Druckversion
Mittwoch, 17.06.2026, 11:54 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/nachrichten/n/generalbundesanwalt-reuss-terrorismus-reichsbuerger-rechtsextremismus-afd-justiz
Fenster schließen
Artikel drucken
53401

Anklagen gegen 26 Personen: Was der Gene­ral­bun­des­an­walt der "Gruppe Reuß" vor­wirft

von Joschka Buchholz

12.12.2023

Heinrich X.III Prinz Reuß

Anfang Dezember 2022 waren Sicherheitsbehörden in elf Bundesländern im Zuge einer Groß-Razzia im Einsatz. Foto: picture alliance/dpa | Boris Roessler

Wegen ihrer Umsturzpläne müssen sich 26 Personen der Gruppe um Prinz Reuß vor drei Oberlandesgerichten verantworten. Der Generalbundesanwalt veröffentlichte am Dienstag düstere Details aus den Anklagen.

Anzeige

Der Generalbundesanwalt (GBA) hat gegen 26 Personen, die Teil einer mutmaßlichen Reichsbürgergruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß sind, vor drei Oberlandesgerichten Anklage erhoben. LTO hatte bereits am Montag berichtet. Nun ist im Einzelnen bekannt, was der GBA in den Anklageschriften vor den Staatsschutzsenaten in Stuttgart, München und Frankfurt am Main den Personen konkret zum Vorwurf macht.

Bei 25 Personen handelt es sich um deutsche Staatsangehörige, eine Angeschuldigte ist Russin. Allesamt werden sie der Ideologie der Reichsbürgerszene zugeordnet. Ihnen wird im Wesentlichen die Gründung bzw. Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (§ 129a Strafgesetzbuch, StGB) vorgeworfen. Sie sollen sich auf einen "Tag X" vorbereitet haben und einen Umsturz unter Waffengewalt geplant haben.

Vor fast genau einem Jahr waren im Rahmen einer großangelegten Razzia in der deutschen Reichsbürgerszene 25 Personen festgenommen worden, unter ihnen auch die Ex-AfD-Abgeordnete und Richterin Birgit Malsack-Winkemann. Im Juli 2023 hatte der 3. Strafsenat beim Bundesgerichtshof (BGH) die Untersuchungshaft mehrerer Beschuldigter verlängert. Zwischenzeitlich ist Malsack-Winkemann außerdem vorläufig des Dienstes enthoben worden. Auch ein Rechtsanwalt aus Hannover ist unter den Angeschuldigten: Tim Paul G. sollte nach den Umsturzplänen der Gruppe als "Außenminister" fungieren.

Tod der Queen als "Tag X"?

Laut der Anklage begründeten die Angeschuldigten bereits im Juli 2021 eine terroristische Vereinigung (§ 129a StGB). Die Mitglieder habe eine "Ablehnung der staatlichen Institutionen und der freiheitlich demokratischen Grundordnung" verbunden. Ausgehend von Verschwörungsmythen der Reichsbürger- und Selbstverwalterszene sowie der QAnon-Ideologie habe die Gruppierung einen Umsturz in Deutschland erzwingen wollen, so der GBA.

Zum Plan soll unter anderem gehört haben, bewaffnet in das Berliner Reichtagsgebäude einzudringen, um dort Mitglieder des Bundestages festzunehmen und so den Systemumsturz herbeizuführen. Die Anklage spricht insoweit von konkreten Vorbereitungen, zu denen auch Schießtrainings gehört hätten.

Bevor sich die Gruppe später zunehmend abgeschottet haben soll, setzte sie maßgeblich auf eine Zusammenarbeit mit der "Allianz", einem angeblich existierenden Geheimbund. Dieser sollte nach der Vorstellung der Gruppe ein Zeichen für den "Tag X" geben. Laut der Anklage wurde als solches Zeichen beispielsweise der Tod von Königin Elisabeth II. diskutiert.

Für den Umsturz erstellte die Gruppe laut der Anklage zudem Feindeslisten und plante konkret eine politische Neugestaltung. Dazu sollte auch mit den alliierten Siegermächten des Zweiten Welkriegs verhandelt werden, wobei Russland insoweit ausschließlicher Ansprechpartner hätte sein sollen. Der Gruppe war dabei bewusst, dass der Umsturz mit der Tötung von Menschen verbunden wäre, so der GBA.

Die Gruppierung soll über mehrere hundert Waffen und mindestens 148.000 Munitionsteile sowie etwa 500.000 Euro verfügt haben, so die Anklage. Auch seien unter anderem ballistische Helme, schusssichere Westen, Nachtsichtgeräte und Handfesseln angeschafft worden. Im Zuge einer fortschreitenden Abschottung sei eine Verschwiegenheitserklärung für die Mitglieder ausgearbeitet worden, wobei laut der Anklage für Verstöße die Todesstrafe vorgesehen war.

Führungszirkel in Frankfurt angeklagt

Gegen zehn Personen wurde Anklage zum OLG Frankfurt erhoben. Dabei soll es sich überwiegend um den Führungszirkel der Gruppe handeln. Unter den Angeschuldigten befindet sich neben Malsack-Winkemann hier auch Heinrich XIII. Prinz Reuß, der durch die öffentlichkeitswirksame Festnahme plötzlich bekannt wurde.

Er soll sich Ende Oktober 2021 der Gruppe angeschlossen und sie fortan maßgeblich geführt haben. Mehrere Treffen sollen auf seinem Privatanwesen in Thüringen stattgefunden haben und er sollte nach dem Umsturz zum "Staatsoberhaupt" werden. Auch beschaffte er mehrere Satelitentelefone, stellte der Gruppe rund 50.000 Euro zur Verfügung und verwahrte illegal etwa 1.000 Schuss Munition, so die Anklage.

Die russische Staatsangehörige Vitalia B. soll Reuß dabei unterstützt haben, Kontakt zu russischen Behörden aufzubauen. Unter anderem soll es Treffen in mehreren russischen Generalkonsulaten in Deutschland gegeben haben, bei denen um russische Unterstüzung gebuhlt wurde.

Ebenfalls in Leitungsfunktion soll ein ehemaliger Oberst und Kommandeur des Fallschirmjägerbattalions 251, Rüdiger von Pescatore, gewesen sein. Konkret stand er nach Überzeugung des GBA an der Spitze des "militärischen Arms" der Gruppe. Er soll die Aufstellung und Einrichtung von "Heimatschutzkompanien" geleitet haben und sich aktiv an der Mitgliederakquise beteiligt haben.

Anzeige

Weitere Anklagen in Stuttgart und München

Vor dem OLG Suttgart sind neun weitere Personen angeklagt. Zu ihnen gehört auch Markus L., der sich in die für die Gebiete Freudenstadt und Tübingen zuständige "Heimatschutzkompanie" eingegliedert haben soll. Dafür stellte er ein "umfangreiches Waffenarsenal" sowie entsprechende Fähigkeiten zur Verfügung, so die Anklage. Er ist zudem wegen versuchten Mordes angeklagt, denn er soll bei einer Durchsuchung, die bereits einige Monate vor der Großrazzia stattfand, aus nächster Nähe auf Polizeibeamte geschossen haben.

Auch ein ehemaliges Mitglied des in der Metropolregion Stuttgart ansässigen Kommandos Spezialkräfte (KSK), Andreas M., soll Teil der terroristischen Vereinigung gewesen sein und in dieser Funktion zahlreiche Liegenschaften der Bundeswehr ausgekundschaftet sowie Rekrutierungsverantstaltungen organisiert haben.

Vor dem OLG München ist unter anderem der eigentlich in Hannover ansässige Rechtsanwalt Tim Paul G. angeklagt. Konkret wird ihm neben der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (§ 129a Abs. 1 Nr. 1 StGB) auch die Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens (§ 83 Abs. 1 StGB) vorgeworfen.

G. wurde von der ebenfalls Angeschuldigten Melanie R. für das Führungsgremium der Vereinigung ("Rat") vorgeschlagen, dem sie für den Bereich "Gesundheit" selbst angehört haben soll. Sie soll der Vereinigung laut der Anklage rund 47.000 Euro zur Verfügung gestellt haben.

Die zuständigen OLG-Senate werden in den nächsten Monaten nun zu prüfen haben, ob gemäß § 203 Strafprozessordnung (StPO) jeweils ein hinreichender Tatverdacht besteht und folglich die Hauptverhandlung gegen die Angeschuldigten eröffnet wird.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Anklagen gegen 26 Personen: . In: Legal Tribune Online, 12.12.2023 , https://www.lto.de/persistent/a_id/53401 (abgerufen am: 17.06.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Anklage
    • Reichsbürger
    • Terrorismus
  • Gerichte
    • Oberlandesgericht München
    • Oberlandesgericht Frankfurt am Main
    • Oberlandesgericht Stuttgart
Block-Prozess-Vorsitzende Isabel Hildebrandt 12.06.2026
Christina Block

Block-Prozess Tag 54:

"Brau­chen Sie eine Pause, um ein Ableh­nungs­ge­such zu for­mu­lieren?"

Die Befragung von Christina Blocks Psychologen R. zieht sich so in die Länge, dass es ordentlich zwischen Block-Verteidiger Bott und der Vorsitzenden Richterin Hildebrandt kracht. Die Erklärungen zu "Olgas" Befragung werden daher verschoben.

Artikel lesen
Andreas Scheuer 29.05.2026
Anklage

Falschaussage im Maut-Untersuchungsausschuss?:

Land­ge­richt lässt Anklage gegen Ex-Minister And­reas Scheuer zu

Neun Monate nach Anklageerhebung hat das Landgericht Berlin I die Anklage wegen des Verdachts der Falschaussage im Bundestagsuntersuchungsausschuss zugelassen. Mitangeklagt ist auch Ex-Staatssekretär Gerhard Schulz.

Artikel lesen
am 10. Oktober 1986 wurde der Diplomat Gerold von BraunmueÂühl (51) vor seinem Haus in Bonn-Ippendorf erschossen - Nachbarn und Freunde haben zum Gedenken und als Zeichen der Trauer Blumen am Tatort niedergelegt 24.05.2026
Rechtsgeschichte

Terrorismus:

Die ersten 120 und die nächsten 50 Jahre

Im Jahr 1976 traten in Deutschland Vorschriften in Kraft, die der "Bekämpfung" des Terrorismus dienen sollten. Als Gewaltphänomen der modernen Welt gab es ihn allerdings schon seit den 1850er Jahren – mit Wurzeln in Frankreich und den USA.

Artikel lesen
Der Messerangreifer Issa al Hasan im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts Düsseldorf, September 2025. 22.05.2026
Terrorismus

BGH verwirft Revision:

Ver­ur­tei­lung des Solingen-Atten­tä­ters ist rechts­kräftig

Der Messerangriff auf dem Solinger Stadtfest schockierte das Land, der Attentäter wurde zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Der BGH hat nun letztinstanzlich entschieden.

Artikel lesen
Einer von insgesamt drei Männern wird zu Prozessbeginn wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in den Verhandlungssaal des Oberlandesgericht München geführt, 1. April 2026. 22.05.2026
Reichsbürger

OLG München verurteilt weitere Mitglieder der "Vereinten Patrioten":

Sie wollten Minis­ter­posten im "wie­der­her­ge­s­tellten Kai­ser­reich"

Die Umsturzpläne der "Kaiserreichsgruppe" beschäftigen weiter die Justiz. Das OLG München verurteilte drei weitere ältere Männer wegen Mitgliedschaft in bzw. Unterstützung einer terroristischen Organisation. Weitere Verfahren laufen noch.

Artikel lesen
Christian Haub 19.05.2026
Prominente

Falsche Versicherung an Eides statt?:

Anklage gegen Ten­gel­mann-Chef erhoben

Karl-Erivan Haub, Bruder des Tengelmann-Chefs, verschwand vor Jahren in den Schweizer Alpen und wurde schließlich für tot erklärt. Nun beschäftigt sich das LG Köln mit dem Fall – und mit der Rolle seines Bruders.

Artikel lesen
lto karriere logo

Deine Karriere beginnt hier.

Registrieren und nie wieder einen Top-Job verpassen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Bereit für Karriere? Spannende Karriere-Chancen für Volljuristen.

Direkt zu passenden Stellen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von PwC Legal AG
Rechts­an­walt Li­ti­ga­ti­on, Ar­bi­t­ra­ti­on (w/m/d)

PwC Legal AG, Düs­sel­dorf

Logo von Freshfields
Re­fe­ren­da­re (m/w/x) - Cor­po­ra­te

Freshfields, Ber­lin

Logo von Aulinger Rechtsanwälte und Notare
Rechts­an­walt (m/w/d) für Ar­beits­recht

Aulinger Rechtsanwälte und Notare, Bochum

Logo von HEUKING
Rechts­an­wäl­te w/m/d Ver­ga­be­recht / Pu­b­lic Sec­tor

HEUKING, Mün­chen

Logo von PwC Legal AG
Rechts­an­walt Li­ti­ga­ti­on, Ar­bi­t­ra­ti­on (w/m/d)

PwC Legal AG, Frank­furt am Main

Logo von ESCHE SCHÜMANN COMMICHAU
Rechts­an­walt (m/w/d) Bau- und Im­mo­bi­li­en­recht, Grund­stücks­recht,...

ESCHE SCHÜMANN COMMICHAU, Ham­burg

Logo von ARVANTAGE
As­so­cia­te (m/w/d) Ar­beits­recht

ARVANTAGE, Ber­lin

Logo von PwC Legal AG
Rechts­an­walt Li­ti­ga­ti­on, Ar­bi­t­ra­ti­on (w/m/d)

PwC Legal AG, Mann­heim

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Verkehrsunfall & gesetzliche Unfallversicherung: Haftungsausschlüsse, Ansprüche, Regress

17.06.2026

Möhrle Happ Luther bei der Stellenwerk Messe in Hamburg

17.06.2026, Hamburg

Compliance Lunch: ESG-Compliance: Die EntwaldungsVO und aktuelle Entwicklungen

17.06.2026

12. Weblaw Forum LegalTech

17.06.2026, Zürich

Kölner Tage Datenschutzrecht 2026

18.06.2026, Köln

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH