Druckversion
Montag, 5.10.2026, 20:06 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/hintergruende/h/bverfg-ethik-kodex-vertrauen-bevoelkerung-erhalten-politik-wirtschaft-einfluss
Fenster schließen
Artikel drucken
22195

BVerfG erarbeitet Ethikkodex: Ver­trauen und Ver­ant­wor­tung

von Constantin Baron van Lijnden

23.02.2017

Mann im Anzug mit Superhelden-Umhang

© Konstantin Yuganov - Fotolia.com

Politische Parteinahmen und goldene Fallschirme: Ehemalige Bundesverfassungsrichter sind in der jüngeren Vergangenheit wiederholt in die Kritik geraten. Nun arbeitet man in Karlsruhe an einem Ethikkodex.

Anzeige

Die Richter des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) genießen, was sonstigen Akteuren an den Schaltzentren der Macht zumeist verwehrt bleibt: das Vertrauen der Bevölkerung. Tatsächlich vertrauen die Deutschen dem Verfassungsgericht sogar mehr als jeder anderen demokratisch bedeutsamen Institution: In einer Umfrage von Infratest Dimap landete es 2013 auf dem ersten Platz, knapp vor dem Bundespräsidenten und weit entfernt vom Parlament oder den Medien. 21 Prozent der Befragten hatten damals angegeben, "sehr großes Vertrauen" in das Karlsruher Gericht zu haben, 53 Prozent hatten "großes Vertrauen", 20 Prozent "weniger Vertrauen" und nur zwei Prozent "gar kein Vertrauen".

Das ist erfreulich und keineswegs selbstverständlich. Der amerikanische Supreme Court etwa, einst ähnlich hoch angesehen wie das Bundesverfassungsgericht, verzeichnet seit der Jahrtausendwende einen stetigen Vertrauensverlust und schneidet in Umfragen heute deutlich schlechter ab als sein deutsches Pendant. Eine vergleichbare Entwicklung zeichnet sich hierzulande zwar nicht erkennbar ab, doch den Karlsruher Richtern ist sehr genau bewusst, wie volatil die Haltung der Bürger gegenüber dem Staat und seinen Institutionen sein kann. Um sich gegen den Anwurf der Amoral zu imprägnieren, wollen sie sich daher künftig einem Ethikkodex unterwerfen.

Wie politisch dürfen (Ex-)Verfassungsrichter sein?

Dieser wird derzeit von einem vierköpfigen Gremium erarbeitet und soll, sofern möglich, im Laufe des Jahres fertiggestellt werden. Die Inhalte des Kodex stehen noch nicht fest – denkbar seien aber etwa Bestimmungen zum Umgang mit Medienvertretern oder zu bezahlten Vorträgen, hieß es am Dienstag auf dem Jahrespressegespräch des Gerichts. Im Vordergrund dürften allerdings wohl Regelungen zu einem anderen Problemfeld stehen, das in den letzten Jahren wiederholt zur Ursache öffentlicher Kritik an ehemaligen Verfassungsrichtern geworden ist: Ihr politisches oder wirtschaftliches Wirken nach dem Ende der maximal zwölfjährigen Amtszeit.

In dieser Hinsicht besonders hervorgetan hat sich der frühere Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier, der unmittelbar nach seinem Ausscheiden aus dem Gericht 2010 eine bemerkenswerte Laufbahn als Universalgutachter zu politisch kontroversen Rechtsfragen angetreten hat, etwa zum Atomausstieg oder zur Tarifeinheit. Anfang 2016 sprach Papier, der CSU-Mitglied ist, in einem Interview von einem "eklatanten Politikversagen" in der Flüchtlingskrise. Damit schlug er in dieselbe Kerbe wie Udo di Fabio, ebenfalls früherer Bundesverfassungsrichter, der dem Freistaat Bayern just zu jener Zeit in einem Rechtsgutachten gute Erfolgsaussichten für eine etwaige Verfassungsklage gegen Merkels Politik der offenen Grenzen attestiert hatte.

Solche politischen Parteinahmen sind nicht verboten. Prinzipiell möglich wären sie den Verfassungsrichtern sogar noch während ihrer Amtszeit, zumal sie keiner Dienstaufsicht unterworfen sind, die in solchen Fällen regulierend eingreifen könnte. Allerdings fürchtet man in Karlsruhe kaum etwas so sehr, wie die Politisierung des Gerichts – als abschreckendes Beispiel dient auch hier der Blick in die USA, wo die Verfassungsrichter (meist zutreffend) als der verlängerte Arm der Parteien wahrgenommen werden, auf deren Ticket sie an den Supreme Court gelangt sind. Viel spricht daher dafür, dass Bestimmungen zur politischen Zurückhaltung in den Kodex einfließen könnten.

Anzeige

Einhaltung nur eine Frage des Anstands

Weniger bedeutsam ist dem Vernehmen nach ein anderer Fall, der unlängst für Schlagzeilen sorgte: Die ehemalige Bundesverfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt war nach nur einem Jahr aus dem VW-Vorstand ausgeschieden und hatte für diese Zeit über zwölf Millionen Euro von dem Autobauer erhalten. Ihr Fall reiht sich ein in die lange Liste fragwürdig hoher Vorstandsvergütungen, ist als solche aber ein Problem (oder auch nicht) der Politik beziehungsweise der Wirtschaft, keines der Justiz.

Ohnehin bleibt ungewiss, welche Wirkung der Karlsruher Kodex wird entfalten können. Eine Fassung zu finden, mit der die amtierenden ebenso wie die früheren Verfassungsrichter konform gehen, dürfte keine leichte Aufgabe sein. Zur Unterzeichnung kann jedenfalls niemand gezwungen werden, ebenso wenig wie zur Einhaltung. Verstöße gegen den Kodex könnten allerdings dem Ruf des Betroffenen schaden – und nicht dem des Gerichts. Genau darum dürfte es wohl gehen.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, BVerfG erarbeitet Ethikkodex: . In: Legal Tribune Online, 23.02.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/22195 (abgerufen am: 05.10.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • BVerfG
    • Gesellschaft
    • Justiz
    • Persönlichkeiten
Monitor und technische Ausstattung in einem Gerichtssaal. 05.10.2026
Zivilprozess

BMJV-Entwurf für ZPO-Reform:

Stren­gere Regeln, sch­nel­lere Richter?

Entscheiden Richter zu langsam? Ist die Prozessordnung veraltet? Das BMJV arbeitet an einer ZPO-Reform. Diskutiert werden: eine Sechswochen-Frist für Richter, eine Pflicht zur Veröffentlichung von Urteilen und ein schlankerer Instanzenzug.

Artikel lesen
Ines Schwerdtner, Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, und Luigi Pantisano, Parteivorsitzender der Partei Die Linke 05.10.2026
Neutralitätsgebot

BVerfG muss über Instagram-Post entscheiden:

Linke gegen Reiche

Die Linke wirft Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) wegen eines Instagram-Videos auf der Ministeriumsseite eine Verletzung des Neutralitätsgebots vor. In dem Video behauptet Reiche etwa, die Partei lebe "offen" Antisemitismus.

Artikel lesen
Anna Gallina (Bündnis 90/Die Grünen), Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz, spricht während der Pressekonferenz nach der JuMiKo im Frühjahr in Hamburg 04.10.2026
AfD

Aus Sorge vor rechtsextremer Regierung in Sachsen-Anhalt:

Ham­burg behält Vor­sitz der Jus­tiz­mi­nis­ter­kon­fe­renz

Einigkeit unter den Justizministern: Weil in Sachsen-Anhalt eine AfD-Landesregierung droht, wird Hamburg seinen Vorsitz in der Justizministerkonferenz bis Mitte 2027 verlängern. Dann übernimmt Hessen ein halbes Jahr früher als geplant.  

Artikel lesen
Gefängnisflur mit mehreren geschlossenen Zellentüren und einem metallenen Sicherheitsgitter in Schwarz-Weiß. 04.10.2026
DDR

DDR-Jurist Erich Buchholz:

Gesund­be­terei eines stramm Sys­tem­kon­formen

In der Öffentlichkeit kaum beachtet erschienen vor 20 Jahren die Memoiren des DDR-Juristen Erich Buchholz. Eine späte Lektüre kräftigt die Nerven – und hilft, einen dritten Höllenkreis rund um Berlin zu entdecken.

Artikel lesen
Das Löwengebäude am Universitätsplatz in Halle 02.10.2026
Rechtsstaat

"Freiheitsfeindliche Bestrebungen" in Deutschland:

230 Zivil­recht­s­pro­fes­soren sorgen sich um den Rechts­staat

Angesichts jüngster politischer Entwicklungen warnen Zivilrechtswissenschaftler eindringlich vor einer Erosion des Rechtsstaats und seiner Institutionen. Entstanden ist die Initiative bei der Zivilrechtslehrervereinigung in Halle.

Artikel lesen
Hessischer Justizminister Heinz ist klein unter einem hessischen Wappen im Justizzentrum zu sehen 02.10.2026
Richter

Hessischer Justizminister nach offenem Brief zum AfD-Verbot:

Erst Erlass, jetzt: "Richter dürfen sich poli­tisch betä­tigen"

In der hessischen Justiz gab es eine scharfe Auseinandersetzung, nachdem einige Richterinnen und Richter einen offenen Brief zum AfD-Verbot gezeichnet hatten. Justizminister Heinz reagierte erst mit einem Erlass, ruderte aber nun zurück. 

Artikel lesen
lto karriere logo

LTO Karriere - Deutschlands reichweitenstärkstes Karriere-Portal für Jurist:innen

logo lto karriere
Jetzt registrieren bei LTO Karriere

Finde den Job, den Du verdienst 100% kostenlos registrieren und Vorteile nutzen

  • LTO Job Matching: Finde den Job & Arbeitgeber, der zu Dir passt.
  • Jobs per Mail: Verpasse keine neuen Job-Angebote mehr.
  • Easy Apply: Die einfache und schnelle Bewerbung zu Deinem neuen Job.
Das Passwort muss mindestens 8 Zeichen lang sein und mindestens einen Großbuchstaben, einen Kleinbuchstaben, eine Zahl und ein Sonderzeichen enthalten (z.B. #?!@$%^&*-).
Pflichtfeld *

Nur noch ein Klick!

Wir haben Dir eine E-Mail gesendet. Bitte klicke auf den Bestätigungslink in dieser E-Mail, um Deine Anmeldung abzuschließen.

Weitere Infos & Updates einfach und kostenlos direkt ins Postfach.

LTO Karriere Newsletter

Das monatliche Update mit aktuellen Stellenangeboten & Karriere-Tipps.

LTO Daily

Jeden Abend um 18 Uhr die wichtigsten News vom Tag.

LTO Presseschau

Jeden Morgen um 7:30 Uhr die aktuelle Berichterstattung über Recht und Justiz.

Pflichtfeld *

Fertig!

Um die kostenlosen Nachrichten zu beziehen, wechsle bitte nochmal in Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung mit dem Bestätigungslink.

Du willst Dein Bewerberprofil direkt anlegen?

Los geht´s!
ads lto paragraph
lto karriere logo
ads career people

Wir haben die Top-Jobs für Jurist:innen

Jetzt registrieren
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Stadtwerke Lünen
AB­TEI­LUNGS­LEI­TUNG RECHT / VER­SI­CHE­RUNG / COM­P­LI­AN­CE (M/W/D) VOLL­JU­RIST:IN...

Stadtwerke Lünen, Lü­nen

Logo von SEFE Securing Energy for Europe GmbH
Se­nior Le­gal Coun­sel Fi­nan­ce (m/w/d)

SEFE Securing Energy for Europe GmbH, Ber­lin

Logo von Schürmann Rosenthal Dreyer Partnerschaft von Rechtsanwälten GmbH
Rechts­an­walt / Se­nior As­so­cia­te (m/w/d) Schwer­punkt Da­ten- und...

Schürmann Rosenthal Dreyer Partnerschaft von Rechtsanwälten GmbH, Ber­lin

Logo von Rheda-Wiedenbrück
Ab­tei­lungs­lei­tung Recht und Ge­mein­de­ver­fas­sung (m/w/d)

Rheda-Wiedenbrück, Rhe­da-Wie­den­brück

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger im Be­reich Con­tent - In­sol­venz­recht /...

Wolters Kluwer, Hürth

Logo von becker bohn rechtsanwälte
Rechts­an­walts­fach­an­ge­s­tell­te (m/w/d)

becker bohn rechtsanwälte, Stutt­gart

Logo von Schürmann Rosenthal Dreyer Partnerschaft von Rechtsanwälten GmbH
As­so­cia­te (m/w/d) Schwer­punkt Da­ten- und IT-Recht

Schürmann Rosenthal Dreyer Partnerschaft von Rechtsanwälten GmbH, Ber­lin

Logo von WTW & Kollegen
Rechts­an­walt/Rechts­an­wäl­tin

WTW & Kollegen, Mün­chen

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Deloitte Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
Legal-Frühstück: Personalkosten senken und Restrukturierungen umsetzen in Deutschland und China

13.10.2026, Düsseldorf, Nürnberg, München, Frankfurt am Main, Hamburg

RVG: Gebührenabrechnung im Verkehrsrecht

12.10.2026

Logo von Technische Hochschule Köln
Infoveranstaltung berufsbegleitender Masterstudiengang "Versicherungsrecht" (LL.M.)

12.10.2026

Schwierige Unterhaltsverhältnisse insbesondere mit mehr als zwei Beteiligten

12.10.2026

Grundzüge und Rechtsprechungsupdate Mietpreisbremse (§§ 556d ff. BGB)

12.10.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH