Druckversion
Samstag, 12.09.2026, 03:12 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/kanzleien-unternehmen/k/wirecard-prozess-lg-muenchen-i-aussage-yoshio-tomiie
Fenster schließen
Artikel drucken
53713

Manager sagt vor dem LG München aus: Zeuge im Wire­card-Pro­zess stützt Ankla­ge­vor­wurf

24.01.2024

Logo an der Fassade des Firmensitzes von Wirecard in Aschheim

Das Technologieunternehmen Wirecard meldete Mitte 2020 Insolvenz an. Was im Vorfeld passierte, ist Gegenstand eines Prozesses am Landgericht München I. Bild: picture alliance / fotostand / Fritsch

Von den bisher geladenen Zeugen im Wirecard-Prozess wussten viele nichts. Die Zeugen, die etwas wissen könnten, kommen häufig nicht. Ein aus Malaysia angereister japanischer Manager ist die Ausnahme. Seine Aussage wirft Fragen auf.

Anzeige

Im Wirecard-Prozess hat der erste aus Südostasien angereiste Zeuge den zentralen Anklagevorwurf der Scheingeschäfte gestützt. Laut Aussage des Managers Yoshio Tomiie war der seit 2020 untergetauchte frühere Wirecard-Vertriebsvorstand Jan Marsalek maßgeblich an der Gründung der Singapurer Senjo-Firmengruppe beteiligt. Das sagte der 64 Jahre alte Japaner am Mittwoch vor dem Landgericht München I. Senjo war laut Anklage eines der Firmenkonstrukte, über die nicht existente Kreditkartenzahlungen abgewickelt wurden.

Tomiie war mehrere Jahre für die Senjo-Gruppe tätig. Nach der von Dolmetschern übersetzten Aussage des Managers hatte deren Tochtergesellschaft Senjo Payment aber weder die Technik noch das Personal, um Zahlungsverkehr abzuwickeln: In dem Gebäude habe es keinen Zahlungs-Gateway und keine Server gegeben, sagte der 64-Jährige am 96. Prozesstag. "Da fehlten die Mitarbeiter, die gab's nicht."

Ex-Vorstandschef Markus Braun, der ehedem in Dubai für Wirecard tätige Manager Oliver Bellenhaus und der frühere Chefbuchhalter des 2020 kollabierten Dax-Konzerns stehen seit über einem Jahr in München vor Gericht. Laut Anklage sollen sie als gewerbsmäßige Betrügerbande gemeinsam mit Marsalek und weiteren Komplizen Milliardenumsätze mit sogenannten Drittpartnern im Mittleren Osten und Asien nur vorgetäuscht haben. Kronzeuge Bellenhaus bestätigte die Vorwürfe im Rahmen seiner Aussage im Januar 2023. 

Keine Kenntnis von Geschäften mit japanischen Kunden

Drei Unternehmen sollen eine maßgebliche Rolle im Drittpartnergeschäft gespielt haben: Al Alam in Dubai, Payeasy auf den Philippinen und die Senjo-Gruppe in Singapur, für die Tomiie tätig war. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch legte Tomiie aus den Ermittlungsakten eine Liste zu angeblichen Umsätzen der Senjo-Gruppe mit japanischen Firmenkunden vor. "Ich hätte es eigentlich mitbekommen sollen, wenn es existiert hätte", sagte Tomiie dazu.

Braun bestreitet indes sämtliche Vorwürfe. Der seit dreieinhalb Jahren in Untersuchungshaft sitzende Österreicher beschuldigt seinerseits Marsalek und Bellenhaus, ohne sein Wissen und ohne seine Beteiligung immense Summen aus realen Geschäften veruntreut zu haben. Nach Darstellung von Brauns Verteidigern waren die drei Drittpartnerfirmen Kreationen Marsaleks. Dieser soll Braun anschließend vorgegaukelt haben, es handle sich um externe Geschäftspartner.

Auch nach Darstellung Tomiies stand Marsalek hinter der Gründung der Senjo-Gruppe. Der seit 2020 untergetauchte Marsalek dachte sich demnach sogar den Namen der Firmengruppe aus. Zuerst habe Marsalek "Koyasan" vorgeschlagen, sagte Tomiie. "Das ist ein heiliger buddhistischer Berg in Japan". Deswegen sei das nicht möglich gewesen. Dann habe Marsalek sich für "Senjo" entschieden, ebenfalls ein Berg in den japanischen Alpen, aber ohne religiöse Bedeutung für Buddhisten. Außerdem bedeutet das Wort Senjo nach Tomiies Worten "Schlachtfeld". "Da habe ich gesagt, das passt."

Zeuge lässt bei eigener Rolle Interpretationsspielraum

Offen blieb jedoch Tomiies eigene Tätigkeit. Der Vorsitzende Födisch fragte den Zeugen mehrfach, was er und die übrigen Senjo-Mitarbeiter eigentlich gearbeitet hätten: "Irgendwas müssen die ja gemacht haben".

Nach Tomiies Darstellung trug er zwar den Titel Director, lebte aber nicht in Singapur, dem Sitz der Senjo-Gruppe, sondern in Malaysia. Und für Senjo gearbeitet habe er nur selten. Richter Födisch ließ durchblicken, dass Tomiie nach seiner Einschätzung mehr wusste, als er im Zeugenstand sagen wollte: "Mir ist nicht nachvollziehbar, wenn Sie nichts zu den Entscheidungen wissen", seufzte der Vorsitzende.

Die Mehrheit der im ersten Jahr des Prozesses vernommenen Zeugen waren ehemalige Wirecard-Mitarbeiter aus Deutschland, die zu den Anklagevorwürfen nichts Konkretes sagen konnten. Mehr wissen könnten Auslandszeugen, die im Mittleren Osten – oder wie Tomiie – in Südostasien näher am Tatgeschehen waren. Doch die meisten der bisher geladenen Auslandszeugen haben nicht einmal auf die Ladung geantwortet, geschweige denn, dass sie im Gerichtssaal in der JVA Stadelheim erschienen wären.

dpa/sts/LTO-Redaktion

Anzeige
  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Manager sagt vor dem LG München aus: . In: Legal Tribune Online, 24.01.2024 , https://www.lto.de/persistent/a_id/53713 (abgerufen am: 12.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Betrug
    • Insolvenz
    • Prozess
    • Strafprozess
    • Unternehmen
    • Wirecard
    • Wirtschaft
  • Gerichte
    • Landgericht München I
Christina Bott, flankiert von Ingo Bott und Otmar Kury vor dem Gerichtsgebäude. Sie blickt zu Bott. 09.09.2026
Christina Block

Kury plötzlich bereit zur Aussage im Block-Prozess:

Ein Ex-Ver­tei­diger im Zeu­gen­stand

In der Herbstpause kommt der nächste Kracher: Christina Blocks ursprünglicher Verteidiger Otmar Kury wurde als Zeuge geladen. Mit einer Aussage könnte er sich strafbar machen. Eine außergewöhnliche Situation mit kuriosen Möglichkeiten.

Artikel lesen
Mutter im Strafprozess 08.09.2026
Jugendkriminalität

BGH zum Jugendstrafverfahren:

Mama hat das letzte Wort

Ein 14-Jähriger wurde zu mehr als drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Doch das LG übersah ein Recht seiner anwesenden Mutter: Auch ihr stand das letzte Wort zu. Warum der BGH deswegen den Strafausspruch, nicht aber den Schuldspruch aufhob. 

Artikel lesen
Ein Feuerwehrmann steht vor einem brennenden Gebäude mit Löschschlauch. 04.09.2026
Brandstiftung

LG Dessau-Roßlau: Sechs Jahre Haft:

Blau­licht­re­porter wegen Brand­s­tif­tung ver­ur­teilt

Um Fotos und Videos von Feuerwehreinsätzen zu vermarkten, haben zwei freie Fotografen mehrfach Brände gelegt. Das LG Dessau-Roßlau verurteilte sie nun wegen Brandstiftung, der Haupttäter bekam sechs Jahre Freiheitsstrafe. 

Artikel lesen
Ein Mann schießt auf einem Schießplatz auf sein Ziel. 03.09.2026
Straftaten

LG Schwerin zum sächsischen "Munitionsskandal":

Schieß­platz­be­sitzer muss fast 6.000 Euro Strafe zahlen

Ein Schießplatzbetreiber nahm 7.000 Schuss Dienstmunition als Bezahlung für Schießtrainings an. Dafür hat ihn das LG Schwerin jetzt wegen Anstiftung zur veruntreuenden Unterschlagung und Bestechung verurteilt.

Artikel lesen
Auf einem Smartphone wird das Logo von Microsoft Edge angezeigt. Im Hintergrund ist ein verschwommener Softwarecode. 02.09.2026
Internet

EuG zum Digital Markets Act:

Edge-Browser von Micro­soft ist nicht bedeu­tend genug

Wenn die EU-Kommission Angebote von großen Internetriesen als "Zugangstor zu digitalen Märkten" ansieht, hat das strenge Auflagen zur Folge. Für den hauseigenen Microsoft-Browser Edge gilt das nicht: Ihn nutzen zu wenige Menschen.

Artikel lesen
Tupac Shakur in seiner Rolle als Ezekiel 'Spoon' Whitmore im Film Gridlock'D. 01.09.2026
Mord

Mord an Rapper Tupac Shakur:

Mut­maß­li­cher Draht­zieher schuldig gespro­chen

Der Mord an dem Rapper Tupac Shakur schockierte 1996 die Öffentlichkeit - und warf viele Fragen auf. 30 Jahre später haben die Geschworenen ihr Urteil gefällt.

Artikel lesen
ads lto paragraph
ads Transfermarkt people
lto karriere transfermarkt logo

Ihre Transfermeldung – Sichtbar. Relevant. Reichweitenstark.

Jetzt eintragen!
ads lto paragraph
ads lto arrow
lto karriere transfermarkt logo

Den nächsten Karriereschritt feiern – mit einer Meldung im LTO Transfermarkt.

Jetzt eintragen!
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Oberlandesgericht Celle
Rich­ter/-in (w/m/d) bzw. Staats­an­walt / -an­wäl­tin (w/m/d) im Be­zirk des...

Oberlandesgericht Celle, Cel­le und 9 wei­te­re

Logo von Technische Universität München
Voll­ju­ris­tin­nen/Voll­ju­ris­ten (w/m/d)

Technische Universität München, Mün­chen

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (w/m/d) In­tel­lec­tual Pro­per­ty /...

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Frank­furt am Main

Logo von RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) als An­ge­s­tell­te oder in frei­er Mit­ar­beit

RechtDialog Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (w/m/d) In­ter­na­tio­na­les...

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Ham­burg und 4 wei­te­re

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Pro­jects As­so­cia­te (w/m/d) In­ter­na­tio­na­les Wirt­schafts­straf­recht /...

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Ham­burg und 4 wei­te­re

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Re­fe­ren­da­rin/Re­fe­ren­dar (w/m/d) In­ter­na­tio­na­les...

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Ham­burg und 4 wei­te­re

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Re­fe­ren­da­rin/Re­fe­ren­dar (w/m/d) In­tel­lec­tual Pro­per­ty /...

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Möglichkeiten und Grenzen des Nachweises der Verantwortlichkeit beim automatisierten Fahren

22.09.2026

Freiheitsentziehende Maßregeln nach § 63 und § 64 StGB

23.09.2026

EU-Fahrerlaubnis

25.09.2026

Aktuelles aus der höchstrichterlichen Rechtsprechung zum Straf- und Strafprozessrecht – (4 Std. FAO)

26.09.2026, Köln

Hinter Gittern – Verteidigung im Strafvollstreckungsverfahren

28.09.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH