Business-Schuhe: Handarbeit für den richtigen Auftritt

Gil Eilin Jung

28.05.2010

Bei Herrenschuhen kann man(n) eigentlich kaum etwas falsch machen. Die Auswahl an Business-Klassikern ist überschaubar, die Regeln sind einfach. Worauf es ankommt, warum es nicht immer Schwarz sein muss und Wildleder durchaus bürotauglich sein kann, erfuhr LTO von Till Reiter, dem CEO der Wiener Schuhmanufaktur Ludwig Reiter.

Vielflieger-Lounges internationaler Flughäfen sind perfekte Orte für Charakterstudien. Besonders interessant wird es, wenn man den Blick von Anzug, Uhr und Laptop seines Studienobjektes in Richtung Boden bewegt. Denn die Fußbekleidung eines Menschen verrät weit mehr, als dessen Xing-Profil. "Schuhe verraten ob ihr Träger Stil hat, Sinn für Ironie und Kultur. Sie sagen aus, was ihn prägte oder ob er heimlich geizt, weil er denkt, es merkt ohnehin keiner." Das sagt einer der Großen der Branche - einer, der "es" immer merkt. Auf den allerersten Blick.

Till Reiter ist Nachfahre der Ludwig Reiter Schuhmanufaktur. Ein Haus, das sich seit 1885 mit Top-Brands wie Alden, Church, Crockett & Jones oder Allen Edmonds am Markt behauptet. Der 1,98-Meter-Mann, Jahrgang 1961, leitet die Geschicke des in Wien ansässigen, weltweit operierenden Traditionsunternehmens in vierter Generation. Schuhe sind das erste, was ihm bei einem Menschen auffällt. Reiter ist der "gute Beobachter, der schon am Zustand der Schuhe sieht, mit wem er es zu tun hat" - genau wie ihn der französische Schriftsteller Honoré de Balzac beschrieb.

Schlechtes und ungeputztes Schuhwerk ist für Reiter "inakzeptabel." Ein Schuh sei die "Basis jeder Selbstpräsentation". Wenn Schuhe eine geklebte Sohlen haben, allzu sehr modischen Trends folgen oder ausgelatscht seien wie alte Pantinen, "kann selbst der edelste Kaschmir-Anzug, die schönste Seidenkrawatte und der Porsche vor der Tür diesen Eindruck nicht mehr herausreißen", resümiert der Manufakturist.

Kein preiswertes Vergnügen, aber eine gute Investition

Also besser ins Schuhwerk investieren, als sich die Blöße des falschen Auftritts zu geben. Denn eins steht fest: verkehrt machen kann man mit guten Schuhen rein gar nichts, auch wenn das Vergnügen kein preiswertes ist. Zwischen 400 und 650 Euro kostet ein hochwertiger, businesstauglicher Herrenschuh. Das ist bei einem Grundstock von mindestens drei bis fünf Modellen eine reelle Ausgabe. "Ein Muss", findet Reiter, "und das nicht nur, weil es mein Metier ist!" Spätestens wenn ein Jurist Partner wird, sagt der Experte, oder ein hohes Amt in Wirtschaft oder Politik bekleidet, landet er beim rahmengenähten Schuh.

Rahmengenäht – das bedeutet eine in Handarbeit hergestellte Machart, die Garant für perfekte Passform, Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit und unvergleichbare Trageeigenschaften ist. Welcher Schuh es dann letztlich sein soll, beantwortet die alte britische Grundregel "Keep to the classics". Wer sich also an die Klassiker halten will, kommt kaum um den eleganten "Oxford" herum. Ein sehr edler und schlichter Schnürschuh, der ohne jegliche Verzierung auskommt und sogar smokingtauglich ist.

Den "Derby" – ein weiterer Dauerbrenner - gibt es undekoriert oder Varianten davon mit jener populären Lochmusterung, dem sogenannten Broguing. Darunter Brogues mit wenig Zierrat bis hin zum Full-Brogue-Longwing, der eine gewisse Extrovertiertheit voraussetzt. Nicht zu vergessen der reichverzierte "Budapester" – "unser absoluter Favorit" laut Reiter -, der sich vor allem für kräftigere Männer anbietet. Schön auch der "Monkstrap", glattledern mit eleganter Schnalle statt Schnürung, sowie diverse knöchelhohe Stiefelvarianten.

Um die Qualität der guten Stücke zu erhalten, rät Till Reiter dem Schuh Ruhe zu gönnen. Das bedeutet, man sollte den Schuh doppelt so lange stehen lassen, wie man ihn getragen hat. Auf einen Tag tragen sollten demnach zwei Tage Pause folgen. Ganz wichtig ist der Gebrauch des hölzernen Schuhspanners. Er verhindert, dass sich die Passform verliert.

Nach 3.000 Betriebsstunden ist auch der beste Schuh ausgetreten

Auch was die Lebensdauer betrifft, gibt es eine Faustregel. Schuhe sind nicht unbegrenzt tragbar, auch nicht die guten! "Schuhe halten maximal 3.000 Betriebsstunden", erklärt Reiter, "weil das Futter irgendwann durchgeschwitzt ist, was weder Fuß noch Schuh zuträglich ist." Liefe man die volle 3.000-Stunden-Marke am Stück ab, ohne auf ein anderes Paar auszuweichen, läge das Haltbarkeitsdatum eines Schuhs mit einer 60-Stunden-Arbeitswoche bei einem Jahr. Reiters Rat: "Legen Sie sich am besten gleich eine Kollektion zu und pflegen Sie diese gründlich."

Schwarz muss es dabei nicht immer sein. Auch das über Jahre manifestierte "No brown in town!"-Dogma ist längst über den Haufen geworfen. "In vielen Kanzleien herrschen heute keine zwingenden Etikette mehr", sagt Till Reiter. Der braune Schuh, noch vor Kurzem im Job undenkbar, ist inzwischen fast gleichauf mit Schwarz office-tauglich geworden. "Nur passen muss es", warnt Reiter, "etwa als cognacfarbener Derby zum hellgrauen Anzug mit farblich abgestimmtem Hemd und Krawatte. Das kann sehr gut aussehen."

Erlaubt ist auch Wildleder in Kanzlei und Büro. "Sehr elegant", urteilt der Reiter-Chef, "nur sollte es keinesfalls schwarz sein, weil schwarzes Wildleder immer einen Touch von Hauspusche hat." Das könne dandyhaft aussehen, "da würde ich aufpassen!". Grenzwertig wird es für Reiter bei der teutonischen Socken-Sandalen-Kombination. "Ein Paradoxon!", ereifert sich der Ästhet, "Entweder ich will es luftig, wozu dann Socken? Oder ich habe kalte Füße, wozu dann Sandalen?"

Ein offener Herrenschuh setze penibelste Fußhygiene voraus und gepflegte Nägel. Will Mann aber ganz sicher sein, sollte er auch bei wärmeren Temperaturen auf rahmengenäht setzen. "Solches Schuhwerk atmet und zeugt immer von Stil und Eleganz – etwas, was vor allem Frauen positiv bewerten", so der CEO. Denn der Blick einer Dame richtete sich immer auch kritisch auf die Schuhe eines Mannes, wie Till Reiter anmerkt, "und nicht nur auf dessen Augen und Hände".

Zitiervorschlag

Gil Eilin Jung, Business-Schuhe: Handarbeit für den richtigen Auftritt . In: Legal Tribune Online, 28.05.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/602/ (abgerufen am: 29.06.2022 )

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