Druckversion
Donnerstag, 16.04.2026, 20:00 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/justiz/j/eugh-praesident-wiederwahl-belgier-koen-lenaerts
Fenster schließen
Artikel drucken
31399

EuGH-Präsident Lenaerts wiedergewählt: Ein über­zeugter Euro­päer

von Hasso Suliak

09.10.2018

Koen Lenaerts, Präsident des EuGH

Bild: European University Institute, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Der Alte ist auch der Neue: Die Richter des EuGH haben den belgischen Rechtswissenschaftler Koen Lenaerts als Präsidenten wiedergewählt. Lenaerts gilt als vehementer Verfechter der Rechtsstaatlichkeit.

Anzeige

Die Richter am Europäischen Gerichtshof (EuGH) mit Sitz in Luxemburg setzen auf Kontinuität an ihrer Spitze. Am Dienstag wählten sie den Belgier Koen Lenaerts erneut zu ihrem Präsidenten. Die zweite Amtszeit des Belgiers endet am 6. Oktober 2021. Lenaerts war der einzige Kandidat, der zur Wahl stand, das Abstimmungsergebnis ist nach Artikel 8 der Verfahrensordnung des Gerichtshofs geheim.

Der EuGH-Präsident leitet die rechtsprechende Tätigkeit des Gerichtshofs und führt in den größeren Spruchkörpern den Vorsitz in den Sitzungen und bei den Beratungen. Gewählt wird er regelmäßig für drei Jahre aus der Mitte der EuGH-Richter. Am Gerichtshof arbeitet jeweils ein Richter aus jedem EU-Staat, derzeit also 28.

Die Wiederwahl des Präsidenten ist alle drei Jahre möglich. Lenaerts Vorgänger, der Grieche Vassilos Skouris, amtierte bis 2015 sogar 12 Jahre. Erster und bisher einziger deutscher EuGH-Präsident war von 1976 bis 1980 der vormalige Bundesverfassungsrichter Hans Kutscher. Er ging damals auf eigenen Wunsch vorzeitig in den Ruhestand.

Ein überzeugter Europäer

Der 63-jährige Lenaerts gilt als fleißiger und fachlich versierter Jurist, der sich zielstrebig durch die Luxemburger Instanzen gearbeitet hat, bis er dann im Oktober 2015 zum ersten Mal zum Präsidenten des EuGH gewählt wurde. Dem verheirateten Vater von sechs erwachsenen Töchtern wird eine außergewöhnliche Sprachbegabung nachgesagt: Er spricht fließend Flämisch, Französisch, Englisch, Spanisch und auch Deutsch, das er sich autodidaktisch beigebracht hat. Auch in Italienisch und Portugiesisch finde er sich zurecht, heißt es.

Geboren wurde Lenaerts in der Region Flandern, er studierte an den Universitäten Namur und Leuven Rechtswissenschaften und graduierte mit Auszeichnung. An der Harvard University absolvierte er 1978 einen Master of Law (LL.M), 1979 folgte dort der Abschluss mit einem Master in Public Administration (MPA). 1982 promovierte Lenaerts an der Katholieke Universiteit Leuven mit einer vergleichenden Arbeit über verfassungsrechtlich Präzedenzfälle des Europäischen Gerichtshofes und des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten. An dieser Uni hatte 1979 auch seine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Assistent begonnen.

Lenaerts blieb der Wissenschaft ebenso treu wie seiner Universität: 1983 wurde er in Leuven zum Professor für Europarecht berufen und übernahm als Direktor die Leitung des Instituts für Europarecht. Zeitgleich arbeitete er ab 1984 als Professor am Europakolleg in Brügge, wo er bis 1989 lehrte und ab 1986 auch als Rechtsanwalt tätig war. Von 1988 bis 1989 hatte er als "visiting professor" eine Gastprofessur an der Harvard University inne. Am EuGH wirkte Lenaerts als Richter am dortigen Gericht erster Instanz bereits von 1989 bis 2003. Richter am Gerichtshof selbst ist er seit dem 7. Oktober 2003, nach einer dreijährigen Vizepräsidentschaft von 2012 bis zum 2015 ist er seit dem 8. Oktober 2015 EuGH-Präsident.

Lenaerts gilt als überzeugter Europäer und vehementer Verfechter der Rechtsstaatlichkeit. Im Gespräch mit der österreichischen Zeitung Die Presse appellierte er, die Grenzen innerhalb der EU offen zu halten, sei doch die Reisefreiheit die "größte Errungenschaft für den Bürger". Die Migration aus Drittstaaten sei eine politische Herausforderung, der sich der Gesetzgeber stellen müsse. "Der Gerichtshof tritt erst an zweiter Stelle auf."

Spanierin Rosario Silva de Lapuerta neue EuGH-Vizepräsidentin

In einem Interview mit der Wiener Zeitung äußerte sich Lenaerts auch zu den Vorbehalten, die Staaten wie Ungarn und Polen gegenüber der Umsetzung von EuGH-Urteilen und der Einhaltung von Unionsrecht hätten. Das, so Lenaerts, dürfe nicht toleriert werden. Auch wenn viele Regelungsmaterien in die nationale Kompetenz der Mitgliedstaaten fielen: Es gebe Aspekte, die sehr klar an die Vorgaben des Unionsrechts gebunden seien. Die Mitgliedstaaten seien politisch aufeinander angewiesen, "und sie wollen in der EU nicht mit Mitgliedstaaten zusammenarbeiten, die nicht dieselben Grundwerte verkörpern", sagte er.

Für Lenaerts muss der Schutz europäischer Grundwerte wie der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Wahrung und Einhaltung der Grundrechte auch politisch abgesichert sein. Das betreffe dann nicht in erster Linie die Gerichtsbarkeit, sondern die Mitgliedstaaten, die einander politisch an ihre Verpflichtungen erinnern sollten, damit sich kein Mitgliedstaat von diesem Grundkonsens allzu weit entfernt. Die Einheitlichkeit des Unionsrechts erfordere auch, dass es "keine Auslegung für einzelne Mitgliedstaaten" geben dürfe.

In seiner zweiten Amtszeit wird sich Lenaerts auf eine neue Vizepräsidentin einstellen müssen: Ebenfalls für drei Jahre gewählt wurde die Spanierin Rosario Silva de Lapuerta. Die 63-Jährige folgt in diesem Amt auf den Italiener Antonio Tizzano, der den Gerichtshof verlässt. De Lapuerta ist ebenfalls bereits seit 2003 Richterin in Luxemburg.  Zuvor war sie u.a. Professorin für Gemeinschaftsrecht an der Escuela Diplomática in Madrid sowie Mitherausgeberin der Zeitschrift "Noticias de la Unión Europea".

Weitere personelle Neubesetzungen des Gerichtshofs gab der EuGH in einer Pressemitteilung bekannt – ebenso wie den Amtsantritt von sechs neuen Mitgliedern: Diese sind die Italienerin Lucia Serena Rossi, Irmantas Jarukaitis (Litauen), Peter George Xuereb (Malta), Nuno José Cardoso da Silva Piçarra (Portugal), Gerard Hogan (Irland) sowie Giovanni Pitruzzella (Italien).

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

EuGH-Präsident Lenaerts wiedergewählt: . In: Legal Tribune Online, 09.10.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/31399 (abgerufen am: 17.04.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • EuGH
    • Justiz
    • Richter
Kraftwerk 2025 in Düsseldorf 15.04.2026
Kunst

EuGH-Urteil zu "Metall auf Metall" von Kraftwerk:

Ein Pastiche umfasst den Dialog mit dem Werk

Wieder einmal geht es um "Metall auf Metall" vor dem EuGH. Das Gericht konkretisiert nun die Pastiche-Schranke im Urheberrecht. Damit könnte der Streit um zwei Sekunden von Kraftwerk zugunsten von Pelham ausgehen.

Artikel lesen
August Hanning, der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes in Anzug und Kravatte 15.04.2026
Christina Block

Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Ermittler im Block-Prozess:

Ex-BND-Chef Han­ning mit schweren Vor­würfen gegen Ham­burger Justiz

Der Block-Prozess zieht weite Kreise, ermittelt wird sogar mit verdecktem Ermittler gegen einen Ex-BND-Chef. Der zeigt sich empört und hat Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Hamburger Justizmitarbeiter eingelegt. Fundiert oder reine PR? 

Artikel lesen
Kristallkugel und andere Dinge, die ein:e Wahrsager:in so braucht 12.04.2026
Esoterik

Wahrsagerei in der Rechtsgeschichte:

Als der Blick in die Kri­s­tall­kugel strafbar war

Zwar macht sich sogar die amtliche Statistik womöglich über Hellseherei lustig. Doch ist sie noch freundlich im Vergleich zum juristischen Urteil über esoterische Künste. Das zeigt eine Auswahl zum Verhältnis von Justiz und Wahrsagerei.

Artikel lesen
Marla-Svenja Liebich sitzt mit Schminkutensilien in einem Saal des Landgerichts Halle, Juli 2025 10.04.2026
Strafvollzug

Staatsanwaltschaft Halle äußert sich:

Wie geht es nach der Fest­nahme mit Marla-Svenja Lie­bich weiter?

Nachdem Marla-Svenja Liebich am Donnerstag festgenommen wurde, stellt sich wie vor seiner Flucht die Frage: Wird er seine Haftstrafe im Frauen- oder Männergefängnis verbüßen? Die Staatsanwaltschaft Halle teilt LTO das weitere Prozedere mit.

Artikel lesen
Bundespolizisten kontrollieren die Papiere eines Reisenden im Rahmen einer Einreiseverkehrskontrolle in einem Zug aus Prag in Richtung München 10.04.2026
Schengen-Abkommen

BayVGH zu Grenzkontrollen im Schengenraum:

Anord­nung von Grenz­kon­trollen zu Öst­er­reich waren rechts­widrig

Grenzkontrollen im Schengen-Raum können nur wegen neuer Bedrohungen verlängert werden. Eine "weiterhin" hohe Sekundärmigration reicht dafür nicht aus, meint der BayVGH, und erklärte erneut Anordnungen von 2023 und 2024 für rechtswidrig.

Artikel lesen
Verteidigungsminister Pete Hegseth bei einer Pressekonferenz des Pentagon. 10.04.2026
Pressefreiheit

Bundesrichter rügt Presseregeln der US-Regierung:

Pen­tagon darf kri­ti­sche Presse nicht aus­sperren

Das Pentagon wollte die Presse im eigenen Haus einschränken. Die zog dagegen vor Gericht und gewann. Eine erneute Schlappe für die US-Regierung – der Bundesrichter kritisiert in deutlichen Worten Angriffe auf die Pressefreiheit.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern
Ju­ris­ti­sche Mit­ar­bei­ter und Re­fe­ren­da­re I In­tel­lec­tual Pro­per­ty I Frank­furt...

Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern, Düs­sel­dorf und 1 wei­te­re

Logo von Noerr
Re­fe­ren­dar/in Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on (w/m/d)

Noerr, Ham­burg und 5 wei­te­re

Logo von Bornheim und Partner mbB Rechtsanwälte
Rechts­an­walt / Rechts­an­wäl­tin (m/w/d) im Im­mo­bi­li­en­recht

Bornheim und Partner mbB Rechtsanwälte, Hei­del­berg

Logo von Noerr
(Se­nior) As­so­cia­te Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on – IP (w/m/d)

Noerr

Logo von Hengeler Mueller
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) im Be­reich Kar­tell­recht

Hengeler Mueller, Mün­chen

Logo von Wolters Kluwer
Ju­ra­stu­dent für LTO-News­desk / Re­dak­ti­on (m/w/d)

Wolters Kluwer, Hürth und 1 wei­te­re

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d) IP/Tech

Gleiss Lutz, Mün­chen

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Team­lei­ter / Team­lei­tung (m/w/d) HR Ser­vices / Ad­mi­ni­s­t­ra­ti­on

Flick Gocke Schaumburg, Bonn

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Fortbildung Sportrecht im Selbststudium/ online

17.04.2026

Jubiläumssymposion "Notarielle Praxis und Europa"

24.04.2026, Jena

Vorbereitung auf die Prüfung der notariellen Amtsführung

17.04.2026

EU-Fahrerlaubnis

17.04.2026

Rechtsprechung zur Personenversicherung: Private Berufsunfähigkeits-, Unfall und Krankenversicherung

17.04.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH