Digitale Trainingsassistenten: Schlechte Zeiten für Schweinehunde

Witold Pryjda

20.08.2010

Die beiden großen Sportartikelhersteller adidas und Nike setzen auf Gadgets als Motivationshelfer. Mit Hilfe von Schrittzähler, Pulsgurt und Software erfassen und überwachen Nike+ und adidas miCoach das Training. Manchmal wird die Schinderei sogar zum Abenteuer, etwa wenn man virtuell die Welt umrundet.

Der natürliche Feind des Hobbysportlers ist der innere Schweinehund. Die Besonderheiten dieser Spezies: Sie ist faul und träge, ihr Lebensraum heißt Sofa. Selbst wenn dieser Schweinehund mal überwunden ist, bedeutet das nicht automatisch, dass er Ruhe gibt. Stattdessen flüstert er einem beim Joggen ins Ohr: "Geh es heute mal ruhiger an, bis zum Marathon ist ja noch genug Zeit…"

Da wäre es praktisch, wenn ein unbestechlicher Trainer einen ständig begleitete und ermahnte, man möge sich doch bitte an die Vorgaben halten – oder auch nicht zu übermotiviert an die Sache herangehen. Allerdings sind menschliche Daueraufseher eine eher teure Angelegenheit. Die Lösung: digitale Trainingsassistenten wie adidas miCoach oder Nike+  für iPod oder iPhone.

Schritt für Schritt

Die Basis für beide Systeme bildet ein Sensor, der im oder am Schuh befestigt wird. Dieser besteht aus einem Schrittzähler, der jede (ausreichend große) Erschütterung mitzählt. Dies allein ist jedoch viel zu ungenau, selbst wenn man den Sensor zuvor geeicht hat. Grund: Die Schrittlänge variiert je nach Geschwindigkeit und Terrain.

Deshalb wurden die Messgeräte in den letzten Jahren verfeinert, ein Beschleunigungssensor erlaubt dank Piezoelektrik die Bestimmung der Trägheitskraft. Dadurch wird eine deutlich exaktere Messung (mit nur ein bis zwei Prozent Abweichung) der zurückgelegten Strecke möglich.

Herzstück von miCoach und Nike+ sind exakte Trainingspläne und -aufzeichnungen. Beide Hersteller liefern nämlich eine Internet-basierte Software mit. Diese protokolliert jede Aktivität und erlaubt die Erstellung und Kontrolle individueller Trainingspläne. Im Baukastensystem kann das sportliche Programm nicht nur selbst zusammengestellt, sondern auch nach einem bestimmten avisierten Trainingsziel (etwa "Zehn-Kilometer-Lauf" oder "Marathon", aber auch "Gewicht reduzieren" oder "Stress abbauen") ausgewählt werden.

Aufgezeichnet werden die Daten bei Nike über (kabellose) Verbindung zu iPod oder iPhone, adidas erlaubt die Benutzung jeglichen MP3-Players. Allerdings benötigt man beim Produkt aus Herzogenaurach stets den so genannten "Pacer". Damit wird nicht ein einzelnes Gerät bezeichnet, sondern das gesamte Paket, zu dem Pulsgurt und Schrittzähler gehören. Der Pacer wird per Kabel zwischen MP3-Player und Kopfhörer geschaltet.

Sprich schmutzig zu mir!

Skeptiker mögen nun einwerfen, dass herkömmliche Herzfrequenz- und Trainingssysteme – etwa von Herstellern wie Polar oder Suunto – auch nichts anderes machen als Körper- und Sport-relevante Daten zu erfassen. Dem kann man natürlich nicht widersprechen, allerdings bieten Nike+ und miCoach mehr, nämlich gesprochene Echtzeit-Information während des Trainings. Was einem die Computerstimme ins Ohr geflüstert, ist bei beiden Herstellern aber unterschiedlich.

Nike+ versorgt den Läufer vor allem mit (mehr oder weniger) "harten" Fakten wie zurückgelegte Distanz, Geschwindigkeit und Kalorienverbrauch. Das war bisher eine bedingt sinnvolle Spielerei, da solche Werte ohne die Herzfrequenz nicht besonders aussagekräftig sind. Seit kurzem bietet Nike aber in Zusammenarbeit mit Polar einen passenden Brustgurt an, der den Puls misst.

Zurück in die Zone

Das adidas-System geht weiter: Kernfunktion sind vier mit Farben kodierte Zonen. Blau, grün, gelb und rot stehen jeweils für einen Intensitätsbereich, von locker bis hart. Damit lassen sich spezifische Trainingspläne besser umsetzen: Bei einem Intervalltraining etwa erinnert miCoach einen, wann und wie lang man wie schnell unterwegs sein soll.

Klar, die konsequenten Sportler werden auch weiterhin "Schnickschnack" rufen. Motivationsbedürftigen aber helfen Nike+ oder adidas miCoach, den besagten Schweinehund zu überlisten. Immerhin machen sie die Anstrengung auch zu einem interessanten (wie gesunden) Computerspiel. Nicht umsonst baut etwa Nike auf seiner Homepage soziale Elemente ein, die "Wettbewerbe" genannt werden. So kann man etwa die eigenen Kilometer mit jenen von Freunden vergleichen, in Teams die Welt umrunden oder in läuferischen Geschlechterkampf treten – als Basis dienen die im echten Leben gesammelten Lauf-Daten.

Zitiervorschlag

Witold Pryjda, Digitale Trainingsassistenten: Schlechte Zeiten für Schweinehunde . In: Legal Tribune Online, 20.08.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1253/ (abgerufen am: 22.07.2024 )

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