkeit, wegen eines derartigen Vorgangs strafrechtlich belangt zu werden, wurde durch die spätere Rechtsprechung des U.S. Supreme Courts im Fall Heller v. New York (1973) reduziert. Nach dem sogenannten Miller-Test müssen nunmehr drei Fragen bejaht werden können, um eine strafbare Obszönität anzunehmen. Zu fragen ist danach, ob 1) eine durchschnittliche Person nach gesellschaftlichen Maßstäben das Werk oder die Darbietung als Anreiz für lüsterne Bedürfnisse sehen darf, ob 2) vom Gesetz benannte Sexual- oder Ausscheidungsvorgänge beschrieben oder abgebildet werden und 3) ob dem Werk ein ernsthafter z.B. künstlerischer Wert fehlt.

Im Fall Bruce wäre die Staatsanwaltschaft wenige Jahre später wohl auf ein freundliches "Jein" gekommen.

Das Strafurteil gegen Bruce hob der Governor von New York zum Weihnachtsfest 2003 auf dem Gnadenweg auf. Im Überlebensfall hätten amerikanische Medien den Kommentar des Künstlers hierzu vielleicht mit reichen Piep-Tönen zensieren müssen.

Tipp: Eine ausführliche Darstellung bietet: The Trials of Lenny Bruce. The Fall and Rise of an American Icon von Ronald K.L. Collins und David M. Skover, Naperville 2002.

 

Zitiervorschlag

Freedom of Speech in den USA: Der letzte Fall des Comedians Lenny Bruce . In: Legal Tribune Online, 30.06.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/36167/ (abgerufen am: 19.07.2019 )

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