Druckversion
Montag, 19.01.2026, 21:56 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/kanzleien-unternehmen/k/eu-chips-act-gesetzesinitiative-kommission-halbleiter-krise-technologie
Fenster schließen
Artikel drucken
47630

EU-Kommission legt eine Gesetzesinitiative vor: Führt der "EU Chips Act" aus der Hal­b­lei­ter­krise?

Gastbeitrag von Dr. Michael Biendl

28.02.2022

Das Bild zeigt einen Mikrochip auf einer Leiterplatte, symbolisch für den "EU Chips Act" und dessen Bedeutung für die Halbleiterkrise.

Ist der "Chips Act" als EU-Initiative das passende Werkzeug um die Halbleiterkrise zu überwinden? Foto: Connect World | stock.adobe.com

Die EU-Kommission will mit einer Gesetzesinitiative Versorgungsengpässen bei Chips entgegenwirken und ein florierendes und resilientes Halbleiter-Ökosystem schaffen. Doch damit ist Europa laut Michael Biendl nicht allein.  

Anzeige

eMobility, Smartphones, Rechenzentren, kritische Infrastrukturen, das Internet der Dinge –Halbleiterchips stellen die Schlüsseltechnologie für den digitalen Wandel dar. Die starke Abhängigkeit verschiedenster Industrien von der Halbleiterbranche blitzte jüngst durch weltweite Lieferengpässe auf, die beispielsweise die Automobilbranche in einigen EU-Staaten dazu zwang, die Produktion zumindest temporär auf das Niveau von 1975 zurückzufahren.  

Der "EU Chips Act" soll kurzfristig zur Überwindung dieser Engpässe beitragen. Mittel- bis langfristig sollen das Europäische Halbleiter-Ökosystem gestärkt, seine Widerstandsfähigkeit erhöht und externe Abhängigkeiten verringert werden. Hierzu hat die Europäische Kommission das Ziel ausgerufen, den europäischen Marktanteil von derzeit circa 10 Prozent bis zum Jahr 2030 auf 20 Prozent zu erhöhen. Angesichts der bis 2030 prognostizierten Verdoppelung des globalen Halbleitermarktes entspricht dies einer Vervierfachung der derzeitigen Produktionskapazitäten, innerhalb von acht Jahren – ein ambitioniertes Unterfangen.  

Erreicht werden soll dies durch eine ausdifferenzierte Förderung von Innovationen in der EU und die Mobilisierung von Investitionen in neuartige Produktionskapazitäten. Insgesamt schätzt die Kommission das Gesamtvolumen an öffentlichen Investitionen und angeschobener Eigenkapitalunterstützung durch den "EU Chips Act" auf über 43 Milliarden Euro.

Dies entspricht in etwa der Summe, die der Vorschlag für ein US-amerikanisches Chip-Gesetz an Unterstützungsmaßnahmen bis zum Jahr 2026 vorsieht. China soll in den letzten zehn Jahren rund 150 Milliarden US-Dollar in ihre Halbleiterindustrie investiert haben. Die von Südkorea bereitgestellten steuerlichen Anreize sollen bis 2030 sogar rund 450 Milliarden US-Dollar betragen. Rein zahlenmäßig betrachtet scheint die Europäische Union im globalen Wettlauf um den Halbleitersektor damit keine Führungsrolle einzunehmen.

Umso stärker ins Gewicht fällt die konkrete Ausgestaltung der regulatorischen Rahmenbedingungen in dem vorgeschlagenen "EU Chips Act". Das gesamte Maßnahmenpaket besteht aus einer Empfehlung der Europäischen Kommission, dem eigentlichen Vorschlag für eine Verordnung zur Schaffung eines Rahmens von Maßnahmen zur Stärkung des europäischen Halbleiter-Ökosystems (zugehörige Anlagen) sowie einem Verordnungsvorschlag zur Änderung der Verordnung (EU) 2021/2085.

Die Empfehlung der Kommission zur kurzfristigen Behebung von Lieferengpässen

Die rechtlich unverbindliche Empfehlung soll bis zum Wirksamwerden der Verordnungen als Sofortinstrument dienen, um einen Informationsaustausch über versorgungskritische Marktentwicklungen und eine rasche, koordinierte Reaktion auf die aktuellen Lieferengpässe zu ermöglichen.  

Ob dies gelingt, dürfte maßgeblich von der Kooperationsbereitschaft auf Unternehmerseite abhängen: Aktuell ist die Kommission darum bemüht, hinreichend Transparenz über die gegenwärtigen Herausforderungen zu schaffen und fordert die Mitgliedstaaten auf, Informationen von Unternehmensverbänden, Halbleiter- und Geräteherstellern zu ihren Produktionsvermögen, Produktionskapazitäten und den derzeitigen Hauptstörungen und Engpässen einzuholen. Da es sich hierbei überwiegend um Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse handeln dürfte und die Empfehlung qua natura keinen Auskunftsanspruch vorsehen kann, bleibt abzuwarten, ob die gewünschten Informationen tatsächlich zeitnah zur Verfügung stehen werden.

Des Weiteren empfiehlt die Kommission den Mitgliedstaaten, mögliche Krisenreaktionsmaßnahmen zu prüfen und schlägt konkrete Maßnahmen vor. Diese reichen von der Aufnahme eines Dialoges mit den Herstellern und einer (ebenfalls unverbindlichen) Aufforderung an die Hersteller, der Produktion krisenrelevanter Produkte für kritische Sektoren Vorrang einzuräumen, über eine Mandatierung der Kommission als zentrale Beschaffungsstelle, bis hin zur Initiierung von Ausfuhrbeschränkungen.

Langfristiger Überwachungs- und Kriseninterventionsmechanismus

Verbindlicher soll es mit Inkrafttreten des "EU Chips Act" werden: Dessen Verordnungsentwurf sieht in seiner dritten Säule einen koordinierten Mechanismus zur Überwachung der Versorgungslage und Krisenintervention im Falle von Störungen der Halbleiterwertschöpfungskette vor.  

Der Überwachungsmechanismus fußt primär auf Auskunftsansprüchen der Mitgliedstaaten gegenüber Unternehmen und Auskunftspflichten der Mitgliedstaaten gegenüber der Europäischen Kommission. Für die Kommission sieht der Verordnungsentwurf im Falle des Vorliegens schwerwiegender Störungen der Halbleiterversorgung ebenfalls Auskunftsbefugnisse sowie die Möglichkeit vor, geförderte Produktionsstätten zu verpflichten, Aufträge zur Produktion krisenrelevanter Produkte anzunehmen und vorrangig zu behandeln.  

Förderung der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit über die Initiative "Chips für Europa"

Zurück zur eigentlichen Förderung des europäischen Halbleitersektors: Unter der Initiative "Chips für Europa" (erste Säule) beabsichtigt die Kommission, die Forschung und Entwicklung moderner Halbleiterchips zu stärken.

Hierzu soll eine virtuelle Entwurfsplattform aufgebaut werden, die unter offenen, diskriminierungsfreien und transparenten Bedingungen zugänglich sein soll. Ziel ist es, eine umfassende Zusammenarbeit von Nutzergemeinschaften und Entwicklungsstandorten, Urhebern und Werkzeuganbietern, Entwicklern und Technologieorganisationen anzuregen. Zudem sollen Pilotanlagen auf- und ausgebaut werden, innerhalb derer Produktgestaltungen getestet und weiterentwickelt werden können. Durch ein Netz von Kompetenzzentren in ganz Europa soll der Zugang zu der Entwurfsinfrastruktur und den Pilotanlagen erleichtert und Fachwissen zur Verfügung gestellt werden.

Flankiert werden diese Maßnahmen durch die Einrichtung eines "Chips-Fonds", um den Zugang zu Fremd- und Beteiligungsfinanzierungen zu erleichtern.

Zum Zwecke der Kombination von Finanzmitteln aus den Mitgliedstaaten, EU-Haushaltsmitteln und privaten Investitionen soll zusätzlich die Möglichkeit der Gründung eines Konsortiums ("European Chips Infrastructure Consortium") mit eigener Rechtspersönlichkeit eröffnet werden. Ein solches Konsortium muss aus mindestens drei Rechtsträgern aus wiederum mindestens drei Mitgliedstaaten bestehen und unter Beteiligung der Mitgliedstaaten und privater Rechtsträger arbeiten.  

Nationale Förderung von Anlagen außerhalb der beihilfenrechtlichen Vorgaben

Innerhalb der zweiten Säule des "EU Chips Act", die primär auf den Ausbau von Produktionskapazitäten abzielt, soll daneben den Mitgliedstaaten die Möglichkeit eröffnet werden, bestimmte Fertigungsanlagen außerhalb der unionsrechtlichen Beihilfenkontrolle zu fördern. Dies gilt konkret für zwei Arten von Produktionsstätten, sogenannte integrierte Produktionsstätten und offene EU-Fertigungsbetriebe.

Voraussetzung für die Anerkennung als privilegierte Produktionsstätte ist, dass es sich um eine neuartige Anlage handelt, die in der Union noch nicht vorhanden ist oder deren Bau noch nicht geplant ist. Zudem muss mittels der Produktionsstätte in die nächste Chip-Generation, die in Sachen Rechenleistung, Energieeffizienz oder sonstiger Energie- und Umweltvorteile über den aktuellen Stand der Technik hinausgeht, investiert werden.

Ergänzend sieht der Verordnungsentwurf Regelungen zur Beschleunigung der nationalen Genehmigungsverfahren vor. Auch hier liegt ein besonderes Augenmerk auf den zwei genannten, privilegierten Anlagekategorien. Für jede dieser Fertigungsstätten muss eine Spezialzuständigkeiten einer Behörde geschaffen werden, um Verwaltungsanträge in Bezug auf Planung, Bau und Betrieb zu erleichtern und zu koordinieren.

Fördern und Fordern – die zwei Kehrseiten des "EU Chips Act"

Ein erster Blick in das Maßnahmenpaket zeigt, dass der "EU Chips Act" nicht nur Geschenke an die Chip-Branche beinhalten soll: Die Förderung des Ausbaus moderner Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionskapazitäten geht Hand in Hand mit der Implementierung eines unionsweiten Überwachungs- und Kriseninterventionsmechanismus, innerhalb dessen geförderte Anlagen besonders in die Pflicht genommen werden können.  

Als Kehrseite der "Fördermedaille" sollen geförderte Anlagen einen Beitrag zum gesamtwirtschaftlichen Interesse der Sicherstellung der Versorgungssicherheit leisten. Beide Aspekte werden Gegenstand künftiger Investitionsentscheidungen sein.

Dr. Michael Biendl ist Rechtsanwalt und Wirtschaftsinformatiker und berät als Senior Associate bei CMS Hasche Sigle nationale und internationale Mandanten in europäischen Regulierungsthemen, mit einem starken Fokus auf Netzinfrastrukturen und produktbezogene Vorgaben.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

EU-Kommission legt eine Gesetzesinitiative vor: . In: Legal Tribune Online, 28.02.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/47630 (abgerufen am: 19.01.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Auto
    • EU-Kommission
    • Europa
    • Welthandel
Raser auf einer Stadtautobahn in der Nacht 12.01.2026
Auto

Bei Nutzung für Drogenkurierfahrten und illegale Autorennen:

Justiz soll Miet­wagen künftig leichter ein­ziehen können

Mietautos, die für Drogendeals und illegale Rennen genutzt werden, sollen künftig leichter von der Justiz konfisziert werden können. Das sieht eine Bundesratsinitiative Berlins vor. Geplant sind Verschärfungen im StGB und BtMG. 

Artikel lesen
Frontansicht auf drei geschlossene Garagen mit blauem Schwingtor 08.01.2026
Einkommensteuer

BFH zur Zweitwohnung:

Stell­platz ist keine Unter­kunft und damit zusätz­lich absetzbar

Die Mieten steigen, auch für Zweitwohnungsinhaber wird es immer teurer. Der BFH entlastet sie nun etwas: Kosten für einen Garagenstellplatz zählen nicht zur monatlichen Werbungskostengrenze in Höhe von 1.000 Euro.

Artikel lesen
Flüchtlinge kommen in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen an. 05.01.2026
Asyl

Migrationsbilanz 2025:

Deut­lich weniger Asy­l­an­träge, mehr Abschie­bungen

2025 stellten deutlich weniger Menschen in Deutschland einen Asylantrag – minus 51 Prozent gegenüber 2024. Gleichzeitig stieg die Zahl der Abschiebungen um rund 20 Prozent.

Artikel lesen
Präsident des EuGH Prof. Dr. Koen Lenaerts bei einer Rede am 15.09.2023 27.12.2025
EuGH

Sollte man kennen:

Sieben wich­tige EuGH-Ent­schei­dungen 2025

Upload-Filter-Diskussion reaktiviert, Mitgliedstaaten an die Menschenwürde von Asylbewerbern erinnert und Streit mit Polen eskaliert: Das Jahr 2025 war auch am EuGH spannend und thematisch breit gefächert. Ein Best-of.

Artikel lesen
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geht nach der Pressekonferenz nach dem EU-Gipfel. Im Hintergrund sind an der Wand der Schriftzug "Europäischer Rat" und eine EU- und Deutschlandflagge zu sehen. 19.12.2025
Politik

EU einigt sich:

Geld für Ukraine gesi­chert, aber nicht aus rus­si­schem Ver­mögen

Es wurde viel diskutiert, gerungen, gebangt. Nun das Ergebnis: Die EU hat die Finanzierung der Ukraine für die kommenden zwei Jahre gesichert, jedoch ohne nach dem "Modell Merz" auf das eingefrorene russische Vermögen zurückzugreifen.

Artikel lesen
Christiane Bahner mit zwei Islandpferden. 19.12.2025
Ausland

Erste Anwältin mit deutschem Staatsexamen auf Island:

"Ich war bekannt wie ein bunter Hund"

Selbst die Rechtsanwaltskammer auf Island musste überlegen, was zu tun ist, als Christiane Bahner sich bei ihr mit ihrem deutschen Staatsexamen gemeldet hat. Seit gut zwanzig Jahren ist sie dort Anwältin – und genießt die Ruhe.

Artikel lesen
ads lto paragraph
ads Transfermarkt people
lto karriere transfermarkt logo

Ihre Transfermeldung – Sichtbar. Relevant. Reichweitenstark.

Jetzt eintragen!
ads lto paragraph
ads lto arrow
lto karriere transfermarkt logo

Den nächsten Karriereschritt feiern – mit einer Meldung im LTO Transfermarkt.

Jetzt eintragen!
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Hausfeld Rechtsanwälte LLP
Se­nior As­so­cia­te (m/w/d) – Com­mer­cial Li­ti­ga­ti­on

Hausfeld Rechtsanwälte LLP , Düs­sel­dorf

Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
Prak­ti­kan­ten­pro­gramm FPS in Practi­ce, Herbst 2026

FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG , Frank­furt am Main

Logo von Hogan Lovells International LLP
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (w/m/d) In­ter­na­tio­na­les...

Hogan Lovells International LLP , Düs­sel­dorf

Logo von CMS Deutschland
Rechts­an­wäl­­te (m/w/d) für den Be­reich IT- und Da­ten­recht

CMS Deutschland , Ham­burg

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger Print & On­li­ne (m/w/d)

Wolters Kluwer , Hürth

Logo von Wolfgang Metzner GmbH & Co KG
Fach­lek­tor (m/w/d)

Wolfgang Metzner GmbH & Co KG , Ber­lin

Logo von Wolfgang Metzner GmbH & Co KG
Ju­nior Lek­tor (m/w/d)

Wolfgang Metzner GmbH & Co KG , Ber­lin

Logo von Hausfeld Rechtsanwälte LLP
Coun­sel (m/w/d) – Com­mer­cial Li­ti­ga­ti­on

Hausfeld Rechtsanwälte LLP , Ber­lin

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Online Info Session Jurastudium (LL.B., EjP)

28.01.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Gesellschafter­rechte und -streit

29.01.2026

Logo von GvW Graf von Westphalen
Rechtsprechungs­report: Automotive

29.01.2026

64. Deutscher Verkehrsgerichtstag

28.01.2026, Goslar

§ 15 FAO - Foto- und Bildrechte in digitalen Medien - Update 2026

28.01.2026, Hamburg

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH