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Neunte STP-Fachtagung: Die Boden­lan­dung nach dem Hype

von Dr. Anja Hall

25.06.2018

Mann im Anzug und Modell zu Zukunftsaussichten

© sdecoret - stock.adobe.com

Der Legal-Tech-Hype ist vorbei, das wurde auf der Fachtagung der STP in Bensberg deutlich. Kanzleien und Rechtsabteilungen entwickeln Strategien und machen sich an die konkrete Umsetzung – und das ist mühsamer als gedacht.

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Die Hip-Hop-Band Public Enemy wusste es schon Ende der 80er Jahre: "Don't believe the Hype" – so lautet einer ihrer bekanntesten Songs. Daran erinnerte Dr. Silvio Kupsch, Leiter der Arbeitsgruppe Legal Tech & Digitalisierung bei PwC, als er auf der neunten Fachtagung des Kanzleisoftware-Unternehmens STP über die etwas nüchterne Realität nach dem Legal-Tech-Hype sprach.

Lange Zeit war auf Konferenzen und in zahllosen Fachbeiträgen von den unbegrenzten Möglichkeiten geschwärmt worden, die der Einsatz neuer Technologien birgt. Von Tools, die Verträge gleichsam auf Knopfdruck erstellen, bis hin zu Robo-Anwälten. Nun zeigen sich zwei Dinge, so Kupsch. Erstens: Wenn Mandanten eine Kanzlei mandatieren, dann sind ihnen die spannenden Technologien gar nicht so wichtig. Sie achten vielmehr auf eine gute Dienstleistung, rechtliche Expertise und Kosten. Und zweitens: Entziehen können sich die Juristen der Digitalisierung nicht. Veränderung ist der neue Dauerzustand.

Das sieht Dr. Matthias Lichtblau ähnlich. Dass es Veränderung gibt, ist klar. Aber wie sie konkret ausgestaltet sein wird? "Da sind wir alle etwas ratlos", räumte der weltweite Geschäftsführer von CMS ein. Als Lösungsansatz betrachtete er in seinem Vortrag die wertschöpfenden Bereiche in den Kanzleien etwas genauer. So seien Systeme und Prozeduren mit Themen wie Wissens- und Projektmanagement besonders angreifbar für Digitalisierung, meint er. Andere Bereiche, etwa Akquise, die eigentliche Rechtsberatung und auch das Rekrutieren, Aus- und Weiterbilden von Mitarbeitern, seien dagegen nicht so anfällig.

Klassisches Kanzleimodell überholt

Nicht nur die Juristen seien ratlos, auch das Geschäftsmodell der klassischen Kanzlei stehe vor großen Herausforderungen, konstatierte Lichtblau. Denn es sieht große Zukunftsinvestitionen schlicht nicht vor: Welches Interesse habe ein 55-jähriger Partner, der die Kanzlei mitaufgebaut hat, denn daran, dass Millionenbeträge in eine Technologie investiert werden, die er selbst vielleicht gar nicht mehr nutzen wird? Lichtblau machte seinen Punkt deutlich.

Stefan Schicker, Managing Partner von SKW Schwarz, beleuchtete die Schwierigkeiten etwas genauer, die lauern, wenn eine Kanzlei sich zukunftsfit machen will. Die Digitalisierung biete zwar viele Möglichkeiten, doch die Beharrungskräfte der Anwälte seien groß, sagte er. Nicht jeder Partner wolle sich um Technologiethemen kümmern, auch die Anfangsinvestitionen würden oft gescheut. Wer Produkte, etwa zur Vertragsgestaltung, mit "künstlicher Intelligenz" einsetzen will, sollte bedenken, dass ein solches Programm mit großen Datenmengen gefüttert werden muss, damit es überhaupt sinnvoll funktionieren kann. Das wiederum würde bedeuten, dass die Juristen ihre Verträge und Vertragsentwürfe in das Programm einspielen und damit den Kollegen zugänglich machen müssten - und das will aus Angst vor Knowhow-Verlust kaum einer.

Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Anwalt und Mandant

Schicker glaubt dennoch an die Digitalisierung der Rechtsberatung. Seiner Ansicht nach wird die Kanzlei der Zukunft vor allem eine Plattform für effizientes Arbeiten sein. An die Stelle der "Abrechnung nach Aufwand" würden transparentere Preise treten und die Bearbeitungsgeschwindigkeit werde bei gleicher Qualität steigen, glaubt er. Durch den Einsatz von Software-Tools werde die Kommunikation mit dem Mandanten enger und beide würden gemeinsam an der Problemlösung arbeiten.

Ähnliches prognostiziert Hariolf Wenzler, Chief Strategy Officer von Baker McKenzie. Kanzleien würden sich zu einem "strategic busines advisor" entwickeln, die klassische Beratung eines losgelösten Rechtsproblems könnte bald Vergangenheit sein. "Wir beraten keine Norm, sondern Kunden", sagte Wenzler. Als Beispiel für dieses neue Denk- und Arbeitsmodell führte er "Reinvent Law" an. In dem "Legal Innovation Hub" sitzen Vertreter aus Kanzleien, Rechtsabteilungen, Legal-Tech-Unternehmen und Bildungseinrichtungen zusammen und entwickeln gemeinsam neue Produkte.

Noch viel mehr als Kanzleien befassen sich Rechtsabteilungen mit der Digitalisierung – nicht zuletzt aus Kostengründen. Berichte aus den Rechtsabteilungen von Linde, KfW und Heraeus zeigten: Da passiert Einiges. Zwar sind auch in den Inhouse-Departments noch längst keine Robo-Syndizi im Einsatz und die Umsetzung von Legal-Tech-Strategien – wenn es sie überhaupt gibt - ist ebenso kleinteilig wie mühsam. Regelmäßig aber scheitere es am fehlenden Geld und mangelnden personellen Ressourcen, so dass Legal Tech im Alltagsgeschäft die "Kür, nicht die Pflicht" ist, wie Dr. Florian Stork, Head of Legal REC bei der Linde AG, sagte.

Der eigentliche Umbruch kommt erst jetzt

Resignation wollte sich auf der Fachtagung dennoch nicht einstellen. Im Gegenteil, die Protagonisten der Legal-Tech-Szene waren sich weitgehend einig darin, dass die wirklich spannende Zeit jetzt erst kommt. Wurde früher über die neuen Technologien– teilweise fast schon hysterisch – geredet, sind inzwischen die ersten Produkte im Einsatz. Die konkrete Umsetzung zeigt zwar, dass Digitalisierung nicht per Knopfdruck alle Probleme löst. Aber es gibt Erfahrungen, über die man sprechen kann - und man kann voneinander lernen.

Drei solcher digitalen Produkte wurden mit dem STP Legal Innovation Award ausgezeichnet, den das Unternehmen in diesem Jahr zum zweiten Mal verliehen hat. In der Kategorie "Produkt" gewann Legalvisio, eine cloudbasierte Kanzlei-Management-Software, die der IT-Rechtler Christian Solmecke von der Kanzlei Wilde Beuger Solmecke gemeinsam mit HW Partners entwickelt hat.

Sieger in der Kategorie "Prozess" wurde die Textverarbeitungssoftware Smashdocs der Smartwork Solutions GmbH, bei der viele Nutzer gleichzeitig an einem Dokument arbeiten können. Die Kategorie "Special" gewann die Arbeitsrechtskanzlei Pusch Wahlig, die mit dem Startup Push Creative Ventures eine App entwickelt hat, mit der sich die Auslastung der Mitarbeiter steuern lässt. 

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Anja Hall, Neunte STP-Fachtagung: . In: Legal Tribune Online, 25.06.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/29353 (abgerufen am: 19.04.2026 )

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