Druckversion
Montag, 12.10.2026, 01:33 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/mathiopoulos-klage-egmr-doktortitel-plagiat-weiterhin-honorarprofessur
Fenster schließen
Artikel drucken
27321

Wissenschaftsplagiat: Ein Men­schen­recht auf den Dok­torhut?

von Hermann Horstkotte

03.03.2018

Plagiat (Symbol)

(c) pizuttipics - stock.adobe.com

Die Politikberaterin Margarita Mathiopoulos hat wegen akademischen Schwindels ihren Doktortitel verloren und kein deutsches Gericht gibt ihn ihr zurück. Jetzt zieht sie vor den EGMR – und kann deshalb einstweilen Honorarprofessorin bleiben.

Anzeige

Es war der letzte Versuch hierzulande und auch der ging schief: Das Bundeverfassungsgericht (BVerfG) hat, wie Margarita Mathiopoulos gegenüber LTO bestätigte, ihre Beschwerde gegen ein rechtskräftiges Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) ohne Begründung nicht zur Entscheidung angenommen.

Das BVerwG hatte, wie die Instanzen zuvor, im vergangenen  Sommer die Entscheidung der Uni Bonn bestätigt, den Doktorgrad wegen umfangreicher Plagiate in der Dissertation über Amerika zu entziehen.

Nun sieht  die Politikberaterin in einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) einen letzten Hoffnungsschimmer, um zu bleiben, was sie ist. Dabei geht es ihr nicht nur um den Doktor, sondern auch um ihre ehrenamtliche Honorarprofessur an der Technischen Uni Braunschweig (von 1995) und der Uni Potsdam (seit 2002). Denn Amt und Titel "sollen" an der TU satzungsgemäß bei "unwürdigem Verhalten", namentlich wissenschaftlichem  Fehlverhalten widerrufen werden; in Potsdam ist die Promotion "in der Regel" sogar Voraussetzung für den Professoren-Titel. Der "kann" aberkannt werden, wenn sonst das Ansehen der Hochschule leidet. Für Mathiopoulos geht es also jetzt um alles, kurz gesagt den "Prof. Dr.".

Streit im Wandel der Zeit

Die ganze Sache war überhaupt nur strittig geworden, weil die Uni Bonn 1991, vier Jahre nach Erscheinen der politikwissenschaftlichen Arbeit und ersten kritischen Stimmen aus der Fachwelt, einen Täuschungsvorsatz gleichwohl verneint und von irgendwelchen Sanktionen abgesehen hatte. Dann aber kam  Mathiopoulos 2011 doch noch zu Fall: Die Internetplattform Vroniplag Wiki monierte auf fast jeder zweiten Buchseite Plagiatsfunde, die die Uni zum Umdenken bewegten – seinerzeit, als die Plagiatsaffäre um Bundesverteidigungsminister Guttenberg hochkochte und alle Hochschulen sich wie nie zuvor für redliche Wissenschaft sensibilisierten. Die zuständige Philosophische Fakultät in Potsdam beschloss ganz voreilig – nämlich "für den Fall, dass die Bonner Entscheidung (gegen Mathiopoulos) rechtskräftig wird" –, ihr auch die Honorarprofessur zu entziehen. Dasselbe kündigte die TU Braunschweig an. Aber passiert ist das bislang nicht. 

Im Gegenteil versichert die TU ausdrücklich, die Titel-Frage nun angesichts der "geplanten Klage" in Straßburg zu klären. Eindeutiger erklärt Potsdam, "dass wir eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte abwarten werden. Erst danach  ist die Uni wieder  am Zuge" - also womöglich erst in ein paar Jahren, wenn die Honorarprofessorin schon das Pensionsalter erreicht hat. Statt Übereilung ist offenbar Geduld angesagt – mittlerweile, seit Wissenschaftsplagiate quasi normal zu sein scheinen und anders als früher kein Medienhype oder politischer Aufreger mehr sind.

Salto rückwärts in Straßburg?

Nichts kann die Hochschulen daran hindern, nach dem rechtsgültig entzogenen Doktor auch den Professorentitel abzuerkennen. Aber was kann der Gang nach Straßburg Mathiopoulos denn überhaupt noch bringen? 

Der Bonner Rechtsprofessor Klaus F. Gärditz erläutert: Rechtskräftig beendete Verfahren sind  wiederaufzunehmen, wenn der EGMR von ihm geschützte Grundrechte verletzt sieht, etwa den Anspruch auf einen fairen Prozess. Doktorhüte selber oder andere akademische Würden gehören allerdings nicht zum direkten Schutzbereich.

Anzeige

Die Angst des Schützen vorm Elfmeter

Warum aber zögern die Braunschweiger und Potsdamer Hochschulspitzen, die angekündigte Aberkennung wahrzumachen? Sie müssen damit rechnen, dass Mathiopoulos dagegen wieder vor Gericht zieht.

Würden dann die damaligen Berufungsverfahren öffentlich erörtert, könnten sich die beiden Unis nur  blamieren: Die Plagiatsvorwürfe gegen die Doktorarbeit waren den zuständigen Stellen bekannt, wie sich beteiligte Professoren gegenüber LTO klar erinnern. Massive Bedenken wurden aber mit Gremienmehrheit übergangen. Ein Gutachter in Braunschweig verstieg sich sogar zu der abwegigen Behauptung, die Doktorarbeit sei "vor allem von außerwissenschaftlicher Seite zu Unrecht und ohne Grundlage angegriffen worden". Mit anderen Worten: Mathiopoulos, damals Ehefrau des Bundespolitikers Friedbert Pflüger (CDU) und erfolgreiche Managerin der Norddeutschen Landesbank, werde nur von böswilligen und inkompetenten Verleumdern schlecht gemacht. Umgekehrt hoffte man  in Braunschweig wie Potsdam vielmehr, dank der brillanten Kontakte der Honorarprofessorin zu einem internationalen Kreuzungspunkt von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu werden.

Das waren alles eher leere Träume. Sie vor Gericht platzen zu lassen, schadet unweigerlich dem vielbeschworenen "Ansehen" der Hochschulen. Da können gewiefte Anwälte wohl  nur raten, die Frage der Honorarprofessur möglichst lange in der Schwebe zu halten. Die Verantwortlichen in Braunschweig und Potsdam haben das anscheinend gut verstanden.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Hermann Horstkotte, Wissenschaftsplagiat: . In: Legal Tribune Online, 03.03.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/27321 (abgerufen am: 12.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Verwaltungsrecht
    • Doktortitel
    • Plagiat
    • Promotion
    • Wissenschaft
  • Gerichte
    • Bundesverfassungsgericht (BVerfG)
    • Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)
Das Löwengebäude am Universitätsplatz in Halle 02.10.2026
Rechtsstaat

"Freiheitsfeindliche Bestrebungen" in Deutschland:

230 Zivil­recht­s­pro­fes­soren sorgen sich um den Rechts­staat

Angesichts jüngster politischer Entwicklungen warnen Zivilrechtswissenschaftler eindringlich vor einer Erosion des Rechtsstaats und seiner Institutionen. Entstanden ist die Initiative bei der Zivilrechtslehrervereinigung in Halle.

Artikel lesen
Eine Person vor einem Laptopbildschirm 03.09.2026
Plagiat

Aufsätze zurückgezogen:

Jura-Prof wird "KI-Miss­brauch" vor­ge­worfen

Der Beck-Verlag hat zwei Fachbeiträge des Zivilrechtlers Thomas Söbbing depubliziert. Grund dafür sind Unstimmigkeiten bei Fundstellen. Auch der Vorwurf des "KI-Missbrauchs" steht im Raum.

Artikel lesen
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (l) und Wahlprogramm-Architekt Hans-Thomas Tillschneider auf einer Wahlkampfveranstaltung, 21.08.2026. 29.08.2026
AfD

AfD winkt Sieg bei Landtagswahl:

So gefähr­lich wäre eine AfD-Regie­rung in Sachsen-Anhalt

Bürgerwehren, Sonderklassen für Flüchtlingskinder, Öffentlich-Rechtliche abschaffen: Mit diesen Forderungen tritt die AfD in Sachsen-Anhalt an. Welcher Schaden droht der freiheitlich-demokratischen Grundordnung?

Artikel lesen
Blick auf das Ziviljustizgebäude des Landgerichts Hamburg am Sievekingsplatz 1 im Hamburger Stadtteil Neustadt. 20.08.2026
Medien

In eigener Sache:

Land­ge­richt Ham­burg ver­bietet Absch­reiben bei LTO

Wenn Medien voneinander abschreiben, kann es sich auch dann um eine Urheberrechtsverletzung handeln, wenn übernommene Passagen leicht umformuliert werden. Das hat das Landgericht Hamburg entschieden.

Artikel lesen
Der Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) vor einem Mikrofon 20.08.2026
Nachrichten

Plagiatsvorwürfe gegen Felor Badenberg:

Experte ordnet Pla­­giats­vor­­würfe gegen Ber­­liner Jus­­ti­z­­se­na­torin ein

Nach Vorwürfen von Plagiatsjäger Stefan Weber bittet Justizsenatorin Felor Badenberg die Uni Köln um eine Prüfung ihrer Dissertation. LTO hat den Experten Jochen Zenthöfer nach seiner Einschätzung gefragt.

Artikel lesen
Logo der Körber-Stiftung 14.08.2026
Meinung

Auszeichnungen in Auswahlverfahren:

Ein Preis ist kein Nach­weis für Exzel­lenz

Ein Nachwuchspreis gilt als Ausweis wissenschaftlicher Exzellenz. Doch wenn die Kriterien für die Vergabe nicht überprüfbar sind, taugt er nicht als Argument für eine konkrete Bewerberauswahl, meint Carina Bury.

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern
Ju­ris­ti­sche Mit­ar­beit (m/w/d) | Öf­f­ent­li­ches Recht / Ver­ga­be­recht |...

Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern, Ber­lin

Logo von Bundesamt für Justiz
Voll­ju­ris­tin­nen bzw. Voll­ju­ris­ten (m/w/d)

Bundesamt für Justiz, Bonn

Logo von becker bohn rechtsanwälte
Rechts­an­walts­fach­an­ge­s­tell­te (m/w/d)

becker bohn rechtsanwälte, Stutt­gart

Logo von Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen
Rich­ter/Rich­te­rin (m/w/d) in der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit des Lan­des...

Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Müns­ter

Logo von Deutsches Patent- und Markenamt
Voll­ju­ris­tin­nen und Voll­ju­ris­ten (w/m/div)

Deutsches Patent- und Markenamt, Mün­chen

Logo von Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen
Ju­ris­ti­sche Re­fe­ren­tin | Ju­ris­ti­scher Re­fe­rent (m/w/d)

Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen, Düs­sel­dorf

Logo von Wolters Kluwer
Me­dia Sa­les Ma­na­ger (m/w/d) für Le­gal Tri­bu­ne On­li­ne - re­mo­te

Wolters Kluwer, Hürth und 6 wei­te­re

Logo von Noerr
(Se­nior) As­so­cia­te Öf­f­ent­li­ches (Wirt­schafts-) Recht (w/m/d)

Noerr, Düs­sel­dorf

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
Umwelt‑ und Planungsrecht: Aktuelle Rechtsprechung und Gesetzgebung

23.10.2026

Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
Verwaltungsprozessrecht: Fehler des Verwaltungsverfahrens und deren Folgen

30.10.2026

Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
BauGB-Novelle 2026: "Game changer" oder bloße Randkorrekturen?

13.11.2026

§ 15 FAO - Aktuelle Rechtsprechung der Hamburgischen Verwaltungsgerichte zum Baurecht

25.11.2026, Hamburg

Logo von FPS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH & Co. KG
Praktikantenprogramm FPS in Practice - Frühjahr 2027, Frankfurt

18.02.2027, Frankfurt am Main

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH