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Christoph Seibt: "Unsere Kol­legen in Tokio zer­st­reuen die Besorgnis"

Gil Eilin Jung

17.03.2011

Im September kehrte der Freshfields-Partner Prof. Dr. Christoph Seibt von einem dreimonatigen Sabbatical aus Japan zurück. Heute blickt er betroffen, aber nicht hoffnungslos auf ein Land, das Erdbeben, Tsunamis und atomarer Bedrohung trotzen muss. Gil Eilin Jung sprach mit dem Rechtswissenschaftler über die Lage vor Ort, japanisches Rechtsverständnis und Hilfsmaßnahmen.

Die Verabredung zwischen Christoph Seibt und LTO stand schon seit Monaten. Genauer gesagt, das Versprechen, die Eindrücke seines japanischen Sabbaticals und seiner Gastprofessur an der Universität von Kyoto aus erster Hand zu liefern. Dass eine Anhäufung katastrophaler Großereignisse in Japan das Gespräch dominieren würde, hätte niemand vorausahnen können.

In der Tokioter Niederlassung von Freshfields Bruckhaus Deringer, einer von 28 weltweiten Dependancen der renommierten Großkanzlei, sitzen rund 30 Juristen. Einer von ihnen, der japanische M+A-Partner Takeshi Nakao, ist Christoph Seibts Counterpart. "Wir haben vor wenigen Tagen telefoniert“, erzählt Seibt, "er sagte: Das tägliche Leben in Tokio ist natürlich beeinträchtigt, aber wir kriegen das hin." Einige Kollegen hätten an manchen Tagen nicht nach Hause fahren können, einige schliefen bei Kollegen oder sogar in der Kanzlei. Die Kanzlei selber, so ließ man Seibt wissen, sei "voll funktionsfähig".

Freshfields in Tokio sitzt im 36. Stock des Akasaka Biz Towers im Zentrum der Stadt. Während in der deutschen Presse von aufkeimender Panik die Rede ist, wegen der Bedrohung durch eine atomargeladene Wolke, die womöglich auf den 35-Millionen-Ballungsraum Kurs nehmen könnte, und von einsetzenden  Hamsterkäufen, erreichen Seibt keine Rückmeldungen dieser Art. "Die Lage ist dramatisch, aber man arbeitet und will Teil von Freshfields sein. Wir haben gefragt: Wie können wir helfen? Die Antwort: Das wollen wir erst mal untereinander besprechen." Es gebe das deutliche Bemühen, jegliche Besorgnis zu zerstreuen und "business as usual" zu machen, sagt Seibt. Damit soll - so vermutet der Jurist - dem Eindruck vorgebeugt werden, dass die Japaner die Situation nicht alleine bewältigen können.

Hilfe soll jetzt allerdings fließen auf Initiative der Deutsch-Japanischen Gesellschaft zu Hamburg, deren Anliegen Christoph Seibt unterstützen will und die gezielt die krisengebeutelte Region Sendai im Visier hat.

"Meine Beobachtung: Ein extrem hohes Maß an Selbstkritik"

Seibts Sabbatical-Wirkungskreis im Sommer letzten Jahres war Kyoto, 400  Kilometer südwestlich von Tokio. Dort bimste der Volljurist Japanisch – "zehn Stunden täglich, zwei davon mit Privatlehrer, sieben Tage die Woche, sieben  Wochen lang". Das hätte den Smalltalk mit Taxifahrern erleichtert, beim Lesen von Speisekarten jedoch bereits das Limit erricht. "Zu viele Kanji-Schriftzeichen", sagt Seibt, "das ist schrecklich kompliziert".  Seibts juristische Vorlesungen an der Kyoto Universität hielt er auf Englisch. Seine Beobachtung: Obwohl ein Großteil der Anwesenden hervorragend Englisch sprach, wurden die Fragen auf Japanisch an eine Dolmetscherin  übermittelt, "wohl wegen eines extrem hohen Maßes an Selbstkritik, aus Furcht vor Gesichtsverlust und Furcht, die Fremdsprache nicht perfekt zu beherrschen."

Rund 30 Juristen nahmen an den Exkursen des Hamburger Anwalts über "Corporate Governance und Kapitalmarktrecht" teil.  Die Hälfte waren Studenten, die Hälfte Professoren und Doktoranden. Worin unterscheiden sich japanische von europäischen Juristen? "In der Spitzenklasse sowohl an den Unis, als auch in den Kanzleien sind Japaner wesentlich akademischer, als wir", sagt Seibt. Die Partner des Tokioter Freshfield-Büros seien zwar "die Vorfront dessen, was japanische Praxis ist", so der Jurist, sie orientierten sich dennoch sehr stark am  Gesetzeswortlaut und der Behördenpraxis, weniger "an interessengeleiteten,  praxisverändernden Überlegungen."

Die Trennung zwischen Praxis "und Akademia, die wir in Deutschland vor über zwanzig Jahren überwunden haben", sei in Japan noch stärker gegeben, sagt Seibt. Unter den drei japanischen Top-Universitäten, der privaten Wesada-Universität und den staatlichen Universitäten von Tokio und Kyoto, habe Kyoto den Ruf, besonders intellektuell zu sein. Die Tokioter Universitäten setzten dagegen stärker auf den Dialog mit Unternehmen, Anwälten und Investmentbankern.

Was Seibts Vortragsthemen anbelangt, konnte er eine höflich verpackte Skepsis zum amerikanischen und europäischen Verständnis von Boardmitgliedern beobachten, wie er sagt. Viele japanische Börsenunternehmen halten es zum Beispiel für einen Irrweg, outside directors mit in die Unternehmensverwaltung zu holen. Aus deren Sicht produzieren sie zwar ab und zu gute Ideen, aber deutlich mehr Fehlentwicklungen. Sie halten im Ergebnis mehr auf, als dass sie weiterbringen. "Traditionell sind Japaner häufig der Auffassung, dass man seit 20 Jahren im Unternehmen sein muss, um zu wissen, wie genau diese Firma funktioniert und geleitet werden kann."

"Ich durfte Wasser holen, aber nicht eingießen"

Japanern attestiert Seibt eine "gewisse Wesensverwandtschaft zu uns, was die Akkuratesse betrifft, mit der man Dinge erledigt". Die sogenannten Sekundärtugenden seien im Land der Mitte in einem deutlich höheren Maß vorhanden, als in Deutschland. "Das beginnt mit einer positiv gehobenen Wertschätzung des Handwerks, wo Tischler nach sieben Jahren erst fertig sind, spezialisiert auf bestimmte Holzarten. Es gibt Schmiede, die nur bestimme Klingen fertigen oder Köche, die nur für das Filetieren eines bestimmten Fisches zuständig sind."

In dem Tokioter Restaurant "Shimada Sushi" in Shimbashi konnte der deutsche Jurist die hohe Kunst des Handwerks aus nächster Nähe beobachten, als eine Art Allround-Hilfe für zwei Tage. "Es gibt Meister, es gibt Anwärter, es gibt Lehrlinge", erzählt Seibt amüsiert, "und es gab mich. Ich durfte Wasser für den Misotopf holen, aber nicht eingießen – das war der Job von jemand kompetenterem."

Japaner gelten als sehr gastfreundlich. Einladungen ins private Umfeld sind allerdings unüblich. Das Private wird verlagert, erzählt Christoph Seibt. "Es gibt eine starke Trennung zwischen öffentlichem und privatem Leben. Meine Mentorin, die zwei Jahre am Max-Planck-Institut in Hamburg war, sehr gut deutsch und englisch spricht, mit einem Professor liiert ist, in Harvard studiert hat und sehr westlich tickt, die sich sehr um mich bemüht und mich herumgereicht hat, nach Osaka, nach Kobe und Tokio – sie lud immer ins Restaurant ein. Das ist der private Raum."

Persönliche Themen blieben in Japan grundsätzlich außen vor. Man spricht aber über Politik und soziale Entwicklungen“, sagt Seibt. "Wenn man wirklich Interesse am Gegenüber hat und nicht die Klischees wiederholen will, kann man erstaunliche Tiefen erfahren".

"Wir unterschätzen Japans kulturelle Bedeutung für die westliche Welt"

Es haben sich ein, zwei Kontakte zu Juristen ergeben, die länger halten werden. Mit welchen Gefühlen denkt man an diese Menschen in Zeiten der Katastrophe? Seibt überlegt kurz, sagt: "Es ist sehr bedrückend. Diese Monate in Japan haben dazu geführt, dass mir Land und Menschen näher gekommen sind. Ich habe eine große Hochachtung für die japanische Kultur in einem weiten Sinne und die vielen Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft. Kinder wachsen heute nicht mehr wie wir mit Disney und Hollywood auf, sondern mit Pokemons, Nintendos, Mangas und Anime-Filmen."

Japanische Charakteristika, die sich jetzt in der Krise widerspiegelten, seien Seniorität und Autorität, sagt der Jurist. "Wenn man in Fakultätssitzungen ist, bemerkt man oft: Alter sticht Kompetenz. Wenn der 70-jährige, emeritierte Professor sagt, ´So ist es!’, würde man das nie offen in Frage stellen", so Seibt. Die dadurch an sich klaren Entscheidungsprozesse müssten - wenn  überhaupt - erst in komplexen und gesichtswahrenden, nicht-öffentlichen Gesprächen geändert werden.

Das zweite Auffällige sei der Gemeinsinn in allen Bereichen. "Die japanische Kultur ist die einzige Kultur, die anders funktioniert", sagt der Jurist. Japan sei die einzige Top-Wirtschaftsnation, die auf Unternehmensebene signifikant an diesem Kollektivwert ausgerichtet ist.  Das  amerikanische, englische, deutsche oder neu-chinesische Unternehmensleben sei "im Kern individualistisch ausgerichtet". Bei  den Japanern sei die Wirtschaft dagegen komplexer strukturiert. So gebe es oft noch das "faktische Recht auf und den Wunsch nach lebenslanger Beschäftigung in einem Unternehmen und kontinuierlicher,  firmeninternen Aus- und  Weiterbildung". Aber auch in anderen Bereichen wie in Sozial- und Religionsgemeinschaften fänden Japaner feste Strukturen und Gemeinschaften vor. "Wenn man sieht, wie die Bevölkerung auf diese aktuelle Tragödie reagiert, steht nicht der Individualismus im Vordergrund, kein "Rette sich, wer kann!", sondern Gemeinsinn, sagt Seibt, "die Ruhe bewahren, Haltung zeigen - eine bemerkenswerte Geisteshaltung."

 

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Zitiervorschlag

Gil Eilin Jung, Christoph Seibt: "Unsere Kollegen in Tokio zerstreuen die Besorgnis" . In: Legal Tribune Online, 17.03.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/2795/ (abgerufen am: 12.08.2020 )

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Kommentare
  • 19.03.2011 13:43, Goffried Keller

    Das "Land der Mitte" ist aber immer noch China und NICHT Japan.